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Schwangerschaft

Dem Diabetes Einhaltgebieten

28.06.2008
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Schwangerschaft

Dem Diabetes Einhalt gebieten 

Brigitte M. Gensthaler, München

Immer mehr Frauen sind schon in jungen Jahren zu dick. Das zeigt sich auch bei den Schwangeren. Jede fünfte Frau in Deutschland hat zu Beginn der Schwangerschaft einen BMI zwischen 25 und 30, ist also übergewichtig. Und jede zehnte ist mit einem Body-Mass-Index über 30 sogar fettsüchtig (adipös). Damit steigt das Risiko für einen Diabetes in der Schwangerschaft. Mit angepasster Ernährung, viel Bewegung und regelmäßiger Blutzucker-Selbstkontrolle bekommen neun von zehn Frauen die Erkrankung ohne Medikamente in den Griff. 

"Je höher der BMI vor der Schwangerschaft ist, umso höher ist das Risiko für einen Gestationsdiabetes«, warnte die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Ulrike Amann-Gassner bei der Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft Anfang Mai in München. Ärzte bezeichnen damit eine Zuckerstoffwechselstörung, die erstmals in der Schwangerschaft bemerkt wird. Dies kann ein Diabetes Typ 1 oder 2 sein, der schon vor der Empfängnis bestand, aber nicht bekannt war, oder ein in der Gravidität neu aufgetretener Diabetes. Auch Frauen ab 35 sowie Frauen, deren Glucosestoffwechsel bereits in einer früheren Schwangerschaft gestört war, haben ein erhöhtes Risiko. In jedem Fall gehört der Gestationsdiabetes mellitus (GDM) zu den schwersten medizinischen Problemen in der Schwangerschaft.

In den deutschen Mutterschaftsrichtlinien ist jedoch bislang kein generelles Diabetesscreening vorgesehen. Die Krankenkassen bezahlen den oralen Glucosetoleranztest (oGTT; siehe Kasten) derzeit nur bei besonders gefährdeten Frauen. Die Zahl der Schwangeren, bei denen Diabetes nicht erkannt wird, dürfte daher hoch sein. Fachleute vermuten, dass 5 bis 10 Prozent der Frauen betroffen sind.

Was ist der oGTT?

Der orale Glucose-Toleranztest (oGTT) beginnt meist morgens in der Arztpraxis. Acht Stunden vor dem Test muss die Schwangere nüchtern bleiben. Davor darf sie essen und trinken wie gewohnt und soll keine Diät halten. In der Praxis muss die Frau dann 300 ml wässrige Lösung mit 75 g Traubenzucker (Glucose) trinken (75-g-oGTT) und dann zwei Stunden warten. Der Arzt misst den Blutzucker vor dem Test (nüchtern) sowie eine und zwei Stunden nach dem Trinken der Testlösung. Ein Schwangerschaftsdiabetes liegt vor, wenn mindestens zwei von drei definierten Grenzwerten erreicht oder überschritten sind. Liegt nur ein Wert über den angegebenen Grenzen, so liegt eine eingeschränkte Zuckertoleranz vor. Diese wird wie ein GDM behandelt. 

 

Übergewicht und GDM haben weitreichende Folgen. Die Frauen bringen häufig Kinder über 4 kg zur Welt. Dies erschwert die Geburt oder erfordert sogar oft einen Kaiserschnitt, auch steigt die Fehlbildungsrate. Außerdem scheinen die Ernährungsweise und das Stoffwechselmilieu der Mutter das Ungeborene zu prägen: Schwere Säuglinge haben im Erwachsenenalter ein höheres Risiko, selbst übergewichtig zu werden und Diabetes zu entwickeln. Die Experten sprechen von »fetaler Programmierung«. Nicht zuletzt erkranken Frauen mit GDM später häufiger selbst an Diabetes, obwohl ein GDM meist innerhalb weniger Tage nach der Geburt verschwindet. Jeden Verdacht auf eine Stoffwechselstörung sollen Schwangere sofort mit ihrem Arzt besprechen, der gegebenenfalls einen oGTT veranlasst, riet Amann-Gassner. 

Doch nicht nur ein GDM, sondern auch moderat erhöhte Blutzuckerwerte der Mutter gefährden das Ungeborene, zeigte kürzlich das »Hyperglycemia and Adverse Pregnancy Outcome«-Projekt (HAPO). In der großen amerikanischen Studie mit mehr als 23000 gesunden Schwangeren hatte nur die Hälfte vollkommen normale Blutzuckerwerte, erklärte Studienleiter Professor Dr. Boyd E. Metzger, Chicago, beim Diabetes-Kongress in München. »Es gab einen klaren Zusammenhang zwischen der mütterlichen Blutglucose und Geburtskomplikationen. Das Risiko für das Kind steigt bereits bei moderat erhöhten und nicht erst bei krankhaften Zuckerwerten.«

Mit Normalgewicht starten

In der Schwangerschaft sollen Frauen für zwei essen, hieß es noch vor wenigen Jahrzehnten. Doch diese Regel war in Notzeiten sicher richtig, heute gilt sie längst nicht mehr. Normalgewichtige Frauen nehmen in der Schwangerschaft durchschnittlich 15 kg zu. Dies berichtete die Ernährungswissenschaftlerin in München. Dicke Schwangere sollten maximal 11,5 kg zunehmen. Nach einer Studie aus dem letzten Jahr sollten Frauen mit einem BMI von 35 bis 40 nur höchstens 4,5 kg zulegen und noch stärkere Frauen in der Schwangerschaft sogar bis zu 4,5 kg abnehmen. 

Wichtiger als die Kalorienzufuhr sei die ausreichende Aufnahme von hochwertigen Nährstoffen und Vitaminen, so Amann-Gassner. Die Kalorienzufuhr einer gesunden Schwangeren sollte täglich zwischen 1900 und 2200 kcal liegen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät Frauen, ab dem 4. Schwangerschaftsmonat täglich 250 bis 300 kcal zusätzlich aufzunehmen. Das ist nicht viel: ein Käsebrot oder ein Joghurt mit Müsli und Obst. Der Fettanteil sollte bei 30 bis 35 Energieprozent liegen; hochwertige pflanzliche Öle sind besonders günstig. Förderlich für die geistige Entwicklung und das Sehvermögen des Babys seien Omega-3-Fettsäuren, zum Beispiel aus fettem Seefisch, sagte die Ernährungsexpertin. 15 bis 25 Prozent der Energie sollten von Proteinen stammen, zum Beispiel aus fettarmem Fleisch oder Fisch sowie Vollkorn. Der Kohlenhydratanteil sollte bei 40 bis 55 Energieprozent, mindestens bei 175 g oder 15 Broteinheiten (BE) pro Tag, liegen.

Amann-Gassner empfahl Schwangeren mit einem BMI ab 30 die vorsichtige Kalorienreduktion auf 1600 bis 1800 kcal/Tag. Lebensmittel mit niedriger Energiedichte seien günstig, da sie satt, aber nicht dick machten. Fastenkuren und Crash-Diäten verbieten sich in der Schwangerschaft von selbst. Bei weniger als 1600 kcal täglich steigt die Gefahr, dass bei der Verstoffwechselung toxische Ketonkörper entstünden, die möglicherweise das Ungeborene gefährden, warnte die Referentin. 

Auch bei einer ausgewogenen Ernährung empfahl Amann-Gassner, Iodid in Tablettenform (150 bis 250 µg) zu ergänzen. »Folsäure sollte jede Frau mit Kinderwunsch schon vor der Empfängnis nehmen und zwar 400 µg pro Tag.« Dagegen seien Eisen- und Magnesiumpräparate nur angezeigt, wenn die Frau an typischen Beschwerden leidet und der Arzt einen Mangel festgestellt hat. So helfe Magnesium bei nächtlichen Wadenkrämpfen ab dem zweiten Trimenon und Eisen bei Müdigkeit und Abgeschlagenheit durch zu niedrige Hämoglobin-Werte. 

Es geht auch ohne Insulin

Ist ein GDM erkannt, stehen Ernährungstherapie und mehr Bewegung im Vordergrund. »Neun von zehn Frauen erreichen damit normale Blutzuckerspiegel und müssen kein Insulin spritzen«, betonte die Ökotrophologin. Wichtig ist, dass die Frauen mehrmals täglich ihren Blutzucker kontrollieren (nüchtern sowie eine bis zwei Stunden nach jeder Hauptmahlzeit) und wöchentlich ihr Gewicht prüfen. Nur wenn sich der Blutzucker trotz konsequenter Ernährungs- und Bewegungstherapie nach 14 Tagen nicht normalisiert hat (Tabelle) oder stark schwankt, braucht die Frau Insulin. Orale Antidiabetika sind in der Schwangerschaft fehl am Platz. Die niedermolekularen Wirkstoffe aus Tabletten können über die Plazenta beim Feten eine Unterzuckerung auslösen. 

Blutzucker-Zielwerte bei Frauen mit Gestationsdiabetes

Messzeitpunkt Kapilläres Vollblut*
mg/dl mmol/l
nüchtern unter 90 unter 95
eine Stunde nach einer Mahlzeit unter 140 unter 7,8
zwei Stunden nach einer Mahlzeit unter 120 unter 6,7

*) kapilläres Vollblut: Blut wird aus Fingerbeere oder Ohrläppchen entnommen.

Für an Gestationsdiabetes erkrankte Schwangere gelten ähnliche Ernährungsregeln wie für normalgewichtige gesunde Schwangere. Den Kohlenhydratanteil von 40 bis 55 Energieprozent soll die Frau über den Tag verteilen. Da der Blutzucker nach dem Frühstück besonders stark ansteigt, sollte sie den größeren Anteil der kohlenhydrathaltigen Nahrungsmittel mittags oder abends essen. Neben den drei Hauptmahlzeiten haben sich zwei bis drei Zwischenmahlzeiten bewährt. Lebensmittel mit hohem Ballaststoffanteil sind günstig. Auf zuckerreiches Obst sollte die Schwangere abends verzichten. 

Ausreichende Bewegung gehört immer zum Therapieprogramm dazu. In Absprache mit dem Gynäkologen könne eine Frau auch Sport treiben, sagte Amann-Gassner im Gespräch mit PTA-Forum. Leichte Betätigung wie Rad fahren, Schwimmen und Spazierengehen (10 000 Schritte pro Tag) trage dazu bei, den Stoffwechsel zu normalisieren. 

In der Schwangerschaft lässt sich manche Frau leichter zu gesundheitsbewusstem Verhalten motivieren, da sie ihrem Baby die besten Startchancen geben will. Diese Chance kann das Apothekenteam nutzen und die Frauen gezielt beraten, wie sie dem Diabetes vorbeugen oder Einhalt gebieten können.

 

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de