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Polyneuropathie

Nervenkribbeln ganzheitlich behandeln

Zunächst bemerken Betroffene ein Kribbeln, Brennen oder Taubheit in den Zehen. Später weiten sich die Beschwerden auf Hände und Füße aus, oft folgen dann die Unterarme und Unterschenkel. Schließlich werden die Missempfindungen schmerzhaft »wie in einem Schraubstock«. Die Rede ist von der Polyneuropathie.
Oliver Ploss
02.06.2010
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Als Polyneuropathie bezeichnen Mediziner eine systemische Erkrankung, bei der mehrere Nervenfasern außerhalb von Hirn und Rückenmark in Mitleidenschaft gezogen sind. Die Beschwerden treten dabei meist symmetrisch auf, also an beiden Unterschenkeln, Füßen, Unterarmen oder Händen. Daher beschreiben die Betroffene die Beschwerden oft als strumpf- beziehungsweise handschuhartig, wobei sie häufiger über Probleme in den Beinen als in den Armen klagen. Die wichtigsten Symptome nennt der Kasten.

 

Infolge der Neuropathie treten manchmal zusätzliche Beschwerden auf, beispielsweise Durchfall, Inkontinenz oder Restharnbildung durch Störung der Blasenfunktion, Erektionsprobleme, Anomalien der Herzfunktion sowie Veränderungen der Haut und der Knochen, vor allem an belasteten Stellen wie den Fußsohlen.

 

Achtung: Da bei Patienten mit Polyneuropathie oft das Schmerzempfinden vermindert ist, nehmen sie möglicherweise typische Warnsignale einer anderen Erkrankung kaum oder gar nicht wahr. So verspüren eventuell manche Diabetiker kaum die Schmerzen im Zusammenhang mit einem Herzinfarkt (stummer Infarkt) oder leiden an einem Harnwegsinfekt ohne die charakteristischen Beschwerden beim Wasserlassen.

 

Ursache nicht immer klar

Diabetes mellitus zählt zu den häufigsten Auslösern einer Polyneuropathie, vor allem wenn der Diabetes »schlecht eingestellt« ist. Auch chronischer Alkoholmissbrauch gehört zu den häufigen Ursachen. Des Weiteren spielt die genetische Disposition eine Rolle sowie Nierenschwäche, eine Lebererkrankung, Schilddrüsenunterfunktion, Medikamente oder Toxine, eine Mangelernährung, Entzündungen, Autoimmun- und Tumorerkrankungen. In bis zu 17 Prozent der Fälle bleibt die Ursache jedoch unklar.

Die häufigsten Symptome einer Polyneuropathie

  • Kribbeln, Ameisenlaufen in Ruhe, vor allem in der Nacht (häufig zu Beginn)
  • Missempfindungen, Schmerzen, Fußsohlenbrennen
  • vermindertes Empfinden von Berührung, Temperatur und Schmerz
  • Schmerzende Muskelkrämpfe
  • Minderung des Vibrationsempfindens
  • Lähmungen, inklusive der Augenmuskeln mit Doppelbildern
  • Reflexminderung
  • verminderte Schweißsekretion

Bei Schnittwunden, Verkehrsunfällen oder operativen Eingriffen können Nerven verletzt oder sogar durchtrennt werden. Weniger offensichtlich ist die Beeinträchtigung des Nervs durch dauerhaften Druck. Typisches Beispiel sind die Funktionsausfälle nach einem Bandscheibenvorfall oder durch ein Karpaltunnelsyndrom; seltener quetscht ein Tumor einen Nerv ab. Nervenentzündungen können außerdem die Folge einer Infektion sein. So können Windpockenviren im Körper überdauern und in bestimmten Situationen eine Gürtelrose auslösen, die mit typischen Nervenschmerzen einhergeht (Zosterneuralgie). Auch eine HIV-Infektion und Borreliose können von einer Neuralgie begleitet werden.

 

Bei Diabetikern und Alkoholikern schädigen Stoffwechselgifte die Nerven. Lagern sich Schwermetalle oder Toxine aus der Nahrung im Körper ab, nehmen die Nerven ebenfalls Schaden. Die Nervenfunktion ist außerdem beeinträchtigt bei Patienten mit Multipler Sklerose oder auch bei einem Vitaminmangel, insbesondere an Folsäure. Wenn entzündliche Prozesse bei der Polyneuropathie eine Rolle spielen, sprechen Mediziner auch von Polyneuritis.

Gründliche Anamnese gefragt

Zur Diagnostik gehört neben der sorgfältigen Anamnese die körperliche Untersuchung des Patienten, inklusive seiner Reflexe und Vibrationsempfindung, die Bestimmung des Blutzuckers, der Leberwerte und Nierenfunktion sowie diverse Zusatzuntersuchungen je nach verdächtigtem Auslöser, zum Beispiel die Untersuchung des Liqours, die Suche nach einem Tumor oder die Toxinanalyse.

 

Mit Hilfe der sogenannten Elektroneurographie werden die Nervenleitgeschwindigkeit und das Nervensummenpotential an subkutanen Nerven gemessen. Bei Erkrankungen der Myelinscheide (Demyelinisierung) ist die Nervenleitgeschwindigkeit reduziert, bei axonalen Schäden dagegen das Nervensummenpotenzial.

 

Alpha-Liponsäure kommt bei allen höheren Lebewesen physiologisch vor. Im Energiestoffwechsel der Mitochondrien hat die Substanz eine Bedeutung als Coenzym. Alpha-Liponsäure zählt nicht zu den Vitaminen. Durch die Zufuhr von Alpha-Liponsäure (wie in Thioctacid® 600 HR) lassen sich Neuropathien, auch die diabetische Neuropathie, günstig beeinflussen. Wichtiger Einnahmehinweis: Alpha-Liponsäure bildet mit Metallen Chelatkomplexe. Daher sollte das Präparat nicht gleichzeitig mit Präparaten, die Eisen, Magnesium oder Calcium enthalten und auch nicht mit Milch eingenommen werden.

 

Als neurotrope Nährstoffe setzen ganzheitlich orientierte Therapeuten Uridinmonophosphat oder Benfotiamin ein. Uridin besteht aus der Pyrimidinbase Uracil und dem Zucker D-Ribose. Es ist eine Schlüsselsubstanz: Aus seinem Nukleotid, dem Uridinmonophosphat, werden die anderen beiden Pyrimidin-Nukleotide Thymidinmonophosphat und Cytidinmonophosphat beziehungsweise die entsprechenden Di- und Triphosphate synthetisiert. Da Uridinmonophosphat die Proteinbiosynthese fördert, trägt es zu einer ausreichenden Versorgung der geschädigten Neuronen bei. Außerdem begünstigt es den schnellen Wiederaufbau wichtiger Membranbestandteile. Aus exogen zugeführtem Uridinmonophosphat (zum Beispiel in Keltican® forte Kps.) entsteht im Magen-Darm-Trakt Uridin, das resorbiert wird. Aus dem Blutkreislauf gelangt Uridin in die Nervenzellen und wird wieder in das Monophosphat oder auch in andere physiologisch aktive Uridin- und Cytidinphosphate umgewandelt. Studien an Tieren mit traumatischen Nervenläsionen haben gezeigt, dass sich durch exogene Zufuhr von Uridinmonophosphat die mittlere Myelin- und Axonfläche signifikant vergrößert sowie die Nervenleitgeschwindigkeit signifikant verbessert.

1 entscheidend

Benfotiamin ist ein Prodrug des Thiamins. Die Substanz wird im Organismus schnell zu Vitamin B1 reduziert. Thiamin gehört zu den wasserlöslichen Vitaminen des B-Komplexes. Die Speicherkapazität des Organismus für Thiamin ist gering, sodass das Vitamin ständig zugeführt werden muss. Thiamin-Mangel führt im Serum und im Gewebe zum Anstieg der Konzentrationen von Lactat, Pyruvat und alpha-Ketoglutarat sowie von Pentosephosphat. Benfotiamin (zum Beispiel in Milgamma® protekt) hemmt diese Kumulation.

 

Vitamin-B1-Mangel zeigt sich schnell in Glucose-abhängigen Organen, besonders im zentralen und peripheren Nervensystem mit langfristigen Folgen wie eine gesteigerte Empfindlichkeit (Hyperästhesien), Empfindungslosigkeit (Anästhesien), einem schwachen Muskeltonus und möglicher Lähmung der Extremitäten. Die exsudative Form des Thiamin-Mangels führt zu Ödemen als Folge allgemeinem Proteinmangels, bei anderen Formen überwiegt vor allem eine schwere Polyneuritis.

 

Ganzheitlich orientierte Ärzte setzen auch synthetische rezeptpflichtige Arzneisubstanzen wie Pregabalin und Gabapentin zur Behandlung einer Polyneuropathie ein. Beide Arzneistoffe, Pregabalin (zum Beispiel Lyrica®) als auch Gabapentin (zum Beispiel Neurontin® 400) sind Antiepileptika mit struktureller Verwandtschaft zum inhibitorischen Neurotransmitter GABA. Da die Arzneistoffe auch schmerzlindernd und antineuralgisch wirken, helfen sie auch bei Polyneuropathie.

 

Ganzheitlich orientierte Therapeuten verordnen den Patienten Präparate zur Entgiftung, zur Ausleitung und für den Säure-Basen-Haushalt, die er je nach individueller Situation sechs bis acht Wochen lang einnehmen soll. Zur allgemeinen Entgiftung muss er dreimal täglich 1 Teelöffel Mundipur® spag. Peka N Saft einnehmen. Zur Entgiftung des Bindegewebes bei Erregertoxikosen dreimal täglich 30 Tropfen metabiarex® S. Zur Entgiftung des Bindegewebes bei Schwermetallbelastungen dreimal täglich 30 Tropfen To-ex spag. Peka N Tropfen. Zur Ausleitung soll der Patient dreimal täglich jeweils 30 Tropfen folgender Rezeptur einnehmen: jeweils 50 ml Hechocur spag. Peka N Tr., Itires® spag. Peka N Tr. und Relix spag. Peka Tr. . Die Regulation des Säure-Base-Haushalts erfolgt durch die Kombination aus 1 Tablette Basosyx außerhalb der Mahlzeiten oder 1 Teelöffel Zellamare Base Pulv. einmal täglich plus dreimal täglich 20 Tropfen RMS Asconex®. Begleitend zu dieser Therapie soll der Patient auf die richtige Säure-Basen-Zufuhr über die Ernährung achten sowie sich Omega-3-fettsäurereich und Omega-6-fettsäurearm ernähren.

 

Leidet er hauptsächlich tagsüber unter Muskelkrämpfen und -schmerzen, empfehlen ganzheitlich orientierte Therapeuten die Kombination aus Limptar® N in der Dosierung von ein- bis zweimal täglich 1 Filmtablette, Venostasin® ret. Kps. in der Dosierung von zweimal täglich 1 Kapsel und milgamma® protekt Tabl. in der Dosierung von 1 Tablette täglich.

 

Treten die Muskelkrämpfe und -schmerzen hauptsächlich nachts auf, gilt dieselbe Kombination, nur empfiehlt es sich, die erste Limptar® N Filmtablette zum Abendessen und die zweite vor dem Zubettgehen zu nehmen.

 

Zur äußerlichen Therapie hat sich Aconit Schmerzöl bewährt. Das Öl können die Patienten mehrmals täglich auf die betroffenen Bereiche auftragen.

 

Geeignete Arzneimittel aus der Orthomolekularen Therapie sind Tromlipon® 600 mg in der Dosierung von ein- bis dreimal täglich 1 Tablette oder Keltican® forte Kps. in der Dosierung von einmal täglich 1 Kapsel.

 

Aus dem Arzneimittelschatz der Schüßlersalze sollen die Salze Nummer 5, Kalium phosphoricum, Nummer 7, Magnesium phosphoricum und Nummer 21, Zincum chloratum, in der Potenz D6 das Nervensystem und die Muskulatur beruhigen. Die Kombination aus Nummer 3 in D12, Nummer 7 in D6 und Nummer 21 in D6 werden auch als biochemische Schmerztrias eingesetzt, zum Beispiel von der Firma Pflüger.

 

Des Weiteren helfen Patienten mit Polyneuropathie eine Physiotherapie, eine physikalische Therapie, eine psychologische Betreuung sowie die optimale Therapie des vorhandenen Grundleidens, zum Beispiel die optimale Einstellung des Blutzuckers.

 

E-Mail-Adresse des Verfassers:
dr_ploss(at)yahoo.de