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Arzneimitteltherapie

Neue Wirkstoffe im Juli 2009

27.07.2009  11:08 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neue Wirkstoffe im Juli 2009

von Sven Siebenand

Mit Liraglutid ist ein neues Antidiabetikum auf dem deutschen Markt verfügbar. Hinzu kommen zwei Neulinge zum Einsatz in der Krebstherapie: Histrelinacetat und Catumaxomab.

Einer Schätzung zufolge leben derzeit etwa 7,4 Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland. Im Jahr 2010 sollen es bereits 10 Millionen sein, die meisten von ihnen sind Typ-2-Diabetiker. 

Inkretin-Mimetikum

Mit dem Typ-2-Diabetes-Medikament Liraglutid (Victoza® 6 mg/ml Injektionslösung in einem Fertigpen, Novo Nordisk) kam im Juli das zweite Inkretin-Analogon auf den deutschen Markt. Liraglutid und das bereits 2007 zugelassene Exenatid wirken ebenso wie das im Darm gebildete körpereigene Inkretinhormon Glucagon-Like-Peptide-1 (GLP-1) und heißen daher auch Inkretin-Mimetika.

GLP-1 schüttet der Darm unmittelbar beim Essen aus. Das Hormon bindet an seinen Rezeptor und veranlasst so die Betazellen zur Insulinsekretion. Darüber hinaus senkt es den Glucagonspiegel, reguliert die Magenentleerung und drosselt den Appetit. Allerdings wird GLP-1 sehr schnell durch ein Enzym, die Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4) abgebaut. Daran scheitert die breite Verwendung des Hormons als Arzneisubstanz.

Inkretin-Mimetika haben eine große Ähnlichkeit mit GLP-1. So ist Liraglutid zu 97 Prozent identisch mit dem natürlichen Hormon. Die kleine Änderung der Aminosäure-Abfolge und ein angehängter Fettsäure-Rest erhöhen jedoch deutlich die Wirkdauer. Die Halbwertszeit von Liraglutid beträgt nach Injektion unter die Haut 11 bis 15 Stunden. Die Patienten müssen den Wirkstoff daher nur einmal pro Tag injizieren. 

Zugelassen ist Liraglutid für die Kombinationstherapie mit Metformin oder einem Sulfonylharnstoff oder mit Metformin plus Sulfonylharnstoff oder Glitazon, wenn die bisherige Therapie den Blutzucker nicht ausreichend unter Kontrolle brachte. Wird Liraglutid zusätzlich zu einem Sulfonylharnstoff gegeben, sollte der Arzt die Dosis des Sulfonylharnstoffs reduzieren, sonst steigt das Risiko für eine Unterzuckerung erheblich an.

Die Liraglutid-Therapie beginnt mit einer Dosierung von 0,6 mg pro Tag. Nach frühestens einer Woche stellt der Arzt auf die Standarddosierung von 1,2 mg um. Einige Patienten profitieren auch von einer Dosiserhöhung auf 1,8 mg. Eine höhere Tagesdosis wird jedoch nicht empfohlen. Injektionszeitpunkt und -stelle (Abdomen, Oberschenkel oder Oberarm) kann der Patient frei wählen. Nach Anbruch sollte er den Injektions-Pen nicht über 30 Grad Celsius lagern oder, wie die noch nicht angebrochenen Pens, im Kühlschrank bei 2 bis 8 Grad Celsius aufbewahren. Die Verschlusskappe des Pens muss aufgesetzt bleiben, um den Inhalt vor Licht zu schützen.

Vor allem zu Beginn der Therapie kann es unter Liraglutid zu Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen. Falls es zu Diarrhö kommt, beeinträchtigt dies die Resorption von begleitend oral verabreichten Arzneimitteln. In einigen Fällen traten im Zusammenhang mit Inkretin-Mimetika akute Entzündungen der Bauchspeicheldrüse auf. Daher sollten die Patienten deren charakteristische Symptome kennen: anhaltende, schwere abdominale Schmerzen. Wird eine Pankreatitis vermutet, muss Liraglutid abgesetzt werden.

Nicht empfohlen wird die Behandlung mit dem GLP-1-Analogon bei Patienten mit Leberfunktionsstörung beziehungsweise mittelschwerer bis schwerer Nierenfunktionsstörung. Auch für Typ-1-Diabetiker ist der neue Wirkstoff nicht zugelassen. Die Kombination von Liraglutid und Insulin wurde laut Fachinformation nicht untersucht und wird daher nicht empfohlen. Zudem sollte das Mittel nicht bei Kindern unter 18 Jahren, Schwangeren und Stillenden zum Einsatz kommen.

Implantat bei Prostatakrebs

Mit Histrelinacetat (Vantas® 50 mg Implantat, Orion Corporation) kam Anfang Juli ein Mittel zur Palliativbehandlung bei Männern mit fortgeschrittenem Prostatakrebs auf den Markt. Vantas® wird in der Innenseite des Oberarms subkutan für ein Jahr implantiert. Danach muss es wieder entfernt beziehungsweise ersetzt werden. Einmal implantiert, setzt das Mittel pro Tag durchschnittlich 50mg Histrelinacetat frei. Der Wirkstoff ist ein synthetisches Analogon des natürlich vorkommenden Gonadotropin-Releasing-Hormons (GnRH), das auch als Luteinisierendes-Hormon-Releasing-Hormon (LHRH) bezeichnet wird. 

Wird die Substanz ins Gewebe abgegeben, nimmt die Testosteron-Konzentration im Blut ab. Ein Gremium der europäischen Zulassungsbehörde EMEA kam zu dem Schluss, dass die Absenkung des Testosteronspiegels auf Kastrationswerte bei Männern mit Prostatakrebs mehrere positive Effekte haben kann: die Schmerzen durch Knochenmetastasen lassen nach, der Urinfluss verbessert sich und in einigen Fällen wächst der Tumor langsamer. Ein eindeutiger Überlebensvorteil wurde nicht nachgewiesen. Die sogenannte Androgenablation gilt daher als palliative Behandlung. Zu Beginn kann Histrelinacetat, wie andere LHRH-Agonisten auch, einen vorübergehenden Anstieg der Testosteron-Konzentration im Blut verursachen. Dies kann dazu führen, dass sich die Symptome zunächst verschlechtern beziehungsweise neu auftreten.

In den ersten 24 Stunden nach dem chirurgischen Einsetzen des Implantats darf der betreffende Arm nicht nass werden. Den Druckverband können die Männer nach 24 Stunden entfernen, die Steri-Strips fallen nach einigen Tagen von selbst ab, sie dürfen vorher nicht eigenhändig entfernt werden. Zudem sollten die Patienten sieben Tage lang keine schweren Gegenstände heben und auch sonst keine anstrengenden Aktivitäten mit dem betreffenden Arm durchführen.

Zu den häufig beziehungsweise sehr häufig beobachteten Nebenwirkungen, zählen Hitzewallungen, Gynäkomastie (Vergrößerung der Brustdrüse beim Mann) und erektile Dysfunktion. Diese Effekte sind jedoch als pharmakologische Reaktion auf die Testosteron-Hemmung zu erwarten.

Antikörper bei Aszites

Mit Catumaxomab (Removab® 10 und 50 Mikrogramm Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Fresenius Biotech) kam bereits im Juni ein Antikörper zur Behandlung des malignen Aszites, einer krebsbedingten Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle, auf den Markt. Das Präparat kommt ausschließlich bei Erwachsenen zum Einsatz und dann auch nur in solchen Fällen, in denen keine Standardtherapie zur Verfügung steht beziehungsweise diese nicht mehr anwendbar ist. Zudem kann der Antikörper nur bei den Krebspatienten angewendet werden, deren Tumoren auf der Oberfläche große Mengen des sogenannten EpCAM-Moleküls tragen.

Aszites entsteht bei Krebspatienten dadurch, dass sich Krebszellen auf der den Bauchraum auskleidenden Haut bilden und den natürlichen Flüssigkeitsabfluss aus der Bauchhöhle blockieren. Der monoklonale Antikörper Catumaxomab bindet an unterschiedliche Zelltypen: zum einen an EpCAM auf den Krebszellen, zum anderen an das sogenannte CD3-Molekül auf T-Zellen des Immunsystems. Dadurch entsteht eine Art Brücke zwischen den Krebszellen und den T-Zellen, sodass die Immunzellen die Krebszellen abtöten können. Zudem bindet der neue Wirkstoff an den sogenannten Fc-y-Rezeptor, wodurch das Immunsystem die Krebszellen zusätzlich noch effektiver angreifen kann. 

Der verschreibungspflichtige Wirkstoff wird als Infusion verabreicht. Im Normalfall erhält der Patient über einen Zeitraum von elf Tagen insgesamt vier Infusionen in ansteigender Dosis (10 mg am Tag 0, 20 mg am Tag 3, 50 mg am Tag 7 und 150 mg am Tag 10). Zwischen den Infusionen müssen mindestens zwei Tage liegen, treten Nebenwirkungen auf, kann dieser Abstand auch verlängert werden. Insgesamt sollte die Behandlung aber nie länger als 20 Tage dauern. 

In der Fachinformation wird empfohlen, dass Patienten vor der Catumaxomab-Gabe Arzneimittel gegen Schmerzen, Fieber und Entzündungen erhalten. Bei Patienten mit schweren Leberproblemen oder mittelschweren bis schweren Nierenproblemen sollten Ärzte das neue Präparat nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung anwenden. Catumaxomab darf bei Schwangeren nicht verwendet werden, es sei denn, das ist eindeutig erforderlich.

Bei etwa neun von zehn mit Catumaxomab behandelten Patienten traten Nebenwirkungen auf. Die häufigsten waren Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Fieber, Müdigkeit, Schüttelfrost und Schmerzen und eine verminderte Anzahl von Lymphozyten.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
siebenand(at)govi.de

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