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Pille danach

Ein Jahr rezeptfrei

18.03.2016
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Von Verena Arzbach / Seit einem Jahr bekommen Frauen die Pille danach nun ohne Rezept in Deutschlands Apotheken. Hersteller und Apotheker ziehen nach dem OTC-Switch insgesamt ein positives Fazit. Kritik gibt es allerdings vom Verband Pro Familia.

Klaus Czort, Geschäftsführer des Unternehmens HRA Pharma, das sowohl Pidana® als auch Ellaone® vertreibt, zog bei einer Online-Pressekonferenz der Firma eine positive Bilanz des ersten Jahres ohne Rezeptpflicht. Er zeigte sich überzeugt, dass die Pille danach in Apotheken gut aufgehoben ist. Viele Apothekenmitarbeiter hätten großes Engagement gezeigt und sich viel Wissen angeeignet.

Der Absatz der Notfallkontrazeptiva war nach dem OTC-Switch rasch gestiegen: Statt rund 40 000 Packungen pro Monat würden nun etwa 60 000 Packungen abgegeben, berichtete Czort. Dabei haben sich die Abgabezeitpunkte verändert: 28 Prozent der Notfallkontrazeptiva werden am Samstag und Sonntag in der Apotheke verlangt, berichtete Czort. Zu Zeiten der Rezeptpflicht waren es nur 7 Prozent. Die betroffenen Frauen nutzten also den erleichterten Zugang zur Pille danach.

»Da ein Großteil der sexuellen Kontakte am Wochenende stattfindet und dann auch die meisten Verhütungspannen passieren, bedeutet das, dass die Frauen schneller in die Apotheke gehen und die Pille danach schneller einnehmen«, sagte Czort. Eine zeitige Anwendung ist wichtig, um eine Schwangerschaft zu verhindern, denn die Pille danach wirkt umso zuverlässiger, je schneller sie nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr ein­genommen wird. Hauptsächlich würden Notfallkontrazeptiva in den Apotheken aber immer noch am Montag abgegeben; viele Frauen warteten demnach zu lange mit der Einnahme, so Czort.

Die Altersstruktur der Anwender­innen hat sich laut Czort durch den OTC-Switch so gut wie nicht verändert. Nach wie vor ist mehr als die Hälfte ­ der Frauen zwischen 21 und 39 Jahre alt. Rund ein Drittel ist jünger als 20 Jahre. Gerade bei Jugendlichen gebe es noch Aufklärungsbedarf. Nach einer Umfrage des Marktforschungsinstituts TNS Emnid mit rund 1000 Befragten wissen nur 44 Prozent der 16- bis 18-Jährigen, dass es die Pille danach überhaupt gibt.

Kritik an Beratung und Abgabe der Apotheken gab es vom Bundesverband Pro Familia: »In den deutschen Apotheken wird ein Jahr nach der Freigabe der Pille danach noch recht unterschiedlich beraten, und die Notfallkontrazeptiva werden nach unterschiedlichen Kriterien abgegeben«, sagte Dr. Ines Thonke vom Bundesverband Pro Familia bei ­einer Fortbildungsveranstaltung für Ärzte und Apotheker in Darmstadt.

So wirkt die Pille danach

Ist es zu einer Verhütungspanne gekommen, kann eine Notfallkontrazeption eine Schwangerschaft verhindern. Die beiden Wirkstoffe ­Levonorgestrel und Ulipristalacetat verhindern die Ovulation, sie haben aber keine abtreibende Wirkung. Die Wirkstoffe verschieben das fertile Fenster, also die Zeit, in der eine Schwangerschaft am wahrscheinlichsten ist. Levonorgestrel kann bis zu drei Tage nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr eingenommen werden, Ulipristalacetat bis zu fünf Tage danach. Ulipristalacetat wirkt auch noch, wenn der Spiegel des luteinisierenden Hormons (LH) bereits angestiegen ist und der Eisprung kurz bevor steht. 100-prozentige Sicherheit bieten beide Notfallkontrazeptiva allerdings nicht: Ist der LH-Peak vorüber und der Hormonspiegel sinkt wieder, wirken beide Substanzen nicht mehr.

Unterschiedliche Beratung

Sie präsentierte die Ergebnisse einer bundesweiten, allerdings nicht repräsentativen, telefonischen Befragung von Pro Familia von 25 Apotheken. »Es gibt große Unterschiede und Unsicherheiten bei der Abgabe der Pille danach. Das betrifft zum Beispiel Dauer und Ort der Beratung, aber auch die Verwendung der Checkliste der Bundesapothekerkammer (BAK) oder das Erheben von Beratungsgebühren«, beklagte die Gynäkologin. Auch werde in einigen Apotheken die Abgabe an Jugendliche unter 18 Jahre, an Dritte oder bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt generell verweigert. »Ein zeit­naher und barrierefreier Zugang zur rezeptfreien Pille danach scheint also noch nicht überall gewährleistet zu sein«, so Thonke.

Bei der Beratung zur Pille danach sollte man strukturiert vorgehen, empfahl Dr. Christian Ude, Apothekenleiter aus Darmstadt, bei der gleichen Fortbildungsveranstaltung. Wichtig sei in der Beratung unter anderem, eine bereits bestehende Schwangerschaft auszuschließen. »Ich frage die Kundin, wie ihre letzte Periode verlief: Kam sie zum üblichen Zeitpunkt, in üblicher Stärke und in üblicher Dauer? Dreimal ›Ja‹ ist hier Pflicht«, betonte er. Ansonsten müsse die Kundin an den Arzt verwiesen werden. Abklären müssen PTA oder Apotheker auch chronische ­Erkrankungen wie schwere Leberfunktionsstörungen oder schweres Asthma sowie Thrombosen in der Vor­ge­schichte. Ist die Kundin jünger als 14 Jahre, sollte sie ebenfalls einen ­Gynäkologen aufsuchen.

Nicht rechnen

»Es ist nicht sinnvoll, in der Apotheke die fruchtbaren Tage auszurechnen«, sagte der Apotheker. Denn diese sind auch bei einem regelmäßigen Zyklus sehr variabel. Für die Abgabe der Pille danach ist lediglich der Zeitpunkt des ungeschützten Geschlechtsverkehrs bedeutsam: Liegt die Verhütungspanne länger als 120 Stunden zurück, sollten PTA oder Apotheker die Kundin an den Arzt verweisen.

Die Pille danach innerhalb eines ­Zyklus mehrfach einzunehmen, wird nicht empfohlen und sollte daher nur in Ausnahmefällen erfolgen, so Ude. Wichtig für die Anwenderin sei auch der Hinweis, dass der Eisprung nach der Einnahme der Pille danach trotzdem stattfindet. Während des restlichen ­Zyklus muss sie also nicht-hormonell weiter verhüten. Nimmt die Frau die »normale« Anti-Baby-Pille ein, sollte sie mit der Einnahme am Tag der Einnahme des Notfallkontrazeptivums pausieren. Am nächsten Tag sollte sie ihr orales Kontrazeptivum aber wieder wie gewohnt weiter einnehmen. /