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Beziehungen

Freunde fürs Leben

10.03.2015
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Von Diana Haß / Wer gute Freunde hat, lebt gesünder als ein Mensch ohne feste Freundschaften. Zahlreiche Studien belegen: Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen sozialen Bindungen und Gesundheit.

»Wenn ich mich mit einem meiner beiden guten Freunde treffe, dann bestimmt nicht, um gesund zu bleiben«, sagt Thomas. Dem Mittvierziger geht es vielmehr um Spaß, Abwechslung, um Austausch und Unterstützung. »Manchmal sprechen wir über persönliche Probleme, manchmal helfen wir uns bei einer Reparatur. Und von Zeit zu Zeit gehen wir auch einfach nur in die Kneipe«, sagt Thomas. Bei seinen »besten Kumpels« müsse er sich nicht verstellen und fühle sich angenommen. »Ganz egal, ob ich gut drauf bin oder mies.« Was Thomas über seine Freundschaften erzählt, ist typisch. Und obwohl er es nicht bezweckt: Seine Freundschaften tragen dazu bei, dass er gesund bleibt.

Forscher vermuten schon lange einen Zusammenhang zwischen Gesundheit und einem guten sozialen Netz. Es gab schon einige kleinere Studien, die einen Zusammenhang nahelegten. Eine wirklich umfassende Analyse lieferten schließlich Wissenschaftler der Brigham Young Universität in Utah im Jahr 2010. Sie verglichen insgesamt 148 Studien, an denen insgesamt über 300 000 Menschen teilgenommen hatten.

Gefährlicher als Übergewicht

Die Fragestellung der Metaanalyse: Wie hängen soziale Beziehungen, die Häufigkeit von Krankheiten und die Lebenserwartung zusammen? Eines der überraschenden Ergebnisse der US-amerikanischen Analyse war, dass Gesundheitsgefahren durch mangelnden sozialen Austausch ähnlich groß sind wie durch den Konsum von 15 Zigaretten täglich. Im Vergleich zu Übergewicht ist Einsamkeit sogar fast doppelt so schädlich. Sie beinhaltet ein größeres Gesundheitsrisiko, als keinen Sport zu treiben und schadet etwa genauso wie Alkoholmissbrauch. Weiteres Fazit der Studie: Ohne soziale Beziehungen verkürzt sich die Lebenszeit deutlich.

Freunde halten gesund

Doch wie genau halten Freunde gesund? Der Psychologe und Freundschaftsforscher Dr. Wolfgang Krüger erklärt es so: »Man könnte sagen, dass wir erst durch vielfältige Beziehungen wirklich fest auf der Erde verankert sind. Sonst gleicht unser Lebensgefühl einem Raumfahrer, der schwerelos durch den Weltraum trudelt. Ängste, Depressionen und psychosomatische Störungen sind die Folge solcher Ungebundenheit.« Freunde geben also Halt. Sie bestätigen und unterstützen sich gegenseitig. Neben der Liebesbeziehung ist die Freundschaft die engste freiwillige Verbindung zwischen Menschen. Und sie ist oft sogar beständiger als eine Liebesbeziehung. Freundschaft beruht auf Wertschätzung und Zuneigung. Eine gelebte Freundschaft stärkt das Selbstwertgefühl, denn es ist gewissermaßen eine Ehre, wenn man zum Freund gewählt wurde. Auch das ist wissenschaftlich belegt – unter anderem durch die Studie eines deutsch-niederländischen Forscherteams.

Besser real als virtuell

Hierzu hatten die Wissenschaftler ein Online-Tagebuch ausgewertet, in dem Studenten ihr Wohlbefinden und ihre Unternehmungen mit Freunden protokollierten. Die Auswertung zeigte: Nach einem harmonischen Treffen fühlten sie sich grundsätzlich besser. Soziale Medien und Messenger wie Facebook oder Whatsapp können solche realen Treffen nicht ersetzen. Ein lang anhaltendes Hochgefühl hatten die Studienteilnehmer nur dann, wenn sie ihre Freunde von Angesicht zu Angesicht sahen. Das psychische Wohlbefinden stellt sich also vor allem dann ein, wenn es zu einer wirklichen Interaktion kommt. Doch das, so warnt auch Psychologe Krüger, vernachlässigen viele. »Gewissermaßen sind Freundschaften ein Luxus, den wir uns erst dann leisten, wenn wir den Strudel des Alltags bewältigt haben«, stellt er fest. Freundschaften müssen jedoch gepflegt werden (siehe auch Interview auf Seite 52), wenn sie stabil und verlässlich sein sollen. Und das wissen Menschen eigentlich auch instinktiv.

Sobald sich Kinder ihrer Individualität bewusst werden, beginnen sie zu interagieren. »Du bist mein Freund«, proklamieren zum Beispiel Dreijährige sehr selbstverständlich nach wenigen Minuten. Häufig halten solche Freundschaften aber nur einen Nachmittag – verbracht mit einem gemeinsamen Spiel. In der Pubertät schließlich werden Freunde zu den wichtigsten Menschen. »Mit meinen Freunden bespreche ich alles«, äußern Jugendliche am häufigsten. Jugendliche »hängen in der Gruppe ab«, machen gemeinsamen Urlaub oder sind zusammen im Verein.

Wenn Menschen in den Beruf einsteigen, wird es schwieriger, Freundschaften zu pflegen. Man zieht um, ist eingebunden in berufliche und private Verpflichtungen. Die Kontakte zu Freunden kommen häufig zu kurz. 60 Prozent der Menschen, die Krüger befragte, hielten ihre Freundschaften für verbesserungswürdig. Durchaus alarmierend, wenn man bedenkt, wie Freundschaft und Gesundheit zusammenhängen.

Freunde und Familie

Aber auch die Familie kann Freunde ersetzen. Wer viele enge Verbindungen in der Familie hat, hat in der Regel weniger Freunde. Das fanden Beziehungsforscher der Universität Mainz heraus. Unter gesundheitlichen Aspekten ist das auch völlig in Ordnung. Um seelische Abwehrkräfte zu aktivieren, entscheidet die Qualität einer Beziehung, nicht ob man verwandt ist. Wer in der Familie zuverlässig Unterstützung findet, sich austauschen kann und einiges miteinander unternimmt, braucht de facto weniger Freunde. Wer indes alleinstehend ist, kann die fehlende familiäre Unterstützung durch gute Freunde ausgleichen. Die eingangs erwähnte US-amerikanische Studie kommt sogar zu dem Schluss: Freundschaften haben in der Regel einen positiveren Einfluss auf die Gesundheit als familiäre Bindungen.

Qualität statt Quantität

Bei Freundschaften zählt Qualität weitaus mehr als Quantität. Nicht viele lockere Bekannte geben Halt, sondern gute, verlässliche Freunde. Und solche sind rar. Bei der »Jacobs Studie 2014 – Freunde fürs Leben« gaben 57 Prozent der Befragten an, »eher wenige gute Freunde« zu haben. 13 Prozent sagten sogar, sie hätten »gar keine richtig guten Freunde«. In der Regel – so das Ergebnis verschiedener anderer Befragungen – sind es zwei oder drei Menschen, die sich den Titel »guter Freund« oder »gute Freundin« verdient haben. Wobei Frauen zwar tendenziell mehr Freundinnen haben, gleichzeitig aber auch höhere Ansprüche an eine Freundschaft stellen als Männer. Frauen tauschen sich eher über Emotionen aus, Männer über Fakten. Frauen sind auch tendenziell zufriedener mit ihren Freundschaften als Männer.

Je älter Menschen werden, desto schwieriger wird es für sie, neue Freundschaften zu schließen. »Es fehlt uns die soziale Aufgeschlossenheit, die Neugierde, die Unbekümmertheit«, vermutet Krüger. Das wird vor allem dann fatal, wenn Menschen Unterstützung brauchen. Sei es durch Krankheit, den Verlust eines geliebten Menschen oder andere Schicksalsschläge. Denn Freunde – auch das ist wissenschaftlich belegt – können einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie traumatische Erlebnisse verarbeitet werden. /