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Suchtprävention

Verhaltenssüchte auf dem Vormarsch

19.04.2013  16:27 Uhr

Von Annette Behr, Berlin / Mit dem Begriff Sucht verbinden die meisten Menschen die Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen wie Nicotin, Alkohol oder Heroin. Doch auch Verhaltensweisen können zur Sucht werden, beispielsweise ein maßloser Internetgebrauch. Anlässlich eines Kongresses in Berlin diskutierten Experten über die Klassifizierung und Diagnose solcher Verhaltenssüchte.

Im Internet zu surfen, zu chatten und zu spielen, ist für viele heute eine Selbstverständlichkeit. Mittlerweile entwickeln allerdings einige Menschen am Computer derartig exzessive Verhaltens­weisen, dass sie ihr soziales und berufliches Leben damit nachhaltig schädigen.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nerven­heilkunde (DGPPN) veranstaltete im Februar dieses Jahres in Berlin einen Kongress zum Thema »Verloren im Netz – Verhaltenssüchte und ihre Folgen«. Renommierte Experten gründeten eine »Task Force Verhaltens­süchte« und beleuchteten die Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Fachleuten ist bekannt, dass nicht nur psychotrope Substanzen, sondern auch Hobbys und Verhaltensweisen wie Glücks­spiel, Internetnutzung, Kaufen und Sex zur Sucht werden können. Die Betroffenen verspüren den übermächtigen Drang, dem jeweiligen Reiz zu folgen. Ihre Gedanken kreisen fast nur noch darum und ihre Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sind stark eingeschränkt. Ebenso wie Suchtstoffe aktivieren immer wiederkehrende Verhaltens­muster die gleichen Belohnungszentren im Gehirn.

Noch Leidenschaft oder schon Suchtverhalten

»Nicht jede Leidenschaft bedeutet Abhängigkeit. Von Sucht soll nur gesprochen werden, wenn klare Befunde vorliegen und ein Leidensdruck besteht«, sagte DGPPN-Präsident Professor Dr. Wolfgang Maier auf einer Pressekonferenz zum Kongress. Er mahnte, unerwünschte Verhaltensweisen nicht automatisch als krankhaft einzustufen, nur weil sie nicht der gesellschaftlichen Norm entsprächen. Die DGPPN fordert, die Forschung über Verhaltenssüchte voranzutreiben, um Prävention und Therapie zukünftig wirksamer gestalten zu können. Ähnlich wie beim Glücksspielstaatsvertrag (GlüStV) sei auch bei anderen Verhaltenssüchten der Aufbau einer flächendeckenden Beratungs­struktur dringend erforderlich.

Der Übergang zwischen einer leidenschaftlichen Beschäftigung und einer Verhaltenssucht ist oft fließend. Daher stellt sich die Frage, welche Kriterien eine Sucht kennzeichnen. Wer legt fest, welche Art der Freizeitgestaltung für einen Menschen zuträglich ist und welche nicht? Die DGPPN spricht hier aktuell von einer diagnostischen Unschärfe.

Eine intensivere Forschung soll eine angemessene Einordnung und Diagnosestellung ermöglichen. Dann könnte Menschen beispielsweise bei exzessivem Internetgebrauch oder ruinösem Kaufverhalten gezielter geholfen werden. Die »offizielle« Anerkennung als Störungsbild würde außerdem ermöglichen, dass die Krankenkassen die Kosten der Behandlung übernehmen.

Bis zur Beschaffungs­kriminalität

Die Gesundheitsrisiken, das Abhängigkeitspotenzial sowie die schwerwiegenden sozialen und beruflichen Folgen von Verhaltenssüchten stehen denen von substanzbezogenen Süchten in nichts nach. Ähnlich wie bei diesen nehmen auch die Verhaltenssüchte so viel Raum im Leben eines Betroffenen ein, dass sie mit den Ansprüchen des täglichen Lebens kollidieren. Im sozialen Umfeld und am Arbeitsplatz kommt es daher irgendwann zu Problemen. Als Folge ziehen sich manche Betroffene sozial zurück und verwahrlosen im Extremfall. Auch die Suizidgefährdung nimmt zu. Zusätzlich führt beispielsweise die Glücksspielsucht häufig zu massiver Verschuldung bis hin zur Beschaffungskriminalität. Ab Mai 2013 werden die Glücksspielsucht und in Teilbereichen auch die Computerspielabhängigkeit in die überarbeitete Fassung des US-amerikanischen Diagnose­systems DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) aufgenommen – ein Fortschritt, denn bisher fehlten einheitliche Klassifikationskriterien für diese Störungsbilder.

Süchtig nach Glücksspielen?

Die Glücksspielsucht gilt als diagnostisch gesichert, wenn vier der genannten Kriterien zutreffen. Der Mensch …

  • verbringt sehr viel Zeit mit dem Spielen,
  • muss mit steigendem Einsatz spielen, um die gewünschte Erregung zu erzielen,
  • hat wiederholt erfolglos versucht, weniger zu spielen oder ganz aufzuhören,
  • wird unruhig und reizbar beim Versuch, zu reduzieren oder aufzuhören,
  • spielt, um Probleme oder unan­genehme Stimmungen wie Hilf­losigkeit, Schuldgefühle, Angst, Depression zu verdrängen,
  • spielt vermehrt, um nach Verlusten das Geld zurück zu gewinnen,
  • belügt die Umgebung über den Grad seiner Verstrickung und über kriminelle Handlungen zur Geld­beschaffung,
  • setzt Beziehungen und seine Arbeit auf’s Spiel,
  • borgt häufig bei anderen Geld, um sich aus finanziellen Schwierigkeiten zu befreien.

Erfreulicherweise nimmt das öffentliche Interesse an den Verhaltenssüchten zu, konstatierten die Experten. Wenn sich Prominente wie Carlo von Tiedemann in einer Talk-Show zu ihrer ehemaligen Glücksspielsucht bekennen, sei dies ein »Türöffner« für andere Betroffene. Der Radio- und Fernseh­moderator hatte eindrucksvoll berichtet, wie ihn die Sucht persönlich verändert und in den finanziellen Ruin getrieben hatte.

Computer- und Internetsucht

»Je leichter das Suchtmittel zur Verfügung steht, desto eher entstehen Abhängigkeiten«, sagte Maier, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Bonn. Diese Aussage sollte zu denken geben, denn die sogenannten neuen Medien sind aus den meisten Lebensbereichen nicht mehr wegzudenken: der Computer im Büro und zu Hause, das iPad und das Smartphone für unterwegs. Die hohe Verbreitungsdichte der Bildschirmmedien führt bei einem Teil der Nutzer zu einem krankhaften Gebrauch. Das suchthafte Verhalten betrifft monetäre Glücksspiel- und Shopping-, aber auch Pornographieangebote im Internet. Beziehungen zu anderen Menschen werden nur noch über das Internet aufrecht erhalten. Zurzeit ist das pathologische Spielen am Computer mehrheitlich ein Problem der Jungen, während die Mädchen eher durch die sozialen Medien »gefährdet« sind. Zu den Zeichen einer solchen Abhängigkeit zählen ein vermindertes Selbstwertgefühl, suizidale Gedanken, Depressionen und Angststörungen.

Prävention und Ausblick

Die Empfehlungen der Experten zur Vorbeugung überraschen nicht: Grundschüler sollten Computer und Handy nicht uneingeschränkt nutzen dürfen, so Dr. Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. in Hannover. Die beste Prävention sei, sich für die Bedürfnisse und Hobbys der Heranwachsenden zu interessieren, urteilten die Experten. Nur wenn Eltern und Betreuer mit Jugendlichen auf »Augenhöhe« verkehrten, könnten sie mit ihnen in Kontakt bleiben und auf sie Einfluss nehmen. Die Task Force der DGPPN fordert, ab der 5. Schulklasse das Unterrichtsfach Medienerziehung einzuführen. Wichtig sei auch der Ausbau des Jugend­medienschutzes. Hier wäre denkbar, Spiele mit Suchtpotenzial nur Erwachsenen zugänglich zu machen. Bislang erhalten Spiele nur dann eine Freigabe für Ältere, wenn sie »gewaltbezogene oder in anderer Weise entwicklungsbeeinträchtigende Darstellungen« enthalten. /

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