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Babys erstes Jahr

Früh impft sich

25.03.2014
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Von Daniela Biermann / Über Nutzen und Risiken von Schutz­impfungen diskutieren Eltern und Ärzte oft sehr kontrovers. PTA und Apotheker sollten verunsicherte Eltern über die vielen Vorteile, aber auch Nebenwirkungen sachlich aufklären, um Vorurteile abzubauen.

Wer das Wort »Impfen« googelt, findet unter den ersten Treffern nicht nur seri­öse Informationen, sondern stößt auch auf zahlreiche Seiten von Impfgegnern. Das verunsichert viele Eltern. Hier ist eine sachliche und sensible Beratung gefragt, denn Impfpflicht besteht in Deutschland nicht.

»Impfungen unterscheiden sich von anderen ärztlichen Eingriffen«, schreiben das Robert-Koch-Institut (RKI) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) auf ihrer Website im Artikel »Schutzimpfungen – 20 Einwände und Antworten«: »Zum einen zielen sie nicht nur auf den Nutzen des Einzelnen, sondern auch auf den Schutz der ganzen Bevölkerung. Zum anderen werden sie bei Gesunden durchgeführt. Es ist gerechtfertigt, beim Impfen besondere Sorgfalt zu fordern und strittige Punkte auch kritisch zu diskutieren – nicht zuletzt deshalb, weil Impfungen zu den häufigsten medizinischen Maßnahmen überhaupt gehören.«

So früh wie möglich

Gute Gründe sprechen dafür, früh mit dem Impfen zu beginnen: In den ersten Lebensmonaten geben die Müttern ihren Babys einen Nestschutz mit, vor der Geburt über das Blut, nach der Geburt mit dem Stillen. Die Antikörper der Mutter schützen den Säugling nur vor den Infektionen, die die Mutter selbst durchgemacht hat oder gegen die sie geimpft wurde. Allerdings gibt es Ausnahmen, zum Beispiel bewahrt eine frühere Keuchhusten-Erkrankung der Mutter das Baby nicht vor der Infektion. Da es sich um fremde Stoffe für das Baby handelt, baut sein Immunsystem die übertragenen Antikörper zudem im Laufe von Wochen ab. Diese Zeit, in der das Baby in der Regel gesund ist, lässt sich für die Grundimmunisierung nutzen.

Greift der Nestschutz nicht, können Babys besonders schwer an Erregern erkranken, die für ältere Kinder eher harmlos sind, zum Beispiel Rotaviren oder Keuchhusten (Pertussis). Beispielsweise entwickelt nach einer Infektion mit Bordetella pertussis etwa jeder vierte Säugling, der jünger als sechs Monate ist, eine Lungenentzündung oder sein Atem setzt zeitweise aus. Da bei Keuchhusten kein Nestschutz existiert, sollten sich die Kontaktpersonen des Babys vor dessen Geburt impfen lassen. Besuchen dessen ältere Geschwister bereits Kita, Kindergarten oder Schule, sind die Säuglinge insgesamt infektgefährdeter als Erstgeborene mit wenig Kontakt zu anderen Kindern.

Mit einem kranken Kind zur

Ein leichter Infekt ist kein Grund, eine Impfung zu verschieben. Auch bei mäßigem Fieber bis 38,5 Grad Celsius oder Fieberkrämpfen in der Vorgeschichte können Eltern ihr Kind impfen lassen. Hautinfektionen und Ekzeme wie Neurodermitis sind ebenfalls kein Hinderungsgrund, genauso wenig wie die Therapie mit einem Antibiotikum oder niedrig dosiertem Corticoid. Auch bei den meisten Kindern mit chronischen Erkrankungen sind Impfungen möglich und anzuraten, da bei diesen Patienten Infekte schwere Folgen haben können. Bei Kindern mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten verwenden Ärzte Totimpfstoffe. Im Einzelfall wägt der Arzt sorgfältig ab, ob und wann er das Kind impft.

Häufig wollen Eltern mit den Impfungen warten, da ihr Baby ihnen noch zu »zart« erscheint. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Insbesondere Frühgeborene profitieren von Impfungen. Noch einmal das Beispiel Keuchhusten: »Bereits die erste Impfdosis im Alter von zwei Monaten kann die Wahrscheinlichkeit, dass ein Säugling wegen Keuchhusten ins Krankenhaus muss, um etwa zwei Drittel reduzieren«, schreiben RKI und PEI.

Andere Infektionen sind zwar im Babyalter unwahrscheinlich, doch auch hier gibt es einen guten Grund, früh zu impfen: So wird eine Infektion mit Hepatitis B erst dann wahrscheinlich, wenn die Kinder beziehungsweise Jugendlichen erste sexuelle Kontakte entwickeln. Dennoch werden Säuglinge mit dem Sechsfachimpfstoff auch gegen Hepatitis B immunisiert, da Jugendliche oft nicht mehr regelmäßig den Arzt aufsuchen.

Die Abwehr schafft das

Auch die Angst, viele Impfungen könnten das Immunsystem des Säuglings überfordern, ist vollkommen unbegründet. Alle aktuellen Schutzimpfungen zusammengenommen enthalten laut RKI nur 150 Antigene, viel weniger als die Impfstoffe früher. Jeden Tag muss sich das Immunsystem des Babys mit einer Vielzahl von Fremdmolekülen auseinandersetzen, seien es Krankheitserreger oder Allergene. Es gibt laut RKI keine Hinweise, dass Mehrfachimpfstoffe die Immunabwehr überlasten. In Kombination wirken manche Komponenten sogar schwächer als die Einzelimpfung. Deshalb wird zum Beispiel der Sechsfachimpfstoff viermal geimpft.

Häufig argumentieren Impfgegner, eine Krankheit durchzumachen sei »natürlich« und wichtig für die Entwicklung des Kindes. PTA oder Apotheker sollten diese Eltern darauf hinweisen, dass ihr Kind noch genug andere Krankheiten durchleiden muss. Und auch die Impfung trainiert das Immunsystem. »Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Studien, die zeigen würden, dass sich nicht geimpfte Kinder geistig oder körperlich besser entwickeln als geimpfte«, schreibt das RKI. Im Gegensatz dazu kann ein Infekt Kinder in ihrer Entwicklung zurückwerfen und gesundheitliche Komplikationen mit lebenslangen Folgen verursachen oder sogar zum Tod führen.

Von wegen harmlos

Oft vergessen Impfgegner, wie dramatisch einige der vermeintlich harmlosen Kinderkrankheiten verlaufen können: Zum Beispiel entwickelt rund eines von 1000 an Masern erkrankten Kindern eine Gehirnentzündung. Diese Enzephalitis verursacht in 20 bis 30 Prozent der Fälle bleibende Hirnschäden, 10 bis 20 Prozent der Kinder sterben sogar. Zudem treten Fieberkrämpfe unter der Impfung seltener auf als bei Masern-Kranken: Etwa einer von 100 Geimpften erleidet einen Fieberkrampf gegenüber einem von 15 Erkrankten. Steckt sich eine Schwangere bei ihren Kindern mit Röteln an, besteht die große Gefahr, dass das Ungeborene Behinderungen davonträgt oder noch im Mutterleib stirbt. Jungen, die im Jugendalter eine Mumps-Infektion durchmachen, können unfruchtbar werden.

Ein anderer häufiger Einwand: Manche Erkrankungen, gegen die geimpft wird, treten in Deutschland gar nicht mehr oder äußerst selten auf, zum Beispiel Diphtherie und Polio. Niemand sollte vergessen, dass dieser Erfolg der Massenimmunisierung zu verdanken ist. Noch sind die Krankheiten nicht ausgerottet.

In Gegenden, in denen die Impfquote nachlässt, brechen diese schweren Erkrankungen immer wieder aus, zum Beispiel erkrankten 1992 in den Niederlanden 71 Personen an Kinderlähmung. In Russland infizierten sich in den 1990er-Jahren rund 150 000 Menschen mit Diphtherie, 6000 starben.

Neben dem Schutz des eigenen Kindes sollten Eltern bedenken, dass manche Kinder (und auch Erwachsene) aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen, zum Beispiel nach einer Organtransplantation oder während einer Chemotherapie. Diese »Ungeimpften« sind auf die sogenannte Herdenimmunität angewiesen, also den Schutz der breiten Masse. Dafür muss die Impfquote bei mindestens 80 bis 90 Prozent liegen. Die Herden­immunität ist auch für Säuglinge wichtig, da sie in der Regel erst mit einem Jahr gegen Mumps, Masern, Röteln (zusammen MMR), Windpocken und Meningokokken geimpft werden.

Nebenwirkungen ernst nehmen

Dagegen überschätzen viele das Risiko für Impfkomplikationen. Zwar kann unbestritten jeder Impfstoff Nebenwirkungen haben. Relativ häufig bei allen Impfungen sind Rötung, Schwellung und Schmerzen an der Injektionsstelle, Fieber sowie Unwohlsein und Müdigkeit. Fieber und Rötung zeigen, dass sich das Immunsystem mit den Anti­genen auseinandersetzt. Sie sind also eine normale Reaktion, die schnell wieder abklingt. Ausnahme ist die MMR-Impfung, bei der eine Reaktion noch bis drei Wochen nach der Immunisierung auftreten kann.

In seltenen Fällen lösen manche Impfungen Symptome der Krankheit aus, vor der sie schützen sollen. Zum Beispiel erkrankt einer von 1 Million Masern-Impflingen an Enzephalitis – das ist jedoch tausendmal seltener als während der echten Masern-Erkrankung. Bei 5 Prozent der gegen Masern Immunisierten kommt es zu sogenannten Impfmasern, die sich als Masern-ähnlicher Hautausschlag zeigen, jedoch ohne Mittelohr- oder Lungenentzündung einhergehen und nicht ansteckend sind. Einen Impfpolio beobachten Ärzte weltweit jedes Jahr nur rund zwölf Mal und auch nur nach Gabe der oralen Lebendimpfung. In Deutschland impfen Ärzte deshalb nur noch den intramuskulären Totimpfstoff, obwohl die Schutzwirkung mit 95 Prozent etwas schlechter ist als bei der Lebend­impfung.

Schwerwiegende Nebenwirkungen sind dagegen bei allen von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Impfungen sehr selten, das heißt sie treten bei weniger als einem von 10 000 Geimpften (weniger als 0,01%) auf. Zum Beispiel stülpt sich bei 1 bis 2 von 100.000 Babys, die gegen Rotaviren geimpft werden, der Darm ein, was zu einem Darmverschluss führen kann. Die potenziellen unerwünschten Wirkungen hängen von der einzelnen Impfung ab und sind der Fachinformation zu entnehmenen.

Unsicherheit bleibt

Ob eine Komplikation tatsächlich durch eine Impfung verursacht wurde oder zufällig zeitgleich mit ihr auftritt, ist oft schwierig zu beurteilen. So vermuteten Wissenschaftler vor einigen Jahren, Impfungen könnten den plötz­lichen Kindstod begünstigen, da einige Babys kurz nach einer Standardimpfung gestorben waren. Laut RKI spricht die derzeitige Studienlage gegen diese These. So ist das Impfalter auch die typische Zeit, in der der plötzliche Kindstod am häufigsten auftritt. In einer ausführlichen Analyse von 300 Fällen in Deutschland stellten Forscher sogar fest, dass die verstorbenen Babys seltener und später geimpft worden waren als üblich. Es lässt sich ebenfalls nicht beweisen, dass die Zunahme von Allergien in den vergangenen Jahren auf das vermehrte Impfen zurückzuführen ist. Auch gegen die These, dass Impfungen Autismus auslösen, sprechen deutlich mehr Studien als umgekehrt.

Die Eltern sollten sich immer wieder in Erinnerung rufen: Die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit aller derzeit angewendeten Impfstoffe ist für jede Vakzine einzeln an jeweils vielen tausend Kindern nachgewiesen worden. Das Nutzen-Risiko-Profil der empfohlenen Impfungen ist nach derzeitigem Stand der Wissenschaft positiv und wird immer wieder neu bewertet. Gerade weil das Thema Impfen kontrovers diskutiert wird, sind die Behörden wachsam. /

Windpocken-Impfung: Dauerhafter Schutz ungewiss

Seit 2004 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO), Säuglinge im Alter zwischen 11 und 14 Monaten gegen Windpocken (Varizella-Zoster-Virus) immunisieren zu lassen. Seit 2009 rät die STIKO zudem, die Säuglinge ab einem Alter von 15 bis 23 Monaten noch einmal zusätzlich zu impfen. Vor Einführung des Impfprogramms erkrankten in Deutschland pro Jahr etwa 750.000 Menschen an Windpocken, vor allem Kinder unter fünf Jahren. Die Viren führen bei 5 Prozent der Infizierten zu Komplikationen wie Mittelohr- und Lungenentzündungen sowie sehr selten zu Erkrankungen des zentralen Nervensystems, Arthritis oder einer Entzündung des Herzmuskels (Myokarditis). Das Risiko für solch schwere Verläufe steigt mit dem Alter.

Tatsächlich sind seit der Impfempfehlung die Zahl der Erkrankten und auch die Komplikationsraten deutlich gesunken, berichtete die STIKO im Januar 2013. Die Impfung schütze 70 bis 90 Prozent der Geimpften vor einer Infektion und 95 Prozent vor einem schweren Verlauf. Nicht nur die geimpften Kleinkinder, sondern auch ungeimpfte Säuglinge und Erwachsene erkranken mittlerweile seltener.

In der Zielgruppe lag die Impfrate im Jahr 2009 nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bei 87 Prozent für die erste Impfung und bei 64 Prozent für die Auffrischung. Für einen Schutz der ganzen Bevölkerung, die sogenannte Herdenimmunität, muss die Quote jedoch auf über 90 Prozent steigen.

Noch ist unklar, wie lang die Schutzwirkung der Impfung anhält. Kritiker befürchten, dass sich aufgrund der nachlassenden Impfwirkung Windpocken-Epidemien ins Jugend- und Erwachsenenalter verschieben. Bislang gibt es dafür laut STIKO jedoch keine Anzeichen. Solange die Impfquoten weiter steigen, wären große Epidemien unwahrscheinlich.

Vermutlich bietet die Impfung keinen lebenslangen Schutz, wie dies bisher für die Erkrankung angenommen wurde. Allerdings könnte es sein, dass die echte Infektion mit Varizella-Zoster-Viren bislang nur deshalb lebenslange Immunität geboten hat, weil die Viren früher häufig zirkulierten und damit das Immunsystem immer wieder geboostert haben.

Unklar ist auch, ob die Varizellen-Impfung dazu führt, dass die Geimpften seltener an Herpes zoster erkranken. Diese auch Gürtelrose genannte Erkrankung betrifft meist ältere Menschen. Sie wird durch dieselben Viren verursacht, die während der Kindheit die Windpocken ausgelöst haben und sich seitdem im Nervensystem versteckt hielten. Herpes zoster führt unter anderem häufig zu starken Nervenschmerzen, die schwer in den Griff zu bekommen sind.

Bleibt die Impfrate bei den Kleinkindern hoch, könnten die Fallzahlen für Herpes zoster langfristig sinken. Vorübergehend könnte jedoch die Zahl der Gürtelrose-Patienten steigen, da die Boosterung des Immunsystems bereits infizierter Personen durch zirkulierende Viren entfallen würde. Über die langfristigen Auswirkungen der Immunisierung lassen sich daher noch eine Zeit lang keine definitiven Aussagen machen. Es gibt übrigens auch eine Varizella-Zoster-Impfung speziell für ältere Menschen.

Mehr Informationen gewünscht?

Alle Infos rund ums Impfen, inklusive Pro und Contra einzelner Impfungen:

www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/impfen_node.html

Für Fachleute bietet das Robert-Koch-Institut eine telefonische Beratung zu allgemeinen Impffragen und zu den STIKO-Empfehlungen an, montags von 9.30 bis 11.30 Uhr und donnerstags von 12.00 bis 14.00 Uhr, unter der Nummer 030 8754-0.

E-Mail-Adresse der Verfasserin
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