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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Juli 2008

01.08.2008  09:26 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im Juli 2008

Sven Siebenand

Der deutsche Arzneistoffmarkt hat Zuwachs bekommen. Zu den Neulingen zählt ein weiteres morphinähnliches Schmerzmittel, eine Substanz gegen Opioid-verursachte Verstopfung und der erste Prä-Pandemie-Impfstoff. Letzterer könnte ein Meilenstein bei der Vorbereitung auf eine befürchtete Grippe-Pandemie sein.

Verstopfung gehört zu den häufigsten Nebenwirkungen der Opioidtherapie. Bis zu 90 Prozent der Patienten, die – gemäß WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie – ein stark wirksames Opioid wie Morphin oder Fentanyl erhalten, sind davon betroffen. Bislang verordnen Ärzte in diesen Fällen meist Laxanzien, um die Beschwerden der Patienten zu mindern. Diese wirken jedoch nur unspezifisch und symptomorientiert. Darüber hinaus dauert es bei einigen dieser Präparate lange, bis die  Wirkung eintritt.

Methylnaltrexoniumbromid

Für Patienten, die nicht ausreichend auf eine Therapie mit Laxanzien ansprechen, gibt es neuerdings eine zusätzliche Therapieoption. Mit Methylnaltrexoniumbromid (Relistor®, Wyeth Pharma GmbH) steht seit Juli der erste in Europa zugelassene Vertreter eines neuen Wirkprinzips zur Behandlung der durch Opioide verursachten Verstopfung zur Verfügung.

Opiate lindern Schmerzen, indem sie an die Opioidrezeptoren im Gehirn binden. Diese Rezeptoren gibt es auch im Darm. Binden Morphin und Co. an die dortigen Opioidrezeptoren, nehmen die Darmbewegungen ab und es kommt zur Verstopfung. Der neue Wirkstoff Methylnaltrexoniumbromid blockiert diese Darmrezeptoren.

Die Substanz ist ein Abkömmling von Naltrexon, welches im Rahmen der Opiat-Entwöhnung zum Einsatz kommt. Im Gegensatz zu Naltrexon kann Methylnaltrexoniumbromid aufgrund seiner geringen Fettlöslichkeit und durch eine höhere Polarität kaum ins Gehirn eindringen und blockiert daher die Opioidrezeptoren im Darm, nicht aber im Gehirn. Auf diese Weise lindert die neue Substanz die durch die Opiode verursachte Verstopfung, ohne deren schmerzstillenden Effekte zu beeinträchtigen.

Das Mittel wird alle zwei Tage subkutan injiziert. Nach entsprechender Schulung können sich die Patienten die Spritzen selbst verabreichen. Die Dosis hängt vom Körpergewicht ab: Empfohlen werden 8 beziehungsweise 16 mg Methylnaltrexoniumbromid für Patienten mit einem Körpergewicht von 38 bis 61 beziehungsweise 62 bis 114 kg. Patienten, deren Gewicht außerhalb dieser Bereiche liegt, sollten 0,15 mg pro kg Körpergewicht erhalten. Bei Patienten mit einer schweren Nierenerkrankung muss die Dosis reduziert werden, Dialysepatienten und Patienten mit schweren Lebererkrankungen sollten nicht mit Methylnaltrexoniumbromid behandelt werden.

In Studienerwies sich die Substanz als gut verträglich. Als Nebenwirkungen traten am häufigsten Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall auf.

Vogelgrippe-Impfstoff

An den Grippeviren vom Typ H5N1 können Vögel und Menschen schwer erkranken. Bisher wurden bei der Weltgesundheitsorganisation WHO 382 Infektionen von Menschen gemeldet, 241 von ihnen starben. Experten fürchten, dass sich H5N1 in naher Zukunft so verändert, dass dies der Ursprung einer Pandemie sein könnte, denn in der Bevölkerung besteht bisher keine Immunität gegen H5N1.

Mit Prepandrix™ (GlaxoSmithKline) hat die europäische Zulassungsbehörde EMEA den ersten prä-pandemischen Grippeimpfstoff zugelassen. Laut Herstellerangaben ist die Vakzine noch nicht auf dem Markt verfügbar, aber eine Reihe von Regierungen hat bereits Interesse an einer Bevorratung bekundet beziehungsweise sich – wie die Schweiz – bereits mit dem Impfstoff eingedeckt. Prepandrix kann bereits vor dem Ausbruch einer Pandemie eingesetzt werden. Er enthält inaktivierte Antigene eines H5N1-Virusstamms aus Vietnam, wirkte in Studien aber auch gegen drei derzeit in Europa und Afrika kursierende Vogelgrippevarianten des H5N1-Stammes. Mit dieser sogenannten Kreuzprotektion erfüllt Prepandrix eine wichtige Voraussetzung für einen prä-pandemischen Impfstoff. Schließlich soll er im Ernstfall ermöglichen, eine Immunantwort gegen einen noch nicht bekannten Virusstamm in der Bevölkerung aufzubauen.

Die Vakzine wird in den Oberarm gespritzt und in zwei Dosen im Abstand von mindestens drei Wochen verabreicht. Zugelassen ist die Impfung momentan für Personen im Alter von 18 bis 60 Jahren. Laut Hersteller laufen aber bereits Studien zur Anwendung bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren und älteren Menschen über 60 Jahre.

Nalbuphinhydrochlorid

Mit Nalbuphinhydrochlorid (Nalpain® 10 mg/ml Injektionslösung, Stragen Pharma GmbH) ist ein weiteres Opioid-Analgetikum auf den Markt gekommen. Zugelassen ist es zur kurzzeitigen Behandlung mittelstarker bis starker Schmerzen. Zudem kann es vor oder nach Operationen eingesetzt werden, um Schmerz zu bekämpfen beziehungsweise zu verhindern.

Nalbuphinhydrochlorid wirkt an bestimmten Opioidrezeptoren als Agonist, an anderen als Antagonist. Als Dosis für Erwachsene empfiehlt der Hersteller 0,1 bis 0,3 mg pro kg Körpergewicht. Die Injektion kann intravenös, intramuskulär oder subkutan erfolgen und – wenn nötig – nach drei bis sechs Stunden wiederholt werden. Kinder, Jugendliche und ältere Menschen erhalten eine niedrigere Dosis. Da die Substanz in der Leber verstoffwechselt und über die Nieren ausgeschieden wird, darf sie nicht bei Patienten mit schweren Leber- oder Nierenschäden zum Einsatz kommen. 

Ausgeschlossen ist auch die Kombination von Nalbuphinhydrochlorid mit Substanzen, die als sogenannte reine µ-Opioidrezeptor-Agonisten wirken. Dazu zählt zum Beispiel Morphin. Zudem müssen die Patienten Alkoholika und alkoholhaltige Arzneimittel meiden, da diese die sediernede Wirkung des Schmerzmittels verstärken. Vorsicht geboten ist auch bei der gleichzeitigen Gabe von bestimmten zentralnervös dämpfenden Arzneimitteln, etwa Benzodiazepinen, Neurolep-tika, sedierenden Antidepressiva und H1-Antihistaminika. Diese Substanzen erhöhen das Risiko einer Atemdepression, welche im Fall einer Überdosierung lebensbedrohlich sein kann.

Neben Sedierung – der am häufigsten berichteten Nebenwirkung – traten unter Nalbuphinhydrochlorid häufig Kopfschmerz, Schwindel, trockener Mund und Magen-Darm-Beschwerden, insbesondere Übelkeit und Erbrechen, auf.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
S.Siebenand(at)govi.de