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E-Zigaretten

Dampfen ohne Reue?

10.03.2015
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Von Annett Zündorf / Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland greifen bereits regelmäßig zur E-Zigarette. Und mit der Menge der Dampfer – so nennen sich die E-Zigaretten-Nutzer selbst – wächst auch der Streit um die elektronische Zigarette. Ist sie eine gesündere Alternative zur herkömmlichen Zigarette oder enthält sie ebenfalls schädliche Stoffe? Werden Jugendliche sogar eher zum Rauchen verführt?

Manche sehen aus wie eine echte Zigarette, andere eher wie ein Kugelschreiber. Sie schmecken nach Mango oder Tabak, Pfefferminze oder Schokolade. Es gibt sie mit Nicotin oder ohne: E-Zigaretten gibt es mittlerweile in den verschiedensten Formen und Farben. Auf dem Markt sind zwei Varianten von E-Zigaretten erhältlich. Während die echten E-Zigaretten Flüssigkeit, sogenannte Liquids, mit oder ohne Nicotin enthalten und nachgefüllt werden können, werden auch E-Shishas ohne Nicotin angeboten, die nach einmaligem Gebrauch entsorgt werden. Grundsätzlich funktionieren beide Varianten gleich: Im vorderen Teil der E-Zigarette befindet sich eine Batterie, dahinter ein elektrischer Vernebler. Hinter dem Mundstück befindet sich eine Kartusche. Die darin enthaltene Flüssigkeit wird erhitzt, verdampft und über das Mundstück eingeatmet.

Die Flüssigkeit besteht meist aus Propylenglykol oder Glycerin, Aromastoffen und gegebenenfalls Nicotin. Propylenglykol wird häufig in Vernebelungsanlagen benutzt. »Der Dampf reizt Augen und Atemwege. Er verengt die Atemwege und kann eine Asthma­erkrankung verschlimmern«, sagt Professor Dr. Robert Loddenkemper. Der Pneumologe vertritt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie im Aktionsbündnis Nichtrauchen. Gerade weil die verschiedenen E-Zigaretten so unterschiedlich aufgebaut sind und so viele verschiedene Stoffe enthalten, ist es so schwierig einzuschätzen, wie gefährlich sie tatsächlich sind. Langzeitwirkungen können überhaupt noch nicht abgeschätzt werden, denn E-Zigaretten gibt es erst seit etwa zehn Jahren, E-Shishas sogar erst seit etwa drei Jahren.

Einstieg ins Rauchen

Nicotin selbst ist – anders als viele andere Stoffe im Zigarettenrauch – in geringen Dosen nicht schädlich. Das Alkaloid aus der Tabakpflanze steht nicht auf der Liste der krebserzeugenden Substanzen der internationalen Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Allerdings fördert es das Wachstum bestehender Tumoren und schadet in der Schwangerschaft dem ungeborenen Kind. Zudem erzeugt es eine starke Abhängigkeit. »Wir sehen hier die Gefahr, dass Jugendliche mit der E-Zigarette ins Zigarettenrauchen einsteigen«, sagt Lodden­kemper. Dies könnte durch die vielen angebotenen Aromen noch erleichtert werden. Knapp 8000 waren im Januar 2014 auf dem Markt. Auch wenn es sich dabei um für Lebensmittel zugelassene Stoffe handelt: Niemand weiß, was passiert, wenn sie erhitzt und verdampft werden.

Studien weisen darauf hin, dass auch beim Dampfen einer E-Zigarette schädliche Stoffe in die Umwelt gelangen. Auch wenn dies wahrscheinlich nicht so gravierende Folgen wie beim klassischen Rauchen und Passivrauchen haben dürfte – Kinder und Jugendliche sollten davor geschützt werden, findet Loddenkemper. »Es gibt Hinweise, dass auch beim Passivdampfen feine Partikel über die Lunge in den Blutkreislauf gelangen und dann in verschiedenen Organen zytotoxisch wirken.«

Kein Arzneimittel

Über den rechtlichen Umgang mit den elektronischen Zigaretten gibt es in verschiedenen Ländern unterschiedliche Ansätze. Manche besteuern die E-Zigaretten ebenso wie andere Tabakprodukte, andere sehen sie ähnlich wie Nicotinpflaster oder -kaugummis als Gesundheitsprodukte. In Deutschland hat das Bundesverwaltungsgericht Ende 2014 nach mehreren Prozessen endgültig entschieden, dass E-Liquids keine Arzneimittel und E-Zigaretten keine Medizinprodukte sind. Sie dürfen damit weiter ganz normal im Einzelhandel verkauft werden.

Die WHO würde den Verkauf von E-Zigaretten am liebsten ganz verbieten. Und auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg rät entschieden vom Gebrauch ab. Das liegt einerseits an den potenziellen Gefahren, andererseits soll Rauchen nicht wieder zu einem normalen Teil des Alltags werden. Pneumologen können der E-Zigarette dagegen auch positive Seiten abgewinnen. »Früher haben wir E-Zigaretten komplett abgelehnt, aber mittlerweile sehen wir das differenzierter«, sagt Dr. Michael Barczok, Sprecher des Berufsverbandes der Pneumologen. »Wir raten natürlich nach wie vor, gar nicht zu rauchen. Aber manche schaffen es einfach nicht aufzuhören, und dann ist eine E-Zigarette die bessere Wahl.«

Gerade Menschen, die viele Jahre stark geraucht haben, könnten von E-Zigaretten profitieren. Auch wenn eine komplette Rauchentwöhnung mit den E-Zigaretten nur sehr selten gelingt. Denn nicht nur Nicotin ist schädlich, sondern auch Teer, Rauch und etwa 1400 andere Chemikalien im Rauch herkömmlicher Zigaretten. »Die E-Zigarette verursacht weder chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen noch Bronchialkarzinome«, begründet Barczok seine teilweise positive Sicht auf die E-Zigarette.

Das sieht auch Peter Hajek so. Der Professor für klinische Psychologie an der Queen Mary Universität in London veröffentlichte im letzten Jahr einen Artikel, für den er 100 Studien auswertete. Die E-Zigarette hält er demzufolge für ein gutes Mittel, um die Sterblichkeit durch Tabakkonsum zu senken. Denn an den Folgen des Rauchens sterben in Europa jedes Jahr rund 700 000 Menschen. Auch Lodden­kemper stimmt zu, dass schwere Raucher vom Wechsel zur E-Zigarette profitieren könnten. Sie sollten sich allerdings auf jeden Fall einen Termin zum kompletten Aufhören setzen und die E-Zigaretten nur in einer Übergangsphase benutzen. »Wir empfehlen es nicht als Alternative.«

Neue Regeln ab 2016

Auch wenn schon etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland die E-Zigaretten nutzen – im Alltag ist sie nicht so häufig zu entdecken. Verboten ist das Dampfen in der Öffentlichkeit aber nicht. Noch nicht. Denn im Jahr 2016, wenn die überarbeitete europäische Tabakrichtlinie in Kraft tritt, muss Deutschland den Umgang mit der E-Zigarette genauer regeln. Dann sollen E-Zigaretten maximal einen Nicotingehalt von 20 mg/ml haben dürfen. Werbung für die elektronischen Zigaretten soll eingeschränkt werden und die Produkte müssen ein Gesundheitssiegel haben. Bis dahin müssen Experten auch entscheiden, ob weiter überall gedampft werden darf. Loddenkemper lehnt dies ab, denn mit dem Aerosol von E-Zigaretten gelangten verschiedene, teils gesundheitsschädliche Substanzen in die Raumluft. Zudem seien Raucher längst aus dem alltäglichen Bild verschwunden. In Gaststätten, Zügen und öffentlichen Gebäuden ist Rauchen verboten. Die Zahl rauchender Jugendlicher ist binnen zehn Jahren um die Hälfte gesunken; nur noch 12 Prozent greifen heute zur Zigarette. Diese Erfolge könnten durch öffentliches Dampfen zerstört werden.

Als Fazit bleibt: Für starke Raucher kann die E-Zigarette eine Alternative sein, um dem kompletten Rauchverzicht näher zu kommen. Alle anderen sollten weder dampfen noch rauchen./