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Tiermedizin

Mit Hunden verreisen

27.07.2009  22:11 Uhr

Tiermedizin

Mit Hunden verreisen

von Rolf Vajna

Zwei Drittel aller Deutschen planen auch im Krisenjahr 2009 einen längeren Urlaub. Mehr als 50 Prozent reisen ins europäische Ausland, vor allem ans Mittelmeer. Droht den Menschen dort vornehmlich ein Sonnenbrand, sind mitreisende Hunde durch blutsaugende Parasiten gefährdet.

Parasiten wie Zecken, Mücken oder Flöhe kommen überall auf der Welt vor und sind zum Teil mit gefährlichen Krankheitserregern befallen. Ein einziger erfolgreicher Angriff eines infizierten Blutsaugers reicht schon für die Erregerübertragung aus. Bestimmte fremdländische Zecken- oder Mückenarten sind deutlich gefährlicher als die in Deutschland verbreiteten Parasiten. Jeder Hundebesitzer, der seinen Vierbeiner mit in den Urlaub nehmen möchte, sollte sich deshalb rechtzeitig über die am Ferienort herrschenden Gefahren informieren und schon zu Hause die notwendigen Schutzmaßnahmen ergreifen. Auch wenn bevorzugt verschreibungspflichtige Präparate notwendig sind, ist die Beratungskompetenz der PTA oder des Apothekers gefragt.

Überträger auf acht Beinen

Zecken hierzulande sind wenig wirtspezifisch. Die in Deutschland heimischen Zecken befallen gleichermaßen Menschen und Hunde. In Südeuropa, ab Zentralfrankreich südwärts, kommt mit der Braunen Hundezecke jedoch eine Zeckenart vor, die sich weitgehend auf den Hund spezialisiert hat. Sie überträgt vor allem zwei Krankheiten: die Ehrlichiose und die Hepatozoonose. 

Die Ehrlichiose ist eine bakterielle Infektion. Sie führt zu einem Mangel an Thrombozyten und damit zu Störungen der Blutgerinnung. Es kommt zu Nasenbluten, punktförmigen Blutungen auf Haut und Schleimhäuten, Blut im Kot und/oder Urin und Aushusten von blutigem Schleim. Die Ehrlichiose kann akut mit Fieber, Lymphknotenschwellungen, Nasen- und Augenausfluss verlaufen, aber auch schleichend-chronisch mit Mattigkeit, Leistungsschwäche und mangelndem Appetit. Die Krankheit ist durch rechtzeitige Antibiotika-Gabe in der Regel gut therapierbar. Ehrlichia canis, die häufigste Erregerart in Südeuropa, ist für den Menschen ungefährlich.

Mit der noch wenig bekannten Hepatozoonose sind viele Hunde aus mittelmeernahen Gebieten wie Portugal, Südspanien und den Kanarischen Inseln infiziert. Anders als die meisten durch Zecken übertragenen Erkrankungen wird sie nicht beim Blutsaugen, sondern durch das Verschlucken der Zecke übertragen. Die einzelligen Erreger befallen Milz, Knochenmark, Leber, Nieren, Lymphknoten und Muskulatur des Hundes. Im Blutkreislauf dringen sie in die Leukozyten ein. Die Krankheit kann symptomlos verlaufen, aber auch tödlich enden. Meist kommt es zu einem chronischen schmerzhaften und quälenden Krankheitsverlauf mit Fieberschüben, Abmagerung, Lymphknotenschwellungen, Blutarmut, Durchfall, steifem Gang, Berührungsschmerz, Muskelschwund und Organversagen. Gegen diese Erkrankung existiert keine Therapie.

Achtung: Die Braune Hundezecke würde zwar in den kühleren Regionen Mittel- und Nordeuropas nie heimisch. Sie kann aber durch heimkehrende oder importierte Hunde eingeschleppt werden und dann monatelang in Wohnungen und Garagen überleben und sich während dieser Zeit stark vermehren.

Lange Zeit nur als Reisekrankheit bekannt, inzwischen aber auch in vielen Teilen Deutschlands anzutreffen, ist die Babesiose. Sie wird von der auffälligen Auwaldzecke übertragen. Diese Zeckenart stammt ursprünglich aus Süd- und Osteuropa, hat sich aber in den letzten 20 Jahren in Deutschland ausgebreitet. Für Hunde ist die Babesiose die wohl schwerste durch Zecken übertragene Infektionserkrankung in Europa. Babesien sind Protozoen, die die roten Blutkörperchen befallen und zerstören. Wegen der Ähnlichkeit des Krankheitsbildes mit der Malaria des Menschen wird die Babesiose umgangssprachlich auch als »Hunde-Malaria« bezeichnet. Etwa eine Woche nach der Infektion bricht die Krankheit mit starkem Fieber aus. Die Hunde sind müde und abgeschlagen. Die Abbauprodukte der roten Blutkörperchen führen zu einer charakteristischen Rot- bis Braunfärbung des Urins. Im weiteren Verlauf drohen Gelbsucht und ein multiples Organversagen. Unbehandelt führt die Babesiose bei in Deutschland aufgewachsenen Hunden mit ihrem ungeübten Immunsystem häufig zum Tod. Daher muss möglichst schnell eine Behandlung mit Chemotherapeutika erfolgen. 

Ein Problem fast aller durch Parasiten übertragenen Reisekrankheiten ist, dass die Krankheiten meist verzögert ausbrechen. Bekommt das Tier zuhause Fieber, erkennt der besorgte Besitzer nicht unbedingt den Zusammenhang mit der Urlaubsreise. Oft kann auch der Tierarzt die korrekte Diagnose erst nach aufwändigen labortechnischen Untersuchungen stellen. Das kostet weitere wertvolle Zeit. 

Angriff aus der Luft

Anders als in Deutschland spielen in den Mittelmeerländern und Teilen Osteuropas auch Stech- und Sandmückenarten als Krankheitsüberträger eine Rolle. Von besonderer Bedeutung ist die winzige Sandmücke. Sie versteckt sich tagsüber in feuchten kühlen Nischen, zum Beispiel in altem Gemäuer, und nähert sich bei Nacht geräuschlos ihren Opfern. Verschiedene Sandmückenarten übertragen die auch für Kinder und Erwachsene mit Immunschwäche gefährliche Leishmaniose. In einigen Regionen des Mittelmeerraumes wie Südfrankreich, Sizilien oder Mallorca haben Untersuchungen eine hohe Durchseuchungsrate ergeben: Im Blut von mehr als 60 Prozent der einheimischen Hunde waren Antikörper gegen Leishmaniose nachweisbar. 

Der nicht bakterielle Einzeller, Leishmania infantum, befällt und zerstört weiße Blutkörperchen. Charakteristisch für das Krankheitsbild sind vor allem Hautprobleme wie Haarausfall, Schuppung und Geschwüre. Oft treten Gewichtsverlust, Durchfall, Blutarmut, Augenerkrankungen und Nierenversagen auf. Leishmaniose kommt oft erst nach Monaten oder Jahren zum Ausbruch, wird dann aber schnell lebensbedrohlich. Unbehandelt führt sie innerhalb weniger Wochen oder Monate zum Tod des Tieres. Auch die Behandlung mit Chemotherapeutika bewirkt in der Regel keine vollständige Heilung.

Wegen der Sandmücken sollten Hunde in Südeuropa nicht im Freien übernachten. Menschen schützen sich am besten mit besonders engmaschigen und mit Pyrethroiden imprägnierten Moskitonetzen.

Wurmbefall durch Insekten

Hunde können durch einen Insektenstich auch mit Würmern infiziert werden. Besonders gefährlich ist der Herzwurm Dirofilaria immitis, der durch bestimmte mediterrane Stechmücken übertragen wird. Während die Mücke Blut saugt, gelangt die mikroskopisch kleine Larve in die Blutbahn des Hundes und wandert über mehrere Monate durch den Körper des Tieres. Letztlich entwickelt sie sich in den größeren Blutgefäßen von Herz und Lunge zum erwachsenen, bis zu 30 Zentimeter langen Wurm. Er behindert die Herztätigkeit, und der betroffene Hund entwickelt das klinische Bild einer Herzschwäche: seine Leistungsbereitschaft nimmt ab, er verliert an Gewicht, und sein Allgemeinzustand verschlechtert sich. Charakteristisch ist das häufige Husten durch ein entstehendes Lungenödem. Bei schwerem Verlauf führt die Erkrankung zum Tod. Auch die Therapie ist nicht ungefährlich, da die getöteten Würmer Lungenembolien auslösen können. 

Herzwürmer befallen in erster Linie Hunde und sind im westlichen Mittelmeerraum sowie in Griechenland, der Türkei, Rumänien und Bulgarien weit verbreitet. Nur in wenigen Fällen sind Katzen oder Menschen betroffen, allerdings nur in Regionen mit extrem hoher Erregerdurchseuchung wie in der italienischen Po-Ebene. 

Der Fadenwurm Dirofilaria repens ist ein naher Verwandter des Herzwurms und wird ebenfalls durch verschiedene Stechmückenarten übertragen. Seine Verbreitung erstreckt sich über Süd- und Osteuropa (entlang des Schwarzen Meeres), den Mittleren Osten, Asien und Afrika. Der Fadenwurm siedelt sich in den meisten Fällen im Bindegewebe unter der Haut an, so dass er als Knoten ertastet und operativ entfernt werden kann. Filarien beeinträchtigen Hunde meist nicht besonders. In manchen Regionen befällt der Fadenwurm auch Menschen, beispielsweise im Nordwesten Italiens.

Schutz vor den Erregern

Für alle durch Parasiten übertragene Infektionserreger gilt: Den besten Schutz bieten verschreibungspflichtige Präparate mit einer repellierenden Wirkung gegen Blutsauger wie Zecken, Sandmücken und Stechmücken. Diese Produkte verhindern den Stich von vornherein und minimieren so das Risiko der Erregerübertragung. Zeckenmittel sollten auch gegen die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) und die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) wirksam sein, nicht nur gegen den einheimischen Holzbock (Ixodes ricinius). Für den Inlandsurlaub sowie Reisen in Nord- und Mitteleuropa reicht das gewohnte Zeckenhalsband aus der Apotheke (zum Beispiel Kiltix®), zumindest in Gebieten, in denen sich die Auwaldzecke noch nicht niedergelassen hat. Zur sicheren Vorbeugung der Herzwurmerkrankung und Hautfilarien sollten Hundebesitzer zusätzlich ein nur beim Tierarzt erhältliches Spot-on-Präparat einsetzen.

Wissen aus dem Internet

Wer sich zum Reiseberater für Tierbesitzer qualifizieren möchte, kann dies mit Hilfe des Bayer-Fernkollegs Reisekrankheiten bequem am heimischen Schreibtisch tun. Als Informationsquelle ist auch die Website www.parasitenfrei.de zu empfehlen. Hier finden sich neben Checklisten zum Reisen mit dem Hund auch Informationen zu allen relevanten Krankheitsüberträgern und Krankheiten sowie eine interaktive Europakarte, in der Urlauber mit Hund das spezifische Parasitenrisiko für ihr Urlaubsziel ermitteln können.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
rolf.vajna(at)gmx.de