PTA-Forum online
Typ-2-Diabetes

Gut essen und abnehmen

10.03.2015
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Von Isabel Weinert / Was darf ich jetzt noch essen? Und wie kann ich dabei auch noch abnehmen? Wer die Diagnose Typ-2-Diabetes erhalten hat, stellt sich diese Fragen. Verschiedene Ernährungs­empfehlungen können zum Ziel führen, beschreibt Diätassistentin und Diplom-Medizinpädagogin Birgit Blumenschein im Gespräch mit dem PTA-Forum. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Clinical Nutrition an der Mathias Hochschule Rheine.

PTA-Forum: Welche Bedingungen muss eine für Typ-2-Diabetiker geeignete Ernährung erfüllen?

Blumenschein: Die Ernährung muss an allererster Stelle den individuellen Bedarf an Kilokalorien treffen, das heißt, ein Diabetiker sollte, wie ein gesunder Mensch auch, genau so viel essen, wie er verbraucht. Außerdem spielen Auswahl und Menge der Kohlenhydrate sowie die Qualität der Fette eine entscheidende Rolle. Das ist derzeit ein viel diskutiertes Thema unter Experten, denn einiges deutet darauf hin, dass Diabetikern eine Kohlenhydrat-betonte und fettarme Ernährung (maximal 30 Prozent des täglichen Energiebedarfs) keine Vorteile bringt. Eine aktuelle Metaanalyse stützt diejenigen, die an den herkömmlichen Empfehlungen zweifeln. Kostformen mit niedrigerem Kohlenhydrat- und höherem Fett- und Eiweißanteil gewinnen hingegen an Bedeutung, verbessern sie doch die glykämische Kontrolle im Vergleich zu einer Kohlenhydrat-betonten Ernährung.

PTA-Forum: Um welche Ernährungsformen handelt es sich dabei vorrangig?

Blumenschein: Konkret geht es um die mediterrane Ernährung und um eine sogenannte moderate Low Carb-Ernährung. Während die Kohlenhydratmenge laut den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) 45 bis 60 Prozent des täglichen Energiebedarfs betragen darf, liegt sie bei der mediterranen Ernährung bei 50 Prozent und bei moderaten Low Carb-Formen bei 30 bis 40 Prozent. Die Fett- und Eiweißzufuhr wird entsprechend angepasst.

PTA-Forum: Worin liegt der Vorteil der beiden Kostformen?

Blumenschein: Sowohl bei der mediterranen Ernährung als auch bei gemäßigten Low-Carb-Varianten liegt zwar ein Schwerpunkt auf Gemüse und Obst, was die Kohlenhydrate angeht, bei der Low-Carb-Ernährung zusätzlich auf Vollkorn-Lebensmitteln. Diese Lebensmittelauswahl wirkt sich günstig auf die Gewichts- und Blutzuckerregulation aus, denn die Ballaststoffe aus diesen Nahrungsmitteln unterstützen das Abnehmen und glätten den Blutzuckerverlauf. Eine entscheidende Rolle bei den beiden Kostformen spielen dabei die Art beziehungsweise die Qualität der Fette. Sie kommen vor allem aus Olivenöl und anderen Ölsorten, Nüssen und Fett­fischen. Das klingt nach großen Fettportionen über den Tag, trotzdem lässt sich damit nicht nur abnehmen, es zeigen sich auch günstige metabolische Effekte, und das Risiko für chronische Erkrankungen und die kardiovaskuläre Mortalität sinkt.

PTA-Forum: Warum macht mehr Fett nicht fetter? Über Jahre wurde propagiert, dass Fett dick macht und deshalb die Kohlen­hydratzufuhr heraufgesetzt werden soll?

Blumenschein: Bekommt der Organismus weniger Kohlenhydrate als er benötigt, schaltet er quasi zwangsweise auf Fettverbrennung um. Deswegen sind bei Kohlen­hydrat-ärmeren Er­nährungs­formen Fettkalorien nicht mehr gleichzusetzen mit gespeicherten Kalorien, sondern sie werden direkt zur Energiegewinnung genutzt und verbrannt.

Zudem spielt eben auch die Fettsäuren-Zusammensetzung in Oliven- oder Rapsöl, Nüssen und in Fettfischen eine Rolle. Aus diesen Gründen hat die Erkenntnis, dass nicht jedes Fett auch dick macht, zu einem Umdenken geführt. Nicht mehr die absolute Fettmenge ist entscheidend, sondern die Art der Fette.

PTA-Forum: Kann der höhere Eiweißgehalt dieser Ernährungsformen Diabetikern nicht schaden?

Blumenschein: Solange ein Typ-2-Diabetiker keine Nephropathie hat, richten die etwas größeren Eiweißmengen nachweislich keinen Schaden an. Wichtig sind auch hochwertige Eiweißquellen, also nicht zu große Mengen Fleisch, sondern mehr Hülsenfrüchte, Fisch, Milch und Milchprodukte.

PTA-Forum: Wie gelingt es Ihnen in der Ernährungsberatung, Typ-2-Diabetiker für eine veränderte Ernährung zu motivieren?

Blumenschein: Ich schaue gemeinsam mit dem Patienten, was sich speziell bei seiner Ernährung und hier vor allem im Hinblick auf die Kohlenhydrate besser machen lässt. Also, wie lassen sich die ungesunden Anteile daraus zum Beispiel gemäß der Mittelmeer- und Low-Carb-Kost verändern. Das heißt, die Individualität, persönliche Vorlieben und Gewohnheiten müssen berücksichtigt werden, um einen Erfolg zu erreichen.

PTA-Forum: Können Sie dafür ein paar Beispiele nennen?

Blumenschein: Mein Blick geht zuerst auf die Kohlenhydratmenge, das heißt auf die Brot-, Kartoffel- oder Nudelportionen. Diese in jeder Mahlzeit etwas zu verringern, bei manchen Patienten zum Beispiel zu halbieren, und dafür die fettarme Fleisch-/Wurstportion oder die Fischmenge zu erhöhen und mehr Salat oder Gemüse dazu zu wählen, ist schon ein hilfreicher Schritt. Statt zu empfehlen, nicht mehr zum Bäcker um die Ecke zu gehen, überlege ich mit dem Diabetiker, welche Lebensmittelauswahl dort mit weniger Kohlenhydraten und mehr anderen Nährstoffen angeboten wird. Es gibt heute bei allen Bäckern zum Beispiel mit Schinken, Käse, Tomaten und Gurken belegte Brötchen. Trotz Butteraufstrich ist diese Zwischenmahlzeit besser als ein süßes Teilchen.

PTA-Forum: Die meisten Typ-2-Diabetiker sollen abnehmen. Egal, ob Mittelmeerküche oder Low Carb, dazu müssen sie weniger Kalorien aufnehmen als bislang gewohnt. Wie lässt sich der passende Kalorienbedarf schnell ermitteln?

Blumenschein: In der Regel wird das heutzutage über eine Schätzformel flott berechnet. Ich orientiere mich anhand des Body-Mass-Index am Soll­gewicht des Patienten. Dieses Soll­gewicht multipliziere ich bei übergewichtigen und adipösen Patienten mit einem Faktor zwischen 19 und 25 Kilokalorien. Das Ergebnis ist in etwa die Energiemenge, die der Patient pro Tag zu sich nehmen kann. Bei normalgewichtigen Typ-2-Diabetikern multipliziere ich mit einem Faktor zwischen 26 und 28 Kilokalorien. Nimmt der Patient nicht mehr als diese Kalorienmenge zu sich, dann landet er unweigerlich bei seinem Sollgewicht oder – im Falle des normalgewichtigen Diabetikers – bleibt dabei.

PTA-Forum: Führen die reduzierten Kalorien nicht zu Hungergefühlen?

Blumenschein: Bei der Mittelmeerkost oder gemäßigter Low-Carb-Ernährung sorgen vor allem die Eiweißmengen, aber auch Ballaststoffe und Fett für eine gute Sättigung. Das senkt das Risiko für Heißhungerattacken und damit für Rückfälle.

Nicht wieder zunehmen – was hilft und was nicht

Innerhalb eines Jahres nach der Gewichtsreduktion nimmt die Mehrzahl der Patienten zwischen 30 und 50 Prozent des verlorenen Gewichts wieder zu, die Hälfte erreicht nach drei bis fünf Jahren ihr Ausgangsgewicht oder übertrifft es sogar.

Laut Leitlinien der Deutschen Adipositas Gesellschaft helfen auf Dauer angelegte, personalisierte Abnehmprogramme, das neue Gewicht zu halten. Besonders der persönliche Kontakt – auch in größeren zeitlichen Abständen – hat sich bewährt, ebenso eine regelmäßige Gewichtskontrolle und selbstverständlich Bewegung.

Nicht geeignet und ausdrücklich nicht zur Gewichtsstabilisierung beziehungsweise Gewichtsreduktion empfohlen sind Diuretika, Wachstumshormone, Testosteron, Amphetamine, Thyroxin und Humanchoriongonadotropin (HCG).

Polyglucosaminen (Schalen von Krebstieren) bescheinigt die Deutsche Adipositas Gesellschaft einen minimal gewichtsreduzierenden Effekt.

PTA-Forum: Welchen Stellenwert nehmen Formuladiäten ein?

Blumenschein: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin beschreibt den Einsatz von Formuladiäten als »die wirksamste diätetische Methode zur initialen Gewichtsreduktion«. Wenn bei einem BMI > 30 kg/m2 ein schneller Gewichtsverlust notwendig ist, kommen Formuladiäten ebenfalls zum Einsatz. Sie dürfen maximal drei Monate als ausschließliche Ernährung eingesetzt werden, und dann auch nur unter ärztlicher Kontrolle. Der schnelle Gewichtsverlust bringt vielen Menschen eine enorme Motivation.

Außerdem eignen sich Formula-Drinks auch, um wieder etwas abzunehmen, wenn man über die Stränge geschlagen hat. Viele legen dann erfolgreich ein oder zwei Tage mit ausschließlich dieser Formula-Nahrung ein. Bereits nach kurzer Zeit der deut­lichen Kalorienreduktion zeigen sich positive Effekte auf die Insulinresistenz, die auch nachwirken.

PTA-Forum: Wie berücksichtigen Sie die antidiabetische Therapie des Diabeti­kers in der Ernährung?

Blumenschein: Wer Insulin spritzt, muss die Lebensmittel, die Kohlenhydrate enthalten, wiegen und die BE berechnen. Diabetiker, die mit oralen Antidiabetika behandelt werden, brauchen das nicht, aber sie sollten ebenfalls über die Blutzuckerwirksamkeit der verschiedenen Kohlenhydrate Bescheid wissen.

Ernährung bei Foto: Shutterstock/sacura

PTA-Forum: Welche Kostformen eignen sich auf keinen Fall?

Blumenschein: Ich würde grundsätzlich die Finger von allem lassen, was mit extremer Kalorienreduktion einhergeht. Außerdem auch von Diäten, bei denen vor allem nur ein Nährstoff gegessen werden darf, also fast nur Kohlenhydrate oder Eiweiß oder Fett. Ungeeignet sind auch all die Kostformen, die nicht alltagstauglich sind. Das ist noch ein wichtiger Aspekt in der Betrachtung verschiedener Ernährungsformen.

PTA-Forum: Welche Kochbücher empfehlen Sie?

Blumenschein: Viele suchen sich im Internet Rezepte heraus. In der Ernährungsberatung bespreche ich eines dieser Rezepte beispielhaft und überlege mit dem Patienten, wie eine mediterrane Abwandlung oder die Überlegungen bezogen auf Low Carb für dieses Rezept aussehen könnten.

Was Kochbücher angeht, frage ich immer gerne, ob die Leute mit Kochbüchern tatsächlich etwas anfangen können. Wenn Ja, empfehle ich am liebsten Kochbücher, in denen zu den jeweiligen Rezepten die Nährwerte angegeben sind. Das erleichtert den Leuten den Alltag.

PTA-Forum: Wie lautet Ihr Schlussplädoyer?

Blumenschein: Wir müssen weg davon, jedem ein- und dieselbe Ernährungsform angedeihen zu lassen. Es geht vielmehr darum, zu schauen, was liebt ein Mensch zu essen und zu trinken, an welcher Stelle tut es ihm gut und an welcher nicht. /

Die richtige Mischung macht’s: Viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukte und hochwertige Fette helfen Diabetikern beim Abnehmen.

Studiengang Clinical Nutrition – interessant für PTA

Gemäß des Leitfadens »Prävention« (Handlungsfelder und Kriterien des GKV-Spitzenverbande zur Umsetzung von §§ 20 und 20a SGB V vom 21. Juni 2000 in der Fassung vom 14. Dezember 2014) und den Rahmenbedingungen des § 43 SGB V werden Ernährungsberatungen und diättherapeutische Maßnahmen dann von den Krankenkassen finanziell unterstützt, wenn die Anbieter entsprechende Qualifikationen im Bereich der Ernährung beziehungsweise der Klinischen Ernährung aufweisen. Primär zählen hierzu zum Beispiel Diätassistenten, Ökotrophologen und Ernährungsmediziner. Absolventen des Bachelorstudiums Clinical Nutrition/Ernährungsmanagement sind diesen Berufsgruppen in punkto Anerkennung der Therapiemaßnahme in ihrer Anbieterqualifikation äquivalent und können ebenso wie diese bei der Durchführung ernährungsmedizinsicher Maßnahmen finanziell unterstützt werden.

Besonders vorteilhaft sind hier Verträge zwischen interessierten Apotheken und einzelnen Krankenkassen. PTA, die das Studium »Clinical Nutrition« abgeschlossen haben, können dann auch in öffentlichen Apotheken Kranken­kassen-unterstützte Konzepte und Beratungen anbieten. Dies ist nicht allein für krankenhaus- oder heimversorgende Apotheken interessant, sondern auch für die Masse öffentlicher Apotheken, denn die Klinische Ernährung bezieht sich ja nicht allein auf den »klinischen« Bereich. Auch bei jedem Apothekenkunden, der für seine Gichtmittel, Betablocker oder Osteoporose-Medikation in die Apotheke kommt, kann eine ergänzende ernährungstherapeutische Beratung sinnvoll sein.