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Schwindel

Ein Symptom, viele Ursachen

10.03.2015
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Von Kornelija Franzen / Hinter dem Symptom Schwindel können viele verschiedene, oft auch harmlose Auslöser stecken. Mit gezielten Fragen können PTA und Apotheker dem Symptom Schwindel auf den Grund gehen und die Grenzen der Selbstmedikation erkennen.

Ein Mann schaut von einem hohen Gebäude in die Tiefe. Plötzlich scheint sich der Boden zwischen den Häuserzeilen zu bewegen, alles dreht sich. Er hat das Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren und in den Abgrund zu stürzen – diese Szene entstammt dem Spielfilm »Vertigo« von Alfred Hitchcock. Der Hauptdarsteller durchlebt hier eine akute Schwindelattacke, ausgelöst durch Höhenangst. So schnell und klar wie in diesem Beispiel lässt sich die Ursache des Symptoms Schwindel aber nicht immer ausmachen.

Eine Krankheit im eigentlichen Sinn ist der Schwindel (Vertigo) nicht. Vielmehr durchlebt der Betroffene Symptome einer Sinnestäuschung, einer Bewegungsillusion, verursacht durch Störungen des Gleichgewichtssinns. Es entsteht der Eindruck, der eigene Körper oder die Umwelt würden schwanken oder sich drehen. Auch das Gefühl – ähnlich wie in einem Fahrstuhl – nach oben oder unten zu sinken, ist nicht selten. Schwindel ist ein recht häufiges Phänomen – statistisch leidet etwa jeder Vierte mindestens einmal in seinem Leben unter einer länger anhaltenden Schwindelsymptomatik.

Damit der Mensch sein Gleichgewicht halten kann, bedarf es eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Sensorsysteme und den informationsverarbeitenden Komponenten des zentralen Nervensystems (ZNS). Im Wesentlichen sind hierbei das eigentliche Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat) des Innenohrs, die Augen sowie Tiefenrezeptoren in Gelenken, Muskeln und Sehnen zu nennen, die eine Wahrnehmung der Position der Körperteile zueinander ermöglichen. Die gewonnenen Daten werden anschließend in Kleinhirn und Hirnstamm ausgewertet. Sind diese widersprüchlich, reagiert der Körper mit Schwindel.

In der Regel setzt der Schwindel plötzlich ein und verunsichert den Betroffenen meist stark. Tritt das Symptom nur kurz auf (Sekunden bis Minuten), so spricht man von einer Schwindelattacke. Diese kann in unregelmäßigen Abständen wiederkehren. Zuweilen sind sie mit bestimmten Bewegungsabläufen wie schnellem Aufstehen oder ruckartigen Kopfbewegungen verknüpft. Ein Dauerschwindel besteht, wenn die Symptome über mehrere Stunden, Tage oder gar Monate anhalten.

Antiverginosa gegen Schwindel

Arzneimittel, die zur Besserung eines Schwindels eingesetzt werden, bezeichnet man als Antiverginosa. Der Arzt kann einige verschreibungspflichtige Arzneistoffe verordnen, zum Beispiel Betahistin (H3-Antihistaminikum), die Calciumkanalblocker Flunarizin (zum Beispiel Natil®-N) und Cinnarizin (zusammen mit Dimenhydrinat in Arlevert®) sowie das atypische Neuroleptikum Sulpirid. PTA und Apotheker stehen aber auch im Rahmen der Selbstmedikation eine Reihe von Substanzen zur Verfügung, die ohne Rezept abgegeben werden können. Hierzu zählen schnell wirksame Präparate mit dem H1-Antihistaminikum Dimenhydrinat (wie Vertigo Vomex®, Vomacur®) sowie Zubereitungen mit Ingwer (wie Zintona®). Ginkgo-Extrakte (zum Beispiel Tebonin®, Gingium®) wirken über eine verbesserte Durchblutungsrate gegen den Schwindel. Die homöopathischen Komplexmittel Vertigoheel®, Vertigo-Hennig® und Taumea® werden ebenfalls gegen Schwindel eingesetzt.

Ist die Verarbeitung der Informationen aus den Gleichgewichtsorganen im Gehirn gestört, so spricht man von einem zentral-vestibulären Schwindel. Tumoren oder unfallbedingte Verletzungen des Gehirns können hier die Ursache sein. Der Patient berichtet dann von einem ausgeprägten Schwankschwindel mit starker Gangunsicherheit. Fragen PTA oder Apotheker nach, ob der Schwindel auch in Ruhe weiter besteht, bejaht der Patient dies häufig. Wichtig: Dieser Patient muss zwingend sofort an den Arzt verwiesen werden. Kommen weitere Symptome hinzu, wie Sprachstörungen, plötzlich auftretende, starke Kopfschmerzen oder einseitige Lähmungserscheinungen, kann es sich auch um die alarmierenden Anzeichen eines Schlaganfalls handeln.

Störung im Innenohr

Ursache eines peripher-vestibulären Schwindels, vereinfacht auch Innenohrschwindel genannt, sind Störungen, die das Gleichgewichtsorgan selbst betreffen. Der Vestibularapparat im Innenohr registriert Drehbewegungen sowie Auslenkungen in vertikaler und horizontaler Richtung. Eine gallertartige Flüssigkeit samt kleiner Calciumcarbonat-Kristallkörnchen, die sich in den Bogengängen befindet, ist hieran maßgeblich beteiligt. Mit zunehmendem Alter oder auch infolge einer Kopfverletzung lagern sich vermehrt Kalksteinchen ab. Daraus resultieren Irritationen der Sinneszellen im Ohr, die schließlich einen Lagerungsschwindel hervorrufen können.

Der Kunde klagt in diesem Fall über heftige Drehschwindelattacken, die häufig von Übelkeit, Augenzittern oder Tinnitus begleitet werden. Die Drehschwindelepisode steht in direktem Zusammenhang mit einer plötzlichen Positionsänderung wie nach dem Drehen oder Heben des Kopfes. Besonders ausgeprägt ist die Symptomatik, wenn die Bewegung aus einer längeren Ruhephase heraus geschieht. Um sich Klarheit zu verschaffen, kann die PTA zum Beispiel fragen: »Treten die Beschwerden auch im Liegen auf, sobald Sie den Kopf drehen oder kippen?« Besteht der Verdacht auf einen Lagerungsschwindel, muss der Kunde umgehend an einen Arzt verwiesen werden.

Aufhorchen sollten PTA oder Apotheker ebenfalls, wenn der Betroffene von konstantem Drehschwindel, der auch in Ruhe anhält, Tinnitus, starken Ohrenschmerzen oder gar Fieber berichtet. Eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs könnte vorliegen. Auch hier handelt es sich keinesfalls um einen Fall für die Selbstmedikation. Lediglich bei einem unzureichenden Therapieerfolg können Antiverginosa vom Typ der Antihistaminika empfohlen werden.

Auch typische Kinetosen (Bewegungsschwindel, Reisekrankheit), die mit Übelkeit oder gar Erbrechen einhergehen, zählen zu den peripher-vestibulären Schwindelformen. Der Schwindel tritt hier nur in Zusammenhang mit Ereignissen wie Autofahren oder Schiffsreisen auf. Hier eignen sich insbesondere Dimenhydrinat und Zubereitungen mit Ingwer als Akutmedikation.

Herz-Kreislauf-System oder Psyche

Sämtliche Schwindelursachen, die nicht auf einer Störung des eigentlichen Gleichgewichtssystems beruhen, werden der nicht-vestibulären Form zugeordnet. Hier steht ein Benommenheitsgefühl ohne Bewegungsillusionen im Vordergrund. Dahinter können kardiovaskuläre Erkrankungen wie Hypo- und Hypertonien stecken. Auch ein Volumenmangel (häufig bei Senioren, die nicht ausreichend trinken) oder eine Eisenmangelanämie bedingen diese Form des Schwindels. Letztlich führen all diese Ursachen zu einer Minderdurchblutung des Gehirns sowie des Innenohres. Auf die Frage: »Haben Sie während der Schwindelattacke noch weitere Beschwerden?«, berichtet der Betroffene unter anderem von einem Schwarzwerden vor Augen, Schwitzen und Benommenheitsgefühlen bis hin zu Ohnmachtsereignissen.

Neben Dimenhydrinat kann die PTA Fertigarzneimittel mit durchblutungsfördernden Eigenschaften, zum Beispiel Ginkgo-Präparate, empfehlen. Bei Hypotonie eignet sich ein Medikament mit Etilefrin (wie in Effortil®) oder Weißdorn (in Korodin®). Einer Eisenmangelanämie kann mit Eisenpräparaten begegnet werden. Häufig sind auch psychische Faktoren wie Angst oder Stress Auslöser eines Benommenheitsschwindels. PTA und Apotheker können dem auf die Spur kommen, indem sie gezielt fragen, ob die Symptome in besonders unangenehmen oder stressigen Situationen auftreten. In solchen Fällen können sie auch beruhigende Phytopharmaka, zum Beispiel mit Auszügen aus Lavendel oder Passionsblume, empfehlen. /

Mögliche Ursachen verschiedener Schwindelformen

zentral-vestibulärer Schwindel

  • Tumor
  • Schädel-Hirn-Trauma
  • Hirnhautentzündung
  • Schlaganfall
  • vestibuläre Migräne
  • Multiple Sklerose

peripher-vestibulärer Schwindel

  • gutartiger Lagerungsschwindel
  • entzündeter Gleichgewichtsnerv
  • Tumor am Gleichgewichtsnerv
  • Morbus Menière (komplexe Innenohrerkrankung)
  • Kinetosen

nicht-vestibulärer Schwindel

  • Hypo- und Hypertonie
  • Herzrhythmusstörung
  • Arteriosklerose
  • Unterzuckerung (Diabetes)
  • Augenerkrankungen/Fehlsichtigkeit
  • psychosomatische Erkrankungen – arzneimittelbedingt (Antihypertonika, Antiepileptika)