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Herztransplantation

Museum erinnert an Pioniertat

20.05.2011
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Von Gerhard Gensthaler / Anfang Dezember 1967 wurde im südafrikanischen Kapstadt Medizingeschichte geschrieben. Der Chirurg Dr. Christiaan Barnard wagte die weltweit erste Herztransplantation bei einem Menschen. Im Groote Schuur-Krankenhaus in Kapstadt erinnert heute ein Museum daran.

Die Zeiger im Operationssaal stehen auf 5.58 Uhr. Genau um diese Zeit am 3. Dezember 1967 begann das transplantierte Herz in seinem Empfänger Louis Washkansky von selbst zu schlagen. Das Operationsteam hatte einen riesigen Erfolg erzielt. 18 Tage überlebte der schwerkranke Mann mit dem Herzen einer jungen Frau. In den originalgetreu wieder hergerichteten Operationssälen lassen Wachsfiguren die weltberühmte Szene so lebensecht erscheinen, dass dem Besucher fast der Atem stockt. Bei der PZ-Leserreise besuchten Apotheker aus ganz Deutschland Anfang Mai das Museum im Groote Schuur-Krankenhaus.

Jahrelanges üben

Der Pioniertat waren langjährige wissenschaftliche Versuche und ein Drama vorausgegangen. Der südafrikanische Herzspezialist Christiaan Barnard (1922 bis 2001) erlebte 1956 seine erste Herztransplanta­tion an Hunden im US-amerikanischen Minnesota. Nach seiner Rückkehr setzte er in Kapstadt seine Forschungen acht Jahre lang gemeinsam mit seinem Bruder Ma­rius, der ebenfalls Herzchirurg war, fort. Die Brüder übten die Arbeit am offenen Herzen und den Umgang mit der Herz-Lungen-Maschine immer wieder an Hunden. Schließlich erhielten sie die Genehmigung, eine Herztransplantation bei einem Menschen durchzuführen. Im November 1967 stand alles bereit, und das Operationsteam war bestens geschult – nur ein Spender fehlte.

Am 2. Dezember wurden die 24-jährige Denise Darvall und ihre Mutter in Kapstadt von einem Auto überfahren. Die Mutter war sofort tot. Denise kam schwer verletzt ins Groote Schuur-Krankenhaus, wo sie starb. Die Ärzte stellten ihren Hirntod fest. In dieser dramatischen Situation stimmte ihr Vater zu, dass das Herz seiner Tochter in einem anderen Menschen weiterleben sollte. Um 1 Uhr nachts begann die fünf­stündige Operation in zwei benachbarten Operationssälen. Gleichzeitig mit dem Herzen entnahmen die Ärzte der jungen Frau eine Niere, mit der sie das Leben eines 9-jährigen Jungen retteten. Währenddessen öffneten Chirurgen im anderen Saal den Brustkorb des 55-jährigen Louis Washkansky und entnahmen sein todkrankes Herz. In einem Video schildert Barnard den fürchterlichen Moment, als er erstmals in den leeren Brustkorb eines lebenden Menschen blickte, in dem kein Herz mehr schlug!

Der 45-jährige Chirurg schloss das neue Herz an den Blutkreislauf und die Nervenbahnen an, während eine Herz-Lungen-Maschine den Patienten am Leben erhielt. Nach drei Stromstößen mit dem Defibrillator war es soweit: Das Herz begann im richtigen Rhythmus zu schlagen! 18 Tage lebte Washkansky, bevor er an einer Lungenentzündung starb – und mit ihm das junge Herz von Denise Darvall.

Strenge Geheimhaltung

Die Herztransplantation wurde erst 22 Stunden nach der Operation bekannt. Vorher sollte nichts an die Öffentlichkeit dringen, da große Proteste erwartet wurden. Die Übertragung eines Herzens war, anders als die einer Niere, mit großen Vorbehalten belastet und wurde von vielen Menschen und Religionsgemeinschaften abgelehnt. Lediglich der damalige jüdische Rabbiner von Kapstadt erteilte die Erlaubnis zu einer Herztransplantation. Daher waren die beiden ersten Patienten jüdischen Glaubens.

Bis heute gibt es kein Foto des 30-köpfigen Operations­teams. Kritiker sagen, Barnard habe nicht gewollt, dass schwarze Mitarbeiter auf einem Foto zu sehen seien. Maßgeblichen Anteil am Erfolg wird dem schwarzen Südafrikaner Hamilton Naki im Transplantationsteam zugeschrieben, dessen Teilnahme damals aus politischen Gründen verschwiegen werden musste oder sollte. Nachträglich aufgenommene Bilder zeigen nur weiße Mediziner und Krankenschwestern. Die Apartheid verbot die Mitarbeit von »coloured people«.

Zwei Jahre später übertrug Barnard einer schwarzen Patientin ein Herz. Es war seine fünfte Transplantation, und Dorothy Fischer überlebte den Eingriff 13 Jahre. Insgesamt führte der Arzt 69 Herztransplantationen, davon 65 erfolgreich durch. Am längsten lebte ein Patient 23 Jahre mit einem fremden Herzen.

Eine rheumatische Erkrankung an Händen und Füßen und eine Asthmaerkrankung zwangen Christiaan Barnard im Jahr 1983, seine Chirurgenlaufbahn zu beenden. Daher bot er der Regierung von Südafrika an, sein Wissen in Vorlesungen an der Universität weiterzugeben. Die Regierung lehnte diesen Antrag mit der Begründung ab, er sei zu alt. Barnard verließ Südafrika und wirkte noch elf Jahre als Lehrer in den USA. 2001 starb der berühmte Chirurg.

Weltweite Nachahmer

Bereits ein Jahr nach seiner Pioniertat transplantierten Kollegen mehr als 100 Herzen in über 22 Ländern, jedoch fast immer ohne langfristigen Erfolg. Die meisten Patienten starben in den ersten Monaten nach dem Eingriff.

Die erste Herztransplantation in Deutschland gelang 1969 den Ärzten Fritz Sebening und Werner Klinner an der damaligen Zenker-Klinik in München. Nach Einführung effektiver und risikoärmerer immunsuppressiver Medikamente in den 1980er-Jahren stieg die Erfolgsquote von Herztransplantationen.

Am Groote Schuur-Krankenhaus wurden in manchen Jahren bis zu 120 Herztransplantationen vorgenommen. Heute ist die Zahl mit 12 bis 15 pro Jahr sehr gering. Es gebe, auch wegen der weiten Verbreitung von HIV, einen großen Mangel an gesunden Spendern. 2005 wagten die Ärzte sogar die Übertragung eines Herzens von einem HIV-positiven Spender auf einen ebenfalls infizierten Empfänger.

Nach Niere und Leber werden Herzen heute weltweit am dritthäufigsten verpflanzt. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden 2010 in Deutschland 393 Herzen in 24 Kliniken transplantiert. Zwei Drittel der übertragenen Organe sind nach fünf Jahren noch in Funktion. Schwer herz- und lungenkranken Patienten können beide Organe transplantiert werden. /

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