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Codein

Hustenstiller mit langer Geschichte

23.02.2015
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Von Edith Schettler / Der wichtigste Vertreter aus der Arzneistoffgruppe der Antitussiva ist das Codein. Diesen Inhaltsstoff des Schlafmohns isolierten und testeten Forscher bereits vor fast 200 Jahren. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt die Substanz nach wie vor in der illegalen Drogenszene.

Rohopium, der eingedickte Milchsaft der Samenkapseln des Schlafmohns (Papaver somni­ferum), enthält verschiedene Alkaloide. Das erste entdeckte der deutsche Apothekergehilfe Friedrich Wilhelm Adam Sertürner (1783–1841) im Jahr 1804. Er nannte es Morphin.

Dass Opium nicht nur berauschend und analgetisch, sondern auch hustenreizstillend wirkt, war den Forschern zu dieser Zeit nicht wichtig. Da sie der Ansicht waren, das wirksame Prinzip des Opiums bereits gefunden zu haben, untersuchten sie den Milchsaft zunächst auch nicht nach weiteren Wirkstoffen. Heute ist bekannt, dass er neben Morphin etwa 40 weitere Alkaloide enthält. Die bedeutendsten sind Noscapin mit durchschnittlich 2 bis 10 Prozent, Codein mit 0,2 bis 3,5 Prozent sowie Papaverin mit 0,5 bis 3 Prozent und Thebain mit 0,2 bis 1 Prozent. Der Morphin-Gehalt im Opium liegt zwischen 3 und 23 Prozent.

Kämpfe um das Opium

Archäologischen Quellen zufolge verwendeten die Menschen Schlafmohn schon vor 6000 Jahren. Bereits im 8. Jahrhundert vor Christus beschrieb Homer in seiner »Odyssee« die Wirkung des Presssafts von unreifen Mohnkapseln.

Neben seiner medizinischen Anwendung spielte Opium in der Geschichte bald eine un­rühmliche Rolle als Rauschmittel. Nachdem die Heimkehrer aus den Kreuzzügen im 12. und 13. Jahrhundert den Mohn nach Europa brachten, entwickelte sich Opium in den folgenden Jahrhunderten zu einer regelrechten Volksdroge. In Deutschland stellte das Opiumgesetz erst im Jahr 1929 seinen Gebrauch unter Strafe.

In China vollzog sich der Wandel vom Arznei- hin zum Suchtmittel, indem man dem teuer importierten Tabak das billiger zu beschaffende Opium zusetzte. Die Inhalation verstärkt allerdings die Wirkung erheblich, sodass im gesamten Reich der Mitte eine ernst­zunehmende Drogenszene entstand. Nutznießer des Opiumgeschäfts waren überwiegend britische Händler. Als Kaiser Daoguang (1820–1850) durch ein Verbot das Laster beenden wollte, wurde er in zwei Kriegen, die als »Opiumkriege« in die Geschichte eingingen, gezwungen, die Handelsrouten offen zu halten.

Fortschrittliche Franzosen

Doch bereits vor diesen Ereignissen hatte der französische Forscher Pierre-Jean Robiquet (1780–1840) mit Codein einen weiteren wichtigen Bestandteil des Milchsafts gefunden. Die Isolierung des Morphins durch Sertürner hatte der Pflanzenchemie zu einem großen Aufschwung verholfen. Wissenschaftler, vor allem in Paris an der Académie Royale des Sciences, hatten sich daraufhin der Erforschung und Isolierung zahlreicher Alkaloide aus Arzneipflanzen gewidmet. Nach der Extraktion mithilfe verschiedener Lösungsmittel und nach Destillationen fanden später die ersten Tierversuche mit den isolierten Substanzen statt.

Robiquet stammte aus einfachen Verhältnissen – sein Vater war Buchhändler. Doch er gehörte zu der Generation, der die Französische Revolution im Jahr 1789 das Recht auf Bildung gebracht hatte.

Nach der Lehre bei einem Apotheker beschloss Robiquet, Pharmazie zu studieren. In dessen Verlauf begeisterte er sich besonders für die Chemie. Noch während seines Studiums extrahierte der junge Mann im Jahr 1805 aus dem Spargel (Asparagus) die Aminosäure Asparagin. Nach dem Examen betrieb er eine Apotheke und gleichzeitig eine kleine Chemiefabrik.

Der Erfolg Sertürners bei der Erforschung des Opiums spornte Robiquet an, sich ebenfalls mit dem Stoffgemisch zu beschäftigen. Zu diesem Zweck stellte er eigens einen jungen Chemiker namens J. B. Berthemot ein. Dem jungen Mann gelang es im Jahr 1832, aus dem Opium ein Doppelsalz aus Morphin und Codein herauszulösen und aus diesem die reinen Codeinkristalle abzutrennen. Den Namen Codein gab Robiquet der neu gefundenen Verbindung nach dem griechischen Wort für Mohn: Kodeia.

»Wir wissen, dass Morphin, von welchem wir so lange glaubten, es sei das einzige aktive Prinzip des Opiums, nicht für alle seine Wirkungen verantwortlich ist … Codein scheint diese Lücke zu füllen«, kommentierte Robiquet seine Entdeckung.

Dämpfender Hustensaft

Verschiedene Wissenschaftler untersuchten die neue Substanz in zahllosen Tierversuchen auf ihre pharmakologischen Eigenschaften. Nachdem sie dabei zentral dämpfende, obstipierende, schmerz- und hustenstillende Wirkungen gefunden hatten, begannen Mediziner, Codein als Sedativum, Hypnotikum, Analgetikum und Antitussivum zu erproben.

Die Rezeptur Robiquets für den zu seinen Lebzeiten in Frankreich häufig verwendeten »Sirop de Codeine« ist überliefert: 0,3 Gramm Codein auf 30,0 Gramm Sirup. Jedoch warnten er und weitere Forscher damals bereits vor der Anwendung des Codeins bei Kindern.

Tatsächlich ist Codein eine Gefahr für den kindlichen Organismus. In einer Pressemitteilung stellte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im April 2014 fest: »Codein wirkt, indem es durch ein körpereigenes Enzym zu Morphin umgesetzt wird. Patienten mit einer bestimmten genetischen Ausprägung (sogenannte ›Ultra-schnell-Metabolisierer‹) wandeln Codein sehr schnell zu Morphin um. Dies kann zu einer Opioidvergiftung führen.«

Nutzen und Risiko abwägen

Bereits im Jahr 2013 hatte das BfArM die Anwendung Codein-haltiger Arzneimittel zur Schmerzbehandlung bei Kindern deutlich eingeschränkt, da mehrere tödliche oder lebensbedroh­liche Fälle einer Atemdepression (Abflachung beziehungsweise Herabsetzung der Atmung) bei Kindern bekannt geworden waren. Nun veranlasste das BfArM im vergangenen Jahr ein Risikobewertungsverfahren auf europäischer Ebene, um weitergehende Maßnahmen zur Minimierung des Risikos zu erreichen, unter anderem bei der Behandlung von Husten. Derzeit rät das BfArM Ärzten, »Codein nur nach sorgfältiger Nutzen-Risikoabwägung in der niedrigsten wirksamen Dosierung und für die kürzest mögliche Behandlungsdauer zu verschreiben. Bevor Eltern den Husten ihrer Kinder mit Codein behandeln, sollten sie auf mögliche Risiken hingewiesen werden und bei einer verlangsamten Atmung sofort einen Arzt informieren.«

Als Ersatzdroge beliebt

Codein ist das weltweit am häufigsten verwendete Opiat. In Deutschland wird es vorwiegend als Antitussivum eingesetzt, in Kombination mit Paracetamol auch als Analgetikum. Codein-haltige Arzneimittel unterliegen hierzulande der Verschreibungspflicht, die Reinsubstanz dem Betäubungsmittelrecht.

Da Codein leichter beschaffbar ist als Morphin – in einigen Ländern ist es sogar ohne ärztliche Verschreibung erhältlich – dient es Drogenabhängigen häufig als Ersatzdroge. /