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Mit viel Fingerspitzengefühl

19.04.2013  17:17 Uhr

Von Annette Behr / Gepflegte Hände und Fingernägel sind eine Art Visitenkarte. In den letzten Jahren gesellt sich zum Nagellack das extravagante und aufwendige Nageldesign dazu. Sind diese Auswüchse schön, gesund oder einfach nur überflüssig?

»Was stinkt es hier schon wieder!«, schimpfte mein Vater früher, wenn meine Schwester und ich uns die Fingernägel lackierten. Das taten wir freudig und häufig, meist heimlich im Bad. Und besonders gern auch noch mit dem einzigen Glamourlack unserer Mutter in changierendem Perlrosé. Mein Vater konnte weder den Geruch des Nagellacks noch den des acetonhaltigen Entferners vertragen, vor allem aber mochte er das Resultat nicht: die lackierten Nägel. »Die roten Krallen« fand er einfach nur gewöhnlich.

Angeblich gefällt es über 70 Prozent der Männer, wenn Frauen sich die Nägel lackieren. Sie sehen in diesen ein erotisches Signal! Mag sein. Ich habe die Aversion gegen Nagellack und dessen Geruch offenbar von meinem Vater geerbt. Nach einer kurzen Phase des Ausprobierens empfand ich Lack auf Finger- und Fußnägeln als »Einengung«. Ich hatte das Gefühl, es käme nicht genügend Luft an meine Nägel. Außerdem fand ich lange, lackierte Finger­nägel irgendwie affektiert. Noch heute empfinde ich natürlich gepflegte Hände, Finger- und Fußnägel besonders ansprechend und schön.

Schutzschild

Ein gesunder Nagel ist fest und trotzdem biegsam. Seine matte Oberfläche schimmert zart rosa. Als Anhängsel der Haut schützt er die empfindlichen Fingerkuppen. Er wächst, ähnlich wie Haare, ständig, monatlich zwischen 2 und 5 mm, abhängig von der Durchblutung, Ernährung, mechanischen Belastungen und der Pflege. Eine komplette Rundumerneuerung der Fingernägel dauert 3 bis 6 Monate. Über die »Nagelqualität« bestimmt auch die genetische Veranlagung mit. Ein Nagel besteht aus verschiedenen Schichten, das heißt, aus mehr als 100 übereinander liegenden Hornzellen. Die oberste harte Schicht ist reich an Calcium und Keratin und schützt das gesamte Nagelbett. Besonders empfindlich ist das zarte Nagel­häutchen. Es verhindert, dass am Nagelwall Bakterien und Schmutz eindringen. Daher ist es nicht ratsam, daran zu zupfen oder zu schneiden, sondern es sollte allenfalls vorsichtig zurückgeschoben werden. Flecken und Punkte auf den Nägeln sowie Dellen und Risse können Anzeichen einer Störung beziehungsweise Erkrankung sein.

Moderne Zeiten

Es kann nur besser werden, denke ich beim Anblick der 33 Farbfläschchen im Zimmer meiner Tochter. Wie Trophäen stehen die Lacke dort, wohl sortiert, im Regal. Tageweise wird gefeilt, gelackt und wieder entfernt. »Der Nagellack hat sich zum It-Accessoire gemausert«, lese ich dazu wenig tröstlich, in einem Journal für junge Frauen. Farbtöne wie Grau oder Mauve, des bekannten Modemachers XY sind selbstverständlich in kürzester Zeit ausverkauft, heißt es dort. Künstliche Verknappung nennt man das wohl. Die Farben und Lacke werden sogar zu Sammlerstücken. Momentan sind anscheinend Nuancen in Coffee-Tönen oder in sommerlich bunten Smoothie-Farben en vogue, entnehme ich dem Fachblatt. Na ja, immerhin trägt mein Kind keine Kunst­nägel. Die findet selbst sie »affektiert«!

Aktuell habe ich den Eindruck, aller­orts ent­stehen neue Nagelstudios, und die Zahl der Kundinnen wächst. Manche Frauen tragen ihre Kunstnägel wie Statussymbole vor sich her. Besonders häufig schmücken sich Kassiererinnen mit langen, bunten Nägeln in den ausgefallensten Variationen. Teil­weise biegen sich die Nägel unter der Last der Glitzersteine oder anderer Accessoires.

Nagelmodelage verbreitet sich seit einigen Jahren geradezu virusartig! Mit Gel, Acryl, Fiberglas oder Tricks wie künstlichen Spitzen macht sich die Nageldesignerin ans Werk und verlängert die Nägel ihrer Kundinnen. Je nach Geschmack kann diese nur profan ihre Lieblingsfarbe wählen oder ihre Nägel mit Perlen, Steinchen oder Swarowski-Kristallen »garnieren« lassen. Der letzte Schrei ist ein Foto des Liebsten in Airbrush-Technik auf den Nägeln. Spezieller Thermolack, angepriesen als »ein Farbspiel der Extraklasse«, wechselt bei Wärme seinen Ton. Großartig! Dann ist aber auch eine entsprechende, gespreizte Handhaltung von Nöten, denn der luxuriöse Lack ist nicht belastbar. Aber über Geschmack kann man bekanntlich nicht streiten.

Kleine Kulturgeschichte

Nageldesign ist übrigens keine Erfindung unserer Zeit. Schon während der Ming-Dynastie (13. bis 16. Jahrhundert) verwendeten die Chinesinnen Naturmaterialien zur Nagelmodelage. Sie verstärkten ihre Nägel mit Reispapier, einem Mix aus Seide oder Porzellanpulver und einer kleb­rigen Flüssigkeit. Im frühen 19. Jahrhundert verschönerten griechische Frauen der gehobenen Gesellschafts­schicht ihre Nägel mit Pistazienschalen. Mit diesen modischen Accessoires wollten sie sicher verdeutlichen, dass sie keinerlei manuelle Arbeiten verrichten mussten.

In den USA begann die Ära des modernen Nageldesigns in Form von Kunstnägeln Ende der 1960er Jahre. Seit den 1970er Jahren hält sich diese Art der »Verschönerung« auch in Europa hartnäckig, obwohl die unterschiedlichen Inhaltsstoffe der Materialien und Lacke häufig Allergien auslösen.

Risiken

Ob natürliche oder künstliche Fingernägel, je länger diese sind, desto mehr »Gefahren« gehen von ihnen aus. Unbeabsichtigtes mechanisches Abhebeln des Nagels ist schmerzhaft, verletzt den eigenen Nagel oder die Fingerkuppe und hinterlässt entsprechende Wunden. Die Gefahr, Keime auf andere Menschen, vor allem auf Patienten zu übertragen, ist relativ groß. Daher heißt es in Empfehlungen des Robert Koch-Instituts zur Prävention postoperativer Wundinfektionen: »Die Qualität von Fingernägeln kann bei Mitarbeitern in medizinischen Berufen eine nicht zu unterschätzende Infektions­relevanz erlangen. Zu lange, rissige oder nicht rund geschnittene Fingernägel erhöhen die Perforationsgefahr von Handschuhen. Beim Arbeiten mit sterilen Handschuhen kann sich hierdurch eine erhöhte Infektionsgefahr für Pa­tienten ergeben.« Fingernägel kurz und rund schneiden, heißt also die Devise. Ich denke es gehört auch in Apotheken zum »guten Ton«, sich den gesundheitsrelevanten Richtlinien anzupassen. Außerdem verkaufen sich Handpflege-Produkte und Mittel gegen Nagelpilz mit perfekt gepflegten Händen inklusive Nägeln und Fingerspitzen­gefühl besser und glaubwürdiger. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

blaubehr@gmx.net