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Augenerkrankungen

Alarmstufe Rot!

07.03.2016
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Christiane Berg, Rendsburg / Was tun, wenn die Augen brennen, jucken und ständig tränen? Sind diese gerötet oder entzündet, suchen die meisten Menschen zunächst einmal in der Apotheke Rat. Daher stand am 30. und 31. Januar im Nordkolleg Rendsburg das Thema Augenerkrankungen im Fokus des 10. PTA-Praxis­workshop der Apothekerkammer Schleswig-Holstein.

Bei geröteten Augen sei die Herausforderung besonders groß, sagte Dr. Eric Martin, Marktheidenfeld, auf der zweitägigen Wochenendveranstaltung unter Moderation von Jutta Clement, der Leiterin der Fortbildungsakademie. »Nicht jedes rote Auge ist eine Bindehautentzündung«, so Martin weiter. Auch bei genauem Hinschauen sei eine umfassende Bewertung der Symptome nur sehr begrenzt möglich.

»Der Apotheke kommt große Verantwortung zu, muss hier doch entschieden werden, ob der sofortige Arztbesuch unumgänglich oder die vorüber­gehende Selbstmedikation möglich ist.« Der Gang zum Augenarzt ist – nach Martins Erfahrung aus dem Apothekenalltag – meist unentbehrlich. Doch gebe es durchaus Fälle, in denen bestehende Beschwerden durch die fachkundige Empfehlung eines geeigneten Präparats gelindert und gegebenenfalls auch behoben werden können.

Kernfragen klären

Zur Beurteilung der vorhandenen Symptome müssen im Beratungsgespräch mit dem Patienten zunächst einige Kernfragen geklärt werden, so Martin. Bereiten Ihnen beide Augen Probleme oder nur eins? Ist das Sehvermögen eingeschränkt? Fließen Tränen oder Eiter? Sind die Lidränder geschwollen oder verklebt? Außerdem sollten PTA oder Apotheker – falls möglich – darauf achten, ob die Pupille vergrößert oder verkleinert ist. »Bei offensichtlicher ein- oder beidseitiger Verletzung der Augen beziehungsweise plötzlicher Einschränkung des Sehvermögens sowie starker Lichtscheu müssen alle Alarmglocken läuten. Hier muss sofort an den Arzt verwiesen werden«, konstatierte der Referent.

Auch der akute Glaukomanfall mit abrupten Augenschmerzen, prall gespanntem Augapfel und erweiterter Pupille ist ein Notfall für den Augenarzt. Infolge der akuten Steigerung des Augen­innendrucks kommen oft Übelkeit und Erbrechen hinzu. Ohne rechtzeitige Therapie kann es zur Erblindung kommen, so Martin und warnte eindringlich: »Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig zum Ophthalmologen.«

Auch und gerade bei Hornhaut- Geschwüren oder Iris-Entzündungen kann die verzögerte ärztliche Diagnosestellung mit einer Verschleierung des klinischen Bildes und somit irreversiblen Schäden einhergehen.

Insbesondere beidseitig gerötete Augen ohne Veränderung der Sehschärfe und ohne Traumaverdacht seien oft harmlos und könnten auf eine Konjunktivitis oder ein trockenes Auge hinweisen. Martin: »Auch hier muss jedoch gerade bei immer wiederkehrenden Beschwerden zur ärztlichen Konsultation geraten werden. Auch hier ist vor dem Griff zu einem OTC-Arzneimittel eine weitere Differenzierung des Krankheitsgeschehens erforderlich.«

Deutlich differenzieren

Allergisch, nicht infektiös, infektiös? »Bindehautentzündung ist nicht gleich Bindehautentzündung«, so der Apotheker und betonte: »Anhand der spezifischen Ursachen und Krankheitszeichen muss die Gesamt-Situation sehr genau und deutlich eingegrenzt werden.«

Als mögliche Gründe einer allergischen Bindehautentzündung kommen unter anderem Kontaktallergien auf Kosmetika oder Kontaktlinsenpflegemittel, Heuschnupfen, aber auch ato­pische Entzündungen der Binde- und Hornhaut bei Neurodermitis-Patienten infrage. Neben Bindehautrötung und Juckreiz als Leitsymptome kann es bei einer vorübergehenden allergischen Rhinokonjunktivitis zu übermäßigem Tränenfluss und Druck- sowie Fremdkörpergefühl kommen. Zur Linderung dieser Beschwerden nannte Martin als Mittel der ersten Wahl lokale H1-Antihistaminika wie Azelastin und Levocabastin. Als Mittel der zweiten Wahl bezeichnete der Apotheker orale H1-Antihistaminika wie Loratadin und Cetirizin beziehungsweise Mastzellstabilisatoren wie DNCG, Nedocromil-Na und ­Ketotifen.

Wurde die Konjunktivitis durch Umweltreize wie Rauch, Feuer, gechlortes Schwimmbadwasser, Wind, Zugluft, Bildschirmarbeit oder grelles Licht verursacht, lindere ein Sicca-Präparat, also künstliche Tränenflüssigkeit, die Beschwerden. Halten diese jedoch länger als drei Tage an, muss der Patient einen Augenarzt aufsuchen.

»Bei Verblitzung, das heißt: intensiven Strahlenschäden durch Schweißen oder UV-Einwirkung im Solarium oder am Strand muss der Patient sofort zum Arzt«, so Martin. Dieser wird unter anderem die Augen durch einen Verband ruhig stellen. Die Reepithelisierung der Epithelschäden an Horn- und Bindehaut kann Dexpanthenol unterstützen.

Insbesondere bei Kontaktlinsenträgern forderte der Apotheker, dass vorab ein Augenarzt einen bakteriellen Befall zum Beispiel durch Staphylokokken, Streptokokken, Pseudomonas aerugi­nosa oder Chlamydien infolge mangelnder Hygiene ausgeschlossen hat. In manchen Fällen sei die spezi­fische Antibiose unumgänglich.

Auch bei Gersten- und Hagelkörnern kann die systemische und lokale Antibiose notwendig werden, eventuell ist auch eine Punktion erforderlich. Patienten mit häufigen Lidrandentzündungen (Blepharitis) unterschätzten oft die Lidrandpflege. Dafür geeignet sind feucht-heiße Kompressen sowie die Massage der Augenlider in Richtung Lidkante unter Einsatz von Antiseptika und/oder Dexpanthenol-Augensalbe.

Sicca-Syndrom

»Etwa jeder fünfte Mensch, der zum Augenarzt geht, leidet unter trockenen Augen, also einer Keratokonjunktivitis sicca«, sagte Martin im weiteren Verlauf seiner Ausführungen. Bei diesen Patienten sind die qualitative und quantitative Zusammensetzung des Tränenfilms beziehungsweise die Tränenfilmstabilität gestört, zum Beispiel durch Bildschirmarbeit, übermäßiges Computerspielen oder klimatisierte Räume.

Als weitere Ursache des Sicca-­Syndroms kommen neben hormo­nellen Veränderungen in der Schwangerschaft oder in den Wechseljahren auch Arzneimittel-Nebenwirkungen, beispielsweise bei systemischer Therapie mit Anticholinergika, Neuroleptika, Antihypertensiva, Isotretinoin, Lipidsenkern oder Zytostatika infrage.

»Die versuchsweise Selbstbehandlung des trockenen Auges ist nur bei milden Formen und strikter zeitlicher Befristung angezeigt«, warnte Martin. Wenn möglich sollten PTA oder Apotheker vorzugsweise unkonservierte beziehungsweise unbedenklich konservierte Präparate empfehlen. Um den Verdacht »Trockenes Auge« zu untermauern, ist die Diagnose mithilfe der Spaltlampe in der Augenarzt-Praxis erforderlich.

Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Bei milden Schweregraden und Fällen, in denen die wässrige Komponente des Tränenfilms zu gering ist, sind als künst­liche Tränenflüssigkeit Sicca-Produkte auf Polymer- oder Cellulosederivatebasis (also Povidon und Polyvinyalkohol, Carmellose, Hypromellose oder Natrium-Hydroxymethylcellulose) sowie Hyaluronsäure angezeigt, so Martin.

Bei stärkeren Schweregraden sind muzinartige Polyacrylatgele (Carbomere) beziehungsweise Zubereitungen aus Hydroxypropyl-Guar oder Tamarindensamen-Polysaccharid mit höherer Viskosität zu bevorzugen. Der Sonderfall Lipidmangel kann Präparate mit mittelkettigen Triglyceriden, Phospholipiden oder Phospholipid-Liposomen zum Aufsprühen auf die Lidkante erforderlich machen.

Bei schweren Sicca-Syndromen verordnen Augenärzte Cortison-Augentropfen, bei nachgewiesenem Mucin-Mangel Tretinoin-Augentropfen. Antientzündlich und immunmodulierend wirkt auch Ciclosporin A. Für diese Zubereitung ist kein Fertigarzneimittel im Handel, es existiert aber eine NRF- Rezeptur (Vorschrift 15.21.).

Grüner und Grauer Star

Die große Verantwortung bei der Beratung von Patienten mit Augenerkrankungen betonte auch Dr. Ursula Müller-Breitenkamp, Bonn. Zu dieser Verantwortung zähle beispielsweise, betagte Patienten über die Ursachen und Handlungsoptionen bei Glaukom (Grüner Star), Katarakt (Grauer Star) und Altersassoziierter Makuladegeneration (AMD) aufzuklären.

Etwa 90 Prozent der Menschen zwischen 65 und 70 Jahren leiden bereits unter zunehmender Linsentrübung und gleichzeitiger Abnahme der (Kontrast-) Sehschärfe infolge eines Grauen Stars. »Viele Patienten merken es nicht«, konstatierte die Augenärztin. »Es existiert keine medikamentöse Therapie zur Verhinderung der Linsentrübung. Die einzige Möglichkeit, das Sehvermögen zu verbessern, besteht in der operativen Entfernung der getrübten und chirurgischen Implantation einer neuen Augenlinse«, informierte sie.

Da in Deutschland pro Jahr circa 600 000 Kataraktoperationen durchgeführt werden, sprach Müller-Breitenkamp von einer »Routine-OP«. Sie betonte, dass die Patienten postoperativ circa zwei Wochen lang Corticoid/Antibio­tika-, anschließend noch einmal zwei Wochen lang Corticoid-Augentropfen in absteigender Dosierung anwenden müssen. Die regelmäßige augen­ärztliche Kontrolle sei »unbedingtes Muss«.

An Grünem Star sind in Deutschland circa eine Million Menschen erkrankt. Im Verlauf der Erkrankung schädigt der erhöhte Augeninnendruck den Sehnerven und somit wird das Gesichtsfeld zunehmend eingeschränkt. Bei circa zwei Millionen Menschen liegt eine Vorstufe des Glaukoms vor, das unerkannt und unbehandelt gleichermaßen zur Erblindung führen kann. Diese Tatsache sei besonders fatal, so Müller-Breitenkamp, da zur medikamentösen Therapie und Verringerung der Kammerwasserproduktion Vertreter verschiedener Wirkstoffgruppen wie Betablocker, Adrenalin, alpha-2-Agonisten und Carboanhydrase-Hemmer systemisch und/oder lokal zur Verfügung stehen. Darüber hinaus können Miotika, also Arzneimittel zur Verengung der Pupille, aber auch Prostaglandin-Analoga zur Steigerung des Kammerwasserabflusses beitragen. Als erfolgreiche operative Maßnahmen hob Müller-Breitenkamp Laser-Verfahren beziehungsweise die Implantation von Mikro-Stents hervor.

AMD ist in Deutschland mit 50 Prozent der häufigste Grund, Blindengeld zu beziehen. »Bei der trockenen AMD können wir nicht viel tun«, sagte die Referentin. Gemäß der »Age-Related Eye Disease Study (ARED)-Studie« sei jedoch die Einnahme von Nahrungs­ergänzungsmitteln mit hoch dosierten Antioxidanzien (Vitamin C, E, Beta- Carotin, Kupfer und Zink) sinnvoll.

Die gute Nachricht: Bei der feuchten AMD werden den Patienten heute erfolgreich Anti-VEGF-Substanzen (VEGF = Vascular Endothelial Growth Factor) wie Ranibizumab, Bevacizumab und Aflibercept intraokular injiziert. »Damit verfügt die Medizin über eine kausale Therapiemöglichkeit«, sagte Müller-Breitenkamp. /