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Preiselbeere

Kleine Waldpflanze mit Heilkraft

20.05.2011  13:07 Uhr

Von Edith Schettler / Unter pharmazeutischen Aspekten steht die Preiselbeere ein wenig im Schatten ihrer berühmten Verwandten aus der Familie der Heidekrautgewächse, der Bärentraube und der Cranberry. In der Naturmedizin finden die Blätter und Früchte der Preiselbeeren seit langem Verwendung gegen hartnäckige Infektionen der Harnwege und ergänzen die Therapie mit modernen Antibiotika.

Im Volksmund heißt die Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea L.) auch Kronsbeere, Riffelbeere, Grestling oder Granten. Sie gehört zu den wenigen Pflanzen, die noch per Hand aus Wildbeständen gesammelt werden. Kommerzielle Anbaugebiete gibt es weltweit nicht viele, daher sind Preiselbeerprodukte auch selten auf dem Markt zu finden. Industriell angebaute Verwandte aus der Gattung der Heidelbeeren haben ihr den Rang abgelaufen, dennoch ist sie nicht in Vergessenheit geraten.

Nur wenige nordwestdeutsche und holländische Baumschulen züchten Preiselbeerpflanzen für den Gartenbau. Die preiswertere vegetative Vermehrung durch Stecklinge löste dort die früher üb­liche Aufzucht der Pflanzen aus ihren ­Samen ab. Als Moorbeetpflanze stellt die Preiselbeere hohe Ansprüche an den kommerziellen Anbau: Das Substrat muss einen sauren pH-Wert und eine humose Struktur haben. Ein wintermildes Klima ­begünstigt den sicheren Neuaustrieb im Frühjahr. Einfacher gelingt dagegen der Anbau der Amerikanischen Moosbeere (Cranberry, Vaccinium macrocarpon L.), der zudem höhere Mengen an Erntegut liefert und deshalb in größerem Stil erfolgt.

So ernteten die USA und Kanada im Jahr 2010 zusammen etwa 430 000 Tonnen Cranberries, während aus Europa nur rund 7600 Tonnen Preiselbeeren kamen, wie die Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen mitteilte. Bedeutende Lieferanten für Preiselbeeren in Europa sind Lettland, Aserbaidschan, ­Weißrussland, die Ukraine und Spanien.

Immergrün und winterhart

Der kleine, immergrüne Strauch aus der Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae) erreicht eine Höhe von bis zu 30 Zentimetern. Er verbreitet sich durch unterirdische Ausläufer, aus deren Achselknospen kan­tige, verzweigte Sprosse austreiben. Die flaumige Behaarung der frischen Triebe verschwindet später. Die kleinen, verkehrt-eiförmigen und am Rand schwach umgerollten Blätter sitzen wechselständig am Stängel und haben eine glänzende, dunkelgrüne Oberseite. An der blassgrünen matten Unterseite befinden sich rostbraune Harzdrüsen. Im Mai bis Juni erscheinen weiße oder rötliche glockige Blütenkronen in gedrängten Trauben am Ende der Triebspitzen. Nach der Befruchtung entwickelt sich innerhalb von fünf bis sechs Wochen aus jeder Blüte eine erbsengroße weiße Beere, die sich beim Reifen rot färbt und zahlreiche rotbraune Samen enthält. Vögel fressen die Beeren gern und sorgen so für die Verbreitung der Pflanze.

Die Preiselbeere liebt zwar wie alle Heidekrautgewächse saure Böden mit guter Wasserversorgung, sie gedeiht aber auch an kalkarmen, sandigen Stellen, weil sie ihre Wurzeln bis zu einen Meter in die Tiefe senken kann. Am wohlsten fühlt sie sich jedoch an sonnigen bis halbschattigen Standorten in sauren Kiefern- oder Fichtenwäldern, auf Moorwiesen, Bergheiden oder zwischen alpinen Sträuchern. Die Preiselbeere hat die gesamte gemäßigte Klimazone der nördlichen Erdhalbkugel erobert und ist sogar bis in den arktischen Klimabereich Grönlands vorgedrungen. Unter einer schützenden Schneedecke kann sie dort bei Tiefsttemperaturen von minus 50 Grad Celsius überwintern.

Profitbringende Handelsware

Preiselbeerblätter stammen vorwiegend aus Handsammlung in den ehemaligen Sowjetrepubliken und den skandinavischen Ländern. Im Mai bis Juni und im September ernten die Pflücker nur einzelne Blätter der Pflanzen, denn würden sie alle abstreifen, vernichteten sie das Gewächs. Die Trocknung erfolgt an gut belüfteten Plätzen oder bei künstlicher Wärme von maximal 45 Grad Celsius. Je nach Standort reifen die Früchte ab August oder September und werden ebenfalls fast ausschließlich von Hand eingesammelt, was ihren relativ hohen Preis im Handel rechtfertigt.

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 riet die schwedische Gesundheitsbehörde davon ab, Pilze und Waldfrüchte, darunter auch Preiselbeeren, in den Wäldern zu sammeln. Auch die russischen Behörden für Lebensmittelsicherheit verhängten Handelsverbote für strahlenbelastete Waldfrüchte. Allerdings umgehen kriminelle Banden häufig diese Verbote und schleusen noch aktuell über neutrale Umschlagplätze wie Polen oder Bulgarien radioaktiv kontaminierte Ware mit gefälschten Papieren illegal in die europäische Union ein. Erst im Sommer 2010 beschlagnahmten Moskauer Behörden rund eine Tonne verstrahlter Blau- und Preiselbeeren.

Hochwirksame Inhaltsstoffe

Rohe Preiselbeeren schmecken herb und sauer. Deshalb werden sie überwiegend zu Gelee, Marmelade, Saft oder Kompott verarbeitet. Benzoe-, Ascorbin- und Salicylsäure sind für das charakteristische Aroma der Früchte verantwortlich. Der Anteil an Benzoe- und Salicylsäure sorgt dafür, dass Erzeugnisse wie Säfte und Marmeladen aus Preiselbeeren ohne chemische Konservierungsmittel haltbar bleiben, Ascorbinsäure wirkt zusätzlich antioxidativ.

Neben Vitamin C enthalten die Früchte noch die Vitamine A (Betacarotin), B1, B2 und B3 sowie Kalium, Calcium und Magnesium. Von besonderer Bedeutung ist der Anteil an Anthocyanen, Anthocyanosiden und Flavonoiden wie Quercetin.

Die Blätter beinhalten, ähnlich wie die der Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi), Hydrochinonglykoside mit der Hauptkomponente Arbutin, Flavonoide und Catechingerbstoffe, allerdings in geringeren Mengen. Proanthocyanidine, organische Säuren und Triterpene kommen ebenfalls in den Blättern vor. Vitis-idaeae folium sind im DAC sowie in einer Monographie des Österreichischen Arzneibuches aufgeführt. Trotz fehlender Empfehlung der Kommis­sion E des ehemaligen Bundesgesundheitsamtes liegt es nahe, diese hoch wirksamen Inhaltsstoffe für medizinische Zwecke zu nutzen.

Verwandte der Cranberry

Bereits im 12. Jahrhundert empfahl die Benediktiner-Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) die Anwendung der Preiselbeere bei schmerzhafter, stockender Regelblutung. Die Indianer nutzten die Beeren des nordamerikanischen Preiselbeerstrauches, die Cranberries, als Umschläge zur Wundversorgung. Auch heute kochen amerikanische Mütter Hühnersuppe mit Cranberrysaft gegen Erkältungen und Blasenentzündungen. Die russische Volksmedizin benutzt Preiselbeer- oder Moosbeerensaft (Vaccinium oxycoccos L.) zur Wundbehandlung, wobei die Inhaltsstoffe beider Pflanzen aus derselben Gattung beinahe identisch sind. Noch heute verwenden die Menschen in Russland beiderlei Früchte zur Stärkung des Immunsystems, gegen Erkältungskrankheiten, Harnwegsinfektionen, Müdigkeit, Parodontose, Stomatitis und Gingivitis.

Preiselbeerblätter verwendet die Volksmedizin traditionell gegen Blasenentzündungen sowie gegen Durchfall, wobei vor allem die Gerbstoffe zur Wirkung kommen.

Die medizinische Anwendung der Preiselbeere kann sich nur auf wenige Forschungsergebnisse stützen. Allerdings ähnelt ihr Wirkmechanismus dem der amerikanischen Cranberry, sodass sich die Untersuchungsergebnisse wahrscheinlich übertragen lassen. Bereits im Jahr 1914 begannen in den Vereinigten Staaten erste Studien zur Cranberry, basierend auf dem Wissen der Indianer und ersten Siedler. Im Jahr 1984 klärten Wissenschaftler der Youngstown State University Ohio den Wirkmechanismus auf. Der Wirkstoffkomplex der Cranberries verhindert das Anheften der Colibakterien an der Blasenschleimhaut, indem er die Struktur der Fimbrien auf der Oberfläche der Bakterien verändert. Diese Fimbrien sind fadenartige Strukturen, mit denen sich die Bakterien am Epithel verankern. Wesentlich für diese Wirkung sind die Proanthocyane.

Die Effekte auf die Colibakterien sind deshalb von Bedeutung, da die Mehrzahl unkomplizierter Blaseninfektionen durch das Darmbakterium Escherichia Coli hervorgerufen wird. Die Keime gelangen durch Schmierinfektionen aus dem Enddarm in die Harnröhre. Von dort steigen sie in die Harnblase auf und besiedeln deren Schleimhaut. Frauen sind für diese Infektion anfälliger als Männer, weil ihre Harnröhre und damit der Weg für die Bakterien kürzer sind.

Saft schützt vor Reinfektion

Eine finnische Studie der Universität Oulo aus dem Jahr 2001 zeigte, dass die Rezidivrate von Harnwegsinfektionen auf die Hälfte sank, wenn die Teilnehmer ein halbes Jahr lang täglich reinen Preiselbeersaft tranken. Bereits zwei Stunden nach der Einnahme gelangen die Proanthocyane an ihren Wirkort, nach etwa acht bis zwölf Stunden lässt ihre Wirkung nach. Daher sollten Patienten zwei- bis dreimal über den Tag verteilt 50 ml Preiselbeersaft trinken, der zuvor mit Wasser auf 250 ml verdünnt wurde. Da die Bakterien nur ausgeschwemmt, nicht aber abgetötet werden, schützen sich Anwender nur dann vor Reinfektionen, wenn sie mindestens drei bis vier Wochen lang den Saft einnehmen.

Tees nicht zu lange anwenden

Die Preiselbeerblätter enthalten etwa 2 bis 5 Prozent Arbutin, die Blätter der Bärentraube mehr als 7 Prozent. So fordert es das Europäische Arzneibuch. Hydrochinon, das Stoffwechselendprodukt des Arbutins, wirkt in der Harnblase bakteriostatisch und desinfizierend. Da Preiselbeerblätter weniger Gerbstoffe als Bärentraubenblätter enthalten, sind sie im Geschmack angenehmer und für magenempfindliche Menschen besser geeignet. Ihre antibakterielle Wirkung ist allerdings schwächer als die der Bärentraube.

Besonders sinnvoll ist die Kombination der getrockneten Blätter mit diuretisch wirkenden Teedrogen wie Birkenblättern, Goldrutenkraut oder Orthosiphonblättern. PTA und Apotheker können die Beeren Frauen entweder vorbeugend gegen Cystitis oder auch zur unterstützenden Behandlung empfehlen. Besonders Frauen mit immer wiederkehrenden Infekten sind für diesen Hinweis dankbar. Schwangere und Stillende sollten keinen Tee aus Preiselbeerblättern trinken. Die Kommission E rät außerdem, Tees mit Arbutin-haltigen Drogen ohne ärztlichen Rat maximal eine Woche lang und höchstens fünfmal jährlich anzuwenden. /

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