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Wechseljahre

Für jede Frau eine Lösung finden

29.06.2007  20:30 Uhr

Wechseljahre

Für jede Frau eine Lösung finden

Annette van Gessel, Hamburg

In Deutschland befinden sich derzeit schätzungsweise 10 Millionen Frauen im Klimakterium. Für etwa 15 Prozent verläuft diese Lebensphase völlig symptomfrei. Die übrigen Frauen leiden während der hormonellen Umstellung zu je einem Drittel unter schwachen, mittelstarken oder starken Beschwerden. Über die verschiedenen Therapieoptionen referierte Apothekerin Katrin Bosse-Bringewatt auf dem PTA-Kongress anlässlich der Interpharm in Hamburg.

Laut Definition beginnt das Klimakterium mit der letzten ovar-gesteuerten uterinen Blutung. Die meisten deutschen Frauen haben im 51. oder 52. Lebensjahr ihre letzte Menstruation. Die hormonelle Situation der Frauen verändert sich langsam, so dass die dadurch bedingten Beschwerden etwa zwischen vier bis fünf Jahre anhalten. Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass Rauchen, hoher Alkoholkonsum und Übergewicht die Symptome noch verstärkten, informierte die Apothekerin.

Die ersten Wechseljahresbeschwerden sind durch den sinkenden Progesteronspiegel bedingt. Sie ähneln den Symptomen des Prämenstruellen Syndroms (PMS). Relativ neu ist die Erkenntnis, dass der Estrogenabfall in dem Geschehen zwar eine wichtige Rolle spielt, jedoch nicht alle klimakterischen Beschwerden verursacht.

Bei manchen Frauen treten bereits in der Prämenopause erste psychovegetative Störungen wie Hitzewallungen und Schlafprobleme auf. Etwa 80 Prozent der Frauen, die unter Symptomen leiden, haben Hitzewallungen. Daher gelten diese als das Leitsymptom der klimakterischen Beschwerden. In der Phase der Postmenopause, das heißt circa drei bis fünf Jahre nach der Menopause, zeigen sich bei den Frauen die ersten organisch-metabolischen Veränderungen. Beispielsweise nimmt die Hautdicke und -feuchtigkeit ab, die Haare wachsen langsamer, und das Bindegewebe erschlafft, sowohl oberflächlich als auch vaginal. Bei manchen Frauen kommt es zu einem Uterusvorfall, zu unkontrolliertem Harnabgang oder sogar zu Inkontinenz.

Estrogenersatz in Frage gestellt

Lange Jahre verordneten Frauenärzte ihren Patientinnen Estrogenpräparate gegen die Wechseljahresbeschwerden. Seit den Ergebnissen der WHI-Studie ist die generelle Estrogensubstitution jedoch in Verruf geraten. Seitdem ist unbestritten, dass Estrogen das Tumorwachstum fördert. Ob das Hormon sogar Tumore auslöst, ist allerdings noch unklar. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) empfiehlt: Die Estrogensubstitution ist angebracht bei starken psychovegetativen und urogenitalen Wechseljahresbeschwerden. Und weiter: Die Estrogendosis sollte so niedrig wie möglich und die Therapie so kurz wie nötig sein. Vor der Behandlung sollte der Arzt eine ausgiebige Familienanamnese vornehmen und in deren Verlauf die Frauen mindestens einmal jährlich gründlich untersuchen.

Hilfe aus der Natur

Zur Behandlung von Schlafstörungen böten sich Baldrian-, Hopfen-, Melisse- und Passionsblumen-Präparate an, so Bosse-Bringewatt. Johanniskraut eigne sich bei Frauen mit ausgeprägten psychischen Beschwerden. Mönchspfeffer/Keuschlamm sei Mittel der Wahl bei PMS-ähnlicher Symptomatik und daher nur bei den ersten Wechseljahresbeschwerden geeignet, informierte die Expertin.

Bei der Suche nach weiteren potenten Phytopharmaka beobachteten Wissenschaftler, dass Asiatinnen weniger unter Wechseljahresbeschwerden leiden als ihre Geschlechtsgenossinnen in der restlichen Welt. Weil Soja bei der Ernährung der asiatischen Frauen eine große Rolle spielt, führten die Forscher die Unterschiede auf die Isoflavone im Soja zurück. Der Begriff Isoflavone bezeichnet eine ganze Substanzgruppe, zu der Genistein, Daidzein, Formononetin und Biochanin A gehören. In ihrer chemischen Struktur ähneln die Isoflavone dem 17-beta-Estradiol und werden daher auch als Phyto-Estrogene bezeichnet. In diesem Zusammenhang wies Bosse-Bringewatt darauf hin, dass es für das Verständnis der Estrogenwirkung wichtig sei, die zwei Rezeptor-Isoformen für Estrogen, die Alpha- und die Beta-Rezeptoren, zu unterscheiden. Alpha-Rezeptoren fänden sich unter anderem in den Reproduktionsorganen und in der Brust, Beta-Rezeptoren im Gehirn und in den Knochen.

Das Isoflavon Genistein docke zwar gleichermaßen an Alpha- und Beta-Estrogen-Rezeptoren an. Bei einem hohen körpereigenen Estrogenspiegel binde es mehr an Beta-Rezeptoren.

Bei den Soja-Isoflavonen wurden positive Effekte auf die LDL- und Triglyceridkonzentrationen im Blut beobachtet sowie eine leichte Zunahme der Knochendichte. Bezüglich der Hitzewallungen lägen widersprüchliche Ergebnisse vor.

»Um Isoflavone generell zu empfehlen, ist die Studienlage unzureichend«, so Bosse-Bringewatt. Die Referentin erwähnte eine Untersuchung, die 2003 in der Fachpresse veröffentlicht wurde. In dieser Studie beschleunigten Isoflavone das Wachstum von humanen Brustkrebszellen.

Ebenso gilt als erwiesen, dass Isoflavone Tamoxifen-antagonistisches Potenzial besitzen, das heißt: Nehmen Frauen gleichzeitig Tamoxifen ein, ist die Wirkung dieser Arzneisubstanz abgeschwächt. »In der Konsequenz lautet die Empfehlung: Isoflavone sind kontraindiziert bei Frauen, bei denen Brustkrebs diagnostiziert wurde«, folgerte die Apothekerin.

Wirkung auf beide Rezeptoren

Die Traubensilberkerze, Cimicifuga racemosa, gehört zu den so genannten Phyto-SERMs (SERM = Selektiver Estrogen-Rezeptor-Modulator). Arzneilich verwendet wird das Rhizom. Arzneipflanzenforscher wissen immer noch nicht, ob die Wirkung der Traubensilberkerze nur auf einen einzigen Inhaltststoff zurückzuführen ist.

Phyto-SERMs wirken unabhängig vom hormonellen Status der Frau Estrogen-agonistisch am Beta-Rezeptor und -antagonistisch am Alpha-Rezeptor. Es gilt als sicher, dass keine Proliferation des Endometriums oder des Brustgewebes stattfindet. Die meisten Frauen begrüßen die positiven Effekte der Substanzen auf das ZNS: Phyto-SERMs wirken stimmungsaufhellend, wahrscheinlich aufgrund eines dopaminergen Angriffs.

Derzeit sind in Deutschland 19 Präparate mit Cimicifuga-Extrakten auf dem Markt, deren Extrakte unterschiedlich hergestellt werden. Laut ESCOP-Monographie ist es für die Wirkung des Phytopharmakons unerheblich, ob als Extraktionsmittel Isopropanol oder Ethanol verwendet wurde.

Für die Langzeittherapie geeignet

Alle Präparate sind gut wirksam bei klimakterischen Beschwerden, besonders bei Hitzewallungen. Erste Effekte zeigen sich zwei bis vier Wochen nach Therapiebeginn, die Hauptwirkung erst nach zwei bis drei Monaten. Cimicifuga-Extrakte sind sehr gut verträglich, Wechselwirkungen sind nicht bekannt. »Die dauerhafte Anwendung ist möglich, obwohl im Pflichttext steht: nicht länger als drei Monate ohne ärztlichen Rat einnehmen«, informierte Bosse-Bringewatt. »Damit sollen die Frauen ermahnt werden: Bitte vergessen Sie die Vorsorgeuntersuchungen nicht!«

Die Studienlage zu Traubensilberkerze sei sehr gut. Da nur mit isopropanolischen Extrakten Studien durchgeführt wurden, steht die Information, dass auch solche Frauen das Präparat einnehmen dürfen, bei denen eine Hormonersatztherapie kontraindiziert ist, nur in den Beipackzetteln der Präparate mit Isopropanol als Extraktionsmittel. Bei den ethanolischen Auszügen fehlt diese Information. Traubensilberkerzen-Präparate besitzen Tamoxifen-agonistisches Potenzial, das heißt: Sie verstärken dessen Wirkung. Außerdem wurde die relative Zunahme der Knochendichte unter Phyto-SERM-Therapie beobachtet.

Sinnvolle Zusatzverkäufe

Das Schwitzen könnten Salbei-Präparate, sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet, unterdrücken, empfahl die Apothekerin. Zur Hautpflege eignen sich Harnstoff-haltige Externa, bei den Sonnenschutzmitteln sind Produkte mit einem hohen UV-Schutz empfehlenswert. Gegen die Scheidentrockenheit helfen Gleitgele und Vaginalsuppositorien. Zur Knochengesundheit tragen Calcium- und Vitamin-D-Präparate bei. »Eine wichtige allgemeine Maßnahme ist die Veränderung der inneren Einstellung«, ergänzte die Referentin.