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Reizblase

Ganzheitlich therapieren

25.05.2012  16:51 Uhr

Von Oliver Ploss / Die Blasennerven reagieren sehr empfindlich auf psychische Probleme. So kann beispielsweise Angst zu unbeabsichtigtem Wasserlassen führen. Vor allem bei Frauen wirken sich psychische Belastungen oft auf den »Schwachpunkt« Blase aus, sodass Therapeuten das Phänomen der überaktiven Blase mit dem Satz beschreiben: »Frauen weinen mit der Blase«.

Auch einige Redewendungen weisen auf die Bedeutung der Harnblase im Zusammenhang mit Emotionen wie Angst, Wut oder Ärger hin: Jemand macht sich vor Angst in die Hose oder ihm schlägt der Ärger auf die Blase. Unter medizinischen Aspekten gehört die überaktive Blase, auch Reizblase genannt, zu den Blasenspeicherstörungen. Ihre Ursachen sind nicht eindeutig geklärt. Neben den psychischen Problemen kommen auch Stress, chronische Infekte, Estrogenmangel, Koordinationsstörungen der Beckenboden- und Blasenmuskulatur sowie Tumore als Auslöser infrage.

Funktionsstörungen im Bereich der Harnblase sind durch das unkoordinierte Zusammenwirken der Blasenmuskulatur, der beiden Schließmuskeln und der Beckenbodenmuskulatur bedingt. Bei der Reizblase ist der externe Blasenschließmuskel emotional bedingt angespannt, oft betrifft die Verspannung den gesamten Beckenbereich, vor allem jedoch den Beckenboden. Stress und emotional bedingte Anspannung lösen bei manchen Frauen schon die willkürliche Entleerung aus, obwohl die Blase mit weniger als 300 Milliliter Harn gefüllt ist. Typischerweise nehmen die Betroffenen ihre Reizblasensymptomatik nur im Wachzustand wahr. Dass sie völlig ungestört durchschlafen, weist schon auf den psychosomatischen Charakter der Reizblase hin. Viele verspüren in bestimmten Situationen plötzlich heftigen Harndrang, meist dann, wenn keine Toilette erreichbar ist.

Psychogene Harnverhaltung

Im Unterschied dazu sprechen Mediziner von einer psychogenen Harnverhaltung, wenn die Betroffenen nur erschwert Wasser lassen können, sobald sie sich überfordert oder beobachtet fühlen. Eine nicht organisch bedingte Harnverhaltung tritt vor allem bei Frauen auf, die sexuell traumatisiert sind oder sexuell beängstigende Erfahrungen gemacht haben. Dann führt Stress dazu, dass sich die Ringmuskeln in der Blasenregion zusammenziehen und die Harnröhre verschließen.

Auch manche Männer können nicht urinieren, wenn sie sich beobachtet fühlen, oder ihr Harnstrahl stockt, wenn plötzlich jemand den Raum betritt. Diese »Paruresis« genannte Störung betrifft 3 bis 7 Prozent der Männer und wird oft als Ausdruck einer sozialen Phobie gesehen.

Nicht immer verbirgt sich die Reizblase hinter häufigen Toilettenbesuchen. Bei manchen Menschen begünstigt Stress oder Erregung eine psychogene Harnflut, auch Polyurie genannt, sodass sie trotz normaler Trinkmenge innerhalb von zwei bis vier Stunden bis zu drei Liter Urin ausscheiden.

Die Blase gezielt trainieren

Die Betroffenen können mit einigen Übungen lernen, die Blasenentleerung besser zu kontrollieren. Sobald sie den ersten Drang verspüren, sollten sie versuchen, den Toilettengang hinauszuzögern. Empfehlenswert ist auch, jeden Tag die Toilettengänge und auch die Trinkmenge zu protokollieren (Toiletten- und Trinkprotokoll). Ebenfalls hilfreich ist, bestimmte Zeiten festzulegen, zu denen der Betroffene jeweils die ­Toilette aufsucht. So soll er seine Blase an gewisse Zeiten gewöhnen beziehungsweise Entleerungszeiten eintrainieren.

Reizblasen-Patienten sollten lernen, ihren Harndrang wenigstens 10 bis 15 Minuten lang auszuhalten und den Besuch der Toilette hinauszuschieben. So können sie die Erfahrung machen, dass sie ihrem Körper nicht völlig ausgeliefert sind. Die Betroffenen sollen außerdem zwei bis drei Liter Flüssigkeit pro Tag trinken, weil dies das Dranggefühl nicht erhöht, sondern vermindert. Um den Beckenboden zu stärken, kann er durch eine Elektrostimulation passiv trainiert werden. Die Elek­trostimulation bewirkt durch schwache Strom­impulse, dass alle Muskeln des Beckenbodens in ihrer Funktion unterstützt werden. Die Biofeedback-Methode, ein Verfahren der Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin, soll Betroffenen dabei helfen, körperliche Anspannungszustände bewusst wahrzunehmen. Technische Hilfsmittel, wie beispielsweise EKG-Signale oder Farbzuordnungen, helfen dem Trainierenden dabei, unbewusst ablaufende Körpersignale zu erkennen und einzuordnen. Auf diese Weise kann er lernen, die entsprechenden Körperfunktionen zu beeinflussen.

Auch Autogenes Training und Atemtechniken können den Druck auf die Blase mildern, weil der Übende dadurch lernt, die körperliche Grundspannung bewusster zu spüren und zu reduzieren. Da der Druck auf die Blase auch oft mit belastenden Lebensumständen zusammenhängt, kann ein Stressbewältigungstraining helfen. Menschen mit psychosomatisch bedingten urologischen Problemen lernen so, mit Stresssituationen besser umzugehen.

Ganzheitlich orientierte Therapeuten empfehlen Patienten mit chronisch psychogener Reizblase als Basistherapie, viermal täglich 40 Tropfen Calmvalera Hevert, dreimal täglich 30 Tropfen Ursinol und dreimal täglich zwei Kapseln Granu Fink femina einzunehmen.

Was kann der Patient sonst tun?

Im Sinne einer Ordnungstherapie sollen die Patienten versuchen, berufliche oder private Stressfaktoren zu minimieren, einer Dauerbelastung vorzubeugen und Konflikte zu klären. Zum Abbau von Spannungen eignen sich neben Entspannungstechniken wie Yoga oder Autogenes Training regelmäßige aktive Erholung in frischer Luft, beispielsweise beim Wandern oder Radfahren, Schwimmen, Gymnastik, Sauna, Bäder, zum Beispiel mit Lavendelöl, und Massagen. /

Von Reizdarm bis Burn-out-Syndrom

Kompakte und direkt umsetzbare naturheilkundliche Therapiekonzepte helfen den Betroffenen, ihren hohen Leidensdruck für diese schwierig zu fassenden Indikationen zu mindern. Der Autor des Buches Dr. Oliver Ploss ist Apotheker und Heilpraktiker. Er stellt unter anderem funktionelle Erkrankungen wie Herzneurose, das Broken-Heart-Syndrom, Reizmagen, Reizdarm, Reizblase, das Burn-out- sowie das Bore-out-Syndrom vor. Ploss beschreibt Ursachen, Symptomatik, Diagnostik, also die wichtigsten Fakten zu den funktionellen Erkrankungen. Es folgt ein Indikationsteil mit konkreten Therapie­schemata und das besondere Plus dieses Buches: die Benennung schulmedizinischer Behandlungsoptionen. Ergänzt werden diese durch zahlreiche Hinweise zur Selbsthilfe für die Patienten.

Naturheilkunde bei funktionellen ­Erkrankungen. Von Dr. Oliver Ploss, Haug Verlag, Juni 2012, 104 Seiten, ISBN 13: 978-3-8304-7466-1, 29,95 Euro.

Zu bestellen beim Govi-Verlag unter Tel. 06196 928257, per E-Mail unter service(at)govi.de oder unter www.govi.de

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