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Legal Highs

Legal heißt nicht sicher

18.03.2016
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Von Barbara Erbe / Vor rund zehn Jahren tauchten in Deutschland die ersten Räuchermischungen unter dem Namen »Spice« auf. Seitdem beschäftigen Mischungen mit synthetischen psycho­aktiven Substanzen als legale Alternativen zu illegalen Drogen Suchthilfe und Strafverfolgungsbehörden. Experten betonen: Synthetische Cannabinoide sind deutlich gefährlicher als pflanzliche.

Synthetische psychoaktive Substanzen werden zwar allgemein als Legal Highs bezeichnet. Der Begriff »legal« ist dabei allerdings irreführend, betont Gabriele Bartsch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Denn legal sind die Mischungen letztlich nur, weil sie noch in keiner Anlage des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) auftauchen. Sobald einzelne Substanzen dort aufgeführt werden, ersetzen die Hersteller sie umgehend durch andere Stoffe, die mangels Bekanntheit noch nicht verboten sind.

Das läuft seit Juli 2014 so. Bis dahin unterlagen psychoaktive Substanzen automatisch dem Arzneimittelgesetz, sofern sie nicht im BtMG erwähnt waren, und wurden als »bedenkliche Arzneimittel« behandelt. Diese Regelung hat der Europäische Gerichtshof aber 2014 gekippt. Seitdem kann der Vertrieb von nicht ausdrücklich im Gesetz erwähnten Stoffen nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden. »Das Ergebnis ist ein Wettrennen, das dem zwischen Hase und Igel gleicht«, erklärt die DHS-Referentin Bartsch. »Sobald neue psychoaktive Substanzen unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt werden, finden sich legale – im Sinne von bislang unbekannte – Substanzen, die sie ersetzen. Zumindest so lange, bis auch sie identifiziert und in das Gesetz aufgenommen werden. Dann beginnt das Spiel von neuem.« Gleichzeitig suggeriere der Begriff »legal« in diesem Zusammenhang fatalerweise, dass die Stoffe erlaubt und unschädlich seien, kritisiert Bartsch.

Unbekannte Risiken

Unschädlich sind die Mischungen aber keineswegs. Im Gegenteil. Denn anders als bei »klassischen« Drogen wie Ecstasy oder LSD, die schon seit Jahrzehnten im Umlauf sind, gibt es keinerlei Langzeitstudien über Wirkung und Risiken der Substanzen, die auch als neue psychoaktive Substanzen (NPS) bekannt sind. »Das ist momentan ein riesiger Feldversuch«, erklärt Drogenberater Karsten Tögel-Lins von der Frankfurter Beratungsstelle BASIS. Er erläutert, dass die Legal Highs in vielen verschiedenen Formen konsumiert werden: hauptsächlich als Räuchermischungen über Joints, Bongs, Vaporizer oder E-Zigaretten, aber auch als Pulver, Pillen oder Kapseln – seltener auch per Injektion – in Form von Badesalzen und Partypillen oder sogenannten Research Chemicals.

Die Räuchermischungen werden in bunten Ein- bis Drei-Gramm-Tütchen mit Fantasienamen wie »Spice Gold« oder »Jamaican Gold Extreme« verkauft. Sie enthalten synthetische Cannabinoide wie etwa JWH-018 oder AM-2201, die mit duftenden Trägerstoffen aus nicht psychoaktiv wirksamen Pflanzenteilen vermischt sind. Ein großes Problem ist, dass die enthaltenen synthetischen Cannabinoide nicht auf der Verpackung angegeben werden. »Man weiß also nie genau, was man eigent­lich konsumiert, denn es gibt ja Hunderte verschiedene Cannabinoide«, erklärt Tögel-Lins. Und da die Hersteller die Zusammensetzung ihrer Produkte ständig ändern, kann selbst eine Räuchermischung unter demselben Namen eine Woche später schon ganz andere Inhaltsstoffe enthalten. Auch die Dosierung variiert ständig und ist somit absolut unvorhersehbar. »Das ist, als würde ein Glas Rotwein an einem Abend 12 Prozent Alkohol enthalten und eine Woche später 60 Prozent«, erläutert der Sozialpädagoge. »Es gibt unglaubliche Differenzen, und deshalb erleben wir immer wieder Unfäl­le – von Bluthochdruck, Bewusstlosigkeit und psychotischen Episoden über Hyper­kaliämie, Herzrasen oder -infarkt bis hin zu akutem Nierenver­sagen oder Hirninfarkt.«

Stärkere Wirkung

Dazu kommt, dass die pharmakologische Wirkung synthetischer Cannabinoide bei vergleichbaren psychoaktiven Effekten stärker ist als die pflanzlicher Cannabinoide wie Tetrahydrocannabinol (THC). Denn die synthetischen Substanzen sind an den körpereigenen Cannabinoidrezeptoren meist volle Agonisten, während THC nur teilweise agonistisch wirkt. »Deshalb ist ihre maxi­mal erreichbare Wirkung bis zu 400 Mal stärker«, betont Tögel-Lins. Gleichzeitig fehlen den synthetischen Cannabinoiden die in der pflanzlichen Variante enthaltenen Gegenspieler. »Deshalb sind synthetische Cannabi­noide auch wesentlich gesundheitsschädlicher als herkömmliches Cannabis«, betont der Drogenberater. Darüber hinaus gebe es auch erste Hinweise auf ein krebserregendes Potenzial einiger Wirkstoffe sowie Erfahrungs­berichte, die darauf hindeuten, dass eini­ge von ihnen ein besonders starkes Abhängigkeitspotenzial besitzen. Das kann der Berater aus der eigenen Berufspraxis bestätigen. Dort sieht er immer wieder, dass Menschen von Cannabis auf synthetische Cannabinoide umsteigen, vor allem, weil sie in Standard­drogenscreenings nicht nachgewiesen werden können. »Und dann passiert es, dass beispielsweise eine Mutter, die jahrelang ein- bis zweimal pro Woche abends zur Entspannung einen Joint geraucht hat, mit einem Mal körperlich abhängig wird.«

Neben Räuchermischungen werden auch Badesalze und Pflanzendünger als Pulver, Pillen oder Kapseln in harmlosen bunten Päckchen und unter Fantasienamen angeboten. Sie enthalten zum Beispiel Stimulanzien oder Halluzinogene, die meist nicht auf der Verpackung deklariert sind. Dort steht aus rechtlichen Gründen in der Regel »nicht für den menschlichen Konsum bestimmt«. Lediglich bei Research Chemicals werden die synthetischen Reinsubstanzen aus unterschiedlichen Stoffgruppen (Stimulanzien, Entaktogene, Halluzinogene, Cannabionoide, Opioide und Benzodiazepine) auf der Packung deklariert – als Forschungs­chemikalien.

Junge Konsumenten

Laut einer repräsentativen Stichprobe des Frankfurter Drogenmonitorings gaben im Jahr 2012 7 Prozent der Schüler zwischen 15 und 18 Jahren an, mindestens schon einmal im Leben Räuchermischungen probiert zu haben. 2 Prozent hatten mindestens einmal andere Legal Highs (Badesalze oder Research Chemicals) konsumiert. »Auch wenn diese Zahlen auf eine gewisse Verbreitung unter Schülern hindeuten, gehen wir davon aus, dass Jugendliche nicht die Hauptgruppe der Konsumierenden sind«, berichtet Tögel-Lins.

An einer Online-Befragung des ­Centre for Drug Research der Univer­sität Frankfurt am Main, die sich an Personen mit Legal-High-Konsum­erfahrung richtete, nahmen überwiegend Männer teil, im Durchschnitt 24 Jahre alt. Sie konsumierten am häufigsten Räuchermischungen. Neben Neugier und Experimentierfreude greifen sie demnach vor allem zu Legal Highs, weil der Besitz straffrei bleibt und die Substanzen in Standarddrogentests bisher nicht nachweisbar sind.

Momentan prüft die Bundesregierung deshalb, einen neuen Straftatbestand zur Erfassung von Legal Highs im BtMG einzuführen. Dabei ist in der Diskussion, ob man dem Phänomen der Legal Highs entgegenwirken kann, indem nicht nur bestimmte einzelne Substanzen, sondern ganze Stoffgruppen verboten werden. Zwischen 2005 und 2013 sind laut Polizeibericht 317 neue Substanzen identifiziert wurden – davon 81 Substanzen allein im Jahr 2013. /

Erste Hilfe

Zwar ist es in einer Notsituation immer hilfreich zu wissen, was jemand konsumiert hat. Um Erste Hilfe leisten zu können, ist es jedoch nicht ausschlaggebend, erläutert Katrin Schröder von der Beratungsstelle Drug Scouts in Leipzig. »Erste Hilfe wird immer nach Symptomen geleistet.« Das bedeutet, in einem Notfall werden Kreislaufschock, Bewusstlosigkeit, Atem- oder Herzstillstand oder Krampfanfälle, aber auch Panikattacken, Paranoia, Hitzschlag oder Halluzinationen unabhängig von der Ursache behandelt, die sie hervorgerufen hat. »Wer nicht weiß, was die Person in Not eingenommen hat, darf auf keinen Fall Medikamente geben«, betont Sozialarbeiterin Schröder. Stattdessen muss der oder die Notleidende so schnell wie möglich in ein Krankenhaus gebracht werden.

Weitere Informationen finden Interessierte unter www.drugscouts.de. Informativ ist auch die Website der auf Inhaltsstoffe spezialisierten Frankfurter Beratungsstelle BASIS, die mit Chemikern, Pharmazeuten und Ärzten zusammenarbeitet: www. legal-high-inhaltsstoffe.de