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Interview

Von springenden Fingern und abgenutzten Daumengelenken

27.06.2008
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Interview

Von springenden Fingern und abgenutzten Daumengelenken

Tanja Schweig, Bonn

Handchirurgen sehen sich in ihrer Praxis mit einer Vielzahl völlig unterschiedlicher Erkrankungen konfrontiert. Bei einem Patienten hakt ein Finger und schnellt plötzlich in seine Position. Bei einem anderen haben sich die Finger krallenartig verformt. Andere berichten, dass ihre Hände nachts einschlafen und morgens kribbeln und schmerzen. Die Bonner Fachärzte Dr. Frank Bosselmann und Dr. Peter Siepe berichten PTA-Forum, woran die meisten ihrer Patienten leiden und wie sie ihnen helfen.

PTA-Forum: Was behandeln Sie häufiger: akute Unfälle oder chronische Beschwerden der Hände?

Siepe: In der Regel behandeln wir chronische oder länger bestehende Erkrankungen, manchmal auch nicht offene Knochenbrüche der Hände. Wenn Menschen sich verletzen und die Handwunde stark blutet, wenden sie sich direkt an Notfallambulanzen der Krankenhäuser.

PTA-Forum: Welche chronischen Erkrankungen der Hände sehen Sie oft in Ihrer Praxis?

Siepe: Häufig leiden die Patienten unter Sehnenentzündungen, Nervenengpässen, Arthrosen und Ganglien, die eher unter dem Namen Überbein bekannt sind.

PTA-Forum: Was ist ein »Springfinger« oder »schnellender Daumen« und wie wird er therapiert?

Bosselmann: Das ist ein Engpass im Bereich der Beugesehnen. Durch wiederholte Entzündungen verengt sich der Sehnenkanal beziehungsweise das Ringband, so dass die Beugesehne darin nur schwer gleiten kann. Da die Sehnen schwergängig werden oder sich verdicken, springen oder schnappen sie dann typischerweise. Die Therapie besteht in der Behandlung der Entzündung mit Medikamenten oder mit Kortisonspritzen. Hilft das nicht, empfehlen wir die Operation. Dann erweitern wir den Sehnenkanal oder spalten das Ringband auf und lösen gleichzeitig die Sehnenverklebungen.

PTA-Forum: Eine relativ bekannte Erkrankung ist das Karpaltunnelsyndrom. Wie äußert sich dieses?

Bosselmann: Bei dieser Erkrankung verengt sich der Kanal, durch den der Mittelnerv der Hand verläuft. Dieser Nervus medianus ist unter anderem für die Gefühlsempfindung von Daumen, Zeige- und Mittelfinger verantwortlich. Außerdem versorgt er die daumenseitige Hälfte des Ringfingers und einen wichtigen Muskel im Daumenballen. Die Symptome des Karpaltunnelsyndroms bemerken die Betroffenen  anfangs meist nachts als Gefühlsstörungen, zum Beispiel durch »Einschlafen« und Kribbeln der Hand. Die damit verbundenen Schmerzen können bis in die Schulter ziehen. Die Diagnose sichern wir durch Messung der Nervenströme ab.

PTA-Forum: Wer ist davon betroffen?

Siepe: Frauen erkranken etwa zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Kräftige manuelle Belastungen verstärken die Problematik, daher ist die Arbeitshand meist heftiger betroffen; recht häufig erkranken auch beide Hände. Folgende weitere Faktoren begünstigen das Auftreten: eine »angeborene« Enge des Karpalkanals, Sehnenscheidenentzündungen der Fingerbeuger, Handgelenk- beziehungsweise Unterarmfrakturen, chronische Polyarthritis, Infektionen im Handbereich, Nierenschäden, Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes mellitus oder Schwangerschaft.

PTA-Forum: Wie sieht die Therapie aus?

Siepe: Die Therapie richtet sich zum einen nach der Ursache. Liegt eine Grunderkrankung vor, muss diese selbstverständlich behandelt werden. Je nach Stärke der Beschwerden bessert das Tragen einer nächtlichen Lagerungsschiene in Kombination mit einer lokalen Kortisonbehandlung die Schmerzen. Bei einigen Patienten führt diese Maßnahme sogar zur Heilung.

In weiter fortgeschrittenen Fällen entlasten wir mit einer Operation den Nerv. Statt der endoskopischen Operation bevorzugen wir die offene Methode. Dies ermöglicht uns, zusätzlich entzündliche Sehnenauflagerungen und eine verdickte Nervenhaut mit zu therapieren. Dafür benötigen wir nur einen kleinen Schnitt von 2 bis 3 Zentimeter. Üblicherweise kann der Operierte nach 10 Tage bis 3 Wochen wieder arbeiten.

PTA-Forum: Wie häufig kommen Arthrosen der Fingergelenke vor und welche Beschwerden machen sie?

Bosselmann: Von 100.000 Frauen zwischen 50 und 59 Jahren erkranken jährlich schätzungsweise 190 an einer Handarthrose, von 100.000 Männern der gleichen Altersgruppe nur 27. Die Beschwerden äußern sich in Bewegungsschmerz und zunehmender Bewegungseinschränkung. Sehr häufig kommt die Arthrose im Bereich des Daumensattelgelenks vor, die so genannte Rhizarthrose. Arthrose der Fingerendgelenke nennt man auch Heberdenarthrose, die der Mittelgelenke auch Bouchardarthrose.

PTA-Forum: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Bosselmann: Patienten mit fortgeschrittener, schmerzhafter Fingerendgelenksarthrose behandeln wir operativ, wobei wir das Endgelenk versteifen. Dies führt zur vollständigen Schmerzfreiheit bei nur minimaler Funktionseinbuße. Wegen der meist heftigen Schmerzen haben die Betroffenen die Finger nur noch geschont und nicht mehr benutzt. Die Versteifung empfinden sie als enormen Gewinn, denn danach können sie die Finger wieder schmerzfrei gebrauchen. Bei Mittelgelenksarthrosen durchtrennen wir zum Beispiel die feinen schmerzleitenden Fasern der Nerven oder setzen Gelenkprothesen ein.

Die Daumensattelgelenksarthrose behandeln wir mit einer Resektionsarthroplastik. Hierbei wird im Prinzip aus körpereigenem Gewebe ein neues Gelenk rekonstruiert, nachdem ein kleiner Handwurzelknochen entfernt wurde. Diese Operation führen wir in unserer Klinik circa drei- bis viermal pro Woche durch. Sie ist ein Routineeingriff geworden, der zu sehr guten Ergebnissen führt.

PTA-Forum: Was ist unter einer Dupuytren’schen Kontraktur der Hand zu verstehen?

Siepe: Hierbei ist das Bindegewebe der Hohlhand knotig, strangartig verändert. Die Sehnen sind dagegen nicht verkürzt, was viele Patienten irrtümlich annehmen. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu einer Beugefehlstellung der Finger, so dass es den Betroffenen schwer fällt, ihre Hand wie vorher zu gebrauchen. Anfangs sind meist der kleine und Ringfinger betroffen. 

PTA-Forum: Sind Risiken bekannt, wer daran erkrankt?

Siepe: Was die Veränderung des Bindegewebes auslöst, wissen wir derzeit nicht. Die Erkrankung tritt familiär gehäuft auf und betrifft Männer zwei- bis achtmal häufiger als Frauen. In Afrika und Asien kommt das Krankheitsbild kaum vor, und auch in den europäischen Ländern tritt es verschieden oft auf: In Frankreich, Irland und Schottland ist die Kontraktur mit einer Prävalenz von circa 17 Prozent besonders stark verbreitet.

PTA-Forum: Wie behandeln Sie die Krankheit?

Bosselmann: In der Frühphase behandeln wir die Erkrankung mit einem relativ wenig bekannten minimalinvasiven Eingriff, der sich Nadelfasziotomie nennt. Danach kann der Patient seine Finger meist wieder vollständig strecken.

In fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung entfernen wir in einem ambulanten Eingriff das erkrankte Gewebe. Da die verletzlichen Fingernerven und Blutgefäße in unmittelbarer Nähe der Stränge liegen, nehmen wir den Eingriff mit Vergrößerungsoptik vor. Außerdem binden wir den Arm ab, um eine vorrübergehenden Blutleere zu erzeugen. Die Operation kann je nach Ausmaß der Veränderungen mehrere Stunden dauern. Da die Haut der gebeugten Finger im Laufe der Erkrankung schrumpft, rekonstruieren wir bei der Operation den Hautmantel teilweise mit Hautverschiebungen. Dieser hohe Aufwand führt bei entsprechender Erfahrung des Chirurgen fast immer zu sehr guten Ergebnissen. Ein besonderes Augenmerk legen wir auf eine gute Nachbehandlung.

PTA-Forum: Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Siepe: Wir leiten die Patienten an, so früh wie möglich Bewegungsübungen selbstständig durchzuführen. In vielen Fällen benötigen sie zusätzlich Krankengymnastik. Bei den Verbandswechseln üben wir wieder mit den Patienten. Spezielle Schienen helfen, dass die Betroffenen die Finger in der gewünschten Stellung halten können.

PTA-Forum: Worauf sollen Patienten generell nach einem ambulanten handchirurgischen Eingriff achten?

Siepe: Sie sollten die Hand permanent, also auch nachts, hochlagern. Anfangs ist das Kühlen sehr zu empfehlen. Die nicht ruhiggestellten Gelenke sollten sie nach der Operation bewegen. Insgesamt ist nach jeder handchirurgischen Operation eine konsequente Nachbehandlung mit viel Feingefühl und großer Sorgfalt erforderlich.

Bei klopfenden Schmerzen, die sich durch Analgetika nicht bessern, sollte der Patient unverzüglich Kontakt mit dem Operateur aufnehmen. Dazu bekommt jeder unserer Patienten eine Notfallnummer mit, unter welcher wir Tag und Nacht erreichbar sind.

PTA-Forum: Sind die Eingriffe sehr schmerzhaft?

Siepe: In der Regel sind die auftretenden Schmerzen mit gängigen Mitteln wie Paracetamol oder Ibuprofen gut beherrschbar. Meist ist der Akutschmerz sowieso nur von relativ kurzer Dauer. Starke Schmerzen sind eher die Ausnahme. Unsere Patienten erhalten von uns Medikamente für die erste Nacht und außerdem weitere wichtige Informationen und Verhaltenshinweise.

PTA-Forum: Wie lange dauern handchirurgische Eingriffe im Durchschnitt?

Bosselmann: Die meisten Eingriffe dauern zwischen 20 und 45 Minuten.

PTA-Forum: Welche Narkose ist in der Regel notwendig?

Bosselmann: Meist ist eine Teilnarkose des Arms, die Plexusanästhesie, ausreichend. Kleinere Eingriffe können auch in örtlicher Betäubung durchgeführt werden.

PTA-Forum: Bezahlen die gesetzlichen Krankenkassen die Operationen?

Siepe: Ja, sowohl die gesetzlichen als auch die privaten Kassen übernehmen die Behandlungskosten, da es sich um Erkrankungen handelt. Ob sich das in Zukunft ändert, bleibt abzuwarten.

PTA-Forum: Benötigen die Patienten eine Überweisung von ihrem Hausarzt?

Siepe: Die meisten Patienten bringen eine Überweisung vom Hausarzt oder Orthopäden mit. Sie können aber auch direkt zu uns kommen und müssen gegebenenfalls die Praxisgebühr hier zahlen.

PTA-Forum: Wie lange dauert die Ausbildung zum Handchirurgen?

Bosselmann: Handchirurgie ist eine Zusatzbezeichnung, die jeder Chirurg, Orthopäde oder auch Plastischer Chirurg nach Absolvierung seiner sechsjährigen Facharztausbildung nach weiteren drei Jahren in einer Abteilung für Handchirurgie erwirbt. Aufgrund der Komplexität der Hand ist die Ausbildung entsprechend umfangreich. Für die Operationen benötigt der Handchirurg ein extrem hohes Maß an manuellem Geschick und Präzision. Er beherrscht die Methoden der Mikrochirurgie, um komplexe Rekonstruktionen von Nerven und Blutgefäßen durchzuführen. Zur Erlangung der Zusatzbezeichnung muss ein Arzt circa 1000 spezielle handchirurgische Operationen durchgeführt haben. Dazu gehört auch das Replantieren von abgetrennten Gliedmaßen oder Fingern.