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Fahrradfahren

Schöne Aussichten für Mensch und Natur

27.07.2009  21:47 Uhr

Fahrradfahren

Schöne Aussichten für Mensch und Natur

von Annette Behr

Ob mit dem gemütlichen Hollandrad oder dem sportlich rasanten Rennrad: Fahrradfahrer erobern Stadt und Land. Unabhängig, schnell und fit kommen Radler im Großstadtverkehr an ihr Ziel. Dabei tun sie etwas für ihre Gesundheit, schonen die Umwelt und haben Spaß.

»Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad«, wusste bereits Adam Opel im 19. Jahrhundert. Er produzierte damals zunächst das neue Fortbewegungsmittel Fahrrad, bevor er auf die vierrädrigen Automobile umsattelte. Vielleicht stellt ein Automobilkonzern demnächst wieder Fahrräder her, denn in Deutschland geht der Trend in Richtung Zweitfahrrad. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stehen in Deutschlands Haushalten rund 70 Millionen Fahrräder. Die Tendenz ist steigend, denn mancher Radliebhaber besitzt für jede Gelegenheit das passende Modell. Das angerostete Rad für die Wege in der Stadt, das schwere Hollandrad für gemütliche Picknicktouren oder das glitzernde Hightech-Mountainbike fürs Querfeldeinvergnügen am Wochenende.

Mancher Drahtesel fristet allerdings rostend sein Dasein im Keller. Bei den sommerlichen Temperaturen wird es daher höchste Zeit, das Gefährt und sich selbst zu mobilisieren. Denn das Fahrrad ist ein Tausendsassa: Fortbewegungsmittel ohne Schadstoffausstoß, es spart Geld und hält fit. 

»Nur Genießer fahren Fahrrad und sind immer schneller da«, sangen »Die Prinzen« aus Leipzig. Wie recht sie haben mit ihrer Hommage an das zweirädrige Vehikel, ermöglicht es doch eine unabhängige Fortbewegung ohne Parkplatzprobleme. Wer schnell an sein Ziel will, fährt flott, wer es langsamer mag, legt einfach einen Gang weniger ein. Vorbei ist auch das hausbackende Image des kargen Drahtesels.

Mit dem Rad zur Arbeit

Das rasante Rennrad zieht so mancher Anzugträger dem Autocabrio vor. Surrend überholt er in den Großstädten morgens die Autoschlangen. Sogar Ex-Umweltminister Jürgen Trittin radelt nicht nur in der Freizeit, sondern auch zur Arbeit in den Bundestag. Damit liegt er im Trend. »Da hab ich doch mein Fitnessprogramm gleich mit erledigt, und schneller bin ich auch noch«, sagt eine junge Berlinerin auf dem Weg ins Büro. Sie nimmt schon zum zweiten Mal an der Initiative »Mit dem Rad zur Arbeit« teil. Die AOK, das Bundesverkehrsministerium und der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) veranstalten seit 2001 jährlich die Fahrradinitiative von Juni bis August. Im Internet zu finden unter www.mit-dem-rad-zur-arbeit.de . Wer bis zum 31. August mindestens an 20 Tagen mit dem Rad gefahren ist, kann attraktive Preise gewinnen. Bis zu vier »Pedalisten« können ein Team bilden und haben so die Chance auf weitere Gewinne. Die Aktion soll den Präventionsgedanken in der Gesellschaft stärken. Denn wer sich bewegt und Sport treibt, lebt gesünder und ist seltener krank. 

»Ich habe Rücken«, sagt Horst Schlemmer alias Hape Kerkeling in Vertretung der Mehrheit der Deutschen. Gegen die Krankheit der Bürohocker hilft das Radeln mit der optimalen Körperhaltung, dem leicht nach vorn gebeugten Oberkörper. Auch der »muskulären Dysbalance« sowie der Muskelverspannung beugt Radfahren vor. Der Rumpf wird stabilisiert, und die gleichmäßigen zyklischen Beinbewegungen stärken vor allem die Muskulatur der Lendenwirbelsäule. Das kräftigt den unteren Rücken, den Bereich, der am häufigsten schmerzt. 

Damit es gar nicht erst zu chronischen Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfällen kommt, eignet sich das bequeme Hollandrad oder ein Beachcruiser mit niedrigem Einstieg. Darauf sitzt man mit geradem Rücken in aufrechter Position. Die Katzenbuckelhaltung auf einem Rennrad  oder Mountainbike belastet Rücken und Bandscheiben eher. 

Neben dem Schwimmen zählt das Radfahren zu den gesündesten Sportarten, denn beim Radeln werden nahezu alle Muskelgruppen belastet, insbesondere die Bein- und Pomuskulatur. Außerdem werden Lunge und Herz trainiert. Das Herz pumpt beim Radfahren gleichmäßig kräftiger, die Lunge wird mit doppelt so viel Sauerstoff versorgt wie im Ruhezustand. Laut einer US-Studie senkt drei- bis viermal wöchentliches Radfahren das Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung um 64 Prozent. Außerdem stärkt Radfahren nachweislich das Immunsystem. 

Wer rastet, der rostet

Jeder Fahrer kann sich nach und nach mit der entsprechenden Geschwindigkeit seinem persönlichen Fitnessziel nähern. Anders als beim Joggen schont das Radfahren zusätzlich noch die Gelenke und eignet sich auch für Übergewichtige und ältere Menschen. Aber bitte immer mit Helm! Stürze lassen sich damit zwar nicht verhindern, aber das größte Risiko beim Radeln sind schwere Kopfverletzungen. Besonders im dichten Stadtverkehr ist ein gut sitzender, nach DIN geprüfter Helm unerlässlich. Also ran an den Speck, das Fahrrad rausholen, Helm aufsetzen und den Sattel unter den Hintern schieben! Für jeden Geschmack und Anlass hält der Handel das richtige Rad bereit. Wem das stete Trampeln zu anstrengend ist und wem der Wind zu kräftig entgegen bläst, der kann sein Rad noch mit einem Elektromotor ausrüsten. So gleitet es leise schnurrend und surrend durch Wind, Wetter und Verkehr.

Rent a bike

Besonders in europäischen Großstädten kennt das Mietangebot kaum Grenzen: das kleine Faltrad mit niedrigem Einstieg, über das Tandem, das Liegerad bis hin zum Transport- und Conference-Bike. Bis zu sieben Personen sitzen auf dem Conference-Bike kreisförmig und können radelnd den Panoramablick genießen. In Berlin beispielsweise können Interessierte diese Spezialräder stunden- oder tageweise mieten. Wer möchte, erhält eine Fahrradstadtkarte, Regenponcho und den Fahrradmechaniker gleich mit dazu. Geführte Fahrradtouren in Deutsch oder Englisch, mit oder ohne Picknick, bei Tag und Nacht verführen zum aktiven Sightseeing. Auch die Deutsche Bahn stellt mit ihrem Service »Call a bike« 6000 Fahrräder in Großstädten wie Berlin, Frankfurt am Main, München, Köln oder Stuttgart an Bahnhöfen und zentralen Orten zur Verfügung. Per Anruf oder Internet lässt man sich registrieren, und schon kann es losgehen. 

Wer partout nicht selbst fahren möchte, kann sich umweltfreundlich durch die Stadt chauffieren lassen. Schnittig und gleichzeitig sehr bequem sind Velotaxis. 1997 in Berlin gegründet, kombiniert das Velotaxi das umweltgerechte Nahverkehrsmittel mit einem gesponserten Werbekonzept. Im europäischen Raum sind mehr als 1000 Fahrzeuge im Einsatz. Velotaxis vermindern die Abgasbelastung der Stadt, erweitern das Nahverkehrssystem und sind die modernisierte Variante der asiatischen Fahrrad-Rikschas. Wer beispielsweise in Berlin Zeit und Muße hat, gönnt sich den Luxus der »Langsamkeit des Seins« und bucht eine sinnliche Stadtrundfahrt mit einer original chinesischen Fahrrad-Rikscha.

Nicht ohne mein Fahrrad 

Auf sein Rad braucht auch im Urlaub niemand mehr zu verzichten. Gerade in ihrer freien Zeit möchten viele Menschen die Seele baumeln lassen. Eine besondere Art der Entspannung stellt sich beim Fahrradfahren in den schönsten Regionen der Erde ein. Der Alltagsstress ist vergessen, stattdessen genießt man die Zeit, lässt sich den Wind um die Nase wehen, während die Füße gleichmäßig im Tritt das Tempo vorgeben. Sich stetig fortbewegend, jedoch langsam genug, um Land und Leute zu sehen. Ungewohnte Sinneseindrücke laden zum Verweilen ein: das Zirpen der Zikaden, der Duft der Blüten oder die Farbenpracht der Landschaft. Ob Individualreise oder organisierte Fahrradtour durch Deutschland oder anderer Herren Länder, vielfältige Angebote machen die Radreiseprofis. Eine Tour durch die Provence, Inselspringen in Dänemark oder eine längere Fahrradreise durch die Rocky Mountains. Kein Wunsch bleibt unerfüllt!

Radfahren schont Ressourcen und den Geldbeutel. Fahrradfahren ist ein Ausdauersport. Psychische und physische Belastungen lassen sich oft einfach »wegradeln«. Dazu erhalten die Fahrer noch eine Portion Glückshormone gratis dazu, denn beim Radeln werden Endorphine ausgeschüttet. Radfahren hält Körper und Geist beweglich, Radfahrer sind dynamischer und glücklicher.

Buch-Empfehlung

Ich fahr’ so gerne Rad... – Geschichten vom Glück auf zwei Rädern

Herausgeber des Taschenbuches ist Physikprofessor und Technikhistoriker Hans-Erhard Lessing. 304 Seiten, 7,95 Euro, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN-13: 978-3423209854. 

Zu bestellen beim Govi-Verlag unter Tel. 06196 928257, per E-Mail unter service(at)govi.de  oder unter www.govi.de 

 

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