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Androgenetische Alopezie

Haarige Probleme im Handverkauf

19.04.2013  15:53 Uhr

Von Michael van den Heuvel / Haarausfall beeinträchtigt die Lebens­qualität von Frauen und Männern gleichermaßen. Besonders häufig ist der Haarausfall erblich bedingt. Bei der andro­genetischen Alopezie reicht das Spektrum der Behandlungsoptionen von diversen Kosmetika und Wundermitteln bis zu effizienten Arzneistoffen. Durch ihre Beratung können PTA und Apotheker Kunden vor herben Enttäuschungen bewahren und deren Compliance bei langfristigen Therapien fördern.

Berichtet eine Kundin im Gespräch, jeden Morgen viele Haare beim Bürsten oder Kämmen zu verlieren, ist das allein noch kein Grund zur Sorge. In Grenzen ist Haarausfall vielmehr ein normaler, bio­logischer Prozess, bei dem jedem Menschen Tag für Tag 60 bis 100 Haare ausfallen. Haar­wurzeln haben nur eine zeitlich begrenzte Lebensdauer und regenerieren sich im Normalfall von selbst.

Wenn Haare altern

Jedes Haar wächst aus einer neu gebildeten Haarwurzel. Sein Lebenszyklus beginnt mit der sogenannten Anagenphase, der Wachstums­zeit. Nach zwei bis sechs Jahren geht jede Haarwurzel in die Katagenphase über: Der Follikel verengt sich und das Haar wächst nicht mehr. Danach folgt eine Ruhephase, die Telogenphase, in der das Haar nach mehreren Wochen schließlich ausfällt. Anschließend regeneriert der Follikel, und der Zyklus beginnt mit einer neuen Anagenphase von vorn. Im Normalfall befinden sich ungefähr 85 Prozent aller Haare in der Anagenphase, nur 1 Prozent in der Katagen- sowie 13 Prozent in der Telogenphase. Der verbleibende Rest sind geschädigte Haarwurzeln verschiedenen Ursprungs.

Dermatologen nutzen dieses Verhältnis zur Diagnose des erblich bedingten Haarausfalls. Beim Trichogramm untersuchen sie etwa 100 Haare inklusive Wurzel. Befinden sich zu wenig Follikel in der Anagenphase, weist dies auf androgenetische Alo­pezie hin. Als weitere diagnostische Op­tion kommt der Zupftest infrage: Lassen sich 10 von 50 Haaren mit zwei Fingern leicht herausziehen, spricht dies ebenfalls für den Befund. Verlieren Jugend­liche sehr viele Haare, sollte der Arzt zusätzlich den Hormonstatus im Blut bestimmen.

Bei mehr als 95 Prozent aller Patienten weisen Dermatologen eine genetische Ursache des Haar­ausfalls nach. In Europa sind bis zu 80 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen früher oder später davon betroffen, meist in höherem Lebensalter. Zwar ist Haarausfall aus medizinischer Sicht harmlos, dennoch leiden viele Patienten stark unter ihrem veränderten Erscheinungsbild. Da viele Menschen ihren Haaren eine hohe ästhetische Bedeutung zumessen, ist die Nachfrage nach einer medikamentösen Behandlung groß.

Ursache Hormone

Die androgenetische Alopezie ist erblich bedingt durch eine Überempfindlichkeit der Haarfollikel­zellen gegenüber dem Sexualhormon Dihydrotestosteron (DHT). Entweder sind zu viele DHT-Rezeptoren vorhanden oder der Körper produziert zu viel 5α-Reduktase, ein Enzym, das Testosteron zu DHT verstoffwechselt. DHT lässt die Follikel schrumpfen und verkürzt so die Anagenphase. Daher befinden sich auf dem Kopf Haarausfall-Betroffener weitaus mehr Haare in der Katagen- oder Telogenphase als bei gesunden Menschen.

Bei Männern beginnt der Verlust der Haarpracht oft mit einer Stirnglatze oder »Geheimratsecken«. In fortgeschrittenem Alter bleiben häufig nur noch hormon­unempfindliche Haare im Nacken und Hinterkopf als Haarkranz übrig. Bei Frauen hingegen ist die Rolle der Androgene nicht so klar. Wissenschaftler halten neben einem hohen Testosteronspiegel auch einen Mangel an Aromatasen für relevant. Fehlen diese Enzyme, entsteht zu wenig protektives Estradiol. Im Gegensatz zum männlichen Haarausfall dünnen sich die Haare bei Frauen vor allem in der Scheitelregion aus. In manchen Fällen sprechen Ärzte vom »Christmas Tree«-Muster, da die Läsionen von oben betrachtet so dreieckig wie ein Weihnachtsbaum aussehen. Bei Männern unterscheiden Dermatologen nach dem Hamilton-Norwood-Schema sieben Schwere­grade des Haarausfalls, bei Frauen nach dem Ludwig-Schema (siehe Grafik).

Keine falschen Versprechen

PTA und Apotheker sind beim Thema Haar­ausfall oft Ansprechpartner Nummer eins. Die Betroffenen kommen nicht selten mit falschen Vorstellungen in die Offizin: Zwischen dem Wunsch, die eigene Haarpracht zu erhalten, und der Herausforderung, Präparate über Monate konsequent anzuwenden, liegen oftmals Welten. Sie müssen folgende Tatsachen akzeptieren: Wunder­mittel gibt es keine, und die androgenetische Alopezie ist nicht heilbar. PTA und Apotheker sollten die Ratsuchenden nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin beraten.

Einen Überblick bietet die S3-Leit­linie »androgenetische Alopezie« des Euro­päischen Dermatologie-Forums. Das Kürzel »S3« steht im Vergleich zu »S1« oder »S2« für eine besonders hohe methodische Qualität.

Bei Männern ist das Enzym 5α-Reduktase ein wichtiger Angriffspunkt der Therapie. Der rezept­pflichtige Wirkstoff Finasterid (Propecia®) hemmt die 5α-Reduktase und damit den Abbau von DHT.

Dadurch verbleiben die Haare länger in der Anagenphase. Das synthetisch hergestellte Steroid wird oral eingenommen. Unter­suchungen zeigten, dass die Arzneisubstanz in der Dosierung von 1 Milligramm pro Tag nach zwölf Monaten die Haardichte im Scheitelbereich um bis zu 36 Haare pro Quadrat­zenti­meter erhöhte. Sogar 60 Monate nach der Therapie lag der Zuwachs immer noch bei 10 Haaren pro Quadratzentimeter, und weitere 5 Jahre später fanden Dermatologen noch 7,5 Haare pro Quadrat­zentimeter mehr als vor der Behandlung. Je nach Studie profitierten bis zu 90 Prozent aller Behandelten von Finasterid. Weitere Unter­suchungen ergaben einen zusätzlichen Mehrwert durch die Kombination mit topischem Minoxidil. Finasterid ist aufgrund seiner antiandrogenen Eigenschaften für Frauen nicht geeignet und für Schwangere gefährlich, da bei männlichen Feten Missbildungen der äußeren Geschlechtsorgane auftreten können.

Goldstandard Minoxidil

Minoxidil wurde ursprünglich zur Behandlung der Hypertonie entwickelt. Als Nebenwirkung trat verstärkter Haarwuchs auf. Heute ist der Arzneistoff deshalb auch zur topischen Anwendung bei androgenetischer Alopezie zugelassen. In den Haarfollikeln entsteht aus dem Prodrug Minoxidil durch das Enzym Sulfotransferase während der Anagenphase Minoxidilsulfat. Wie dieser Metabolit genau wirkt, haben Wissenschaftler noch nicht mit letzter Gewissheit ermittelt. Eine Hypothese: Die Durchblutung soll verbessert sowie mehr Wachstumsfaktoren wie der Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) und der Hepatozyten-Wachstumsfaktor (HGF) gebildet werden. Zudem entstehen vermehrt schützende Prostaglandine.

Placebokontrollierte Studien bescheinigen dem Präparat gute Erfolge. Beispielsweise erhöhte sich die Dichte der Haare nach 12 Monaten auf 16 bis 83 Haare pro Quadratzentimeter. Im Schnitt verbesserte Minoxidil die Zahl voll ausgebildeter Haare um 9 bis 42 pro Quadratzentimeter–im Vergleich zu Placebo statistisch signifikant. Bei Männern ist die 5-prozentige Formulierung wirksamer, bei Frauen brachte diese im Vergleich zu 2-prozentigen Minoxidil-Formulierungen keinen Vorteil.

Zur topischen Applikation ist Minoxidil als Lösung oder als Schaum verfügbar. Da Patienten Schaumzubereitungen ohne Propylenglycol häufig besser vertragen, ist bei diesen die Compliance erhöht. Der Patient sollte das Präparat zweimal täglich auf die betroffenen Regionen auftragen und leicht einmassieren. Wichtig ist, dass Minoxidil mehrere Stunden auf der Kopfhaut bleibt. Beim Auftragen müssen die Betroffenen vorsichtig sein, um keine unerwünschte übermäßige Behaarung (Hypertrichose) im Gesicht zu provozieren. Das kann auch schon über Produktreste auf einem Kopfkissen geschehen. Sinnvoll ist daher eine Anwendung mehrere Stunden vor der Nachtruhe.

Bei der Abgabe eines Minoxidil-Präparates punkten PTA oder Apotheker durch wichtige Hinweise. Die Anwender sollten wissen, dass zu Beginn die Haare vermehrt ausfallen (»Shedding«), sonst zweifeln sie schnell am Erfolg und behandeln ihre Kopfhaut nicht weiter. Dabei gilt das Phänomen sogar als gutes Zeichen: Follikel in späten Entwicklungsstadien sterben ab, und Regenerations­prozesse beginnen. Erste sichtbare Erfolge stellen sich nach drei bis vier Monaten ein, die besten Resultate treten nach einem Jahr auf. Bei Schwangeren sowie Stillenden ist Minoxidil­ tabu.

Die »Pille« auf Kassenrezept?

Derzeit erstatten die gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) die »Pille« nur jungen Frauen bis zum Alter von 19 Jahren. Ab dem 20. Geburtstag ist eine Verschreibung zu Lasten der GKV nur noch dann möglich, wenn das hormonelle Kontrazeptivum therapeutischen Zwecken dient. Bei andro­genetischer Alopezie wird beispielsweise die Kombination von Ethinylestradiol und Chlormadinonacetat auch in höherem Alter erstattet.

Die Autoren der Leitlinie geben auch umfangreiche Einschätzungen zu weiteren Wirkstoffen ab. So kann der Arzt beispielsweise orale Antiandrogene wie Chlormadinonacetat, Cyproteronacetat, Drospirenon, Spironolacton oder Flutamid in Erwägung ziehen. Dermatologen sprechen dazu jedoch aufgrund der Studienlage keine deutliche Empfehlung aus. Alfatradiol, Fluridil beziehungsweise natürliche Estrogene oder Gestagene werden ähnlich eingestuft. Orales Cyproteronacetat sollte nicht ohne den Labornachweis eines Hyperandrogenismus verabreicht werden. Von topischem Fulvestrant raten die Autoren in jedem Fall ab.

Kritisch­ hinterfragen

Als Ergänzung zur Pharmakotherapie bieten einige Hersteller Nahrungsergänzungsmittel oder Phytopharmaka an. Die Leitlinie hat etliche Präparate unter die Lupe genommen und Hinweise auf »vermutete Hauptwirkmechanismen« gefunden. Demnach könnten Ginkgo biloba, Aloe vera oder Coffein das Haarwachstum fördern. Nikotinsäureester oder diverse Mineralien sollen die Vasku­larisation der Follikel verbessern. Bei grünem Tee, Cimicifuga und bei Sägepalmenextrakten gibt es Hinweise darauf, dass sie DHT hemmen. Aber für Empfehlungen im Sinne der evidenz­basierten Medizin ist die Datenlage zu schlecht. PTA und Apotheker können Betroffenen zwei kostenlose Ratschläge mit auf den Weg geben: Ein Rauchstopp und Strategien zur Stressvermeidung sind in punkto Haarwachstum immer richtig.

Neue Zielstruktur

Gerade zum Thema Stress gibt es interessante Ergebnisse aus der Forschung. Transgene Mäuse, die das Stresshormon Corticotropin Releasing Factor (CRF) in höherer Konzentration produzierten, verloren vermehrt Haare. Erhielten die Tiere aber einen Hemmstoff namens Astressin-B, wuchs ihr Fell wieder nach. Vor gut einem Jahr stießen Biochemiker auf ein weiteres interessantes Molekül, das eine Rolle beim Haarausfall spielt: Prostaglandin D2. Dieses Gewebshormon entsteht direkt in Haarfollikeln unter Beteiligung des Enzyms Prostaglandin-D2-Synthase. Sowohl das Enzym als auch das Prostaglandin selbst liegen bei genetisch vorbelasteten Männern in erhöhter Konzentration vor.

Aus der Rezeptur: Minoxidil-Haarspiritus (2 oder 5 Prozent)

  • Minoxidil 2,0/5,0 g
  • Isopropylpalmitat 1,0 g
  • Macrogol-40-glycerolhydroxy­stearat 2,5 g
  • Propylenglycol 7,5/15,0 g
  • Ethanol 70 Prozent ad 100,0 g

Prostaglandin D2 steht laut der Studie unter Verdacht, Haarwurzeln in die katagene Phase zu treiben. Jetzt versuchen Forscher, Hemmstoffe der Prostaglandin-D2-Synthase zu entwickeln. Vielver­sprechend ist in Versuchen mit Mäusen beispielsweise der körpereigene Antagonist Prosta­glandin F2α.

Eigenhaartransplantation

Sollten etablierte, pharmakotherapeutische Strategien keinen Erfolg bringen, bleiben als Alternative chirurgische Maßnahmen. Hier hat sich die Follicular Unit Extraction bewährt: Dabei entnehmen Ärzte kleine Haarwurzeleinheiten mit einer Hohlnadel und transplantieren diese in kahle Regionen. Nur wenige Arbeiten genügen den hohen Anforderungen der evidenzbasierten Medizin. Kleinere Studien bescheinigen dem Verfahren gute Erfolge. Allerdings gehen transplantierte Haare, die nicht DHT-resistent sind, über kurz oder lang wieder verloren. Dermatologen raten deshalb, Operation und Pharmakotherapie miteinander zu kombinieren. /

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