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Brustkrebs

Bei Männern häufig spät erkannt

07.03.2016
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Von Carina Steyer / Brustkrebs bei Männern ist selten. Daher sind Informationsangebote für Männer kaum vorhanden, und die Therapie orientiert sich vor allem an der Erkrankung von Frauen.

Brustkrebs bei Männern? Das gibt es doch gar nicht, Brustkrebs haben doch nur Frauen. Solche und ähnliche Äußerungen hören erkrankte Männer oft. Noch immer ist kaum bekannt, dass auch Männer von dieser Krebsform betroffen sein können. Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert-Koch-Institut erkrankten im Jahr 2012 620 Männer an Brustkrebs. Im Vergleich zu den 69 550 Neuerkrankungen bei Frauen ist die Zahl gering. Daher haben Frauen es viel leichter, den Kontakt zu anderen Betroffenen herzustellen und sich mit der Krankheit auseinanderzusetzen.

Patientenleitlinien und Ratgeber richten sich an Frauen. In Foren und Selbsthilfegruppen sind Männer selten vertreten. Aus Scham über die vermeintliche Frauenkrankheit verschweigen viele Männer ihre Erkrankung sogar. Hier setzt der 2014 gegründete Verein »Netzwerk Männer mit Brustkrebs« mit der Internetadresse www.brustkrebs-beim-mann.dean. Er hilft Männern, mit anderen Betroffenen in Kontakt zu treten, versorgt sie mit Informationen und hat sich das Ziel gesetzt, die Krankheit in der Öffentlichkeit zu entstigmatisieren.

Diagnose deutlich verzögert

Wie wichtig es ist, Brustkrebs nicht nur als weibliche Krebsform anzusehen, zeigt sich beispielsweise auch darin, dass die Diagnose bei Männern deutlich später gestellt wird. Obwohl sich die Frühsymptome bei Männern und Frauen gleichen, vergehen beim sogenannten starken Geschlecht vom Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagno­se 6 bis 22 Monate. Das liegt vor allem daran, dass Männer trotz Veränderungen der Brust zunächst an eine harmlose Ursache denken, die von selbst wieder verschwindet. Daher raten Experten auch Männern immer den Facharzt aufzusuchen, wenn sich ihre Brust verändert und sie zum Beispiel Knoten oder Verhärtungen ertasten, eine eingezogene oder entzündete Brustwarze oder Ausfluss aus der Brustwarze bemerken oder der Lymphknoten in der Achselhöhle schmerzt.

Bei etwa 40 Prozent der Männer ist bei Diagnosestellung der Brustkrebs bereits fortgeschritten, sie haben an Gewicht verloren und ihre Leistung ist vermindert. Nicht selten haben sich Metas­tasen gebildet, die sich abhängig vom Bildungsort durch Knochenschmerzen (Skelettmetastasen), Armschwellungen (Lymphknotenmetastasen), Husten oder Atemnot (Metastasen in Brustfell und Lunge), neurologische Symptome (Hirnmetastasen) sowie Gelbsucht und Leberinsuffizienz (Lebermetastasen) bemerkbar machen.

Auch in diesen Fällen gilt: Je früher die Erkrankung erkannt wird, umso besser sind die Heilungschancen. Jedoch stellt der Arztbesuch viele Männer vor ein Problem. Sie wissen oft nicht, an wen sie sich wenden sollen. Gute Ansprechpartner sind Gynäkologen, deren Besuch einigen Männern unangenehm ist. Als Alternative kommen speziell zu Brustkrebs geschulte Urologen, Chirurgen oder Onkologen in Frage.

Regelmäßige Selbstuntersuchung

Anders als für Frauen existiert für Männer kein gesetz­liches Früherkennungsprogramm. Gerade deshalb rät die Deutsche Gesellschaft für Urologie e. V. Männern zur regelmäßigen Selbstuntersuchung. Das gilt insbesondere für diejenigen mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko. Dazu zählen Männer mit Klinefelter-Syndrom und familiärer Vorbelastung. Das Klinefelter-Syndrom ist eine angeborene Chromosomen­störung, bei der neben den zwei Geschlechts­chromosomen mindestens ein zusätzliches X-Chromosom vorhanden ist. Bei diesen Männern ist das Risi­ko, an Brustkrebs zu erkranken, um den Faktor 20 bis 50 erhöht.

Etwa 15 bis 20 Prozent der erkrankten Männer stammen aus Familien, in denen mehrere Mitglieder an Brustkrebs erkrankt sind. Bei weiteren 10 Prozent lässt sich eine Veränderung in den mit Brustkrebs assoziierten Genen BRCA1 oder BRCA2 nachweisen. Das Risiko, bis zum 70. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken, liegt bei Männern mit BRCA1-Mutation bei etwa 2 Prozent beziehungsweise mit BRCA2-Mutation bei circa 7 Prozent. Auch wenn das Risiko weit unter dem der Frauen mit nachgewiesener Mutation (50 bis 80 Prozent) liegt, sollten Männer auf mög­liche Veränderungen schnell reagieren, da die Tumoren meist sehr aggressiv wachsen und schnell metastasieren.

Als weitere Risikofaktoren gelten zunehmendes Alter, ein Estrogen-Testosteron-Ungleichgewicht und eine Strahlentherapie der Brustwand. Zusätzlich haben Wissenschaftler ethnologische sowie regionale Schwerpunkte ausgemacht: In Zentralafrika ist Brustkrebs bei Männern mit 6 bis 15 Prozent deutlich stärker verbreitet als in anderen Ländern. Zum einen ist das Risiko dunkelhäutiger Männer, an Brustkrebs zu erkranken, generell erhöht. Zum anderen leiden in dieser Region sehr viele Männer an Leberzirrhose infolge einer Hepatitis-C-Infektion. Die Leber­zirrhose erhöht die Estrogenproduktion, was wiederum die Entstehung von Brustkrebs begünstigt.

Ob die längere Einnahme nicht zugelassener Hormone zur Leistungs­steigerung das Brustkrebsrisiko erhöht – beispielsweise bei Bodybuildern, wird noch diskutiert.

Spezialisierte Zentren

Aufgrund der Seltenheit der Erkrankung sollten Männer bei Verdacht auf Brustkrebs ein zertifiziertes Brustzentrum aufsuchen. Die Abklärung des Verdachts erfolgt mithilfe der Mammografie, die eventuell durch eine Ultraschallunter­suchung oder Magnetresonanztomografie ergänzt wird. Erhärtet sich die Vermutung, wird aus dem fraglichen Brustbereich eine Gewebeprobe entnommen und unter dem Mikros­kop untersucht. Besteht der Verdacht, dass der ­Tumor bereits Metastasen gebildet haben könnte, folgen weitere Untersuchungen, um den Stand der Erkrankung genau zu erfassen.

Therapie wie bei Frauen

Zur Therapie des männlichen Brustkrebses gibt es nur sehr wenige Informationen aus retrospektiven Fallberichten und Studien mit kleinen Fallzahlen. Da Daten aus großen Studien nicht vorliegen, ist die optimale Therapie aktuell unbekannt. Aus Mangel an Alternativen orientieren sich Ärzte bei der Behandlung der Männer an den Therapierichtlinien für Frauen.

Der erste Behandlungsschritt ist die Operation. Während Chirurgen bei Frauen bereits seit etwa 20 Jahren versuchen, die Brust zu erhalten, wurde bei Männern bis vor wenigen Jahren standardmäßig eine Mastektomie durchgeführt. Im Unterschied zur brust­erhaltenden Operation, bei der der Operateur den Tumor und einen Randsaum mit gesundem Gewebe entfernt, umfasst die Mastektomie die gesam­te Brustdrüse mit der darüberliegenden Haut und der Brustwarze sowie die darunter liegende Hülle des Brustmuskels. Inzwischen konnten Studien zeigen, dass brusterhaltende Operationen auch bei Männern möglich sind und sich auf das krankheitsfreie Überleben sowie das Gesamt­über­leben nicht nachteilig auswirken.

Auch bezüglich der Entnahme von Lymphknoten hat sich in den letzten Jahren ein Wandel vollzogen: Entfernte der Operateur früher alle Lymphknoten in der Achsel, entnimmt er heute zunächst den sogenannten Wächterlymphknoten, der dann auf Tumor­zellen untersucht wird. Der Wächterlymphknoten ist der erste Lymph­knoten, den Krebszellen passieren, wenn sie sich im Körper ausbreiten. Nur bei nachgewiesenen Tumorzellen in diesem Knoten müssen die restlichen Lymphknoten entfernt werden.

Einzelfallentscheidungen

Über den weiteren Therapieverlauf entscheidet der Arzt abhängig vom Befund nach der Operation und der Beurteilung des Rückfallrisikos. Das Ziel ist, möglicherweise noch im Körper verbliebene Tumorzellen zu beseitigen und die Heilung des Betroffenen zu erreichen. Haben sich bereits Metastasen gebildet, kann der Arzt nur noch mit gezielten Therapiemaßnahmen das Tumor­wachstum bremsen und krankheitsbedingte Beschwerden lindern.

Die meisten Betroffenen erhalten vier bis sechs Wochen nach der Operation eine Strahlentherapie. Abhängig vom Verlauf der Operation wird dabei entweder die erhaltene Brust oder nach einer Mastektomie die Brustwand bestrahlt. Enthielten die Lymphknoten Tumorzellen, werden auch die Lymph­abfluss­wege ober- und unterhalb des Schlüsselbeins mit bestrahlt.

Vor der Chemotherapie muss der Arzt auch bei Männern mit Brustkrebs deren Nutzen und Risiko sorgfältig abwägen. Aufgrund des Alters der Erkrankten von durchschnittlich 65 Jahren und der meist weiteren Begleit­erkrankungen entscheiden die behandelnden Ärzte von Fall zu Fall, ob eine Chemotherapie den erhofften Nutzen bringen kann.

Da bei etwa 90 Prozent der erkrankten Männer der Tumor Hormonrezeptor-positiv ist, wird der Großteil mit Tamoxifen behandelt. Allerdings brechen viele Männer die Therapie aufgrund der Nebenwirkungen wie Depressionen, Impotenz oder Gewichtszunahme vorzeitig ab. Eine Antikörpertherapie findet deutlich seltener statt: Nur bei etwa 10 Prozent der Männer ist der Tumor HER2-positiv und kann daher mit Trastuzumab behandelt werden.

In den letzten Jahren sind Männer als eigenständige Patientengruppe stärker in den Fokus der Forschungs­tätigkeit gerückt. Außerdem wird immer deut­licher, dass die Behandlung von an Brustkrebs erkrankten Männern nach den Leitlinien für Frauen nicht optimal ist. Die Ergebnisse von Studien umzusetzen, ist wegen der niedrigen Fallzahlen schwer möglich. Dennoch hoffen Experten, Männern in Zukunft eigene Therapieoptionen anbieten zu können. /