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Beratung bei Diabetes

Blutzucker-Management mit Sulfonylharnstoffen

28.06.2008
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Beratung bei Diabetes

Blutzucker-Management mit Sulfonylharnstoffen 

Anna Laven und Birgit Carl, Aachen

Typ-2-Diabetiker müssen zuerst versuchen, ihren Blutzuckerspiegel mit Ernährungs- und Bewegungstherapie zu normalisieren. Therapieziel ist ein HbA1c-Wert von unter 7 Prozent. Gelingt das nicht, kommen Medikamente zum Einsatz. Wenn ein normal- bis übergewichtiger Patient kein Metformin verträgt, erhält er Sulfonylharnstoffe. Glibenclamid und Glimepirid sind die beiden am häufigsten verordneten Substanzen aus dieser Gruppe.

Sulfonylharnstoffe der ersten Generation wie Tolbutamid setzen Ärzte heute nicht mehr ein. Glibenclamid, Gliclazid und Gliquidon gehören zur Gruppe der Sulfonylharnstoffe der zweiten, Glimepirid zu der dritten Generation. Alle Arzneistoffe stimulieren die Insulinsekretion aus den Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse. Sie wirken nur, wenn der Körper in der Lage ist, selbst noch Insulin zu bilden – das bedeutet, dass sie ausschließlich bei Typ-2-Diabetikern zum Einsatz kommen. 

Sulfonylharnstoffe erhöhen den Insulinspiegel. Damit wird mehr Glucose aus dem Blut in die Muskulatur und in das Fettgewebe transportiert, der Blutzuckerspiegel sinkt. Der Körper reagiert auf höhere Insulinkonzentrationen mit mehr Hunger. Als wichtige Nebenwirkung kann es daher zu einer unerwünschten Gewichtszunahme kommen. Sulfonylharnstoffe können aber auch Hypoglykämien auslösen.

Diabetologen kombinieren Glibenclamid häufig mit Metformin, alfa-Glucosidaseinhibitoren, Glitazonen oder auch mit Insulin, um den Blutzuckerspiegel optimal einzustellen. Glimepirid kann der Arzt derzeit nur mit Metformin oder mit Insulin gemeinsam einsetzen. 

Schon während der Mahlzeit muss der Wirkstoffspiegel des Sulfonylharnstoffs ausreichend hoch sein, damit das Insulin aus der Bauchspeicheldrüse die aufgenommenen Kohlenhydrate optimal verstoffwechseln kann. Deshalb muss der Diabetiker die Tablette meist fünfzehn bis dreißig Minuten vor dem Essen einnehmen. Nimmt er sie erst während der Mahlzeit ein, ist die Aufnahme verzögert, und es kommt zu Blutzuckerspitzen. So können als Spätfolge zum Beispiel Gefäßschäden entstehen, obwohl der Patient seine Tabletten immer regelmäßig eingenommen hat. Bei Glimepirid und Gliclazid ist dieser Effekt nicht so stark ausgeprägt. Diese beiden Wirkstoffe kann der Patient deshalb unmittelbar vor oder während der Mahlzeit nehmen.

Grundsätzlich gilt, dass die Patienten Sulfonylharnstoffe vor oder während der ersten Hauptmahlzeit des Tages – also meistens vor oder während des Frühstücks – einnehmen sollen. Die Tabelle enthält eine Übersicht über die empfohlenen Einnahmezeitpunkte.

Günstige Einnahmezeitpunkte von oralen Antidiabetika

Wirkstoff Anfangsdosis (in mg) Empfohlene Höchstdosis (in mg) Einnahmeempfehlung
Glibenclamid (diverse Handelspräparate) 1,75 - 3,5 10,5, verteilt 2 - 0 - 1 15 - 30 Minuten vor der Mahlzeit
Glimepirid (wie Amaryl®) 1 6 unmittelbar vor oder während der ersten Hauptmahlzeit
Gliclazid (Diamicron uno®) 40 120 zum Frühstück
Gliquidon (Glurenorm®) 15 (1/2 Tablette) 120, verteilt 2 - 1 - 0 vor der Mahlzeit, d. h. vor dem Frühstück

Größte Gefahr: Unterzuckerung

Wer ein Sulfonylharnstoff-Präparate einnimmt, muss sich an seinen vorgegebenen Essplan halten. In der Konsequenz darf der Patient keine Mahlzeit weglassen oder zeitlich verschieben, sobald er seine Tablette genommen hat. Sonst kann es zu einer Hypoglykämie kommen. Leidet er beispielsweise unter einem Magen-Darm-Infekt und verträgt kein Essen, darf er auch das Sulfonylharnstoff-Präparat nicht einnehmen. PTA oder Apotheker sollten deshalb Typ-2-Diabetikern während solcher speziellen Phasen, beispielsweise für die Dauer einer Infektionskrankheit, immer die engmaschige Überwachung des Blutzuckers empfehlen. 

Sollte der Patient die Einnahme einer Tablette vergessen haben, kann er die ausgelassene Dosis bis zu einer Stunde nach der Mahlzeit nachträglich einnehmen. Auf keinen Fall darf er sie mit der nächsten Tablette nachholen.

Für Personen mit einer schlechten Compliance ist die Therapie mit Sulfonylharnstoffen nicht sinnvoll: Wer nur unregelmäßig isst oder unzuverlässig seine Tabletten nimmt, erhöht damit deutlich die Gefahr von Hypoglykämien. Auch bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion oder bei der Anwendung lang wirksamer Sulfonylharnstoffe wie Glibenclamid ist die Gefahr einer Unterzuckerung besonders hoch. 

Hypoglykämie früh bemerken 

Diabetiker und ihre Angehörigen müssen die Zeichen für eine Unterzuckerung sicher erkennen. Die wichtigsten Anzeichen sind:

  • tagsüber: Heißhunger, schlechte Konzentrationsfähigkeit, Herzrasen und -klopfen, Verwirrtheit, Sehen von Doppelbildern, Zittern, Blässe, Kribbeln im Mundbereich, kalter Schweiß, plötzliche Müdigkeit
  • nachts: Alb- und Angstträume, Kopfschmerzen (auch am nächsten Morgen), schweißgebadetes Erwachen. Der Schlafpartner bemerkt: Unruhe oder verstärktes Schnarchen, Durchschlafen bei sonst vorliegenden Schlafstörungen

Übrigens: Unterzuckerungen bei Diabetikern, die mit oralen Antidiabetika behandelt werden, sind häufig. Hier treten schwere Hypoglykämien mit Werten unter 45 mg/dl (2,5 mmol/l) durchschnittlich alle 3 Jahre einmal auf. Damit liegt die Rate fast genauso hoch wie bei Patienten mit intensivierter konventioneller Insulintherapie »ICT« (alle 1,5 bis 3 Jahre) und deutlich höher als bei Patienten mit konventioneller Insulintherapie »CT« (alle 5 Jahre). Darüber hinaus sterben doppelt so viele mit Tabletten behandelte Diabetiker an einer Unterzuckerung wie Patienten, die Insulin spritzen. Diese Zahlen machen deutlich, welche wichtige Aufgabe PTA und Apothekern zukommt. Ihre gute Beratung kann dazu beitragen, Leben zu retten.

Grundsätzlich gilt bei einem Verdacht auf Unterzuckerung: erst essen – dann messen. Der Zustand des Diabetikers kann sich sehr schnell verschlechtern, so dass er innerhalb von Minuten nicht mehr selbst in der Lage ist, angemessen zu reagieren.

Unterzuckerung richtig behandeln

Erste Maßnahme bei Patienten, die bei Bewusstsein sind, ist die Zufuhr von zwei bis drei Broteinheiten (BE) schnell resorbierbarer Kohlenhydrate. Diese steigern den Blutzucker pro BE um etwa 40 mg/dl (2,2 mmol/l). Am besten geeignet sind Kohlenhydrate in flüssiger oder gelartiger Form, da der Körper diese schneller aufnimmt. Je kleiner die Zuckermoleküle sind, desto rascher werden sie resorbiert. Glucose (Traubenzucker) eignet sich daher besser als Saccharose (Haushaltszucker), weil diese erst noch aufgespalten werden muss. Stärke als Polysaccharid hebt den Blutzuckerspiegel am langsamsten an.

Geeignete flüssige beziehungsweise gelartige Fertigpräparate sind Carerro® (2 Beutel = 2 BE) und Jubin® (1 Tube = 2,6 BE). Dextro Energy® (5 Täfelchen = 2 BE) oder Traubenzucker aus der Rolle (12 Stück = 2 BE) können zur schnelleren Resorption in Wasser aufgelöst und dann die Lösung getrunken werden. Auch 240 ml, also fast ein viertel Liter, Cola (normal, nicht light!!), Limonade, Apfel-, Orangen- oder Multivitaminsaft enthalten 2 BE. Dagegen verzögert der hohe Fett- oder Eiweißgehalt in Schokoriegeln, Speiseeis oder Milchprodukten die Resorption zu sehr. Sie sind deshalb zur Beseitigung einer Hypoglykämie kaum geeignet. Hat der Diabetiker seinem Körper genügend Glucose zugeführt, kann er anschließend in Ruhe seinen Blutzuckerspiegel messen. 

Meistens reicht die Aufnahme schnell verfügbarer Kohlenhydrate nicht aus, um den Blutzuckerspiegel zu normalisieren. Deshalb muss der Diabetiker im zweiten Schritt langsam resorbierbare Kohlenhydrate zu sich nehmen. Geeignet sind stärkehaltige Lebensmittel wie Brot, Kartoffeln und Reis. 

Die Gefahr, nach einer Unterzuckerung noch weitere zu erleiden, bleibt bei Diabetikern unter Sulfonylharnstoff-Therapie eine Zeit lang bestehen. Deshalb muss der Patient mindestens 12 Stunden danach häufiger seinen Blutzucker messen. Außerdem sollte der Arzt abklären, warum es zu der Unterzuckerung gekommen ist. Ist die Ursache unklar oder besteht die Möglichkeit der Kumulation des Wirkstoffs durch eine Niereninsuffizienz, dann überweist er den Patienten in eine Klinik, damit dort stationär die Gründe für die Unterzuckerung geklärt werden. 

Nebenwirkungen der Haut

Beobachtet der Diabetiker Hautreaktionen unter der Therapie mit Sulfonylharnstoffen, sollte er unbedingt seinen Arzt verständigen. Hautausschläge können auf eine vorübergehende Überempfindlichkeit hinweisen, sehr selten kann sich aber auch eine lebensbedrohende allergische Reaktion mit Atemnot und Schock entwickeln.

Sulfonylharnstoffe sind strukturell eng verwandt mit den Sulfonamiden. Deshalb dürfen Diabetiker, die auf Sulfon-amid-Diuretika, Sulfonamid-Antibiotika wie Clotrimoxazol oder auf das Urikosurikum Probenecid allergisch reagieren, wegen einer möglichen Kreuzallergie keine Sulfonylharnstoffe einnehmen. 

PTA oder Apotheker sollten Patienten, die ein Sulfonylharnstoff-Präparat zum ersten Mal verordnet bekommen, einige wichtige Hinweise zur Dosierung und zu möglichen Nebenwirkungen geben. Ergänzen können sie diese beiden Informationen durch einen spezifischen Arzneimittelhinweis. Der Kasten enthält am Beispiel von Glibenclamid einen Vorschlag für die Beratung.

Beratungstrio nach Laven

Der Patient reicht ein Rezept mit Glibenclamid-Tabletten ein. Als Dosierung hat der Arzt angegeben: 1 x 1 Tablette morgens.

1. Nehmen Sie Ihre Tablette immer unzerkaut mit 200 ml Wasser 15 bis 30 Minuten vor Ihrem Frühstück. Sollten Sie nicht frühstücken können, lassen Sie bitte auch die Tablette weg. Nehmen Sie die Tablette dann 15 bis 30 Minuten vor der nächsten Hauptmahlzeit, zum Beispiel dem Mittagessen, ein. Wichtig ist, dass Sie danach regelmäßig essen, zum Beispiel nachmittags eine Zwischenmahlzeit, zu Abend und noch eine Spätmahlzeit. Sollten Sie eine Tablette vergessen haben, dürfen Sie die Einnahme bis maximal eine Stunde nach der Mahlzeit nachholen. Sonst lassen Sie die Tablette bitte weg.

2. Ganz selten kann es passieren, dass durch die Tablette Ihr Blutzucker zu stark sinkt. Meistens äußert sich dieses durch Heißhunger, Zittern, Schwitzen oder Herzrasen. Dann ist es wichtig, dass Sie nach einem vorgegebenen Plan Traubenzucker einnehmen. Hat der Arzt Ihnen erklärt, wie Sie im Fall der Fälle vorgehen müssen?

3. Gerade jetzt ist es wichtig, auf Ihr Gewicht zu achten. Sorgen Sie dafür, dass Sie Ihr Gewicht halten oder am besten reduzieren. Zusammen mit guten Zuckerwerten schützen Sie so Ihren Körper, und Sie sind noch lange fit.

 

 

E-Mail-Adresse der Verfasserinnen:
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