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Aufsaugende Inkontinenzprodukte

Diskret und bedarfsgerecht

16.03.2018
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Von Edith Schettler / Im medizinischen Sinne ist die Inkontinenz keine Krankheit, sondern Begleitsymptom einer Grunderkrankung, an der die Therapie stets ansetzen muss. Eine bedarfsgerechte Versorgung mit Inkontinenzprodukten erleichtert die Situation der Betroffenen wesentlich, fördert ihre Mobilität und ermöglicht ihnen eine weitgehend unbefangene Teilnahme am gesellschaft­lichen Leben.

Ein Inkontinenzprodukt ist dann für den Patienten optimal gewählt, wenn es zum einen die persönliche Situation des Betro­ffenen berücksichtigt und zum anderen eine dem Schweregrad der Inkontinenz angepasste Saugleistung hat. Dabei muss sowohl die Gesamtmenge des aufzufangenden Urins als auch die Art und Weise des Urinabganges (tröpfchenweise oder schwallartig) Beachtung finden.

Um die Wahl des passenden Produktes zu vereinfachen, teilt man die Inkontinenz in vier Schweregrade ein. Defini­tions­gemäß liegt eine leichte ­Inkontinenz vor, wenn innerhalb von vier Stunden 50 bis 100 ml Urin tröpfchenweise ­ab­gehen. Für diese Patienten empfehlen sich kleine, diskrete Produkte mit einer entsprechend geringen Saugleistung wie Slipeinlagen für Frauen oder Tropfen­fänger für Männer. Verliert der Betroffene innerhalb von vier Stunden zwischen 100 und 200 ml Urin, spricht man von einer mittleren Inkontinenz. Anatomisch geformte Vorlagen besitzen eine an­gemessene Saugkapazität und eignen sich sowohl für Frauen als auch für Männer. Beträgt der Urinverlust zwischen 200 und 300 ml in vier Stunden, liegt eine schwere, bei über 300 ml in vier Stunden eine schwerste Inkontinenz vor. Für diese Patienten sind größere anatomische Vorlagen oder Inkontinenzslips geeignet. Diese Produkte besitzen ein hohes Saugvermögen und sind in der Lage, einen gesamten Blaseninhalt auf einmal aufzunehmen. Slips eignen sich auch für Personen, die an einer Stuhl­inkontinenz leiden. Krankenunterlagen, die bei einer schweren Inkontinenz und Bettlägerigkeit Verwendung finden, ergänzen das Sortiment.

Zwischen nah und fern

Die gesetzlichen Krankenversicherungen übernehmen die Kosten für körpernahe Inkontinenzprodukte, wenn der Betroffene mindestens an einem mittleren Schweregrad leidet, also mindestens 100 ml Urin innerhalb von vier Stunden unfreiwillig verliert. Das Hilfsmittel­verzeichnis listet in der Produktgruppe 15 alle infrage kommenden aufsaugenden Inkontinenzhilfen auf. Die Ver­sorgung ist durch Einzelverträge gemäß § 127 SGB V geregelt und wird deshalb exklusiv von speziellen Vertragspartnern der Krankenkassen vorgenommen.

Körperferne Produkte wie die Krankenunterlagen erstatten die Pflege­kassen für Patienten mit einem anerkannten Pflegegrad. Zur Versorgung der Pflegebedürftigen mit diesen Produkten sind auch die Apotheken berechtigt. Nach einer einmaligen Genehmigung durch die Pflegekasse erfolgt die Abrechnung monatlich mit Formblättern, auf denen der Anspruchsberechtigte oder ein Beauftragter den Erhalt quittiert. Eine ärztliche Verordnung ist hierfür nicht notwendig. Es ist lediglich die monatliche Obergrenze von 40 Euro zu beachten, Mehrkosten dürfen dem Patienten nicht in Rechnung gestellt werden. Alternativ zu diesem Vorgehen kann der Betroffene die benötigten Pflegehilfsmittel auch in der Apotheke kaufen und die Quittungen seiner Pflegekasse zur Erstattung vorlegen.

Hightech-Innenleben

Mit der klassischen Windel haben moderne Inkontinenzprodukte nichts mehr zu tun. Es handelt sich heute vielmehr um Hightech-Produkte, die den An­sprüchen der Betroffenen so weit wie möglich gerecht zu werden versuchen. Alle Inkontinenzvorlagen sind im Wesentlichen gleich aufgebaut. Den Hauptanteil bildet der Saugkörper aus Zellstofff­locken. Da die Saugfähigkeit von Zellstoff begrenzt ist, enthalten alle Produkte hauptsächlich im Schritt sogenannte Superabsorber, die die Speicherkapazität deutlich verbessern. Dabei handelt es sich um Gelbildner, meist auf Basis von Polyacrylaten, die in der Lage sind, ein Vielfaches ihres Eigengewichtes an Flüssigkeit zu ­binden und auslauf­sicher als Gel zu speichern. Hochwertige Produkte enthalten zusätzlich gepulverte Aktivkohle oder ­Citratpuffer, um Ge­rüche zu absorbieren oder gar nicht erst entstehen zu lassen.

Den Saugkörper umhüllt ein Vliesstoff, der auf der Körper­seite zu einem großen Teil aus synthetischen Fasern besteht. Diese sind hydrophob, saugen sich nicht voll und halten so die Haut trocken. Der Anteil an hydrophilen Fasern im Vliesstoff ­leitet den Urin in die Saugschicht weiter. Auf der dem Körper abgewandten Seite ist der Vliesstoff mit einer Schicht aus Folie überzogen, die zusammen mit einem Auslaufschutz an den Bein­abschlüssen das Austreten von Flüssigkeit verhindert. Streifenförmige Nässe-­Indikatoren in der Schutzfolie zeigen durch eine Verfärbung oder ein Verlaufen des Farbstoffes an, wann gewechselt werden muss.

Umfangreiche Produktpalette

Personen mit leichter Blasenschwäche sind häufig in einem Alter, in dem sie noch aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Deshalb sind diskrete Produkte besonders wichtig. Die Hersteller sind bestrebt, die Vorlagen möglichst dünn und unauffällig zu halten und setzen­ für den Saugkörper einen ­größeren Anteil an Gelbildnern ein. Außerdem sollte die ­Außenfolie möglichst nicht rascheln.­ Atmungsaktive, stoffähnliche Außenfolien erfüllen diese­ Anforder­ungen und ver­raten ihren Träger nicht durch knisternde Geräusche. Sie sind zwar wasserdicht, aber durchlässig für Wasserdampf, sodass sie sich außen manchmal leicht feucht anfühlen. Das kann nach mehreren Stunden leider auch auf der Kleidung oder der Unter­lage sichtbar werden

Kleine Inkontinenzvorlagen und Tropfenfänger haben auf der Außenseite einen­ Klebestreifen zum Fixieren in der Unterwäsche, größere werden mithilfe elastischer synthetischer Netzhöschen am Körper gehalten. Slips lassen sich mit wiederverschließbaren Klett- oder Klebestreifen verschließen und ­passen sich damit dem Körperumfang gut an.

Alle renommierten Hersteller von Inkontinenzprodukten haben sämtliche Größen von Saugmaterialien im Programm. Namhafte Anbieter auf dem deutschen Markt sind Essity Germany (Tena®), die Firmen Attends, Paul Hartmann und Procter & Gamble (Always® envive). Die kleinsten Vorlagen heißen »Lights«, »Discreet­ Mini«, »Envive«, »Thin« oder »Discreet Slipeinlagen« für Frauen. Erst seit wenigen Jahren am Markt sind die entsprechenden Produkte für Männer wie Tena® Men, Attends® for men und MoliMed® for men. Das sind kleine, anato­misch geformte Artikel, die über dem Penis getragen werden und das Maxi­mum an Saugstärke im Bereich des Ausganges der Harnröhre besitzen.

Alle genannten Artikel sind für eine leichte Blasenschwäche gedacht. Die Vorlagen sind nicht größer als eine Monats­binde, enthalten jedoch einen saugstarken Kern mit Gelbildnern und einem Fassungsvermögen von mehr als 100 ml. Der Saugkern ist auf den pH-Wert des Urins optimiert, während Monatsbinden eine optimale Saug­fähigkeit für kleinere Mengen visköses Blut haben, wässrige Lösungen jedoch nicht so gut speichern können. Vielen Kunden­ ist dieser Unterschied nicht bewusst­, in der Apotheke gibt es hier großen Beratungsbedarf.

Für eine mittlere Inkontinenz bieten sich anatomisch geformte Vorlagen an, die sowohl für Frauen als auch für Männer­ geeignet sind, beispielsweise Tena® Lady Maxi, Attends® soft und MoliCare® Form. Sie unterscheiden sich in ihrer Stärke und damit im Saug­vermögen und werden in die Größen 1 (mindestens 450 ml), 2 (mindestens 600 ml) und 3 (mindestens 900 ml) eingeteilt. Die dünneren Varianten kommen bei einer leichteren Inkontinenz oder für die Versorgung am Tag zum Einsatz, die dickeren für eine schwerere Inkontinenz oder für die Nacht. Auf der körperfernen Seite haben diese Vorlagen einen Haft­streifen zur Fixierung in der normalen Unterwäsche oder sie werden in speziell gewirkten Netzhöschen, die es ebenfalls in verschiedenen Größen gibt, fixiert (zum Beispiel Attends® Stretch Pants und MoliCare® Fixpants). Eine sicherere Fixierung ist mit dicht gestrickten, elastischen Fixier­höschen möglich, wie sie beispiels­weise die ­Firma Hartmann anbietet (Molicare® Premium Fixpants). Optisch unterscheiden sich diese von normaler Unterwäsche kaum.

Beratung in der Offizin

Patienten mit einer schweren oder schwersten Inkontinenz oder kombinierten Harn-Stuhl-Beschwerden werden mit Inkontinenzslips versorgt. Für die Pflege bettlägeriger Patienten ist die Ausführung mit seitlichen Klett- oder Klebeverschlüssen wie Tena® Pants Super, Attends® Slip Regular oder MoliCare® Slip maxi am besten geeignet, da sie den geringsten Kraftaufwand für die Pflegeperson beim Anlegen erfordert. Slips in Schlupfform, beispielsweise Tena® Pants Discreet, Attends® Pull ons und MoliCare® Premium Mobile sind für mobile Patienten geeignet, die mitunter auch noch selbst die Toilette aufsuchen können. Sie sind dünner und tragen weniger­ auf, ihr Aufnahmevermögen ist jedoch geringer. In verschiedenen Saugstärken eignen sie sich für eine leichte oder mittlere Blasenschwäche.

Leider ist der größte Teil des Sortiments in den vergangenen Jahren aus den Apotheken verschwunden, seit nahezu alle Krankenkassen die Versorgung mit aufsaugenden Inkontinenzprodukten auf dem Weg der Ausschreibungen an die preiswertesten Lieferanten über­geben haben. Die Existenz von Fest­beträgen und Monatspauschalen macht es den Apotheken als kleine Einzelunternehmen so gut wie unmöglich, an diesen Ausschreibungen teilzunehmen, weil sie in diesem Marktsegment kaum kostendeckend arbeiten können. Für die Pa­tienten bedeutet das, dass sie von ihrer Krankenkasse einen Liefer­anten zugewiesen ­bekommen und nicht mehr frei auswählen können, wo sie ihre Produkte be­ziehen möchten. Die Leistungs­erbringer unterliegen dem Zwang, dem Patienten ohne Mehrkosten eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaft­liche Versorgung zukommen zu lassen. Häufig weichen sie deshalb auf die Lieferung von preis­werten und damit weniger hochwer­tigen Artikeln aus.

Dennoch: Da die gesetzliche Kranken­versicherung Produkte zur Versorgung von Patienten mit leichter Inkontinenz nicht finanziert, haben die Apotheken eine gute Möglichkeit, mit einer quali­fizierten Betreuung in diesem Bereich Stammkunden zu gewinnen­. Dazu ge­hören die ansprechende Präsentation des Waren­sortimentes, ein vielfältiger Vorrat an Produktproben und eine diskrete Be­ratung, die auf Wünsche und Bedürfnisse des Kunden ausgerichtet ist. In Anbetracht der Tatsache, dass Schätzungen zufolge in Deutschland bis 10 Millionen Menschen mit einer Harn- und bis zu 4 Millionen Menschen mit einer Stuhl-inkontinenz leben und diese Zahlen vermutlich in der Zukunft noch steigen werden, eine lohnende Be­ratungsleistung für die Zukunft. /

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