PTA-Forum online
Das Trockene Auge

Lipidschicht wird geschädigt

21.06.2010
Datenschutz

Das Trockene Auge

Lipidschicht wird geschädigt

von Ernst-Albert Meyer

Sind Binde- und Hornhaut nicht vollständig von einem Tränenfilm bedeckt, sprechen Experten von Keratokonjunctivitis sicca, dem Krankheitsbild des Trockenen Auges. Entgegen der gängigen Meinung, ein Mangel an Tränenflüssigkeit läge der Erkrankung zugrunde, ist bei rund 80 Prozent der Patienten die Lipidschicht des Tränenfilms nicht richtig zusammengesetzt.

Jeder fünfte Patient beim Augenarzt leide am Krankheitsbild des Trockenen Auges, informiert der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands. Das sind rund 12 Millionen Menschen. Zahlreiche Faktoren überfordern auf die Dauer die Augen und lassen sie »austrocknen«, beispielsweise zu trockene Luft in klimatisierten Büros beziehungsweise zentral beheizten Wohnungen, tägliches stundenlanges Fernsehen oder Arbeiten am PC, Tabakrauch, mangelnde Flüssigkeitszufuhr, das Tragen von Kontaktlinsen, nicht zu vergessen eine Vielzahl von Medikamenten (siehe Kasten).

Zunächst reagieren die Augen auf diese belastenden Faktoren: Da vermehrt Tränenflüssigkeit verdunstet, produzieren die Tränendrüsen in der Regel mehr Tränen. Dabei bleibt die Lipidschicht des Tränenfilms zunächst noch intakt. Doch wenn mehrere Faktoren über eine längere Zeit die Augen »quälen«, entsteht das Trockene Auge. Diese Augenerkrankung bedarf einer lebenslangen Behandlung. Durch fachkundige Beratung dieser Patienten können PTA und Apotheker Stammkunden für die Apotheke gewinnen. Grundsätzlich sollten sie die Betroffenen auch immer fragen, ob sie eines der Arzneimittel einnehmen, die für das Entstehen des Trockenen Auges verantwortlich gemacht werden.

Symptome und Folgen

»Das Trockene Auge hat meist zwei Ursachen«, erklärte Professor Dr. Horst Brewitt aus Hannover, Leiter des Ressorts Trockenes Auge im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands. »Entweder bilden die Tränendrüsen nicht genügend Flüssigkeit oder der Tränenfilm ist nicht fettig genug. Dann verdunstet die Tränenflüssigkeit zu schnell.« In den meisten Fällen ist der Tränenfilm fehlerhaft zusammengesetzt. Durch den sich einstellenden Mangel an Tränenflüssigkeit werden schließlich Horn- und Bindehaut des Auges nicht mehr ausreichend mit Feuchtigkeit versorgt. Als Folge reiben die Augenlider wie Schmirgelpapier auf den empfindlichen Gewebeschichten der Augenoberfläche, Horn- und Bindehaut nehmen Schaden. Im weiteren Verlauf röten sich die Augen, entzünden sich, und die Erkrankten klagen über Sehstörungen. Typische Symptome sind Trockenheits- und Fremdkörpergefühl; hinzukommen können Brennen, Jucken und sogar Schmerzen. Die Augen sind häufig gerötet und lichtempfindlich. Chronische Lidrandentzündungen verschlimmern das Krankheitsbild. Unbehandelt kann das Trockene Auge sogar zur Erblindung führen.

Einfluss der Hormone

Nimmt die Produktion der Sexualhormone ab, insbesondere des Androgens, werden wahrscheinlich auch wichtige Lipide des Tränenfilms nicht mehr ausreichend gebildet. Daher klagen vor allem Frauen in der Postmenopause über Augenprobleme. Das Absinken des Androgenspiegels löst eine Entzündungsreaktion in den Tränendrüsen und auf der Augenoberfläche aus. Die Entzündung wiederum begünstigt die Entstehung des Trockenen Auges. Der Androgenmangel lässt die Tränendrüsen degenerieren und verändert die Tränensekretion sowie die Lipidproduktion in den Meibom’schen Drüsen. Die Einnahme hormonhaltiger Arzneimittel, beispielsweise der »Pille«, kann die Beschwerden des Trockenen Auges auch schon bei jungen Frauen auslösen.

Mögliche Ursachen für das Trockene Auge

  • Arzneimittel: Betablocker, Kontrazeptiva, Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika, Sedativa und Hypnotika
  • Hormonumstellung, zum Beispiel im Klimakterium
  • Erkrankungen der Haut wie Neurodermitis
  • Nachlassen der Tränenproduktion im Alter
  • Internistische und rheumatische Erkrankungen wie Polyarthritis, Diabetes,
    Schilddrüsenkrankheiten
  • Autoimmunkrankheiten
  • Klimaanlagen, zu trockene und heiße Raumluft, schlechte Belüftung
  • Umweltbelastungen (Ozon, Staub)
  • Arbeiten am Bildschirm
  • Kontaktlinsen

Tränenfilm schützt und ernährt

Der regelmäßige Lidschlag sorgt dafür, dass der Tränenfilm ständig erneuert wird. Er enthält keimtötende Substanzen wie Lysozym und Laktoferrin sowie spezifische Antikörper und schützt das Auge so vor Infektionen. Außerdem versorgt der Tränenfilm die Hornhaut mit Sauerstoff. Damit er diese vielseitigen Aufgaben erfüllen kann, besteht er aus drei Schichten: der Mucin-, der wässrigen und der Lipid-Schicht.

Die innere Schicht des Tränenfilms wird als Mucin-Schicht bezeichnet. Sie liegt als dünne Schleimschicht auf der Augenoberfläche auf, glättet diese und sorgt dafür, dass die Wasser abweisende Hornhaut benetzbar wird. Den hierfür benötigten Schleim produzieren die sogenannten Becherzellen.

Die wässrige Schicht befindet sich in der Mitte des Tränenfilms. Sie besteht aus Wasser, das die Tränendrüsen bilden, und befeuchtet, ernährt und schützt die empfindliche Hornhaut.

Die dritte, äußere Schicht des Tränenfilms ist die Lipidschicht. Als dünne Fettschicht grenzt sie den Tränenfilm zur Luft hin ab und verleiht ihm die notwendige Stabilität. So verhindert sie, dass die Tränenflüssigkeit über die Lidkante abläuft, und sorgt dafür, dass der Tränenfilm nicht zu schnell aufreißt. Vor allem aber sorgt die Lipidschicht dafür, dass die Tränenflüssigkeit nicht zu schnell verdunstet. Die benötigten Lipide werden in den Meibom’schen Drüsen produziert. Diese liegen im Ober- und Unterlidknorpel und geben bei jedem Lidschlag die Lipide direkt über kleine Öffnungen auf den Lidrand ab. Von dort verteilen sich diese gleichmäßig auf dem Tränenfilm.

Aufbau der Lipidschicht

Die Lipidschicht selbst baut sich aus einer äußeren, dicken (unpolaren) Phase aus Neutralfetten und einer inneren, polaren Phase auf. Die innere, polare Phase bildet die Grenzschicht zur Tränenflüssigkeit. Sie enthält Phospholipide, deren hydrophiler Teil sich zur Tränenflüssigkeit ausrichtet, der hydrophobe Teil dagegen zur äußeren Phase der Neutralfette. Damit senken die Phospholipide die Oberflächenspannung zwischen Wasser (Tränenflüssigkeit) und Fetten (Lipidschicht) und haben so einen entscheidenden Anteil an der Stabilität der Lipidschicht und damit des Tränenfilms. Heute ist bekannt, dass das beschleunigte Verdunsten der Tränenflüssigkeit vor allem auf der unzureichenden Produktion der Phospholipide in den Meibom’schen Drüsen beruht, wodurch die Lipidschicht an Stabilität verliert.

Künstliche Tränen

Zur symptomatischen Therapie des Trockenen Auges werden häufig Tränen-Ersatzmittel eingesetzt, auch künstliche Tränen genannt. Diese sollen die körpereigene Tränenflüssigkeit in der wässrigen Schicht des Tränenfilms ersetzen. Die verwendeten Augentropfen oder -gele bestehen aus isotonischer Kochsalzlösung in Kombination mit einem Quellstoff. Die Quellstoffe bilden mit Wasser auf der Augenoberfläche einen dünnen Film und verzögern so dessen Verdunstung. Der bekannte Vertreter, die Hyaluronsäure, wirkt jedoch alleine nicht als Feuchtigkeitsspender – wie fälschlicherweise häufig beschrieben. In vielen Fällen bringen Tränenersatzmittel nicht den erwünschten therapeutischen Effekt, denn nur bei circa 8 Prozent der Betroffenen beruhen die Beschwerden auf einer isolierten Störung der wässrigen Schicht. Bei dieser sogenannten hypovolämischen Keratokonjunctivitis sicca produzieren die Tränendrüsen zu wenig Tränenflüssigkeit.

Bei 78 Prozent der Patienten gilt dagegen eine Störung der Lipidschicht als Ursache des Trockenen Auges, das heißt: Durch die nicht intakte Lipidschicht reißt der Tränenfilm vorzeitig auf, was das Verdunsten der Tränenflüssigkeit beschleunigt. Der Augenarzt spricht dann von einer hyperevaporativen Keratokonjunctivitis sicca. Die fehlerhafte Zusammensetzung der Lipidschicht entsteht aufgrund einer unzureichenden Produktion bestimmter Lipide in den Meibom’schen Drüsen. Bei knapp 20 Prozent der Patienten liegen Mischformen beider Störungen vor.

Soja-Lecithin als Ophthalmikum

Nachdem die Phospholipide als wichtige Bestandteile des Lipidfilms identifiziert worden sind, lag es nahe, diese lokal zu substituieren und so die defekte Lipidschicht zu »reparieren«. Zu diesem Zweck wurde Soja-Lecithin in eine liposomale Form überführt (wie in Tears again®). Soja-Lecithin besteht vorwiegend aus Phosphatidylcholin. Liposomen sind mikroskopisch kleine Kügelchen aus Phospholipiden. Da die Liposome gleichzeitig antiphlogistisch wirken, reduzieren sie die Augenentzündungen und die damit verbundenen Schmerzen. Bei der Behandlung mit Tears again werden die Liposomen hauchdünn auf das geschlossene Augenlid gesprüht. Sie wandern dann über die Lidkante auf den Tränenfilm, wo sie die defekte Lipidschicht stabilisieren. Als Ergebnis bleibt die Lipidschicht bis zu vier Stunden intakt, der Tränenfilm reißt nicht mehr so schnell auf, und die Verdunstungsrate der Tränenflüssigkeit geht deutlich zurück. Dadurch kann sich die körpereigene wässrige Tränenschicht wieder aufbauen, und die Beschwerden des Trockenen Auges nehmen signifikant ab.

Studien belegen Wirksamkeit

Inzwischen gibt es mehrere vergleichende klinische Studien mit dem Phospholipid-Liposomen-Spray. So wurde beispielsweise 2009 eine vergleichende prospektive, randomisierte bizentrische Studie bei 216 Patienten durchgeführt. Alle Studienteilnehmer litten unter hyperevaporativer Keratokonjuncitivitis sicca, 167 waren weiblich und 49 männlich. Die eine Gruppe der Probanden applizierte drei Monate lang Tears again Augenspray und die andere Gruppe ein Hyaluronsäure-haltiges Präparat in Form von Augentropfen. Die Probanden wurden vor Studienbeginn, nach vier Wochen und nach drei Monaten augenärztlich untersucht. Ein wichtiger Parameter zur Überprüfung der Wirksamkeit der Präparate ist die Aufrisszeit des Tränenfilms, die mit dem BUT-(Break-up-time)-Test bestimmt wird. Die Tränenfilmaufrisszeit ist definiert als die Zeit, die vergeht, bis nach einem Lidschlag trockene Stellen auf der Hornhaut auftreten. Bei dieser Untersuchung färbt der Augenarzt den Tränenfilm mit dem Farbstoff Fluoreszein an und betrachtet das Auge mit der Spaltlampe. Normal liegt die BUT über 10 Sekunden, Werte darunter gelten als pathologisch.

Die Studienergebnisse bezüglich der Tränenfilmaufrisszeit und der Häufigkeit von Lidrandentzündungen unterschieden sich in beiden Gruppen signifikant. Die Ergebnisse im Einzelnen: In der Augenspray-Gruppe verlängerte sich der BUT-Wert um mehr als das Doppelte im Vergleich zur Augentropfen-Gruppe. Bereits nach vier Wochen waren bei den Probanden der Augenspray-Gruppe die Entzündungen des Lidrands dreimal stärker zurückgegangen als in der Augentropfen-Gruppe.

Ein wichtiges Studienkriterium ist auch die Beurteilung der Wirksamkeit und Verträglichkeit durch die Teilnehmer. Die Probanden konnten die Schulnoten 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend) vergeben. Für die Wirksamkeit erhielt das Augenspray die Note 2,1 und für die Verträglichkeit die Note 1,7. Die Probanden der Augentropfen-Gruppe benoteten die Wirksamkeit mit 3 und die Verträglichkeit mit 2,6. Diese Studie zeigt damit, dass bei der häufigen hyperevaporativen Keratokonjunctivitis sicca das Phospholipid-Liposomen-Augenspray den üblichen Tränenersatzmitteln deutlich überlegen ist.

Ein Tipp zum Schluss

Bei der Beratung in der Apotheke sind vor allem Frauen dankbar für diesen Hinweis: Nach dem Aufsprühen des Augen-Sprays auf die geschlossenen Augen sollten sie etwas warten und dann das »Zuviel« des Sprays nicht abwischen, sondern »die Reste« vorsichtig mit den Fingern auf den Lidern und unter den Augen verreiben. Das Augen-Spray bietet aufgrund seiner Inhaltsstoffe wie Sojalecithin, Vitamine A und E, gleichzeitig eine ausgesprochen gute Lid- und Augenhautpflege.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de