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Depressionen

Wundbrand der Seele

01.08.2008  11:29 Uhr

Depressionen

Wundbrand der Seele 

Annette Behr, Berlin

Die neu gegründete Stiftung »Deutsche -Depressionshilfe« erlangt durch ihren Schirmherren Harald Schmidt großes Interesse der Medien. Mit Humor wirbt Schmidt um mehr Aufmerksamkeit für die Volkskrankheit. 

»Für mich war Depression ein Begriff, der zwischen ›mit dem falschen Fuß aufstehen‹ und ›Depri-sein‹ schwankte, sagte Harald Schmidt während der Pressekonferenz zur Gründung der Stiftung »Deutsche Depressionshilfe«. Bis vor kurzem wusste auch er nur wenig über die Krankheit. Im Gegensatz zum umgangssprachlichen »schlechte Laune haben« ist die Depression keine vorübergehende Verstimmung, sondern eine klar umrissene Erkrankung, erklärte Professor Dr. Ulrich Hegerl, Stiftungsvorsitzender. Die Stiftung versteht sich als Dach des Forschungsverbundes »Kompetenznetz Depressionen, Suizidalität« und des gemeinnützigen Vereins »Deutsches Bündnis gegen Depression«. Weitere Informationen im Internet unter www.deutsche-depressionshilfe.de.

Etwa 5 Prozent der Deutschen leiden an einer behandlungsbedürftigen Depression. Meist sind die Hausärzte die ersten Ansprechpartner. Diese erkennen die Krankheit häufig sehr spät, weil der Patient zunächst über körperliche Beschwerden klagt. Und obwohl es wirksame Therapien gibt, verläuft die Behandlung oft auch nicht konsequent. Die Erkrankung erzeugt mitunter einen so großen Leidensdruck, dass Betroffene versuchen, sich das Leben zu nehmen. Hegerl schätzte, dass ein Großteil der jährlichen etwa 10 000 Suizide aufgrund einer depressiven Erkrankung erfolgt.

Depression ist keine Laune

»Sie ist quälend, denn sie wird dominiert von Angst, Trauer und Wunschlosigkeit«, berichtete bewegend Holger Reiners, Hamburger Architekt und Buchautor. Der Mitinitiator der Stiftung litt 20 Jahre lang unter Depressionen, bis er zurück ins Leben fand. Depressive nehmen ihre Umgebung oft schemenhaft und dunkel wahr.

Aus der Sicht eines Betroffenen stellte Reiners klar: »Die Depression ist keine Laune, sondern eine schwere Erkrankung. Depressiv sein bedeutet vielmehr, am Wundbrand der Seele zu leiden wie an einer schlimmen Infektion mit tödlichem Ausgang.«

Die Krankheit Depression ist ein sehr komplexes Geschehen und hat nicht nur eine Ursache: Veranlagung und äußere Faktoren wirken meist zusammen. So können eine frühe Traumatisierung, akute Krisen, Stress, Nichtanerkennung oder Mobbing zu Depressionen führen. Die Anpassung an neue, belastende Lebensumstände wie Arbeitslosigkeit, Armut, Partnerverlust, Verrentung oder Scheidung kommt hinzu. Außerdem treten Veränderungen im Hirnstoffwechsel auf. Botenstoffe wie Serotonin und Stresshormone geraten während einer Depression aus dem Gleichgewicht. 

Therapien kombinieren

Die wichtigsten Säulen der Behandlung sind die Pharmako- und die Psychotherapie, möglichst in Kombination. Bei leichten Depressionen kann die Verhaltenstherapie helfen. Sie zielt darauf ab, eingefahrene, negative Denkmuster aufzubrechen und neue Verhaltensweisen einzuüben und zu festigen. 

Als unverzichtbar und wirksam gilt die Pharmakotherapie mit Antidepressiva. Entgegen vieler Vorurteile machen Antidepressiva nicht süchtig und verändern auch nicht die Persönlichkeit. In Deutschland sind etwa 25 verschiedene Wirkstoffe zugelassen. Die Betroffenen müssen häufig lange geduldig abwarten, bis ihr Arzt die richtige Wirkstoffkombination für sie gefunden hat, denn ein Erfolg stellt sich oft erst nach mehreren Wochen ein. 

Kräfte bündeln und forschen

Dieses Motto hat sich die Stiftung auf die Fahne geschrieben. »Die Versorgungs- und Lebenssituation depressiv erkrankter Menschen wurde in den letzten Jahren zwar optimiert, ist aber noch defizitär. Angesichts der vier Millionen Betroffenen in Deutschland, von denen sich bis zu 15 Prozent der an einer schweren Depression Erkrankten das Leben nehmen, besteht dringender Handlungsbedarf«, so Hegerl. Der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie am Universitätsklinikum Leipzig ist seit Jahren forschend auf dem Gebiet der Depression aktiv. 

Als Sprecher des »Kompetenznetzes Depressionen, Suizidalität« möchte er mit Hilfe der neuen Stiftung die Forschung anstoßen und den Betroffenen schnell und fachgerecht zu einer optimalen Behandlung verhelfen. Zusätzlich will die Stiftung die Volkskrankheit Depression durch Information und Aufklärung mehr in den Fokus der Gesellschaft rücken. Denn eine Depression kann jeden Menschen in jedem Alter treffen. Im Jahr 2020 werden Depressionen die zweithäufigste Krankheit sein, schätzt die Weltgesundheitsorganisation.

Die »Stiftung Depressionshilfe« will den an Depression Erkrankten helfen, den Weg zurück ins Leben zu finden durch Forschung, Austausch, kompetente Hilfe und adäquate Behandlung. »Die Krankheit endgültig zu verstehen, sie konsequent und sachkundig behandeln zu können, muss uns als Gesellschaft am Herzen liegen«, sagte Reiners.

Ähnliche Gedanken müssen auch Harald Schmidt dazu bewogen haben, sich der Stiftung als Schirmherr zur Verfügung zu stellen. »Ich gebe meinen Namen gern für eine Krankheit, die es in der Öffentlichkeit schwerer hat als Krebs oder Aids«, meinte der Fünfzigjährige. Der als Hypochonder geltende Schmidt ist sich seiner Funktion als prominenter »Anschubhelfer« bewusst. 

Er hätte keinen besseren Schirmherren als den schlagfertigen Schmidt finden können, kommentierte Hegerl die Wahl. »Harald Schmidt strahlt eine große Menschlichkeit aus, und er kann etwas, was depressiven Menschen nicht mehr gelingt: über sich selbst lachen.«

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
blaubehr(at)gmx.net