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Mundgesundheit

Eine lebenslange Herausforderung

25.03.2014
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Von Annette Immel-Sehr / Unsere Mundhöhle ist ein wahres Feuchtbiotop. Hunderte verschiedene Bakterien- und Pilzarten leben dort zusammen. Erst wenn die Mundflora aus dem Gleichgewicht gerät, können schädliche Erreger die Oberhand gewinnen. Entzündungen im Mund sind häufig schmerzhaft und behindern die Betroffenen meist beim Sprechen und Essen.

Die Mundhöhle ist mit einer gefäß- und nervenreichen Schleimhaut ausgekleidet. Sie besteht zuoberst aus einem Verband aus flachen, fest miteinander verbundenen Zellen. In den unteren Schichten der Mundschleimhaut befinden sich unter anderem Zellen des Immunsystems. Normalerweise ist die Mundschleimhaut glatt, blass-rosa und weich. Da hier viele Nerven enden, schmerzen selbst harmlose Entzündungen und Verletzungen meist heftig. Entzündliche Erkrankungen können auf kleinere Bereiche beschränkt sein oder sich großflächig in der Mundhöhle ausbreiten. Je nach Ort der Entzündung unterscheiden Zahnmediziner zwischen Stomatitis (Mundschleimhaut), Gingivitis (Zahnfleisch) und Parodontitis (Zahnhalteapparat).

Die Speicheldrüsen sorgen dafür, dass die Mundhöhle stets feucht ist. Dorthin gelangt der Speichel über die Ausführungsgänge der Drüsen. Ihre Öffnungen befinden sich im Mund­boden und im Mundvorhof, dem Raum zwischen Lippen, Wangeninnenseiten und Zahnreihen. Der Speichel und eine gründliche sachgerechte Zahnpflege sind die wichtigsten Faktoren, damit der Mundraum gesund bleibt. Umgekehrt bedeutet das, dass ungenügende Speichelproduktion oder mangelhafte Mundpflege Infektionen begünstigt. Auch eine allgemeine Abwehrschwäche sowie kleine Verletzungen leisten Mundinfektionen Vorschub.

PTA und Apotheker sollten in der Beratung daran denken, dass auch Arzneimittel Erkrankungen der Mundhöhle verursachen können. Eine Reihe von Medikamenten stören das Gleichgewicht der Mundflora, sodass Krankheitserreger überhand nehmen. Dazu zählen vor allem Glucocorticoide, Antibiotika und Immunsuppresiva. Andere Arzneistoffe reduzieren die Speichelproduktion und verändern so die Wachstumsbedingungen der Mundflora. Hier stehen die Anticholinergika sowie die trizyklischen Antidepressiva an erster Stelle. Weitere Arzneisubstanzen, die die Speichelproduktion reduzieren können, sind Antihistaminika, Antiparkinsonmittel, Antihypertonika, Diuretika, Benzodiazepine, Sedativa und Hypnotika sowie viele Zytostatika. Letztere schädigen die Mundschleimhaut auch direkt.

An Vitaminmangel denken

Eine gerötete und geschwollene Mundschleimhaut weist auf die einfachste Form der Schleimhautentzündung hin, die Stomatitis simplex. Ursache ist häufig mangelhafte Mundhygiene. Die Stomatitis simplex kann aber auch als Begleitsymptom verschiedener Infektionskrankheiten auftreten oder Folge eines Mangels an Vitamin A, C und B-Vitaminen sein. Dringen Mikroorga­nismen durch die verletzten Epithelschichten der Mundschleimhaut in tiefere Gewebeschichten vor, können sich eitrige Entzündungen entwickeln.

Zunächst sollten immer die Ursachen der Entzündung behoben werden, soweit sie bekannt sind. Gegen die Beschwerden helfen Lokalanästhetika wie Lidocain, Benzocain oder Polidocanol sowie Adstringenzien. Benzydamin hemmt Entzündungen und lindert Schmerzen. Bei starken Schmerzen helfen systemische Analgetika.

Eine Sonderform der Schleimhautentzündung sind sogenannte Aphthen (griechisch = Schwämmchen). Es handelt sich dabei um äußerst schmerzhafte, oberflächliche Geschwüre auf der Mundschleimhaut. Die Ursachen sind bis heute nicht geklärt. Die 1 bis 10 Millimeter großen Aphthen treten in der Regel als weißlich-gelbe, scharf begrenzte Geschwüre auf. Sie entstehen vor allem an den Innenseiten der Lippen und in den Wangen. Aphthen heilen innerhalb von ein bis zwei Wochen meist komplikationslos ab. Gegen die Schmerzen helfen Lokalanästhetika in Form von Gelen oder Lutschpastillen oder auch Adstringenzien sowie entzündungshemmende und antiseptische Lösungen. Dexpanthenol als Spülung oder Pinselung kann die Heilung unterstützen. Bei lokaler Behandlung mit Hyaluronsäure entsteht ein Film auf der erkrankten Stelle, der vor weiterer Reizung schützt. In schweren Fällen haben sich Glucocorticoide bewährt. Sie dürfen maximal sieben Tage lang angewendet werden, denn ihr Einsatz über diesen Zeitraumhinaus erhöht die Gefahr eines lokalen Pilzbefalls. Treten die Aphthen häufig auf, fließen sie zusammen oder sind sehr groß, sollten die Betroffenen einen Arzt aufsuchen.

Zahnpflege das A&O

Parodontitis wird meist von Bakterien verursacht, die sich in der Zahnplaque befinden. Als Plaque bezeichnen Zahnmediziner den Belag auf den Zähnen und dem Zahnfleisch. Er besteht aus Polysacchariden, Schleimbestandteilen und verschiedenen Bakterien. Wird dieser Biofilm nicht regelmäßig durch gründliches Zähneputzen entfernt, richten die Bakterien langfristig Schaden an. Während Streptococcus mutans und Lactobacillen vor allem für die Entwicklung von Karies sorgen, greifen andere Bakterienstämme das Zahnfleisch und den Zahnhalteapparat an. Charakteristischerweise schwillt dann das Zahnfleisch an, rötet sich und blutet spontan. Mit der Zeit liegen die Zahnhälse frei und es entwickelt sich übler Mundgeruch. Geht die Entzündung auf den knöchernen Anteil des Zahnhalteapparates über, lockern sich Zähne und fallen schließlich aus.

Somit ist gute Mundhygiene die wichtigste Schutzmaßnahme vor Parodontitis. Dazu gehören gründliches Zähneputzen, der regelmäßige Gebrauch von Zahnseide oder Zahnbürstchen für die Zahnzwischenräume sowie gelegent­liches Spülen mit desinfizierenden Mundspüllösungen.

Mundspülungen ergänzen zwar die orale Hygiene, sind aber keine Alternative zur mechanischen Plaque-Entfernung. Die Inhaltsstoffe der Lösungen wirken antibakteriell und sollen nach dem Zähneputzen die Neubildung von Plaques verhindern. Als Wirkstoffe enthalten Mundspülungen zum Beispiel Dequaliniumchlorid, Cetylpyridiumchlorid, Benzalkoniumchlorid, Chlorhexidin oder Hexetidin. Sie sollten jedoch nicht zu häufig angewendet werden, damit die Mundflora nicht geschädigt wird.

Auch Gingivitis wird durch mangelnde Mundhygiene und die damit verbundene bakterielle Plaque verursacht. Hormonelle Veränderungen in Schwangerschaft, Pubertät oder während der Menstruation, Stoffwechselstörungen, maligne Erkrankungen wie Leukämie und Immunschwäche können die Zusammensetzung der Plaque verändern und so Gingivitis begünstigen.

Virale Munderkrankungen

Lippenherpes ist bei Erwachsenen die häufigste Erkrankung durch Herpes-simplex-Viren. Fieber, Sonneneinstrahlung und Stress aktivieren die in den Ganglien der Nervenzellen ruhenden Viren, sodass die Erkrankung ausbricht. Meist entwickeln sich dann die typischen Lippenbläschen. In manchen Fällen breiten sich die Viren aber auch in der Mundhöhle aus. Dies bezeichnen Mediziner als Gingivostomatitis herpetica. In schweren Fällen verordnet der Arzt dann ein systemisch wirkendes Virustatikum.

Die durch Herpes-simplex-Viren ausgelöste Erkrankung heißt bei Kleinkindern Mundfäule oder aphthöse Stomatitis. Sie tritt meist auf, wenn Kinder erstmalig Kontakt mit diesen Viren haben, sich beispielsweise bei einem Erwachsenen mit akutem Lippenherpes infizieren. Mundfäule verursacht in der Regel bis zu fünf Tage lang hohes Fieber und eine geschwollene, stark gerötete Mundschleimhaut. Die Entzündung betrifft meist auch Gaumen und Zunge. Der Speichelfluss ist vermehrt. Mundfäule ist sehr schmerzhaft. Daher wollen die Kinder meist weder essen noch trinken, denn die Speisen reizen die Schleimhaut weiter. Am ehesten akzeptieren sie Joghurt, kühle Milch, Eis und Pudding, nicht dagegen Salziges und Saures.

Da das Fieber den Flüssigkeitsbedarf erhöht, müssen die Eltern darauf achten , dass das Kind ausreichend trinkt. Nach etwa einer Woche ist der Spuk meist vorbei, die wunden Stellen trocknen und heilen ab. Erst dann kann das Kind das Virus nicht mehr übertragen. Ist die Mundfäule überstanden, ruhen die Erreger in nahe gelegenen Ganglien und verursachen möglicherweise Jahre später Lippenherpes.

Während der Erkrankung senkt Paracetamol Fieber- und Schmerz, Lokalanästhetika betäuben die Schmerzen. Nur in seltenen Fällen verordnet der Kinderarzt ein Virustatikum.

Auch die Hand-Fuß-Mund-Krankheit befällt vor allem Säuglinge und Kleinkinder und macht sich mit Bläschen im Mund bemerkbar. Meist wird sie durch Coxsackie-A-Viren verursacht. Charakteristisch sind juckende Bläschen vor allem an den Handinnenflächen und Fußsohlen, mitunter aber auch am Gesäß oder im Gesicht. Im Mund bilden sich Aphthen mit Bläschen. Hinzu kommt Fieber. Da die Viren leicht übertragen werden, können sich insbesondere in Kindergärten kleine Epidemien ausbreiten.

Meist reicht eine symptomatische Behandlung des Ausschlags. Auf jeden Fall sollte das erkrankte Kind genug trinken, selbst wenn die Bläschen im Mund stark schmerzen. Die Infektion ist meist harmlos und dauert ein bis zwei Wochen. In seltenen Fällen treten jedoch schwere Komplikationen wie eine Gehirnhautentzündung auf.

Nicht nur bei Kindern

Pilzerkrankungen in der Mundhöhle werden meist durch den Hefepilz Candida albicans ausgelöst. Candida albicans ist ein natürlicher Bestandteil der menschlichen Mundflora. Unter bestimmten Umständen vermehrt sich Candida jedoch im Übermaß, beispielsweise wenn eine Antibiotikatherapie das Gleichgewicht der Mundflora zerstört hat. Der sogenannte Mundsoor äußert sich durch weiße bis gelbliche Beläge auf der Zunge oder auf der Schleimhaut der Backentaschen und des Gaumens. Die Beläge lassen sich leicht wegwischen, wobei die Stelle anschließend oft etwas blutet.

Auch wenn es gegen Mundsoor Präparate für die Selbstmedikation gibt, sollten die Betroffenen zunächst einen Arzt aufsuchen, damit dieser eine eindeutige Diagnose stellt. Die Infektion tritt relativ oft bei Babys auf, weil ihre Mundflora noch nicht so stabil ist. Häufig betroffen sind auch Hochbetagte, Diabetiker und HIV-Infizierte. Soor kann sich zudem als Nebenwirkung von Glucocorticoid-Sprays entwickeln. Daher sollten Asthmatiker nach dem Inhalieren immer den Mund ausspülen.

Für chronisch Kranke mit einem geschwächten Immunsystem wird Mundsoor nicht selten zu einer ernst zu nehmenden Bedrohung: Die Pilze können in weitere Abschnitte des Verdauungstraktes und sogar bis in die Lunge übergreifen.

In allen anderen Fällen ist Mundsoor zwar unangenehm, aber nicht bedrohlich. Die Therapie erfolgt meist durch lokale Anwendung von Miconazol, Nystatin, Amphotericin B oder Natamycin. Als Darreichungsformen stehen Suspensionen, Gele und Buccaltabletten zur Verfügung. In schweren Fällen verordnet der Arzt ein systemisch wirkendes Antimykotikum wie Fluconazol.

Aufmerksam sein

Erkrankungen der Mundschleimhaut sind meist harmlos, in seltenen Fällen aber bösartig. Bei Männern ist Krebs der Mundhöhle und des Rachens die fünfthäufigste Krebserkrankung, Frauen sind seltener betroffen. Als Risikofaktor gilt vor allem das Rauchen. Mundhöhlenkrebs entwickelt sich über Monate, manchmal über Jahre. Je früher er entdeckt wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten der Behandlung. Um bereits Vorstufen zu erkennen, suchen Zahnärzte bei den üblichen Kontrolluntersuchungen auch nach Auffälligkeiten auf der Mundschleimhaut. Stellen diese eine Krebsvorstufe fest, werden sie den Patienten an einen Spezialisten verweisen, der die gefährliche Stelle entfernen und den weiteren Verlauf überwachen wird.

PTA und Apotheker sollten für die Beratung wissen: Jede Rauigkeit, Verhärtung, Verdickung und insbesondere jede weißliche oder tief rote Verfärbung muss ein Facharzt untersuchen. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn die Veränderungen keine Schmerzen verursachen. Für die Selbstmedikation gilt: Heilt eine Entzündung nicht innerhalb von zwei Wochen aus, sollte der Patient dringend den Zahnarzt konsultieren. /