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Ernährung bei Hypo- und Hyperthyreose

Alles Gute für die Schilddrüse

16.03.2018
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Von Andrea Pütz / Die Schilddrüse produziert entscheidende ­Hormone für Stoffwechsel, Kreislauf, Wachstum und Psyche. So beeinflusst das kleine schmetterlingsförmige Drüsenorgan fast alle Kör­per­funktionen. Doch jeder dritte Deutsche ist an der Schild­drüse ­erkrankt. Betroffene können mit einem passenden Speiseplan Beschwerden mildern und die Therapie unterstützen.

Die Hauptaufgabe der Schilddrüse ist die Produktion der beiden jodhaltigen und von der Aminosäure Tyrosin abstammenden Hormone: T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin). Dies sind die einzigen Verbindungen im Körper, die auf Jod angewiesen sind. Im Körper wird T4 durch Abspaltung eines Jod-Atoms in die aktivere Form T3 überführt. Werden diese beiden Hormone nicht in der richtigen Menge gebildet, kann der Organismus aus dem Gleichgewicht geraten.

T3 und T4 stimulieren die Mitochon- d­rien, die kleinen Kraftwerke unserer Zellen. Eine Fehlfunktion der Schild­drüse wirkt sich so auch auf den Energie­umsatz und den daraus resultierenden Bedarf aus. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion, einer­ Hypothyreose, bildet die Schild­drüse zu wenig Hormone. Das verlangsamt den Energiestoffwechsel. Grund­umsatz und Energiebedarf fahren auf Sparflamme herunter. Ursache sind vor allem ein jahrelanger Jodmangel oder eine Hashimoto-Thyreoiditis.

Das erste spürbare und für die meisten Menschen frustrierende Symptom einer­ Unterfunktion ist die uner­­klär­liche Gewichtszunahme. Bis die Patienten nach der Diagnosestellung gut medi­kamentös eingestellt sind oder die Ursache der Unterfunktion be­hoben ist, sollten sich die Patienten kalorien­reduziert ernähren. Kalorien­arme, unver­arbeitete Lebensmittel mit einer hohen Nähr­stoffdichte sind empfehlenswert. Die traditionelle Mittel­meerkost kann hier als Anhaltspunkt dienen. Für diesen Zeitraum eignet­ sich auch Intervall- oder intermittierendes Fasten­, denn es gibt dem Körper aus­reichend Zeit zur Fett­verbrennung. Bei der 8:16-Methode fastet man nachts und morgens 16 Stunden und isst tagsüber binnen acht Stunden zwei Mahlzeiten.

Grundumsatz verschoben

Bei einer Hyperthyreose erhöht sich hingegen der Grundumsatz. Die Pa­tienten nehmen meist an Gewicht ab. Auch hier gilt es, nährstoffreich zu speisen­ und zu trinken, aber eher ka­lorien­moderat bis -reich. Auch die Eiweiß­zufuhr sollte leicht erhöht werden, damit dem aktivierten Subs­tratumsatz Rechnung getragen ­werden kann. Viele erreichen eine höhere Energie­zufuhr ohne größere Probleme, da ihr Appetit ohnehin ­gesteigert ist.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, täglich 200 µg Jod aufzu­nehmen. Nur Seefisch kann den täglichen Jodbedarf decken. Doch dieser­ steht in der Regel nicht täglich auf dem Speiseplan. Trotzdem hat sich die Jodversorgung seit den 1990er-­Jahren in der deutschen Bevölkerung deutlich verbessert. Dies liegt unter ande­rem am Einsatz von jodiertem Speisesalz in Haushalten, aber auch in verpackten Lebens­mitteln sowie in Bäcker­eien oder im Restaurant. Auch durch die Anreicherung von Futter­mitteln wurden deutsche­ Fleisch- und Milchprodukte jodreicher. Immerhin erreichen­ heute etwa 70 Prozent der Deutschen die Mindestmenge. Vor allem­ ältere Menschen leiden jedoch noch immer an den Spätfolgen ihres früheren Jodmangels, einer Struma, auch bekannt als Kropf.

Das ungeborene Kind benötigt zudem­ Jod für die eigene Schilddrüse und ­die Gehirnentwicklung. Bei He­ran­wachsenden kann es bei Jodmangel zu Konzentrationsproblemen kommen. Ein jodreicher Speiseplan ist bei einer Hypothyreose angezeigt. Patienten mit einer Hyperthyreose sollten hingegen auf jodreiche Algen verzichten und keine­ Mikronährstoffprodukte verzehren, die Jod mitliefern.

Jod braucht Selen

Was wäre das Spurenelement Jod ohne seinen Partner Selen? Für die Aktivität der Jod-spaltenden Enzyme ist Selen unentbehrlich. Erst dieses ermöglicht, dass T4 in das wirksame T3 umgewandelt werden kann. Bei einem­ Selenmangel ist die ausreichende Produktion von Schilddrüsenhormonen somit nicht gewährleistet. Das Spurenelement wirkt zudem stark antioxidativ. Das ist von Vorteil, wenn durch einen erhöhten Energie­umsatz der oxidative Stress steigt.

Somit ist sowohl bei Hyper- als auch bei Hypothyreose eine ausreichende Selen­versorgung im Blick zu halten. Der Selengehalt in pflanzlichen Lebensmitteln ist abhängig vom Selen­gehalt der Böden und kann stark variieren. In Europa sind die Böden­ und damit die meisten pflanzlichen Lebensmittel selenarm. Daher stellen tierische Lebensmittel wie Fleisch und Eier sowie Fisch die zuver­lässigere Selenquelle dar. Für Vege­tarier sind Weizenkleie, Pilze und Paranüsse als Selenbombe wertvolle Lebensmittel und Knabbereien. Die Einnahme von Selen­Präparaten sollten Betroffene mit dem Arzt besprechen.

Eisen als Mittler

Eisen ist ein wichtiger Bestandteil des Enzyms Schilddrüsen-Peroxidase (TPO), sodass die Bildung der Schilddrüsenhormone auch eisenabhängig ist. Ein Eisenmangel kann eine Hypothyreose fördern, und gleichzeitig ist auch die Eisenresorption bei einer Unterfunk­tion verschlechtert. Ist eine Eisen­mangelanämie diagnostiziert worden, kann die gezielte Gabe von Eisen mit dazu beitragen, die Konzentration der Schilddrüsenhormone zu regulieren.

Eisen ist als Bestandteil weiterer ­Enzyme ebenso an der zellulären Energie­gewinnung beteiligt und Co­fak­tor antioxidativer Schutzsysteme. Somit sollte auch bei einer Hyper­thyreose eine ausreichende Eisen­zufuhr ­gewährleistet sein. Fleisch und Innereien liefern viel Eisen. Pflanzliche Quellen wie Weizenkleie, Quinoa, Hülsen­früchte, Pfifferlinge, Sesam, Leinsamen und Petersilie sind zwar auch gute ­Eisenquellen; deren Eisen wird aber vom Organismus schlechter aufgenommen. Die Bioverfügbarkeit lässt sich mit Hilfe der gleichzeitigen Ein­nahme von Vitamin-C-haltigen Obstsäften oder Gemüsen wie Paprika deutlich verbessern.

Die Ursache einer Hypothyreose kann auch an einer chronische Entzündung des Organs liegen, einer Hashimoto-Thyreoiditis. Das körpereigene Immunsystem attackiert dabei die hormon­bildenden Zellen der Schilddrüse und zerstört sie nach und nach. Irgendwann kann sie nicht mehr genug lebens­wichtige Hormone produzieren. Die medikamentöse Einstellung kann sehr langwierig sein. Schwankungen oder Schübe können zum Krankheitsbild gehören. Beim Morbus Basedow richten sich bestimmte Autoantikörper gegen körpereigene Schilddrüsenzellen und regen die Produktion von Hormonen an (Hyperthyreose).

Entzündete Schilddrüse

Ein Jodüberschuss kann die entzündlichen Prozesse der Schilddrüse ankurbeln. Daher sollten Patienten ­beider Autoimmunerkrankungen Jod in hoher Dosis meiden, wie jodhaltige Nahrungsergänzungen sowie sehr jodhaltige Lebens­mittel wie Sushi und ­Algen. Ein- bis zweimal wöchentlich fetter Seefisch sind dagegen emp­fehlenswert, da sie entzündungs­hemmende Omega-3-Fettsäuren liefern. Besonders reich an diesen mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind Makrele, Hering­, Bückling, Thunfisch und Lachs – frei Haus gibt es dann gleich auch Selen­ als wirksames Antioxidans. Lein-­ und Hanföl sowie Walnüsse sind ebenfalls reich an Omega-3-Fett­säuren. Natürlich dürfen auch die fettärmeren Fischvarianten wie Schellfisch und Kabeljau ab und an den Gaumen erfreuen, sie liefern jedoch­ weniger gesunde­ Fettsäuren, dafür mehr Jod.

Vitamin D hat eine immun­modu­lierende Wirkung. Das kann bei aus­reichender Versorgung die Prognose von Autoimmunerkrankungen ver­bessern. Das Vitamin-D-Vorkommen in Lebensmitteln ist als gering zu be­wer­ten. Gute Lieferanten für Vit­amin D3 (Cholecalciferol) sind tierische Lebens­mittel wie fetter Seefisch, also Hering, Ma­krele oder Lachs, Milch, Butter­ und Eier. Über die Nahrung allein lässt sich der Bedarf von 20 µg (800 I.E.) pro Tag jedoch nicht decken.

Die menschliche Haut kann Vit­amin D unter Einfluss von Sonnenlicht aus dem Provitamin 7-Dehydrocholesterol selbst bilden. Durch regel­mäßiges, kurzes­ Sonnenbaden und Spazier­gänge an der frischen Luft können­ Betroffene selbst etwas im Kampf gegen ihre Auto­immun­erkrankung unter­nehmen. Vor allem im Winter und auch für Menschen, die sich wenig am Tages­licht aufhalten, gilt: Vitamin-­D-Status testen­ lassen und gegebenenfalls supple­mentieren.

Vitamin D als Helfershelfer

Bei einer Hyperthyreose wie dem Morbus Basedow ist der Substrat- und Energiebedarf erhöht – so auch der Knochenstoffwechsel. Hier fehlt es nicht nur häufig an Vitamin D, sondern auch häufig an Calcium. Neben Milch, Joghurt und Käse liefern auch Brokkoli, Grünkohl, Mandeln, Sesam, Petersilie, aber auch spezielle Mi­neral­wässer reichlich Calcium. Ab 150 mg pro Liter gilt ein Mineral­wasser als calciumhaltig.

Vitamin C aus Paprika, Zitrusfrüchten oder Kohl und E aus Nüssen, Pflanzenölen und grünem Gemüse sowie sekundäre Pflanzenstoffe aus Obst, Gemüse und Gewürzen wie Ingwer, Kurkuma und Co. bieten wertvolle Anti­oxidantien. Die ent­haltenen natür­lichen Wirkstoffe schützen vor freien Radikalen und halten so den Ent­zündungsprozess in Schach. /

Stichpunkt Goitrogene, Stichpunkt Sojaprodukte

Der Verzehr roher Goitrogen-reicher Lebensmittel wie Chinakohl, Kohl­rabi, Zwiebeln, Mandeln, Meerrettich oder Radieschen sollte bei einer Hypo­thyreose eingeschränkt werden. Teils hemmen die Goitrogene, also kropffördernde Inhalts­stoffe, die Bindung von Jod an die Aminosäure Tyrosin, sodass die Bildung von Schilddrüsenhormonen beeinträchtigt ist. Teils hemmen sie die Jod­aufnahme in die Schilddrüse. Da Kochen­ die goitrogene Aktivität ­dieser Lebensmittel reduziert, ist ein grundsätzlicher Verzicht nicht notwendig. Hyperthyreotiker profitieren zudem nicht vom vermehrten ­Konsum dieser Lebensmittel.

Auch Sojabohnen und -produkte wie Tofu, Sojamilch und -joghurt können die Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen. Soja-Isoflavone (Phyto­­östrogene) wie Genistein und Daid­zein stören wahrschein­lich die Aktivität der Schilddrüsen-­Peroxidase, die Jodaufnahme in die Schilddrüse und den Transport der Schilddrüsenhormone im Körper. Das kann eine Unterfunk­tion verstärken. Die intestinale Aufnahme synthetische Schilddrüsen­hor­­mone (Levothyroxin) kann zudem ­re­duziert­ werden. Von einem kompletten Ersatz tierischer Lebens­mittel durch Sojaprodukte oder einer­ Nahrungsergänzung in Form iso­lierter oder angereicherter Soja-­Isoflavone – wie in den Wechsel­jahren üblich – ist ab­zusehen. Bei einer Hyperthyreose empfiehlt sich ebenfalls nur ein mode­rater Verzehr an Sojaprodukten.