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Ganzheitliche Therapien

Den trägen Darm auf Trab bringen

28.06.2007
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Ganzheitliche Therapien

Den trägen Darm auf Trab bringen

Oliver Ploss, Ibbenbüren

Obwohl häufig anders dargestellt, ist die Obstipation keine Erkrankung, sondern ein Symptom. Schätzungsweise ein Fünftel der Erwachsenen leidet an chronischer Verstopfung. Dieses Problem belastet die Betroffenen meist enorm. Nicht nur der erschwerte meist schmerzhafte, seltene Stuhlgang stört ihr Wohlbefinden, sondern auch die Folgeerscheinungen der Darmträgheit wie Völlegefühl, Kopfschmerzenund Müdigkeit.

Werden ältere Menschen nach ihren Beschwerden gefragt, nennen sie häufig Verstopfung. Das ist nicht verwunderlich, denn viele Vorgänge laufen im Alter langsamer ab, zum Beispiel der Stoffwechsel, die Produktion von Verdauungssäften und die Aktivität der Darmmuskeln. Außerdem nehmen viele ältere Menschen regelmäßig Medikamente ein, zu deren Nebenwirkung die Verstopfung zählt. Beispiele für Arzneimittel, die zu einer Obstipation führen können, enthält der Kasten.

Neben Arzneimitteln fördern falsche Ernährung, mangelnde Bewegung, Stress und eine gestörte Darmflora die Verstopfung. Um eine kurzfristige Darmträgheit zu überwinden, reicht oft die Umstellung der Lebensgewohnheiten aus. Viele Fälle erfordern jedoch eine weitergehende Behandlung.

Mischbewegungen des Dünndarms

Während gemischte Kost den Magen nach durchschnittlich 4 Stunden verlässt, verweilt sie im Dünndarm mindestens 12 Stunden, denn hier finden die meisten Resorptionsprozesse statt. Bei der Peristaltik des Dünndarms unterscheidet man zwischen Misch- und Transportbewegungen. Während der Mischbewegungen schnürt sich die ringförmig angeordnete, glatte Dünndarmmuskulatur rhythmisch acht- bis zehnmal pro Minute tief greifend ein. Diese Segmentationen sorgen für eine ständige Durchmischung des Chymus mit den Verdauungssekreten der Leber und des Pankreas.

Kontraktionen der Längsmuskulatur des Dünndarms, die sogenannten Pendelbewegungen, transportieren den Darminhalt kontinuierlich in Richtung Darmausgang. Am Ende der Verdauungspassage wird dann der Dünndarminhalt schubförmlich in den Dickdarm entleert. Auch im Dickdarm vollziehen sich Misch- und Transportbewegungen, allerdings wesentlich langsamer als im Dünndarm. Hier startet vor allem die bakterielle Verdauung, die Resorption des Wassers und Synthese einiger Vitamine. Außerdem entstehen im Dickdarm die für den Kotgeruch typischen Stoffe Scatol und Indol.

Der letzte Darmabschnitt, das Rektum, ist normalerweise leer. Kräftige peristaltische Bewegungen schieben mehrmals am Tag den Darminhalt in den letzten Abschnitt. Nach seiner Füllung nimmt er die Form eines Gefäßes an. Die Dehnung dieses Abschnitts schließlich löst den Defäkationsreflex aus. Im Kleinkindalter lernt jeder die Stuhlentleerung noch zusätzlich zu forcieren, indem er die Bauchmuskulatur zusammenzieht. Allerdings sollte niemand die Bauchpresse überstrapazieren, denn das verlängert die Verweildauer des Kots im Dickdarm und führt langfristig zu einer atonisch bedingten Obstipation.

Vier Arten der Obstipation

Ärzte unterscheiden vier Arten der Obstipation: die organisch bedingte, die funktionell (atonisch) bedingte, die anorektale und die habituelle. Für Mediziner liegt eine Obstipation vor, wenn zwischen den Darmentleerungen mehr als drei Tage liegen. Ein gesunder Stuhl sollte hell- bis dunkelbraun sein, eine teigige Konsistenz aufweisen, nicht auffällig riechen, geformt sein, mit glatter Oberfläche und leicht glänzend, nicht kleben und wenig Toilettenpapier erfordern.

Eine organisch bedingte Obstipation entsteht, wenn eine Veränderung der Darmwand oder eine Geschwulst den Stuhlgang behindert. Die funktionell bedingte Obstipation tritt am häufigsten auf. Dabei reicht der intestinale Transportreiz nicht aus, und die Kolontransitzeit ist verlängert. Zu dieser Art der Verstopfung kommt es beispielsweise, wenn jemand seinen Stuhlgang dauerhaft unterdrückt. Da der Stuhl immer trockener, fester und weniger gleitfähig wird, ist die Stuhlentleerung mühsam und schmerzhaft. Die Betroffenen müssen mit den Bauchmuskeln einen stärkeren Pressdruck erzeugen. Trotz heftigen Pressens haben sie permanent das Gefühl, die Entleerung sei unvollständig beziehungsweise der Anus sei blockiert.

Aus dem Rhythmus gebracht

Die anorektale Obstipation beruht unter anderem auf Erkrankungen des Enddarms wie Analfissuren oder Hämorrhoiden, die die Ausscheidung stören. Die habituelle Obstipation tritt bei Menschen auf, die zu Verstopfung neigen, sobald sich ihre Lebensumstände ändern. Sie reagieren auf ungewohnte Kost oder Zeitverschiebung bei Reisen regelmäßig mit Obstipation. Kehren sie zu ihrer üblichen Lebensweise zurück, funktioniert die Verdauung wieder perfekt.

Auch Hektik im Alltag, Stress im Beruf oder in der Familie führen bei manchen Menschen zu Entleerungsstörungen. Ist ihr Rhythmus gestört, »vergisst« der Darm, wann seine Zeit zur Entleerung gekommen ist, wird träge und untätig. Des Weiteren spielt die Ernährung eine Rolle: So können zu viel Fleisch, Zucker und Weißmehlprodukte, zu wenig Obst, Vollkornprodukte und Flüssigkeit zu Verstopfung führen. Nicht zu vergessen: Verschiedene Arzneimittel wirken sich lähmend auf die Darmkontraktionen aus. Beispiele enthält der Kasten.

Beispiele für Arzneimittel, die zu einer Verstopfung führen können

  • Anthranoide
  • Antiemetika
  • trizyklische Antidepressiva
  • Antiepileptika
  • Diuretika
  • Mineralstoffe (Eisen, Calcium und aluminiumhaltige Antazida)
  • Morphin
  • Neuroleptika
  • Spasmolytika

Massage und Übungen

Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist der Bewegungsmangel. Zu wenig Bewegung lässt die Muskulatur erschaffen. Bei Menschen, die den ganzen Tag sitzen oder stehen, erhält auch die Bauchmuskulatur kaum noch Reize und verkümmert. Auch stark Übergewichtige haben häufig Schwierigkeiten mit der Darmentleerung, da bei ihnen Fettgewebe die Bauchmuskeln ersetzt. Sport- und Bewegungsmuffel können durch spezielle Übungen die Peristaltik unterstützen oder die Bauchmuskeln kräftigen.

Hilfreich ist das Massieren des Dickdarms: Dazu kreist eine Hand hufeisenförmig mit leichtem Druck auf der Bauchdecke – von rechts unten nach rechts oben, dann nach links oben und links unten, jeden Morgen etwa zehn Minuten lang, am besten vor dem Aufstehen. Wer seinen Stuhl entleeren möchte, kann außerdem zehnmal hintereinander das Bauchschnellen trainieren: Einatmen, dabei den Bauch einziehen, dann den Bauch ruckartig nach vorne schnellen lassen und dabei kräftig ausatmen.

Zur Kräftigung der Bauchmuskulatur eignet sich außerdem die isometrische Bauchpresse: Den Bauch kräftig einziehen, bis zehn zählen und danach langsam entspannen, am besten dreimal täglich mit bis zu fünf Wiederholungen. Wer im Liegen üben kann, sollte gleichzeitig die Oberschenkel mit locker herabhängenden Unterschenkeln so hoch wie möglich anziehen, kurz anhalten und langsam wieder zurück bewegen. Die Übung fünf- bis zehnmal wiederholen.

Eine gesunde Darmflora ist für die Entleerungsbewegungen des Dickdarms mitverantwortlich. In einem optimalen Milieu setzen Milchsäure- und Bifidobakterien rechtsdrehende Milchsäure frei, die die Darmbewegungen anregt. Bei Störungen der Darmflora gehen viele wichtige Funktionen verloren, und es kann sich eine chronische Verstopfung entwickeln oder verstärken.

Lebenswichtige Darmbakterien

Den Darm besiedeln ungefähr 400 verschiedene Bakterienarten (Aerobier und Anaerobier) in unterschiedlicher Menge und Zusammensetzung. Vom Magen bis zum Dickdarm nehmen Menge und Spektrum der Bakterien permanent zu. Die Art der mikrobiellen Darmbesiedlung wird vor allem durch die Ernährung.

Zu der obligaten Dickdarmflora gehören die aeroben, proteolytischen E.coli-Bakterien. Bei einer sehr eiweißreichen Ernährung erzeugen sie basische Stoffwechselendprodukte wie biogene Amine und Ammoniak, die das Dickdarmmilieu pathologisch alkalisieren und langfristig einer Pilzansiedlung Vorschub leisten.

Dagegen besiedeln die anaeroben, saccharolytischen Milsäurebakterien (Lactobazillen) sowohl den Dünn- als auch den Dickdarm. Ihr Wachstumsoptimum liegt bei einem pH-Wert unter 6. Sie führen zu sauren Stoffwechselendprodukten. Ebenfalls zu den anaeroben saccharolytischen Dünn- und Dickdarmbakterien gehören die Bifidoakterien. Ihr Anteil geht ab dem 60. Lebensjahr erheblich zurück. Ihr Wachstumsoptimum liegt bei einem pH-Wert zwischen 6 und 7. Auch diese Bakterien führen zu sauren Stoffwechselendprodukten.

Die lebenswichtigen Bakterien der Darmflora reagieren sehr empfindlich auf Änderungen des pH-Werts, beispielsweise durch Nahrungsmittel, Stress und Medikamente. Vor allem Antibiotika zerstören neben den Krankheitserregern auch einen Großteil der »normalen« Darmbakterien.

Naturheilkundlich orientierte Therapeuten behandeln diese Störung mit Probiotika und Präbiotika. Probiotika enthalten obligate Bakterien der Darmflora, beispielsweise Bifidobakterien und Lactobacillus acidophilus (wie in Bactisubtil® complex Kapseln). Die übliche Dosierung ist zweimal täglich 1 Kapsel. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann der Kapselinhalt in Wasser, Milch oder Säuglingsnahrung eingerührt werden, die nicht wärmer als 37 °C sein dürfen.

Als Präbiotikum setzen Naturheilkundler Inulin ein. Es fördert das Wachstum der erwünschten Bifidobakterien und Lactobazillen, verbessert damit die Transportreize im Dickdarm und erleichtert die Aufnahme von Elektrolyten.

Laxanzien im Einsatz

Dauerhaft immobile, bettlägerige Patienten benötigen eine schonende und wirksame Behandlung ihrer Obstipation. Dasselbe gilt für Menschen, die durch einen Unfall oder eine Operation vorübergehend im Bett liegen müssen. Die Auswahl an Arzneimitteln zur Behandlung einer chronischen Obstipation ist groß. Sie reicht von Suppositorien und Klysmen mit Glycerin über Ballaststoff- beziehungsweise Quellstoffpräparate, osmotisch wirkende Laxanzien wie Mannitol, Sorbitol oder Bittersalz bis hin zu Darmstimmulanzien wie Bisacodyl, Natriumpicosulfat und Anthrachinondrogen. Einen großen Nutzen zur Unterstützung der Darmtätigkeit und Darmentleerung haben Substanzen mit einer hohen Wasserbindungsfähigkeit wie Macrogol (zum Beispiel in Laxantan® Granulat, Movicol® Pulver und Macrogol Stada Pulver). Indem sie das Wasser im Darm binden, erreichen diese Substanzen, dass sich das Stuhlvolumen erhöht, die Darmbeweglichkeit steigt und so ein Entleerungsreiz zustande kommt. Macrogol wird nicht vom Körper aufgenommen und verändert auch nicht den Elektrolythaushalt. Die Wirkung setzt 24 bis 48 Stunden nach der ersten Einnahme ein. Üblicherweise lösen die Patienten ein- bis zweimal täglich einen Beutel in einem Glas Wasser auf. Die Einnahme kann unabhängig von den Mahlzeiten und der Tageszeit erfolgen. Macrogole sind gut verträglich, es treten kein Gewöhnungseffekt und kein Wirkungsverlust nach mehrmaliger Anwendung auf. Daher gehören Macrogole heute zur Standardtherapie der chronischen Obstipation, besonders bei Senioren.

 

Anschrift des Verfassers:
Dr. Oliver Ploss, Heilpraktiker und Apotheker
Unterer Markt 8
49477 Ibbenbüren