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Meningokokken

Unterschätzte

25.03.2014
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Von Brigitte M. Gensthaler / Hirnhautentzündung und Blut­vergiftung sind schwere Erkrankungen, die durch Meningokokken ausgelöst werden können. Eine rasche Diagnose und Therapie im Krankenhaus können Leben retten. Die wirksamste Vorbeugung sind Impfungen.

Meningokokken (Neisseria meningitidis) sind gramnegative Keime, die bei etwa 10 Prozent der Menschen den Nasen-Rachen-Raum besiedeln. In aller Regel verursachen sie keinerlei Beschwerden. Außerhalb des menschlichen Körpers sterben Meningokokken rasch ab.

Übertragen werden die Keime daher nur beim Husten oder Niesen sowie bei engem Kontakt zwischen Menschen, zum Beispiel beim Küssen. Bei Säuglingen ist das Ansteckungsrisiko aufgrund ihres intensiven Körperkontakts mit den Familienmitgliedern erhöht. Außerdem ist ihr Immunsystem noch unreif, sodass Babys leichter erkranken.

In jedem Alter können Menschen eine Meningokokken-Erkrankung bekommen. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) geschieht dies aber am häufigsten bei Kindern im ersten und zweiten Lebensjahr sowie bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren. Weitere Risikogruppen sind Reisende und alle Personen in Ländern des sogenannten Meningitis-Gürtels in der Subsaharazone und in Asien sowie Mus­lime, die zur Pilgerfahrt nach Mekka (Hadj) reisen.

Unspezifischer Beginn, massiver Verlauf

Die ersten Anzeichen einer Meningokokken-Erkrankung sind oft unspezifisch und ähneln denen eines grippalen Infekts. Der Patient leidet an Kopfschmerzen, Übelkeit oder Fieber (Tabelle). Dies macht eine frühe Diagnose auch für den Arzt schwierig und verzögert häufig die lebensrettende Behandlung. Innerhalb weniger Stunden kann sich jedoch eine lebensgefährliche Situation entwickeln.

Die klassischen Symptome wie Nackensteifigkeit und der purpurfarbene Hautausschlag (hervorgerufen durch punktförmige Hautblutungen) treten erst später auf.

Rund zwei Drittel der Meningokokken-Erkrankungen verlaufen als Hirnhautentzündung (Meningitis), etwa ein Drittel führt zur Blutvergiftung (Sepsis). Bei besonders schweren Verlaufsformen des septischen Schocks kommt es zu Einblutungen in die Nebennieren. Bei Säuglingen und Kleinkindern sind die Symptome oft weniger charakteristisch, warnen die Experten vom RKI. Die Nackensteifigkeit fehlt oft ganz.

Meningitis und/oder Sepsis sind immer lebensbedrohlich: Etwa 5 bis 10 Prozent der Patienten sterben daran. Bei jedem fünften bis zehnten Über­lebenden führen schwere Komplika­tionen zu bleibenden Behinderungen. Dazu zählen Hirnschäden, Krampfanfälle, Lähmungen, Lernbehinderung und Taubheit. Bei Sepsis können so schwere Blutgerinnungsstörungen und Nekrosen entstehen, dass die Amputation eines Arms oder Beins erforderlich wird.

Erfreulicherweise sind die Erkrankungen in Deutschland selten und gehen seit 2003 weiter zurück. Laut Robert-Koch-Institut traten in den Jahren 2010 bis 2012 jährlich durchschnittlich 370 Meningokokken-Fälle auf. Bei den Erregern unterscheidet man verschiedene Serogruppen, wobei fünf Gruppen (A, B, C, W-135 und Y) weltweit für die meisten Infektionen verantwortlich sind. In Deutschland dominieren Meningokokken-B- und -C-Erkrankungen (MenB: 65 bis 70 Prozent; MenC: 20 bis 25 Prozent).

Sofort ins Krankenhaus

Bereits bei einem Verdacht auf eine Meningokokken-Erkrankung sind die stationäre Aufnahme und eine antimikrobielle Therapie erforderlich. Penicillin G ist hier das Mittel der Wahl. Mitunter geben Ärzte auch Cephalosporine der dritten Generation wie Ceftriaxon. Bei Komplikationen, zum Beispiel Schockzuständen oder Hirnödemen, leiten sie intensivmedizinische Maßnahmen ein.

Penicilline können die Meningo­kokken nicht aus dem Nasen-Rachen-Raum verbannen. Dies gelingt aber ebenso mit Rifampicin, Ciprofloxacin oder Ceftriaxon.

Symptome von Meningitis und Sepsis

Erkrankung Beschwerden
Meningitis Fieber, Erbrechen, schwere Kopfschmerzen, schmerzhafte Nackensteifigkeit, Lichtempfindlichkeit, Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Krampfanfälle, punktförmiger rötlicher Hautausschlag (nicht immer)
Sepsis Fieber, Erbrechen, schmerzende Gliedmaßen, Gelenke oder Muskeln, kalte Hände und Füße, Schüttelfrost, blasse oder fleckige Haut, kleinfleckiger, flacher oder erhabener Hautausschlag mit rötlichen Punkten, der sich zu flächenhaften Hauteinblutungen weiterentwickelt, schnelle flache Atmung, Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Blutdruckabfall, schwere Blutgerinnungsstörungen, Organversagen

Prävention durch Impfung

Die effektivste Maßnahme zur Vorbeugung einer Meningokokken-Erkrankung ist die Impfung. In Deutschland sind verschiedene Impfstoffe im Handel. Lange Zeit gab es nur monovalente konjugierte Impfstoffe gegen Meningokokken der Serogruppe C; diese sind für Säuglinge ab zwei Monaten zugelassen. 2010 und 2012 kamen zwei Vierfach-Konjugatimpfstoffe gegen die Serogruppen A, C, W-135 und Y hinzu, die je nach Präparat die Zulassung für Kinder ab dem ersten oder zweiten Lebensjahr erhielten.

Gegen Keime der Serogruppe B ist seit Dezember 2013 erstmals ein Impfstoff im Handel (Bexsero®). Dieser enthält Proteinantigene. Er ist für Kinder ab einem Alter von zwei Monaten zugelassen. Laut RKI befindet sich ein weiterer MenB-Impfstoff in Entwicklung.

In ihren Empfehlungen vom August 2013 rät die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut, alle Kinder im zweiten Lebensjahr zu einem möglichst frühen Zeitpunkt mit einem konjugierten MenC-Impfstoff (Standardimpfung) impfen zu lassen. Fehlt die Impfung, soll sie bis zum 18. Lebensjahr nachgeholt werden. Zusätzlich können gefährdete Personen einen Vierfach-Konjugatimpfstoff gegen die Serogruppen A, C, W-135 und Y erhalten. Diese sogenannte Indikationsimpfung gilt zum Beispiel für Menschen mit angeborener oder erworbener Immunschwäche. Auch vor bestimmten Reisen kann die Vierfach-Impfung wichtig sein.

Für die neue MenB-Impfung hat die STIKO noch keine Empfehlung ausgesprochen, da sie die Datenlage nicht für ausreichend hält. Zudem sei der Impfkalender mit den aktuell empfohlenen Impfungen gerade für Säuglinge im ersten Lebensjahr bereits voll. Allerdings kann der Arzt dem Kind bei einem Termin auch noch eine dritte Impfung geben, wenn die Eltern dies akzeptieren. Bei Personen mit erhöhtem Risiko könne der Arzt nach individueller Nutzen-Risiko-Abschätzung die MenB-Vakzine einsetzen, schreiben die RKI-Experten. /

Zum Weiterlesen

Meningokokken-Erkrankungen. RKI-Ratgeber für Ärzte. Stand Februar 2014. Zu finden unter: www.rki.de > »Infektionskrankheiten A-Z« > »M«

E-Mail-Adresse der Verfasserin
bm.gensthaler(at)t-online.de