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Homocystein

Zerstörer im Zellstoffwechsel

25.03.2014
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Von Inga Richter / Ein Überschuss der Aminosäure Homocystein ist für das Herz ebenso schädlich wie erhöhte Cholesterol-Spiegel oder Rauchen. Die Substanz hat auch negative Wirkungen auf das Gehirn und blockiert eine Vielzahl lebenswichtiger Stoffwechselvorgänge. Die gute Nachricht: Eine ausreichende Versorgung mit B-Vitaminen und Folaten kann vorbeugen.

In unseren Zellen finden jede Sekunde chemische Umwandlungen statt. Enzyme zerlegen Substanzen und bauen aus den Fragmenten neue Stoffe, je nachdem, welche gerade gebraucht werden. Eines dieser kurzlebigen Zwischenfragmente ist Homocystein. Das heißt, eigentlich sollte es kurzlebig sein und schnellstmöglich in die nützliche Aminosäure Methionin umgewandelt werden. Doch bei vielen Menschen häuft sich das schädliche Molekül im Laufe der Jahre an und entfaltet toxische Wirkungen.

»Erhöhte Blutwerte an Homocystein fördern unter anderem die Einlagerung von Fetten in die Blutgefäße sowie die Oxidation von Low Density Lipopro­tein«, erklärt Dr. Maren Mundt, Geschäftsführerin der D.A.CH Liga Homocystein e. V., einem Zusammenschluss von deutschen, österreichischen und Schweizer Wissenschaftlern, im Gespräch mit PTA-Forum. Zusätzlich erhöhe Homocystein die Viskosität des Blutes und die Thromboseneigung der Blutplättchen.

Bereits in den 1960er-Jahren erkannten Forscher einen Zusammenhang von erhöhten Homocysteinwerten im Urin von Kindern und deren geistiger und körperlicher Entwicklung. Sie führten dies auf den ererbten Defekt eines Enzyms zurück, welches die Umwandlung des Moleküls katalysiert. Die von der sogenannten Homocystinurie betroffenen Kinder zeigten Anzeichen von Arteriosklerose, erlitten Herzinfarkte, Schlaganfälle und wiesen zudem Osteoporose und Knochendeformationen auf. Unbehandelt versterben Kinder bereits in jungen Jahren an den Folgen. Da die Erbkrankheit nur sehr selten vorkommt, schenkten Forscher ihr lange Zeit wenig Beachtung. Erst als Mitte der 1970er-Jahre auch bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit (KHK) erhöhte Homocystein-Werte gefunden wurden, entflammte das Interesse.

Ein Liter Blut der von Homocystinurie betroffenen Menschen enthält teils Konzentrationen von über 400 µMol Homocystein. Dagegen zeigen KHK-Patienten ohne den Gendefekt vergleichsweise niedrige Werte, die aber unbemerkt in den roten Bereich klettern können. Zur Unterscheidung von der genetisch bedingten Erkrankung nennen Experten diese Variante Hyperhomocysteinämie.

*Homocystein Spiegel µmol/Liter Blut ** Homocystein Spiegel µmol/Liter Blut Risiko
< 10–12 < 8 Normalbereich, kein erhöhtes Risiko durch Homocystein
< 20–30 8–10 Moderates Risiko, Behandlung empfohlen
30–100 10–15 Intermediäres Risiko, mit gefäßaggressiven Wirkungen: deutliche Risikosteigerung, Behandlung erforderlich
> 100 ab 15 Schweres Risiko, Behandlung unbedingt erforderlich!

*angelehnt an Tabelle des Homocysteine Expert Panel/Informationen der D.A.CH-Liga
** nach Dr. med. Dr. rer. nat. Hans-Jörg Hertfelder, Institut für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität; veröffentlicht 2004 im Deutschen Ärzteblatt

Inzwischen weiß man, dass bei einem Homocystein-Überschuss vor allem vier Organsysteme betroffen sind: Augen, Skelett, Gefäße und Zentralnervensystem. Ein mangelhafter Abbau von Homocystein kann neben den organischen Schäden an Herz, Hirn und Knochen auch biochemische Reaktionen im Gehirn negativ beeinflussen und damit die Ausprägung von Depressionen oder das Risiko einer Demenz erhöhen. Die Knochen werden brüchig, und an den Augen fördert Homocystein die Entstehung einer Makuladegeneration. Doch damit nicht genug: »Ein gestörter Homocystein-Metabolismus hemmt die Bildung von S-Adenosylmethionin, welches für mehr als 130 Stoffwechselprozesse benötigt wird«, erklärt Biologin Mundt. Weitergehende mögliche Folgen für die DNA, den Hormonhaushalt oder Nervenbotenstoffe seien nicht auszuschließen.

Ursache Vitaminmangel

Bleibt die Frage, weshalb sich das toxische Molekül selbst ohne zugrundeliegenden Gendefekt im Körper anreichert. Die Antwort ist erstaunlich simpel: »Die Remethylierung von Homocys­tein zu Methionin benötigt Folate und B-Vitamine« , sagt Mundt. Insbesondere die Vitamine B6, B12 und B9 (Folsäure) sind notwendig für einen reibungslosen Ablauf des Methionin-Stoffwechsels. Aber der Körper kann B-Vitamine nicht selbst bilden und nur in begrenztem Umfang speichern. Außerdem weicht die Aufnahme vitaminreicher Obst- und Gemüsesorten zunehmend dem zeitsparenden Verzehr von Fertiggerichten und Fast Food. Zwar erklärte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), Deutschland sei kein Vitaminmangelland, schränkte diese Aussage jedoch für Vitamin D, Folate und die Versorgung mit B-Vitaminen (bei Bewohnern von Pflegeheimen) ein.

Verluste durch Kochen

Einige Ernährungswissenschaftler zweifeln jedoch an der Aussage der DGE, bedenkt man die Nährstoffverluste der Pflanzen durch zu frühe Ernte, durch ausgelaugte Böden, Herbizide und Pestizide, durch Gentechnik, sauren Regen und Umweltverschmutzung. Hinzu kommen lange Transportwege und Lagerzeiten, insbesondere bei importiertem Obst und Gemüse, die den Vitamingehalt stark reduzieren. Auch die industrielle sowie die häusliche Verarbeitung der Lebensmittel führen zu einem Vitaminverlust, wie Untersuchungen von Professor Antal Bognár bestätigen (siehe Kasten). Der Lebensmittelchemiker war bis zum Ruhestand bei der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe tätig. Eines seiner Schriftstücke trägt den Namen »Vitaminveränderungen bei der Lebensmittelverarbeitung im Haushalt« und kommt zu folgendem Schluss: Gemüse, Kartoffeln, Getreide und Obst verlieren allein durch Kochen oder Braten durchschnittlich die Hälfte ihrer verbliebenen Vitalstoffe.

Tipps zum vitaminschonenden Umgang mit Lebensmitteln

Für eine vitaminschonende Zubereitung gelten folgende Empfehlungen:

  • Gemüse erst waschen, dann zer­kleinern, nicht wässern.
  • Zerkleinertes Gemüse sofort mit Essig oder Zitronensaft marinieren.
  • Gemüse dünsten oder dämpfen.
  • Nur dann kochen, wenn die Gar­flüssigkeit zur Zubereitung von Suppen oder Soßen dienen soll.
  • Bei hoher Temperatur angaren.
  • Garen im Druckkochtopf oder Mikro­wellengerät bewirkt keine bessere Vitaminerhaltung als konventionelles Garen bei 100° C.
  • Je höher die Gartemperatur, desto genauer sind die Garzeiten einzuhalten.
  • Durch Frittieren von Kartoffeln und Gemüse ist eine etwas bessere Vitamin­erhaltung zu erzielen als durch Kochen oder Dämpfen.

nach Professor Antal Bognár, aus: Vitaminveränderungen bei der Lebensmittelverarbeitung im Haushalt

Das Gesundheitsrisiko steigt im Zusammenspiel mit weiteren Faktoren: »Nicotingenuss, häufiger Kaffeeverzehr, wenig körperliche Aktivität und Alkoholismus begünstigen eine Hyperhomocysteinämie« , so die Information des Homocysteine Expert Panel (H.E.P.) am Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. Hohe Cholesterinwerte addieren sich zu den Gefahren durch Homocystein, besonders gefährlich aber ist die Kombination mit Bluthochdruck. Bei schwangeren Frauen erhöht sich das Risiko für Komplikationen, Fehlgeburten und für schwerwiegende Erkrankungen des Kindes ohne ausreichende Zufuhr von B-Vitaminen. Besonders Personen über 45 Jahre sollten auf ihre Vitaminzufuhr achten. Denn: »Jeder Zweite über 50 Jahre hat erhöhte Homocystein-Spiegel« , titelte die Ärztezeitung bereits 2004. Mundt bestätigt: »Der Körper kann mit zunehmendem Alter immer weniger Vitalstoffe effizient verarbeiten.« Im Alter gehäuft auftretende gastrointestinale Störungen etwa reduzieren die Vitamin­resorp­tion. Eine eingeschränkte Nierenfunktion erhöht den Homocystein-Spiegel ebenfalls, da ein Großteil der Umwandlung im Nierengewebe stattfindet.

Prävention sinnvoll

Die Forschung zu Homocystein läuft auf Hochtouren. »Meist handelt es sich um klinische Studien, die untersuchen, ob und in welchem Alter ein Homocystein-Screening sinnvoll ist«, so Mundt. Es soll ermittelt werden, in welchem Lebensabschnitt oder Krankheitsstadium die Behandlung eines erhöhten Homocystein-Spiegels das Risiko von Folgeschäden verringern beziehungsweise die Prognose verbessern könnte. Einige dieser Studien sorgten in der Vergangenheit für hitzige Diskussionen, belegten sie doch keinerlei Nutzen der externen Zufuhr von B-Vitaminen und Folaten. Mundt ist überzeugt: »Wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, ist nicht mehr viel zu machen.« Die Senkung des Homocystein-Levels durch Vitamingabe müsse präventiv erfolgen, nicht im Nachhinein. Die D.A.CH Liga kritisiert, dass die klinischen Studien ohne das Fundament einer soliden Grundlagenforschung initiiert wurden. Nur mit ausreichenden Erkenntnissen über die genauen biochemischen Abläufe im Nervensystem, im Herzen und in den Knochen könne man die Zielgruppen und das Studiendesign klinischer Studien exakt wählen.

Ohne Grundlagenforschung sei es ebenfalls schwierig, konkrete Empfehlungen auszusprechen, sagt Mundt. Dies äußert sich in empfohlenen Grenzwerten der Experten, die extrem voneinander abweichen (siehe Tabelle). Die einheitliche Meinung ist, dass der Homocystein-Spiegel nicht niedrig genug sein kann. Denn diverse Studien belegen einen linearen Zusammenhang zwischen der Menge des Homocysteins im Blut und entsprechenden Erkrankungen. In einer Untersuchung waren beispielsweise nach viereinhalb Jahren 24,7 Prozent der KHK-Patienten mit einem Homocystein Spiegel oberhalb von 15 µmol/L verstorben, jedoch nur 4 Prozent der Patienten mit Werten unter 9 µmol/L. Auf der anderen Seite verringerte die Zufuhr von B-Vitaminen den Verlust der relevanten Gehirn­masse bei Menschen mit Alzheimer­risiko, senkte die Anfallshäufigkeit bei Migränegeplagten um die Hälfte und reduzierte die Gefahr, eine Makuladegeneration zu entwickeln, um 34 Prozent.

  Normwert im Blut *Tagesbedarf Nahrungsmittel **Empfohlene Zufuhr über Präparate
Folate 3–15 ng/ml 400 µg (0,4 mg) (neue Empfehlung: 300 µg) Fleisch, Hülsenfrüchte, Salat, Spinat, Rosenkohl, Brokkoli, Vollkornprodukte, Hefe 400–800 µg (0,4 bis 0,8 mg)
Vitamin B12 310–1100 pg/ml 3 µg Fisch, Fleisch, Vollmilch, Käse, fermentierte pflanzliche Nahrungsmittel 50 500 µg (0,05 bis 0,5 mg)
Vitamin B6 (Vit. B6- und Vit. B2- Mangel ist selten) ca. 4,4 mg/dl 1,2–1,5 mg Fisch, Fleisch, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Bananen, Möhren, Nüsse 5 bis 20 mg

*Tagesbedarf nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE); (Frauen brauchen mehr als Männer, Ältere mehr als Jüngere) **Empfehlung des Homocysteine Expert Panel

Spiegel testen lassen

»Ab 40 bis 50 Jahren sollte man den Homocystein-Spiegel prüfen lassen«, empfiehlt Mundt. Allerdings sind bislang selbst Ärzte mit dem Thema wenig vertraut. Professor Wolfgang Herrmann vom H.E.P. rät: »Der Wert sollte unter Nüchternbedingungen bestimmt und die präanalytischen Aspekte beachtet worden sein.« Das heißt, das Blutplasma muss unmittelbar nach Blutentnahme durch Zentrifugation vom Blutkuchen abgetrennt oder das Blut bei Versendung geeignet stabilisiert werden. Häufig, so Herrmann, würde dies nicht berücksichtigt, sodass falsche Ergebnisse auftreten. Die Bestimmung des Homocystein-Spiegels steht nicht im Leistungskatalog der Krankenkassen. Patienten müssen für eine solche Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) etwa 20 bis 30 Euro bezahlen.

Wird ein erhöhter Homocystein-Level festgestellt, raten Experten zur Substitution von Vitamin B12 und Folsäure. Ein Mangel an Vitamin B2 und B6 ist Mundt zufolge sehr selten. »Sobald der Spiegel unter 12 µmol/L liegt, kann die gewählte Dosierung beibehalten werden«, so Herrmann. Er würde nach einigen Wochen eine Kontrolluntersuchung durchführen lassen. Mundt hingegen hält eine Überprüfung erst nach etwa einem Jahr für notwendig, weil sich die Werte zeitlich verzögert ändern. /

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