PTA-Forum online
Nachtkerze

Schönes Kraut für weiche Haut

19.04.2013
Datenschutz

Von Ursula Sellerberg / Nachtkerzenöl ist reich an ungesättigten Fettsäuren und hilft unterstützend bei Neurodermitis. Epileptiker und Patienten, die gerinnungshemmende Arzneimittel einnehmen, sollten jedoch vorsichtig sein.

Die Nachtkerze bekam ihren Namen, weil sich ihre Blüten abends öffnen und in der Dämmerung wie Kerzen leuchten. Die Pflanze mit dem botanischen Namen Oenothera biennis gehört zur Familie der Nachtkerzengewächse, den Onagraceae. Die Bezeichnung biennis leitet sich davon ab, dass die Pflanze zweijährig ist. Das erste Jahr bildet sie nur eine eher unscheinbare und unfruchtbare, am Boden angedrückte Blattrosette. Erst im zweiten Jahr entwickelt sich ein bis zu 1 Meter hoher Stängel. Die 2 bis 3 Zentimeter großen, leuchtend gelben Blüten stehen in der Blütezeit von Juni bis Oktober einzeln in den Winkeln der Laubblätter. Die Blüten verbreiten einen weinartigen Geruch, daher der Name Oenothera (= griechisch für Weingeruch). Bestäubt werden sie durch Nachtfalter. Die Frucht ist eine längliche Kapsel mit etwa zweihundert dunkelgrauen bis schwarzen Samen. Für pharmazeutische Zwecke wird das fette Öl (Oleum oenotherae semen) mit Hexan aus den Samen herausgelöst.

Die Nachtkerze ist keine klassische Arzneipflanze. Sie gelangte erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts zunächst als Zierpflanze aus Nordamerika nach Europa und verwilderte später zum »Unkraut«. Heute wächst die Pflanze auf trockenen, steinigen Böden, zum Beispiel an Bahndämmen oder Straßen­böschungen. Früher spielte die Nachtkerze auch für die Ernährung eine Rolle, denn die mineralstoff- und eiweißhal­tigen fleischigen Pfahlwurzeln wurden als Gemüse gegessen. In dünnen Scheiben schmeckt die rohe Wurzel nach gekochtem Schinken. Daher heißt die Nachtkerze auch Schinkenkraut.

In der Phytotherapie wird die Nachtkerze erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts verwendet. Im Jahr 2011 hat die europäische Zulassungs­behörde EMA eine Monographie zum Nachtkerzenöl veröffentlicht. Im Englischen wird das Nachtkerzenöl auch als EPO bezeichnet, abgeleitet von Evening Primrose (Seed) Oil.

Wertvolles fettes Öl

Das fette Öl der Samen ist reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Es enthält 60 bis 80 Prozent Linolsäure (zwei Doppel­bindungen) und weitere 8 bis 14 Prozent Gamma-Linolensäure (drei Doppelbindungen, siehe Kasten). Weitere Bestandteile sind geringe Mengen langkettiger Fettsäuren wie Öl- und Palmitinsäure.

Bei Neurodermitis-Patienten enthält das Serum nachweisbar zu viel Linolsäure, aber zu wenig Gamma-Linolensäure. Verantwortlich für die Bildung der Gamma-Linolensäure ist das Enzym Delta-6-Desaturase. Ist die Funktion dieses Enzyms gestört, kann die Einnahme von Nachtkerzenöl helfen. Denn das Öl verändert das Gleichgewicht der verschiedenen langkettigen Fettsäuren in den Zellmembranen. In der Folge speichert die Haut mehr Feuchtigkeit und der Juckreiz wird gelindert.

Nachtkerzenöl wird laut EMA traditionell eingenommen zur symptomatischen Besserung des Juckreizes von Menschen mit akuter oder chronisch trockener Haut. Die Einzeldosis liegt bei 2 Gramm, die Tagesdosis bei 4 bis 6 Gramm. Kinder unter 12 Jahren sollten kein Nachtkerzenöl einnehmen. Tritt nach acht Wochen Therapie keine Besserung ein, empfiehlt die EMA in der Monographie den Arztbesuch. Laut Monographie der Weltgesundheitsorganisation WHO kann Nachtkerzenöl auch gegen Neurodermitis, diabetische Neuropathie oder Brustschmerzen (Mastalgie) eingesetzt werden. Äußerlich eignet das Öl zur Pflege trockener Haut.

Betroffene können Nachtkerzenöl unterstützend bei Neurodermitis und anderen entzündlichen Hauterkrankungen einsetzen, um Symptome wie Schuppen, Juckreiz oder Rötung zu lindern. Da die positiven Effekte erst nach vier bis zwölf Wochen einsetzen, sollten Patienten die entsprechenden Präparate langfristig und zu Beginn hoch dosiert einnehmen. Sobald die Behandlung Erfolge zeigt, können sie die Dosis verringern oder die Einnahme gegebenenfalls beenden.

Bei der Einnahme von Nachtkerzenöl treten häufig Verdauungsbeschwerden wie Übelkeit und Durchfälle auf, sehr selten kann es auch zu einer Temperaturerhöhung kommen. Gelegentlich reagieren die Patienten auf das Öl überempfindlich, zum Beispiel mit Hautausschlägen, Atemnot oder Kopfschmerzen. Da jede Überempfindlich­keitsreaktion einen ernsten Verlauf nehmen kann, sollten die Betroffenen das Arzneimittel bei Verdacht absetzen und unverzüglich einen Arzt aufsuchen.

Mögliche Risiken

Wegen des Risikos epileptischer Anfälle sollten insbesondere schizophrene Pa­tienten, Präparate mit Nachtkerzenöl nur mit Vorsicht einnehmen, vor allem wenn sie zusätzlich Arzneimittel wie Phenothiazine (zum Beispiel einige Neuroleptika) nehmen. Diese Arzneistoffe können ebenfalls einen epileptischen Anfall auslösen. Epileptiker sollten sich während der Einnahme von Nachtkerzenöl besonders aufmerksam beobachten oder ganz auf die Einnahme verzichten. Auch die äußerliche Anwendung von Nachtkerzenöl sollten Epileptiker zuvor mit ihrem Arzt besprechen.

Ob Wechselwirkungen mit Anti­koagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern auftreten können, ist nicht ganz geklärt. Nimmt der Patient blutgerinnungshemmende Arzneimittel ein, sollte er mögliche Blutungen beachten. Bei Überdosierungen können Durchfälle und Bauchschmerzen auftreten. Schwangere und Stillende sollten nicht nur die die Einnahme von Arzneimitteln, sondern auch von Nahrungsergänzungsmitteln grundsätzlich mit ihrem Arzt besprechen. Einige Arzneimittel mit Nachtkerzenöl sind für Schwangere ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel geeignet – hier lohnt ein Blick in die ABDA-Datenbank. Für Kinder unter einem Jahr sind Arzneimittel mit Nachtkerzenöl wegen fehlender klinischer Erfahrungen nicht geeignet.

Kapseln öffnen

Ein Tipp für das Beratungsgespräch: Viele Kapseln mit Nachtkerzenöl sind relativ groß. Sie müssen aber nicht als Ganzes geschluckt werden, der Patient kann den öligen Kapselinhalt herausdrücken und mit Milch oder einem anderen Getränk oder Lebensmittel mischen.

In der Volksheilkunde werden die gerbstoffhaltigen Blätter der Nachtkerze gegen Durchfall zur sogenannten Blutreinigung eingesetzt. Das Öl soll in der Volksmedizin gegen Verdauungs­beschwerden, Asthma und Husten helfen. Manche Hersteller bewerben ihre diätetischen Lebensmittel mit Nachtkerzenöl gegen eine ganze Reihe von Krankheiten, beispielsweise Hyperak­tivität bei Kindern oder Multiple Sklerose. Ausreichende wissenschaftliche Beweise für die Wirksamkeit liegen hierfür aber nicht vor. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

ursula.sellerberg(at)yahoo.de