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Rhabarber

Oberirdisch Gemüse, unterirdisch Medizin

25.03.2014
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Von Gerhard Gensthaler / Seit mehr als 5000 Jahren nutzen die Menschen den Rhabarber. Im alten China galt er als wirksam bei Verdauungsschwäche sowie als Aphrodisiakum. Nach Europa gelangte der Rhabarber erst im 18. Jahrhundert über Russland.

In Europa beschrieb der griechische Arzt Pedanius Dioskorides (1. Jh.) in seinem großen Werk »De materia medica« die Wirkung des Rhabarbers zur Heilung verschiedener gastrointestinaler und urogenitaler Probleme, ebenso den Einsatz bei Wechselfieber und gegen die Bisse von giftigen Tieren.

Der bekannte deutsche Arzt Theophrastus Bombastus Paracelsus (1493–1541) verwendete Rhabarber als Abführmittel und zur Reinigung der Galle. Auch der Frankfurter Stadtarzt Adam Lonicerus (1528–1586) führte in seinen Büchern Rhabarber zur Reinigung der Leber und gegen Fieber an. Die abführenden und reinigenden Wirkungen betonten ebenfalls der deutsche Botaniker Hieronymus Bock (1489–1554) und der italienische Arzt Peter Andreas Matthiolus (1501–1577). Matthiolus verwendete den Rhabarber außerdem bei Ruhr mit blutigen Durchfällen, bei Bluthusten und bei zu starken Regelblutungen der Frau.

Als Arzneipflanzen offizinell sind zwei Arten des Rhabarbers: der Medi­zinal-Rhabarber (Rheum palmatum L.) und der Chinesische Rhabarber (Rheum officinale Baill.) aus der Familie der Knöterichgewächse (Polygonaceae). Rheum palmatum und Rheum officinale sind ausdauernde, mehrjährige Stauden mit großen, dickstieligen Blättern und einem umfangreichen Rhizom. Rheum palmatum bildet handförmig gelappte Blätter und Rheum officinale rundliche und gezähnte. Beide Arten blühen von Mai bis Juni. Die beblätterten Blütenschäfte ragen mit über 1,50 m Höhe weit über das Blattwerk heraus. Ihre großen Blütenstände tragen zahlreiche kleine rosa Blüten in Rispen.

Der Medizinal-Rhabarber, auch als Handlappiger Rhabarber bekannt, ist in den Gebirgen Nordosttibets und Nordwestchinas zu Hause, während der Chinesische Rhabarber aus Südosttibet, Südwestchina, Korea und Burma wächst. In China stammt die Droge überwiegend aus Wildvorkommen: Dort werden im Herbst oder Frühjahr die Wurzeln der vier- bis siebenjährigen Pflanzen ausgegraben. Die Hauptsaison der Ernte liegt zwischen April und Mitte Juni.

Beide Arten gelangten durch arabische Kaufleute und Ärzte im 12. Jahrhundert über Indien in den Europäischen Raum. Interessant ist, wie der Name entstanden sein soll: In Persien erhielt die Pflanze den Namen »rêwend«, der dann im Griechischen zu »rhêon« und im Lateinischen zu »rheum« wurde. Im Mittellateinischen erhielt die Vorsilbe »ra« (ein Hinweis auf den alten Namen der Wolga »Rhâ«, die wahrscheinlich der ursprüngliche Transportweg war), den Zusatz »barbarus« für fremd. Daraus leitet sich das deutsche Wort Rhabarber ab. Engländer nennen die Droge Rhubarb root oder Medical rhubarb, Franzosen rhabarbe und die Italiener rabarbaro.

Aus dem alten China

Arzneilich verwendet werden die getrockneten unterirdischen Teile beider Arten (Rhei radix, EuPh.) oder ihrer Hybride, die geschnitten in den Handel kommen. Das Rhizom wird von den größten Teilen der Rinde und den kleinen Seitenwurzeln befreit. Es ähnelt einer Rübe und ist orangefarben gestreift. Die Bruchstelle ist rötlich. Das Rhizom riecht etwas eigenartig, leicht rauchig. Die Handelsware kommt meist aus China und Indien.

Die Rhabarberwurzel enthält bis zu 12 Prozent Anthranoide, davon mindestens 2,2 Prozent Hydroxyanthracen-Derivate, berechnet als Rhein und bezogen auf die getrocknete Droge. Weiter Inhaltsstoffe sind Hydroxyanthracen-Glykoside und deren Aglykone, beispielsweise Rheum-Emodin, Chry­sophenol und Physcion, sowie Gerbstoffe (5 bis 10 Prozent), Stilbengluco­side (1 Prozent), Flavonoide (2 bis 3 Prozent), Phenylbutanone, Harze und Stärke. Rheum rhaponticum, der sibirische Rhabarber, enthält Rhaponticosid, ein Stilbenderivat, das auch in bestimmten Varietäten von Rheum palmatum vorkommt.

Droge und Extrakt offizinell

Die Qualität der Rhabarberwurzel ist im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur. 7. Ausgabe, Grundwerk 2011) unter Rhei radix beschrieben. Die Identität der gepulverten Droge wird mikroskopisch und mithilfe der Dünnschichtchro­matographie bestimmt. Die Gehaltsbestimmung erfolgt unter Ausschluss direkter Lichteinwirkung, indem die spezifische Absorption des Anthranoid Rhein gemessen wird. Die Qualität des eingestellten (standardisierten) Rhabarbertrockenextraktes (Rhei extractum siccum normatum) beschreibt das Deutschen Arzneibuch (DAB). Der Extrakt ist auf 4 bis 6 Prozent Hydroxyanthracenderivate, berechnet als Rhein, eingestellt.

Die Anthranoide der Rhabarberwurzel sind verantwortlich für die laxierende Wirkung der Droge. Wahrscheinlich beeinflussen sie die Motilität des Dickdarmes, indem sie dessen Kontraktion stimulieren. Das Volumen des Darminhaltes nimmt zu, weil die übliche Resorption von Wasser und Natriumionen aus dem Darmlumen gehemmt wird. Ddagegen wir der Einstrom von Wasser und Ionen gefördert. So wird der Fülldruck erhöht und damit die Darmperistaltik stimuliert. Dadurch wird die Darmpassage beschleunigt.

Die innerliche Anwendung der Droge zur kurzfristigen Behandlung gelegentlich auftretender Obstipation (Verstopfung) wird sowohl vom europäischen Dachverband der nationalen Gesellschaften für Phythotherapie (ESCOP) als auch von der Kommission E des ehemaligen Bundesgesundheitsamts positiv bewertet. Außerdem wird die Droge bei Erkrankungen eingesetzt, bei denen ein weicher Stuhl gewünscht wird, zum Beispiel bei Hämorrhoiden, Analfissuren oder nach Operationen am Rektum.

Die Volksmedizin schätzt die Wurzel als Magenmittel gegen Durchfall und Leberbeschwerden sowie als Tonikum zur Appetitanregung. In niedriger Dosierung wird Rhabarberwurzel wegen ihrer adstringierenden, antiphlogistischen, analgetischen und antimikrobiellen Wirkung zudem zur Blutstillung eingesetzt.

In der Küche

Der süß-säuerliche Geschmack und die meist zarte Konsistenz machen die Stängel des Speiserhabarbers (Rheum rhabarbarum) zu einer beliebten Zutat zu Torten- und Nachspeisen. Wer kennt nicht die herrlich schmeckenden Rhabarberkuchen im Frühsommer! Wegen seines säuerlich-pikanten Aromas passt er auch gut zu Fisch- und Fleischgerichten. Er sollte aber nicht roh gegessen werden. Am besten wird er in wenig Wasser blanchiert, um die Oxalsäure zu reduzieren. Das Kochwasser muss verworfen werden.

Alkoholische Auszüge der Rhabarberwurzel dienen zur Pinselung bei Entzündungen des Zahnfleisches und der Mundschleimhaut, das heißt bei Stomatitis, Gingivitis, Aphthen, Soor und Zahnungsbeschwerden. Äußerlich eingesetzt wird der auf Anthranoide (Rhein) standardisierte Rhabarberwurzelextrakt, gelöst in Alkohol. Diese externe Anwendung ist durch klinische Daten belegt.

Verzögerter Wirkeintritt

Für die abführende Wirkung reichen in der Regel als mittlere Tagesdosis 30 bis 120 mg Hydroxyanth­racen-Derivate, das entspricht 1,2 bis 4,8 Gramm Droge. Diese Menge sollte nicht überschritten werden. Zur Bereitung eines Tees werden 1 bis 2 Gramm (ein Teelöffel) geschnittene oder grob gepulverte Rhabarberwurzel mit circa 150 ml siedendem Wasser übergossen und der Aufguss nach 5 Minuten abgeseiht. Von diesem Tee sollten Menschen mit Verstopfung vor dem Schlafengehen zwei Tassen trinken. Die Wirkung tritt nach etwa 6 bis 10 Stunden ein. Nach der Einnahme verfärbt sich der Urin gelegentlich leicht. /

Rhabarberwurzel reizt die Darmschleimhaut und sollte als Abführmittel nicht länger als 1 bis 2 Wochen angewendet werden. Die Daueranwendung verstärkt sogar die Darmträgheit. Die Droge ist kontraindiziert bei Menschen mit Darmverschluss, Blinddarmentzündung und entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Als Magenmittel beziehungsweise Tonikum amarum dienen 0,1 bis 0,2 Gramm pulverisierter Droge. Häufig ist Rhabarberwurzel Bestandteil verschiedener Teemischungen, von Abführ-, Gallen- und Leber-Tees sowie sogenannten Blutreinigungstees, von Magenbittern, Schwedenbitter-Kräutermischungen und diversen Schlankheitspräparaten.

Doch Vorsicht

Die missbräuchliche Anwendung über zu lange Zeit kann zu Kaliumverlusten führen und dadurch die Wirkung von Digitalispräparaten verstärken sowie die Wirkung von Antiarrhythmika beeinflussen. Die gleichzeitige Einnahme von Thiaziddiuretika sowie Neben­nierenrindensteroiden fördert noch zusätzlich den Kaliumverlust. In manchen Fällen lassen sich im Urin Eiweiß oder auch Blut nachweisen.

Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch treten selten krampfartige Magen-Darm-Beschwerden auf, die sich durch eine Dosisreduktion beheben lassen.

Schwangere sollten wegen der verschiedenen gentoxischen Eigenschaften keine Anthranoid-haltigen Drogen einnehmen. Dieser Warnhinweis gilt auch für Kinder unter 12 Jahren sowie für Stillende, da ein Übergang der Anthranoide in die Muttermilch nicht auszuschließen ist.

Sibirischer Rhabarber

Der sibirische Rhabarber (Rheum rhaponticum L.), auch als Rhapontik-Rhabarber bekannt, ist eine Alternative zur Hormonersatztherapie bei Beschwerden in den Wechseljahren. Rhapontik-Rhabarber enthält ein Stilbenderivat, das Rhaponticin, das estrogenartig wirkt und die 11 typischen Beschwerden der Wechseljahre festgehalten im »Menopause Rating Scale II« (MRS II) günstig beeinflusst. Zu diesen charakteristischen Beschwerden zählen Hitzewallungen und Schwitzen, Schlafstörungen, Herzbeschwerden, körperliche und geistige Erschöpfung, depressive Verstimmung, Reizbarkeit, Angstzustände, Sexualprobleme, Trockenheit der Scheide, Harnwegsbeschwerden und Gelenk- und Muskelbeschwerden.

In Studien wurde nachgewiesen, dass Rhaponticin nur einen Teil der Estrogenrezeptoren aktiviert, die sogenannten Estrogen-Beta-Rezeptoren, die Alpha-Rezeptoren bleiben unbeeinflusst.

Daher wird Rhaponticin auch als »selektiver Estrogenrezeptormodulator« (SERM) bezeichnet. Dieser Mechanismus wurde erstmals im Jahr 2007 in einer Studie der Universität Dresden beschrieben und im »Journal of steroid biochemistry« veröffentlicht. Die Alpha-Rezeptoren, die durch Rhaponticin nicht angesprochen werden, sollen für Veränderungen des Brustgewebes und der Gebärmutterschleimhaut verantwortlich sein.

In einer randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten Studie aus dem Jahr 2006, veröffentlicht in der Zeitschrift »Menopause«, wurden 109 Frauen wegen ihrer klimakterischen Beschwerden zwölf Wochen lang mit einem Spezialtrockenextrakt aus der sibirischen Rhabarberwurzel (ERr 731) behandelt. Bei allen Teilnehmerinnen besserten sich nach der Behandlung deutlich die Beschwerden sowie die Lebensqualität. Den positiven Effekt bestätigten auch Langzeitstudien über 48 und 96 Wochen.

Der sibirische Rhabarber gilt allgemein als sehr gut verträglich. Nur selten kommt es zu Überempfindlichkeiten der Haut wie Hautrötungen und Schwellungen sowie Juckreiz. Ohne ärztlichen Rat sollte keine Frau Präparate mit sibirischem Rhabarber länger als vier Monate einnehmen. Kontraindiziert ist die Einnahme bei Frauen mit estrogenabhängigen Tumorerkrankungen, Gewebeveränderungen der Brust oder bei Endometriose. /

E-Mail-Adresse des Verfassers
gerhard.gensthaler(at)t-online.de