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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Juni 2008

28.06.2008
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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Juni 2008 

Sven Siebenand, Eschborn

Drei neue Arzneistoffe kamen im Juni auf den deutschen Markt. Darunter Ambrisentan gegen Lungenhochdruck und das Glaukommittel Tafluprost. Wirkstoff Nummer drei, das Neuroleptikum Droperidol, ist kein echter Neuling. Bis 2001 wurde es hierzulande vermarktet, danach verschwand es vom Markt. Nun erlebt der Arzneistoff ein Comeback als Mittel gegen postoperative Übelkeit und Erbrechen.#

Oftmals wird Lungenhochdruck, die sogenannte pulmonale arterielle Hypertonie (PAH), viel zu spät erkannt. Der Grund: Die Beschwerden wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit sowie mangelnde Belastbarkeit und Atemnot sind eher unspezifisch. Bei Gesunden herrscht im Lungenkreislauf normalerweise nur ein geringer Druck von etwa 14 mmHg. Wenn der mittlere Druck in den Lungenarterien in Ruhe über 25 mmHg und bei Belastung über 30mHg steigt, sprechen Mediziner von einer PAH. Durch den hohen Druck kann in der Lunge weniger Sauerstoff in das Blut übertreten, sodass körperliche Aktivitäten jeder Art erschwert sind. Anders als noch vor wenigen Jahren ist die Lungentransplantation heute nicht mehr die einzige Hoffnung für Betroffene. Mit der Einführung von Substanzen wie Sildenafil, Bosentan und Prostanoiden können viele Patienten jetzt wirksam behandelt werden.

Ambrisentan

Im Juni ist mit Ambrisentan (Volibris® 5-mg-/10-mg-Filmtabletten, GlaxoSmith Kline) ein weiterer Arzneistoff zur Therapie der PAH auf den Markt gekommen. Zugelassen ist die Substanz für Patienten mit leicht bis erheblich eingeschränkter körperlicher Aktivität.

Ambrisentan blockiert selektiv die Endothelin-1A-Rezeptoren. Endothelin gehört zu den stärksten bekannten Substanzen, die Blutgefäße engstellen. Durch die Rezeptorblockade hebt der neue Arzneistoff die Wirkung von Endothelin auf, sodass sich die Gefäße wieder erweitern. Die Folge: Der Blutdruck sinkt. Mit ähnlichem Wirkmechanismus kam der Arzneistoff Bosentan bereits im Jahr 2002 auf den Markt. Im Gegensatz zu Ambrisentan blockiert Bosentan sowohl Rezeptoren vom Typ A als auch vom Typ B. Die Selektivität des Neulings könnte für die Patienten von Vorteil sein: Die Rezeptoren vom Typ B bleiben ansprechbar und dadurch die Produktion der gefäßerweiternden Substanzen Stickoxid und Prostazyklin erhalten.

Die Standarddosis beträgt einmal täglich 5 mg Ambrisentan, einige Patienten benötigen 10 mg. Die Patienten können die Filmtabletten unzerkaut mit ausreichend Wasser unabhängig von den Mahlzeiten schlucken.

Da Ambrisentan fruchtschädigend wirkt, dürfen Schwangere das Mittel nicht einnehmen. Frauen im gebärfähigen Alter dürfen nur dann mit dem Wirkstoff behandelt werden, wenn vor Therapiebeginn ein Schwangerschaftstest negativ ausgefallen ist und die Frau sicher verhütet. Empfehlenswert sind monatliche Schwangerschaftstests während der Behandlung. Zudem sollten Stillende und Patienten mit stark eingeschränkter Leberfunktion beziehungsweise erhöhten Leberwerten kein Ambrisentan erhalten. Für Patienten mit einer schweren Beeinträchtigung der Nierenfunktion liegen nur begrenzte Erfahrungen vor. Bei ihnen sollte der Arzt die Therapie nur mit Vorsicht beginnen und besonders achtsam sein, wenn er die Dosis auf 10 mg erhöht. Ferner wird die Behandlung von Personen unter 18 Jahren nicht empfohlen.

Als unerwünschte Wirkung traten in Studien bei mehr als 10 Prozent der Patienten unter Ambrisentan-Einnahme Kopfschmerzen sowie Schwellungen, vor allem an den Knöcheln und Füßen, auf. Diese peripheren Ödeme waren unter der 10-mg-Dosis häufiger als bei 5 mg Wirkstoff. Bei bis zu 10 Prozent der Behandelten kam es ferner zu Verstopfung sowie laufender oder verstopfter Nase und Anämie. Daher sollte die Zahl der roten Blutzellen in regelmäßigen Abständen bestimmt werden, ebenso die Leberenzyme aufgrund des lebertoxischen Potenzials von Ambrisentan.

Tafluprost

Das Glaukom, auch Grüner Star genannt, ist eine der am weitesten verbreiteten Augenkrankheiten und betrifft hauptsächlich über 60-Jährige. Schätzungen zufolge gibt es weltweit rund 67 Millionen Erkrankte. Das Glaukom schädigt den Sehnerv mit der Folge von Gesichtsfeldausfällen. Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig behandelt, droht den Betroffenen Erblindung. Beim sogenannten Offenwinkelglaukom ist der Abfluss des Kammerwassers aus dem Augapfel gestört.

Zur Therapie sind zwei pharmakologische Ansätze denkbar: die Produktion des Kammerwassers zu drosseln oder dessen Abfluss zu steigern. Während Betablocker wie Timolol die Kammerwasserproduktion deutlich reduzieren, verbessern Pros-taglandine den Kammerwasserabfluss. Nach Latanoprost, Travoprost und Bimatoprost kam im Juni mit Tafluprost (Taflotan® und Taflotan® sine, Santen GmbH) ein weiteres Prostaglandin-Analogon auf den Markt. Zugelassen ist es zur Senkung des erhöhten Augeninnendrucks bei Offenwinkelglaukom und okulärer Hypertension. Das Mittel kann entweder alleine oder in Kombination mit Betablockern angewendet werden.

Das biologisch aktive Stoffwechselprodukt des Tafluprosts, die Tafluprostsäure, wirkt auf die gleiche Weise wie Prostaglandin: Es verbessert den Flüssigkeitsabstrom aus dem Auge. Dadurch sinkt der Druck im Augeninneren, und das Risiko einer Schädigung nimmt ab.

Die empfohlene Dosis ist einmal täglich abends einen Tropfen in den Bindehautsack des betroffenen Auges oder beider Augen. Wendet der Patient mehrere Augentropfenpräparate an, muss er zwischen den einzelnen Applikationen mindestens fünf Minuten warten. PTA oder Apotheker sollten die Patienten darüber informieren, dass das Präparat möglicherweise das Wachstum der Wimpern und die Pigmentierung der Iris verstärkt sowie die Haut des Augenlids dunkel färbt. Daher der Tipp: überschüssige Lösung von der Haut gründlich abwischen! Wenn nur ein Auge behandelt wird, führt das manchmal zum unterschiedlichen Aussehen der Augen.

In Studien trat als häufigste Nebenwirkung die vermehrte Durchblutung des Auges auf, die mit Rötung und Reizung einhergehen kann. Bis zu 10 Prozent der Probanden klagten über Augenjucken und verschwommenes Sehen.

Gebärfähige Frauen dürfen Tafluprost nur dann anwenden, wenn sie sicher verhüten, Stillende gar nicht. Auch bei Schwangeren und bei Patienten unter 18Jahren sollte das Prostaglandin-Analogon nicht eingesetzt werden.

Tafluprost ist in Form eines Mehrdosisbehälters und als Einzeldosis-Formulierung (Taflotan® sine) auf dem Markt. Die Einzeldosis-Formulierung eignet sich besonders für Patienten mit trockenen und empfindlichen Augen, denn das Präparat ist das erste konservierungsmittelfreie Prostaglandin-Präparat für die Glaukomtherapie.

Das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid gilt als Verursacher lokaler Nebenwirkungen und kann zudem weiche Kontaktlinsen verfärben. Deshalb sollten Kontaktlinsentäger die Linsen vor dem Eintropfen des Medi-kaments mit diesem Konservierungsmittel (unter anderem auch Taflotan® Augentropfen im Mehrdosisbehälter) herausnehmen und sie frühestens eine Viertelstunde nach der Anwendung wieder einsetzen.

Droperidol

Droperidol ist eigentlich ein alter Bekannter. Das Neuroleptikum kam in den 1960er-Jahren auf den Markt und wurde von Psychiatern und Anästhesisten eingesetzt. Nach Berichten über eine Verlängerung der QT-Zeit mit den Folgen Herzrhythmusstörungen mit plötzlichem Herzrasen, Kammerflimmern und Herzstillstand, die aber meist nur bei hoch dosierter oraler Langzeittherapie auftraten, nahm der frühere Hersteller im Jahr 2001 die oralen Applikationsformen und die parenterale Form vom Markt.

Mitte Juni ist Droperidol (Xomolix® 2,5mg/ml Injektionslösung, Prostrakan Limited) wieder eingeführt worden. Zugelassen ist das Mittel zur Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen nach Operationen und zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen nach der Einnahme von Morphin-Derivaten im Rahmen der postoperativen Schmerzbehandlung. Droperidol hemmt bestimmte dopaminerge Rezeptoren und wirkt daher stark antiemetisch. Die Anästhesisten injizieren die Lösung möglichst eine halbe Stunde vor dem voraussichtlichen Operationsende. Die empfohlene Dosis zur Vorbeugung und Behandlung von postoperativer Übelkeit und Erbrechen sind 0,625 bis 1,25 mg. Senioren, Kinder (über zwei Jahre) sowie Patienten mit Leber- oder Niereninsuffizienz erhalten eine niedrigere Dosis. 

Zur Vorbeugung von Übelkeit und Erbrechen durch die Einnahme von Mor-phin-Derivaten erhalten Erwachsene 15 bis 50 µg Droperidol pro mg Morphin, jedoch maximal 5 mg Wirkstoff pro Tag. Bei Patienten mit bekannten oder vermuteten verlängerten QT-Intervallen darf Droperidol nicht zum Einsatz kommen. Arzneimittel, die das QT-Intervall verlängern, dürfen nicht gleichzeitig mit Droperidol kombiniert werden, etwa trizyklische Antidepressiva, Makrolid-Antibiotika und bestimme Antiarrhythmika.

Besondere Vorsicht ist auch dann geboten, wenn die Patienten Medikamente einnehmen, die den Elektrolyt-Haushalt stören können, etwa Diuretika, Abführmittel und Glucocorticoide. Ferner können Substanzen, die die Aktivität der Cytochrom-P450-Isoenzyme CYP1A2 und/oder CYP3A4 hemmen, den Abbau von Droperidol verlangsamen und dessen Wirkdauer dadurch verlängern.

Klinischen Erfahrungsberichten zufolge sind die häufigsten Nebenwirkungen unter Xomolix Benommenheit und Müdigkeit.

 

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