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Arzneimittel für Kinder

Kleine Patienten in der Offizin

01.08.2008  09:56 Uhr

Arzneimittel für Kleine Patienten in der Offizin

Christina Jäger

Wenn besorgte Eltern in der Apotheke Rat für ihre kranken Kinder suchen, müssen PTA oder Apotheker die Besonderheiten bei der Therapie kleiner Patienten kennen. Die unter pharmakologischen und medizinischen Aspekten richtige Medizin für Säuglinge eignet sich noch lange nicht für Neugeborene oder Kleinkinder. Jede Altersgruppe stellt andere Anforderungen an die Medikamente und deren Dosierung. 

Am häufigsten erkundigen sich Eltern in der Apotheke nach einem Arzneimittel, wenn ihr Kind erkältet ist. Schnupfen bereitet Säuglingen und Kleinkindern häufig große Schwierigkeiten. Die Kleinen können noch nicht selbstständig ausschnauben, und die verstopfte Nase behindert sie beim Trinken. Bleibt die Nasenatmung beeinträchtigt, erhöht dies die Gefahr, dass sie zu wenig Flüssigkeit zu sich nehmen und austrocknen. Eltern mit Kindern unter zwei Jahren müssen immer zuerst den Kinderarzt aufsuchen. Dieser verordnet häufig abschwellende Nasentropfen. Viele Präparate enthalten alfa-Sympathomimetika. Eine Überdosierung kann bei Säuglingen und Kleinkindern Atemstörungen hervorrufen, im schlimmsten Fall zu Koma und Atemlähmung führen. Deshalb verordnen Kinderärzte Säuglingen und Kleinkindern bis zu zwei Jahren immer Nasentropfen und kein Spray. Der Sprühnebel eines Dosiersprays verteilt sich sehr fein auf der Nasenschleimhaut, so dass der Wirkstoff besser resorbiert wird. Gleichzeitig steigt aber auch das Risiko der Nebenwirkungen. Kinder ab zwei Jahren können kurzfristig ein Dosierspray anwenden. 

Um den Kleinen das Atmen zu erleichtern, bieten ätherische Öle eine begrenzte Alternative. Der direkte Schleimhautkontakt mit Cineol-, Menthol- und Kampfer-haltigen Präparaten kann bei Säuglingen und Kleinkindern den Kratschmer- Holmgren-Reflex auslösen: Die Erregung des Nervus trigeminus kann zum Stimmritzenkrampf und weiter zum reflektorischen Atemstillstand führen. Daher bieten Hersteller Erkältungssalben speziell für Säuglinge und Kleinkinder an. 

Verstopfte Nasen mit Kochsalzlösung zu befreien, können alle Altersgruppen. Nach Bedarf, mehrmals täglich angewendet, ist diese Methode nebenwirkungsfrei und eine Gewöhnung ausgeschlossen. Die Natriumchloridlösung erhöht die mukozilliäre Clearance, Viren und Bakterien werden besser abtransportiert. Kochsalzlösung können die Eltern auch prophylaktisch einsetzen. 

Als Homöopathika eignen sich Sambucus nigra D3 Globuli, insbesondere bei zähem Säuglingsschnupfen mit dem Leitsymptom »Schnupfenblase wächst aus der Nase«, und Allium cepa D4 Globuli bei wässrigem Fließschnupfen mit tränenden Augen. Der Tipp zur Dosierung: In der akuten Phase stündlich 3 Globuli verabreichen. Bessert sich der Gesundheitszustand des Kindes, wird ausschleichend niedriger dosiert, das heißt, am zweiten Tag nur noch jede zweite Stunde 3 Globuli, am dritten Tag dreimal täglich. Ist das Kind gesund, wird die Arznei abgesetzt.

Gegen die Schmerzen im Hals

Halsschmerzen dürfen die Eltern nur dann selbst behandeln, wenn der Kinderarzt sicher gestellt hat, dass das Kind weder an Scharlach noch einer anderen bakteriellen oder viralen Infektion erkrankt ist. Können PTA oder Apotheker die Selbstmedikation verantworten, stellt sich ihnen die Frage: »Was empfehlen wir?« Die meisten Infekte der oberen Atemwege sind viral bedingt. Einige Halsschmerztabletten enthalten Antibiotika und helfen nicht bei viralen Infekten, sondern beugen lediglich Sekundärinfektionen vor. Falsch eingesetzt können sie Resistenzen fördern. Ferner sind viele Halsschmerztabletten sehr groß und glatt. Bei kleinen Kindern besteht die Gefahr, dass sie die Tabletten aus Versehen hinunterschlucken.

Präparate mit quartären Ammoniumverbindungen, die bakterizid wirken, oder Lokalanästhetika wie Lido- oder Benzocain, die den Schmerz bekämpfen, sollten nur ein bis drei Tage lang eingesetzt werden. Gurgel- oder Mundspüllösungen, beispielsweise mit Salbei, Myrrhe oder Kamille, bringen nur bedingt Linderung, und außerdem müssen die Kinder groß genug sein, um gurgeln und spülen zu können. 

Globuli eventuell gelöst 

Als homöopathische Alternativen bieten sich Apis D6 Globuli oder Belladonna D6 Globuli an. Diese Einzelsubstanzen gibt es auch als anthroposophisches Kombinationspräparat. Im akuten Stadium geben die Eltern ihren Kleinen 3 Globuli stündlich unter die Zunge oder zwischen Zahnleiste und Lippe. Die Alternative für die ganz Kleinen: Die Globuli in Wasser oder Tee auflösen und dem Kind zu trinken gegeben. Lassen die Beschwerden nach, werden die Globuli ausschleichend abgesetzt, wie beschrieben. 

Als altes Hausmittel für Kinder ab einem Jahr hat sich warme Milch oder Eibischwurzeltee mit Fenchelhonig bewährt. Der süße Honig schmeckt den Kleinen gut, und sie trinken »ihre Medizin« meist ohne Protest. Vorsicht ist jedoch bei Säuglingen geboten: Sie dürfen noch keinen Honig erhalten, da er in sehr seltenen Fällen Säuglings-Botulismus auslösen kann. Sind die Halsschmerzen mit Husten verbunden, ist der Tee vorzuziehen.

Ein zusätzlicher Tipp: Viele Eltern nehmen den Rat, warme Halswickel anzuwenden, dankend an. Dazu müssen sie ein Stofftuch in Salzwasser tauchen (1 Teelöffel Kochsalz auf 1⁄4 Liter warmes Wasser), das getränkte Stofftuch um den Hals des Kindes wickeln und darüber einen Schal. Nach circa 10 Minuten können sie den feuchten Wickel wieder entfernen und den Hals nur mit dem trockenen Tuch umwickeln. Bei Bedarf können sie den warmen Halswickel nach einer Stunde wiederholen. Die positiven Effekte solcher Hausmittel sollten PTA oder Apotheker nicht unterschätzen und daher bei ihrer Beratung berücksichtigen.

Zuwarten bei Ohrenschmerzen

Kinder leiden häufig an Ohrenschmerzen, da die Eustachische Röhre, die Verbindung zwischen Rachenraum und Mittelohr, noch eng und kurz ist. Daher gelangen Bakterien und Viren schnell aus dem Nasen-Rachen-Raum ins Ohr. So kann sich eine Mittelohrentzündung (Otitis media) unter anderem aus einem Stockschnupfen entwickeln. Generell gilt: Ohrenschmerzen müssen die Eltern immer vom Kinderarzt abklären lassen. Bei Mittelohrentzündung verordnet der Arzt meist ein Antibiotikum. Nach neuen Erkenntnissen stellt er ein »Bedarfsrezept« aus. Verbessert sich der Zustand des kleinen Patienten nicht von alleine, lösen die Eltern das Rezept erst nach 2 bis 3 Tagen des Zuwartens ein. Der Grund dieses neuen Therapieansatzes liegt darin, dass häufig Viren eine Mittelohrentzündung auslösen. Die Gabe eines Antibiotikums ist dann wirkungslos und fördert zudem die Resistenzentwicklung. Das Zuwarten gilt nicht für Kinder unter 2 Jahren: Diese werden immer sofort antibiotisch behandelt. 

Fieber sollten die Eltern erst vom Kinderarzt abklären lassen. Bei einer Mittelohrentzündung ist die entzündungshemmende Wirkung des Ibuprofens erwünscht. Dosierungen und Dosierungsintervalle müssen die Eltern genau einhalten. Verordnet der Pädiater Ibuprofen als Suspension, sollten PTA oder Apotheker die Eltern bitten, das Präparat vor der -Gabe gut zu schütteln, um die Dosiergenauigkeit zu gewährleisten. 

Die homöopathischen Otovowen® Tropfen können Eltern zur akuten Behandlung von Stockschnupfen und auch prophylaktisch gegen Ohrenschmerzen einsetzen. Sie sollten jedoch wissen, dass die »Ohrentropfen« innerlich, also peroral, angewendet werden.

Seit 2006 empfiehlt die Ständige Impfkomission am Robert Koch-Institut, die STIKO, Kinder nach dem zweiten Lebensmonat bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr gegen Otitis media zu impfen. Der Impfstoff Prevenar® beinhaltet sieben verschiedene Serotypen der Pneumokokken-Bakterien, die die Otitis media hauptsächlich verursachen. Vor allen anderen Erregern der Mittelohrentzündung schützt er nicht.

Stärkung des Immunsystems

Eltern, deren Kinder häufig an Infekten erkranken, erkundigen sich in der Apotheke, wie sie das Immunsystem ihres Kindes stärken können. Zunächst sollten sie erfahren, dass Kleinkinder durchschnittlich pro Jahr etwa zehn bis zwölf banale Infekte erleiden und diese Zahl als normal gilt. Das Immunsystem der Kleinen muss erst lernen, mit Krankheiterregern umzugehen. Eltern können die Immunabwehr ihrer Sprösslinge stärken, indem sie diese vitaminreich ernähren, und dafür sorgen, dass sie sich täglich ausreichend lange an der frischen Luft bewegen. Können die Kleinen noch nicht laufen, sollten die Eltern sie im Kinderwagen spazieren fahren.

Mono- oder Kombinationspräparate mit Echinacea oder Eupatorium können das Immunsystem von Kindern zusätzlich stärken. Der Tipp für den Handverkauf lautet: Echinacea-Präparate nicht länger als 14 Tage geben und danach eine mehrtägige Pause einlegen. Bei Bedarf kann ein weiterer Einnahmezyklus folgen. So wird das Immunsystem der kleinen Patienten nicht permanent stimuliert und eine Überreaktion verhindert. 

Kleine Menge, fatale Wirkung

Bei der Auswahl eines Kinderarzneimittels sollten PTA oder Apotheker nicht nur den Wirkstoff, sondern auch die Hilfsstoffe im Blick haben. Hilfsstoffe sind zwar meist nur in geringen Mengen enthalten, stellen aber bei Überdosierungen ein schwerwiegendes gesundheitliches Risiko dar. Das betrifft besonders den Propylenglykolgehalt von Säften bei Kindern unter vier Jahren. Da die Alkohol- und Aldehydhydrogenasen bei den Kleinen noch nicht voll leistungsfähig sind, kann Propylengykol im kindlichen Organismus kumulieren und gefährliche Nebenwirkungen auslösen. Die Intoxikationsgrenze liegt bei 200 mg pro kg Körpergewicht. Wird diese Dosis überschritten, besteht die Gefahr von Krämpfen und Herzarrhythmien.

Ebenfalls unzureichend können Kinder unter zwei Jahren Benzoesäure und Natriumbenzoat verstoffwechseln. Die Anreicherung von Benzoesäure im Blut kann zum befürchteten Gasping-Syndrom führen, einer Atemstörung, der »Schnappatmung«, verbunden mit der Gefahr einer Enzephalopathie und möglicher Todesfolge. 

Auch Benzylalkohol kann bei Überdosierung das Gasping-Syndrom verursachen, da es im Körper über das Aldehyd zur Benzoesäure oxidiert wird. Die Intoxikationsgrenze von Benzylalkohol liegt bei 100 mg pro kg Körpergewicht. 

Kleine Patienten mit Asthma sollten kein Arzneimittel mit Natriumdisulfit einnehmen. Das Antioxidans Natriumdisulfit kann bei prädisponierten Patienten zu Atemwegskonstriktion und Bronchospasmus führen.

Problem Lactose-Intoleranz

PTA und Apotheker sollten im Beratungsgespräch erfragen, ob den Eltern eine Lactose-Intoleranz ihres Kindes bekannt ist und – falls ja – Lactose-freie Medikamente empfehlen. 

Häufig sind Eltern wegen der Alkoholkonzentration von Tropfen besorgt. Hier scheiden sich die Geister. Manche Ärzte sprechen sich grundsätzlich gegen Alkohol in Kinderarzneimitteln aus: Es bestünde die Gefahr zentraler Wirkungen, weil die Bluthirnschranke von Säuglingen und Kleinkindern durchlässiger ist als bei Erwachsenen. Außerdem verbleibt der Alkohol aufgrund der noch nicht ausgereiften Enzymsysteme länger im kindlichen Organismus. Für besorgte Eltern gibt es eine Vielzahl alkoholfreier Präparate.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
JaegerChristina(at)web.de

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