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Chirurgisches Nahtmaterial

Wundversorgung mit Nadel und Faden

05.03.2018
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Von Edith Schettler / Die Technik des Verschließens großer Wunden mit Nahtmaterial geht bis ins Altertum zurück und hat sich bis heute nicht wesentlich verändert. Wurden von unseren Vorfahren noch Tiersehnen und Leinenzwirn benutzt, können die Ärzte der Gegenwart auf Fäden aus synthetischen, teilweise resorbierbaren Materialien zurückgreifen.

Bereits das ägyptische Papyrus Ebers, eine der ältesten noch erhaltenen ­medizinischen Schriftensammlungen, enthält Arbeitsanweisungen zum Wundverschluss mit Hilfe von Nadel und Faden. Aus diesem Pergament ­wissen wir, dass die Ärzte schon im 16. Jahrhundert v. Chr. über die Kenntnisse und die Hilfsmittel verfügten, ihre Patienten zu operieren.

Sie benutzten Messer und Scheren aus Metall, Verbände aus Leinen und anderen Pflanzenfasern und hatten die notwendigen Gerätschaften zum Vernähen von Wunden. Woraus diese genau ­bestanden, ist nicht überliefert, denkbar wären beispielsweise Nadeln aus Metall, Fischgräten oder Knochen und Fäden aus textilen Materialien oder Tiersehnen und -därmen. Auch über die Erfolge der chirurgischen Maßnahmen wissen wir nicht viel, wohl aber darüber, dass diese stets von Zaubersprüchen begleitet waren.

Vermutlich haben die meisten Pa­tienten im alten Ägypten die Operation zunächst überlebt, sie wurden jedoch im Anschluss mehrheitlich von Wundinfektionen heimgesucht. Erst mit der Erfindung des Mikroskops erlangten die Wissenschaftler Kenntnis von der Existenz der Mikroorganismen und später auch von ihrer krankmachenden Wirkung. Der französische Chemiker Louis Pasteur (1822-1895) entwickelte das erste Verfahren zur Sterilisation von medizinischen Instrumenten. Der deutsche Arzt Robert Koch (1843-1910) leistete einen entscheidenden Bei­trag zur Aufklärung der mikrobiellen Ur­sachen von Wundinfektionen. Nach und nach setzten sich in den Kliniken hygienische Arbeitsregimes durch, die neben der Händedesinfektion auch die Sterilisation von chirurgischen Instrumenten und Nahtmaterial beinhaltete. Besondere Verdienste kommen dabei dem ungarischen Arzt Ignaz Semmelweis (1818-1865) und dem britischen Chirurgen Joseph Lister (1827-1912) zu.

Heute gibt es zwei gebräuchliche Sterilisationsverfahren für chirurgisches Nahtmaterial: die Gas- und die Strahlensterilisation. Welche der beiden Methoden zur Anwendung gekommen ist, kann man auf der Verpackung des Nahtmaterials erkennen. Die Buchstabenkombination »EO« steht für die Gassterilisation mit einer Mischung aus Ethylenoxid und Inertgas, die ­Abkürzung »R« bedeutet, dass die Sterilisation mit radioaktiven β- oder γ-Strahlen vorgenommen wurde. Beide Sterilisationsverfahren haben den Vorteil, dass das Sterilgut schon vor der Sterilisation verpackt werden kann. ­Lediglich Verpackungen aus bestimmten Kunststoffen wie Polyethylen oder Polypropylen vertragen ionisierende Strahlen nicht und werden brüchig. Auch einige Fadenmaterialien eignen sich nicht für die Strahlensterilisation.

Die meisten chirurgischen Fäden und Nadel-Faden-Kombinationen sind doppelt steril verpackt, das heißt, eine innere sterile Primärverpackung ist nochmals in einer sterilen Außenver­packung untergebracht.

Der Faden hält alles zusammen

Die ersten chirurgischen Fäden in der Geschichte stammten vermutlich aus der Textilherstellung und bestanden aus Leinen oder Baumwolle. Später entdeckte man, dass das Material der Bogensehnen auch zum Wundverschluss taugt – wahrscheinlich waren Militärärzte die ersten, die ihre Patienten auf dem Schlachtfeld mit den Tiersehnen der im Kampf benutzten ­Bogen versorgten. Mit dem Ausbau des Handels gelangte die Seide nach ­Europa und hier auch in die Hände der Chirurgen.

Im Folgenden fand zusätzlich ge­reinigter und sterili­sierter Rinder- oder Schafdarm Verwendung als chirurgisches Nahtmaterial. Lange Zeit benutzten ihn Chirurgen unter der etwas ­irreführenden Bezeichnung Catgut, bis das Material nach dem BSE-Skandal im Jahr 2001 wegen Infektionsgefahr vom Markt genommen wurde. Damit ­verschwand das erste resorbierbare Nahtmaterial der Neuzeit. Moderne ­resorbierbare Fäden bestehen aus langkettigen Kohlenwasserstoffen, die hydrolytisch aufgespalten und in Form von Kohlendioxid und Wasser ausgeschieden werden. Die Resorptionszeit beträgt Wochen bis Monate und variiert zwischen den einzelnen Materia­lien. Sie beträgt zum Beispiel für Vicryl® ­(Polyglactin 910) 70 Tage, Vicryl® rapide mit einem geringeren Molekular­gewicht ist schon nach weniger als 40 Tagen komplett abgebaut. Fäden aus Dexon® (Polyglykolsäure) sind ­sogar erst nach etwa 90 Tagen resorbiert, während eine Naht mit PDS® plus ­(Polydioxanon) nach durchschnittlich sechs Monaten komplett verschwunden ist. Wichtiger als die Resorptionszeit ist für den Chirurgen die Halbwerts- oder Funktionszeit (FZ50). Das ist der Zeitpunkt, an dem das Material noch 50 Prozent seiner ursprünglichen Reißfähigkeit besitzt. Bis dahin sollte die Wundheilung weitgehend abgeschlossen sein, damit die Wunde sicher verschlossen bleibt. Dieser Wert beträgt beispielsweise für Vicryl®rapide 5 Tage, für PDS® plus hingegen 42 Tage.

Dicke Fäden mit einer Seele

Seide und Leinen als älteste nicht resorbierbare Fäden werden noch ­heute verwendet. Die Palette der nicht resorbierbaren Materialien ergänzen Stahldraht für große Belastungen, ­Polyester, Polyamid und Polypropylen. Nach Abschluss der Wundheilung müssen diese Fäden aus der Wunde manuell entfernt werden.

Vom Aufbau her unterscheidet man monofile von den polyfilen Fäden. Für letztere werden mehrere Fäden um eine Fadenseele herum geflochten oder gedreht, während monofile Fäden aus einem einzigen Filament bestehen. Ihr Vorteil ist der gute Gewebedurchzug auf Grund ihrer glatten Oberfläche. Außerdem weisen sie keine Kapillarität auf, das heißt, sie saugen aus der Wunde keine Flüssigkeit an. Polyfile Fäden hingegen hinterlassen wegen ihrer im Vergleich rauen Oberfläche ein größeres Gewebetrauma, welchem man ­jedoch mit einer Beschichtung aus Silikon oder Wachs entgegenwirken kann. Diese senkt gleich­zeitig die Kapillarität. Knoten halten besser bei polyfilen ­Fäden, monofile verlangen vom Chirurgen eine exaktere Knotentechnik, denn das glatte Ma­terial ist etwas sperriger.

Für die Angabe der Fadenstärke gibt es zwei Messsysteme, die auf den ­Monografien in den jeweiligen Arzneibüchern beruhen. Das Europäische Arzneibuch misst die Fadenstärke in Zehntel­millimetern, wobei 0,1 mm 1 Metric entsprechen. In der USP wird die Fadenstärke mit einer Ziffer, gefolgt von »-0« (»mal Null«), bezeichnet. Je höher die vorangestellte Ziffer, umso dünner ist der Faden. Für besonders dicke Fäden entfällt ab Stärke 0 der »-0«-Zusatz, und es wird von 1 an weiter aufwärts gezählt: Jetzt ist der Faden umso dicker, je größer die Zahl ist.

Die Arzneibücher enthalten für verschiedene chirurgische Fäden Monografien, die alle Qualitätsmerkmale und die ­zugehörigen Prüfvorschriften beschreiben. Hier finden sich auch Anforderungen hinsichtlich der Resorptions- und Halbwertszeiten.

Ohne Nadel geht es nicht

Sollen besonders empfindliche Gewebe wie etwa Schleimhäute mit einer Naht versorgt werden, muss das Naht­material möglichst schonend durch das Gewebe gleiten. Dafür gibt es spezielles atraumatisches Nahtmaterial, bei dem der Faden im Ende der Nadel befestigt ist. Separate Öhrnadeln führen den Faden in doppelter Lage durch das Gewebe, atraumatische Nadel-Faden-Kombinationen hingegen nur in seiner einfachen Stärke. Damit ist das Gewebetrauma erheblich geringer.

Chirurgische Nadeln bestehen aus rostfreiem V2A-Stahl mit hoher Bruchfestigkeit und Biegeelastizität und variieren in ihrer Form je nach dem beabsichtigten Einsatzgebiet. Man unterscheidet grundsätzlich gerade und gebogene Nadeln. Letztere folgen in ihrer Krümmung einer Kreisbahn und werden nach dem Kreissegment bezeichnet, welches sie be­schreiben. So gibt es V-Nadeln (sie stellen einen Viertelkreis dar), ­D-Nadeln (1/3-Kreis), H-Nadeln (Halbkreis) und F-Nadeln (5/8-Kreis). Seltener verwendete Nadelformen sind die Kufenform und die Angelhakenform.

Der Nadelquerschnitt ist meist rund oder dreieckig. Dreikantnadeln werden auch als schneidende Nadeln bezeichnet und eignen sich besonders gut für Nähte in festem und derbem Gewebe. Zusätzlich zum Nadelkörper kann auch noch die Nadelspitze mit einem Präzisionsschliff versehen sein, der das Gewebetrauma nochmals minimiert. Für ­Nähte in weichem Gewebe sind Rundkörpernadeln geeignet. Sie verfügen über eine scharfe dünne Spitze und sind selbst nicht schneidend, was die Gefahr des versehentlichen ­Ausreißens der Wundränder während der Versorgung ausschließt. Für einen leichteren Einstich ins Gewebe können die Spitzen der Nadeln noch besonders angeschliffen sein, so beispielsweise in Drei- oder Sechskant-(Trokar-)Form. Rundnadeln mit stumpfer runder Spitze kommen für Nähte im Parenchymgewebe zum Einsatz, beispielsweise in der Niere oder Lunge.

Auf der Verpackung findet sich der Nadelcode, an dem die Eigenschaften der Nadeln erkennbar sind, so zum Beispiel »VRT 19« – Viertelkreis-Rundnadel mit Trokarspitze, 19 mm lang.

Die Befestigung des Fadens an der Nadel kann entweder mit einer Feder erfolgen, unter die der Faden geclipt wird, oder er wird nach Hausfrauenart durch das Nadelöhr ge­fädelt. Entsprechend unterscheidet man Federöhr- und Langlochnadeln. Sie sind im Gegensatz zu atraumatischen Nadeln wiederverwendbar.

Für eine bessere Gleitfähigkeit sind die Nadeln hochglanzpoliert und häufig mit einem Silikonüberzug ver­sehen. /