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Selbstmedikation bei Prämenstruellem Syndrom

01.08.2008  09:09 Uhr

Selbstmedikation bei Prämenstruellem

Das verflixte Spiel der Hormone 

Andrea Gerdemann

»Die hat mal wieder ihre Tage.« Diesen Spruch kennen Frauen, die in den Tagen vor ihrer Regelblutung mit Stimmungsschwankungen oder Migräne kämpfen. Häufig äußern sich Familienmitglieder oder auch Kollegen abfällig über die Beschwerden des Prämenstruellen Syndroms und tun diese als »Zickentheater« ab. Dass dies nicht stimmt, und die Symptome durch die hormonellen Schwankungen im Zyklus der Frau verursacht werden, ist mittlerweile unbestritten.

Das Prämenstruelle Syndrom (PMS) ist eine komplexe Erkrankung. Die Beschwerden beginnen in der Gelbkörperphase des Zyklus der Frau und verschwinden zu Beginn oder während der Menstruation. Fast drei Viertel aller Frauen im gebährfähigen Alter erleben in den Tagen vor ihrer Regelblutung physische und psychische Veränderungen. Die Stärke und Dauer der Beschwerden variiert stark, von einigen Tagen bis zu zwei Wochen. Am häufigsten tritt das PMS bei Frauen zwischen 30 und 45 Jahren auf.

Das Prämenstruelle Syndrom tritt bei etwa 30 bis 40 Prozent der Frauen regelmäßig in solch einer Stärke auf, dass sie in ihren Tagesaktivitäten eingeschränkt sind. Bei circa 5 Prozent führen die Beschwerden sogar dazu, dass die Frauen arbeitsunfähig sind. 

Ängstlich oder aggressiv

Insgesamt umfasst der Katalog der PMS-Symptome 150 verschiedene Beschwerden. Im Klassifizierungssystem des PMS ist das Erkrankungsbild je nach dominierenden Symptomen in vier Hauptgruppen eingeteilt (siehe Tabelle). Die betroffenen Frauen klagen am häufigsten unter Spannungsgefühl in den Brüsten (Mastodynie), Ödembildung, Gewichtszunahme, Kopfschmerzen, Völlegefühl, Erschöpfung, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen, wobei manche depressive Phasen durchleben, andere plötzlich aggressiv reagieren.

Klassifizierung des PMS nach Hauptsymptomen

Klassifikation Dominierende Symptome
PMS-A (Anxiety) Angst, Reizbarkeit, Nervosität
PMS-H (Hydratation) Gewichtszunahme, Brustschwellung, Ödembildung
PMS-C (Craving) Kohlenhydratheißhunger, Appetitsteigerung, Müdigkeit, Migräne
PMS-D (Depression) Depression, Lethargie, Schlaflosigkeit

Quelle: A. Immel-Sehr. Probleme mit den Tagen. Individuelle Lösungen sind gefragt. Pharmazeutische Zeitung, Ausgabe 27/2007

Die Ursache(n) des PMS sind nicht geklärt. Es existieren verschiedene Theorien hierzu. Als gesichert gilt der Zusammenhang zwischen dem PMS und dem Menstruationszyklus. Wird der Eisprung zum Beispiel medikamentös unterdrückt, verschwinden die PMS-Beschwerden. Experten vermuten, dass der Körper der betroffenen Frauen besonders sensibel auf die Veränderungen der beiden Hormone Progesteron und Estradiol in der zweiten Zyklushälfte reagiert. 

Des Weiteren sollen Neurotransmitter, vor allem das Serotonin, eine wichtige Rolle spielen. In mehreren Studien wurden bei PMS-Patientinnen verminderte Serotoninspiegel festgestellt. Dieser Botenstoff besitzt eine Schlüsselfunktion bei Depressionen und steuert das Hungergefühl. Für diese These spricht, dass der Einsatz von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) gute Erfolge bei der Behandlung des PMS erzielt. 

Darüber hinaus wird der Einfluss des Ernährungsstatus diskutiert. Bei vielen Frauen wurde beobachtet, dass sich die PMS-Symptome durch diätetische Maßnahmen besserten. Auch Nahrungssupplemente kann sich als positiv erweisen, beispielsweise das Vitamin B6, das Cofaktor bei der Serotoninsynthese ist. 

Die genannten Erklärungsversuche und Behandlungsansätze lassen erahnen, dass das Prämenstruelle Syndrom eine problematische Erkrankung ist, für die es keine Standardtherapie gibt. 

Abgrenzung zum Arztbesuch

Um entscheiden zu können, ob eine Selbstmedikation möglich ist, müssen PTA oder Apotheker die Patientinnen nach anderen Erkrankungen fragen. Gerade Depressionen oder Schilddrüsenerkrankungen können ähnliche Symptome wie das PMS hervorrufen. Der Unterschied besteht darin, dass PMS-Beschwerden zyklusabhängig auftreten. Berichten die Frauen in der Apotheke über starke Spannungs- und/oder Schwellungsgefühle in der Brust oder Menstruationsstörungen beziehungsweise  -beschwerden, müssen PTA oder Apotheker sie an den Arzt verweisen. Gleiches gilt für Patientinnen, die aufgrund der heftigen Beschwerden in ihrem Alltag so eingeschränkt sind, dass sie nicht mehr arbeitsfähig sind.

Phytopharmaka als Option

Für die Behandlung des PMS in der Selbstmedikation eignet sich der Mönchspfeffer (Vitex agnus castus). Vitex agnus castus gehört zur Familie der Eisenkrautgewächse (Verbenaceae). Zur Extraktherstellung werden die pfefferkorngroßen Früchte verwendet. Diese enthalten Iridoidglykoside, Flavonoide, ätherische Öle und Fettsäuren. Neben der Indikation des PMS wird der Mönchspfeffer auch bei Zyklusunregelmäßigkeiten und bei schmerzhaftem Spannungsgefühl in den Brüsten eingesetzt. Für diese Indikation besteht eine positive Monographie der ehemaligen Komission E. In Studien wurde für Mönchspfefferextrakte eine dopaminerge und prolaktinsenkende Wirkung nachgewiesen. Dadurch normalisiert sich die Ausschüttung des follikelstimulierenden Hormons (FSH) und des luteinisierenden Hormons (LH), zwei Hormone aus der Hypophyse, die den Menstruationszyklus regulieren. Die Dosierung der Mönchspfeffer-Präparate beträgt 30 bis 40 mg Droge pro Tag. Um eine Wirkung zu erzielen, sollten die Frauen das Präparat mindestens drei Monatszyklen einnehmen.

Mögliche Nebenwirkungen durch die Anwendung von Vitex-agnus-castus-Präparaten sind juckende, urtikarielle Ausschläge. Sollten diese auftreten, muss die Frau das Präparat absetzen und eventuell einen Arzt aufsuchen. Wechselwirkungen sind aufgrund der dopaminergen Wirkung mit Dopamin-Rezeptor-Antagonisten wie Neuroleptika möglich.

Bei psychovegetativen Beschwerden

Eine weitere Heilpflanze gegen die Beschwerden des PMS ist die Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) aus der Familie der Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae). Medizinisch verwendet wird der nach der Fruchtreife gesammelte Wurzelstock mit den Wurzeln. Diese enthalten Triterpenglykoside, Phenolcarbonsäuren und Flavonoide. Hauptindikation der Arzneipflanze sind Beschwerden in den Wechseljahren, sie kann aber auch bei Menstruationsbeschwerden angewendet werden. Auch hier existiert eine positive Monographie der ehemaligen Komission E. Neben der estrogenartigen Wirkung soll Cimicifuga-Extrakt die Bildung von LH senken. 

Sinnvoll ist der Einsatz von Cimicifuga zur Behandlung des PMS, wenn psychovegetative Beschwerden überwiegen. Die Tagesdosierung beträgt 40mg Droge. Auch hier müssen sich die Frauen gedulden: Es dauert circa einen Monat, bis die Wirkung einsetzt. Ohne ärztlichen Rat sollten sie Cimicifuga-Extrakte nicht länger als sechs Monate einnehmen. Mögliche Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden, allergische Hautreaktionen sowie Gewichtszunahme. Wechselwirkungen sind keine bekannt. Frauen mit hormonsensitiven Erkrankungen, beispielsweise estrogenabhängigen Tumoren (Mammakarzinom), dürfen das Phytopharmakon nicht nehmen. 

Mineralien Calcium und Magnesium

Anhand kontrollierter Studien sollen sich Calcium und Magnesium positiv sowohl auf die physische als auch psychische Symptomatik des PMS auswirken. Die beobachteten Effekte werden mit einem Ungleichgewicht des Parathormonsystems erklärt, eine weitere Hypothese für die Ursachen des PMS. Für Calcium liegt die empfohlene Tagesdosierung bei 1200 mg, für Magnesium zwischen 200 bis 400 mg. Allerdings können die Frauen auch hier erst nach etwa einem Monat mit dem Wirkungseintritt rechnen. Die beiden Mineralien sind nebenwirkungsarm. PTA oder Apotheker sollten vor der Abgabe eines Präparats auf mögliche Interaktionen mit Arzneistoffen achten, die durch Komplexbildung mit den mehrwertigen Kationen in ihrer Wirkung vermindert werden können, zum Beispiel Bisphosphonate, Schilddrüsenhormone oder einige Antibiotika wie Gyrasehemmer und Tetracycline.

Vitamin B6

Eine weitere Behandlungsoption für die Beschwerden des PMS ist das Vitamin B6, das Pyridoxin. Erklärt werden die positiven Effekte mit der Funktion des Vitamin B6 als Cofaktor bei der Serotoninsynthese. Die Datenlage zu Pyridoxin ist allerdings nicht eindeutig. Zur Behandlung des PMS variieren die empfohlenen Tagesdosierungen, sinnvoll erscheinen 100 mg. Bei längerfristiger Einnahme von mehr als 50 mg können als Nebenwirkungen periphere sensorische neuropathische Störungen (Parästhesien) auftreten.

Zur Therapie des PMS werden außerdem einige verschreibungspflichtige Substanzen, beispielsweise selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), Gonadotropin-Releasing-Hormon-Analoga (GnRH-Analoga) oder auch Ovulationshemmer eingesetzt, die aber in einem Artikel über die Selbstmedikation nicht behandelt werden.

Nicht medikamentöse Tipps

Neben den medikamentösen Behandlungsansätzen können beim PMS auch nicht medikamentöse Maßnahmen hilfreich sein, so zum Beispiel:

  • regelmäßiger Ausdauersport wie Walking, Rad Fahren, Schwimmen, mindestens 30 Minuten mehrmals die Woche,
  • viel frische Luft, eventuell in Verbindung mit den sportlichen Tätigkeiten,
  • vermeiden beziehungsweise reduzieren von Stress,
  • Entspannungstechniken wie Yoga, autogenes Training, progressive Muskelentspannung,
  • ausgewogene Ernährung mit ausreichend Flüssigkeit, Vollkornprodukten, Obst, Gemüse und essentiellen Fettsäuren,
  • Verzicht auf Kaffee, Alkohol, Nikotin, Süßigkeiten, wenn diese die Symptomatik verschlimmern,
  • ausreichend Schlaf und regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhyth-mus,
  • Führung eines PMS-Tagebuchs (bei Interesse der Patientin).

Beispiel aus der Apothekenpraxis

Eine etwa 32-jährige Frau betritt die Apotheke und fragt die PTA nach einem Präparat gegen ihre Beschwerden kurz vor der Regelblutung. Sie fühle sich immer so schlapp und aufgedunsen und hätte leichte Kopfschmerzen, so dass sie ständig gereizt reagiere. Bislang habe sie die Beschwerden immer noch ganz gut alleine in den Griff bekommen. Aber vor dem letzten Zyklus hätten sich die Kopfschmerzen extrem verstärkt.

Im Gespräch erkundigt sich die PTA nach weiteren Beschwerden der Patientin. Fragenbeispiele, die in dieser Situation helfen, enthält der Kasten.

Fragen, die bei der Symptomerfassung helfen (Beispiele):

  • Welche Beschwerden treten bei Ihnen auf? Sind Sie in den Tagen depressiv, ängstlich, abgeschlagen und müde? Oder eher gereizt und aggressiv? Haben Sie Konzentrationsschwierigkeiten und Probleme ein- und durchzuschlafen? 
  • Wann treten die Beschwerden auf, immer vor der Regelblutung?
  • Wie lange dauern die Beschwerden? Verschwinden sie zu Beginn der Menstruation?
  • Seit wann bestehen diese Beschwerden, bereits seit mehreren Zyklen?
  • Wie beeinflussen die Beschwerden Ihr Alltagsleben?
  • Können Sie Auslöser für Ihre Beschwerden benennen, bestimmte Lebens- oder Genussmittel, zu wenig Schlaf, Stress?
  • Nehmen Sie Arzneimittel ein und wenn ja, welche?
  • Haben Sie Ihre Beschwerden bereits behandelt und wenn ja, womit und mit welchem Erfolg?

Die Patientin berichtet der PTA, bereits seit Jahren träten die Beschwerden regelmäßig circa eine Woche vor ihren Tagen auf und verschwänden zu Beginn der Regelblutung. Bislang habe sie sich mit den Beschwerden ganz gut arrangiert. An den Tagen sei sie früher zu Bett gegangen, um mehr Schlaf zu bekommen. Gegen die Kopfschmerzen hätte eine Brausetablette mit ASS geholfen. Das Gefühl des Aufgedunsenseins hätte sie ertragen, denn es wäre ja wieder verschwunden. 

Klärung der Beschwerden

Die PTA fragt nach, ob alle Beschwerden oder nur die Kopfschmerzen beim letzten Mal zugenommen hätten. Die Patientin verneint dies, nur die Kopfschmerzen seien schlimmer geworden. So heftige Schmerzen hätte sie früher nie erlebt. Das Tageslicht hätte ihr in den Augen weh getan und der Kopf habe sich angefühlt, als wenn jemand mit einem Hammer darin wüten würde. Am liebsten hätte sie sich ins Bett gelegt, da die Schmerzen bei jeder Bewegung intensiver geworden wären. Auch das ASS hätte nicht mehr geholfen. »Könnten Sie bitte die Kopfschmerzen noch genauer beschreiben? Wo waren sie lokalisiert?«, fragt die PTA weiter. »Überwiegend in der linken Kopfhälfte«, antwortet die Patientin.

Anhand dieser Informationen vermutet die PTA, dass die genannten Beschwerden auf einen Migräneanfall hindeuten. Daher empfiehlt sie der jungen Frau, möglichst bald ihren Frauenarzt aufzusuchen, damit dieser die Ursache ihrer Beschwerden, insbesondere der Kopfschmerzen, abklärt. Die Patientin nickt zustimmend, wendet dann allerdings ein: »In den nächsten Tagen habe ich keine Zeit, zum Arzt zu gehen. Ich bin heute hier, weil ich Angst habe, dass ich morgen oder übermorgen wieder so starke Kopfschmerzen bekomme.«

Die PTA kann nachvollziehen, dass die Patientin so kurzfristig keinen Termin bei ihrem Frauenarzt bekommt. Da sie ihre Angst versteht, empfiehlt sie ihr ein wirksames Mittel gegen einen eventuellen nächsten Migräneanfall. »Wenn Ihre Kopfschmerzen wieder so heftig werden wie beim letzten Mal, empfehle ich Ihnen ein Präparat speziell gegen Migräne mit dem Wirkstoff Naratriptan. Die Packung enthält zwei Tabletten, in der Regel hilft bereits eine. Bitte nehmen Sie die Tablette möglichst bei den ersten Symptomen mit einem Glas Wasser ein. Normalerweise verschwinden die Beschwerden dann innerhalb einer Stunde. Kehren die Kopfschmerzen wieder, dürfen Sie frühestens nach vier Stunden die zweite Tablette einnehmen. Sind Ihre Kopfschmerzen allerdings nicht so stark wie beim letzten Mal, nehmen Sie besser eine oder zwei ASS-Tabletten ein. Vielen Patienten hilft ASS auch bei Migräne.«

Guter Kompromiss

Das beruhigt die Patientin. Falls sie doch die Naratriptan-Tabletten braucht, bittet die PTA sie, ihrem Frauenarzt unbedingt über den möglichen Erfolg oder auch Misserfolg zu berichten.

Gegen Ende des Gespräches fragt die PTA die junge Frau, ob sie noch etwa Zeit habe und über die nicht medikamentösen Möglichkeiten der PMS-Behandlung informiert werden möchte. Da die Patientin dies bejaht, erwähnt die PTA die positiven Effekte durch regelmäßigen Ausdauersport und Entspannungstechniken. Zum Abschluss bittet sie die Patientin, ihr beim nächsten Apothekenbesuch über die Ergebnisse des Arzttermins und – falls möglich – über ihre Erfahrungen mit den Migränetabletten zu berichten.

Tipps aus dem Internet

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andrea(at)gerdemann.info