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Alraune

Selbstmedikation

27.07.2009
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Alraune

Wurzel mit Zauberkräften

von Ernst-Albert Meyer

Die in den Mittelmeerländern beheimatete Alraune ist als Pflanze relativ unscheinbar. Weder die rübenkrautähnlichen Blätter noch die gelben Beerenfrüchte sind eine botanische Attraktion. Die fleischige Pfahlwurzel erinnert allerdings in ihrer Gestalt an ein menschliches Wesen, weshalb ihr seit mehr als zwei Jahrtausenden übernatürliche Kräfte zugesprochen werden.

Im Ägypten der Pharaonen war die Alraune (Mandragora officinarum) Liebesmittel und Fruchtbarkeitssymbol zugleich, erinnert doch die Form der Wurzel an einen Penis. Daher verehrte das Volk die Mandragorawurzel in speziellen Riten, auch als Phalluskult bekannt. In den Tempeln stellten die Priester aus Alraune einen Göttertrank her, dessen Zusammensetzung sie streng geheim hielten und der nur den Herrschenden vorbehalten war. Wer davon trank, fiel in einen tiefen, traumerfüllten Schlaf von mehreren Stunden. Auch bei den Juden genoss die Alraune hohes Ansehen. Das Alte Testament berichtet zum Beispiel, dass die beiden Schwestern Lea und Rahel die Früchte der Alraune, die Liebesäpfel, mit der Absicht nutzten, ihrem Mann Jakob die meisten Söhne zu gebären.

Göttermittel gegen Zauberin Circe

In Homers Epos »Odyssee« wappnete der griechische Götterbote Hermes den Helden Odysseus mit dem Kraut Moly gegen die bösen Künste der Zauberin Circe. Mit Moly meinte der griechische Dichter wahrscheinlich die Alraune. Er schrieb: »Schwarz war unten die Wurzel, jedoch Milch ähnlich die Blüte, Moly wird’s von den Göttern genannt; schwer ist es zu graben sterblichem Menschgeschlecht: doch Himmlische alles vermögen.« Das Ausgraben einer Alraune galt zu Homers Zeiten als lebensgefährlich. Die Menschen waren davon überzeugt, die Alraune stöße einen Schrei aus, wenn ihre Wurzel aus der Erde gezogen wird, und jeder, der diesen Schrei hört, müsse sterben. Mit sicherem Abstand ließen sie einen schwarzen Hund die Wurzel aus dem Boden reißen, nachdem sie ein Seil an der Wurzel und am Hals des Hundes befestigt hatten.

Das »dunkle« Mittelalter, zu Zeiten von Pest und Cholera, war ein fruchtbarer Nährboden für Zauberer- und Hexengeschichten, dunkle Visionen und die Begegnung mit Dämonen. In dieser Zeit rankte sich ein Geflecht von Fabeln und magischen Rezepten um die heilkräftige und wundertätige Mandragorawurzel. Unzählige Geschichten gingen in Ritterburgen, Bürgerhäusern und Bauernkaten von Mund zu Mund: Die Alraune könne alle Wünsche erfüllen, jegliche Not lindern, vor Krankheit und Hexerei schützen, zu Reichtum und Macht verhelfen, alle Feinde besiegen und helfen, unbekannte Schätze zu heben. Am Körper befestigt sollte die Wurzel vor jeglicher Gefahr schützen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Nachfrage nach der Alraune stieg und viele Menschen glaubten, allein ihr Besitz könne ihr elendes Leben verbessern und alle Probleme lösen.

Diese Mystifizierung der Alraune findet sich auch in den mittelalterlichen Kräuterbüchern. Die Autoren beschrieben die Mandragora als Mischung aus wertvoller Heilpflanze und Zaubermittel. Auf manchen Abbildungen ist die Alraune als nackter Mann oder nackte Frau mit einer Blattrosette auf dem Kopf zu sehen. Das lässt den Schluss zu, dass die Zeichner nie eine Alraune gesehen hatten, sondern allein die Fantasie ihren Zeichenstift führte.

Das Geschäft mit der Hoffnung 

Da Mandragora officinarum in Mitteleuropa nicht heimisch war, wussten die meisten Menschen nicht, wie die Madragorawurzel aussieht. Außerdem konnte kaum jemand die echte importierte Alraune bezahlen. Damit öffnete sich für findige Betrüger ein breites Betätigungsfeld. Landstreicher, Gaukler, fahrende Wurzel- und Theriakhändler schnitzten die Wurzeln von Zaunrübe (Bryonia), Enzian (Gentiana), Blutwurz (Tormentilla), Wegerich (Plantago) und Kalmus (Acorus calamus) kunstfertig zurecht und steckten keimende Gerstenkörner hinein, um eine Behaarung zu imitieren. Verbrämt mit fantastisch-schaurigen Geschichten von der magischen Kraft der Zauberwurzel, wechselten viele falsche »Alraunmännlein und -weiblein« für teures Geld die Besitzer. Arme und Reiche zählten zu den Betrogenen, und falls der Kunde den Betrug überhaupt entdeckte, war der Verkäufer längst über alle Berge. Selbst gekrönte Häupter zählen zu den Geprellten. Der deutsch-römische Kaiser Rudolf II. (1552 bis 1612) hatte eine Vorliebe für alles Mystische. Er kaufte für 100 Taler ein Alraunpärchen mit Namen Marion und Thrudacias. Diesen Schatz hütete er im physikalischen Kabinett seiner Residenz, dem Prager Hradschin. Auch diese Figuren erwiesen sich als Fälschung, geschnitzt aus der Wurzel des Allermannsharnisches (Allium victorialis). 

Mancher Besitzer trieb die Verehrung für die Zauberwurzel so weit, dass er sie wie einen Menschen kleidete, wöchentlich in Rotwein badete und ihr sogar Speisen und Getränke anbot. Und wer es sich leisten konnte, bewahrte die Wurzel in einem kunstvoll geschnitzten Sarg auf. Aufgrund der ständig steigenden Nachfrage erreichte der Falschhandel eine ungeahnte Blüte. Deshalb warnten alle Autoren der bedeutenden Kräuterbücher dieser Zeit wie Hieronymus Bock, Leonhart Fuchs, Pietro Andrea Mattioli oder Jakobus Theodorus Tabernaemonatus vor gefälschten Alraunen. So schrieb Bartholomäus Scheräus in seinem Werk »Die teutsche Sprachschul«: »…so siehet die Alraunenwurtzel nicht einem Männlein oder Weiblein oder auch beyden ähnlich; sondern es wird eine solche Gestalt von den Landbescheißern aus anderer Gewächse Wurtzeln zugerichtet.« Vergleichbar äußerte sich der Naturforscher und Arzt Paracelsus (1493 bis 1541): »...ein betrogne arbeit und bescheisserei von den landfarern …«

Wegen Falschhandels an den Galgen

Ziemlich erfolglos versuchten die Behörden den Falschhandel einzudämmen. So verurteilten sie 1570 in Schaffhausen drei Landstreicher zum Tod durch Erhängen, die gelbe Rüben als Alraune verkauften. Das 1611 für Bayern erlassene »Landtgebott wider Aberglauben, Zauberey, hexerey und andere sträfliche tueffelskünste« bedrohte alle mit schweren Strafen, »die mandragoram oder alraun mit gewisser mass und weiss ausgraben, auch für sondere unnatürliche würkung behalten und auffheben.« Der magische Dunstkreis um diese Pflanze macht es nur zu verständlich, dass die Alraune bei Hexenverfolgungen und -prozessen eine große Rolle spielte. Sie galt als wichtiger Bestandteil von Hexensalben und Liebestränken. Manche unschuldige Frau wurde als Hexe verbrannt, nur weil sie eine Alraune oder deren Fälschung besaß. So berichten die Hessischen Hexenprozessakten aus dem Jahr 1596 von den Anschuldigungen gegen Appolonia Appel aus Niederflorstadt: »Gernhards Agnes, Michels Agnes und sie« (die Angeklagte) »hatten vorm jahr …. ein wurtzell, gut allraun wurtzell heraußen verts vor der hege vergraben gelegt, davon die Kühe in Florstadt gestorben.«

Wer glaubt, der Alraunenaberglaube wäre mit dem Mittelalter erloschen, der irrt. Noch bis in die heutige Zeit vertrauen viele Menschen auf die wundersamen Wirkungen der Mandragorapflanze und füllen nach wie vor Betrügern die Taschen. So verkaufte noch 1910 das Berliner Kaufhaus Wertheim sogenannte »Glücks-alraunen«, die ebenfalls gefälscht waren. Von einem weiteren Schwindel berichteten die »Erlanger Nachrichten« im Jahr 1955: Eine über Land fahrende Zigeunerin hatte in Oberbayern in der Gegend um Holzkirchen Bauersfrauen »echte Alraunwurzeln« zum Schutz gegen böse Geister zum Preis von 30 bis 50 DM verkauft. Als dann Frauen die Wurzeln setzten und Pflanzen aufgingen, entpuppten sie sich als Kopfsalat. 

Bewährte Heilpflanze

Die ägyptischen, griechischen und römischen Ärzte der Antike betrachteten die Alraune als wertvolle Heilpflanze. Dies beweist das Papyros Ebers, eine in Ägypten um 1600 v. Chr. niedergeschriebene Sammlung von Rezepten und Krankheitsbildern. Demnach verarbeiteten die ägyptischen Ärzte die Beeren und das »Mehl« der Alraune (wahrscheinlich die getrocknete und zermahlene Wurzel) in Rezepturen gegen Würmer, Geschwüre und Lungenerkrankungen. Der berühmte Arzt Hippokrates (um 460 bis 377 v. Chr.) und auch seine Schüler setzten Mandragora gegen Melancholie, Fieber und Frauenleiden ein. Gleichzeitig riet Hippokrates zur vorsichtigen Verwendung der Alraune. Zu große Dosen könnten unkontrollierbare Raserei und sogar den Tod auslösen. Um 100 v. Chr. nutzten die Ärzte von Alexandria die beruhigende, einschläfernde, schmerzstillende und narkotisierende Wirkung der Alraune und verwendeten einen mit Wein hergestellten Wurzelauszug als Schlaftrunk für Kranke. 

Diese Eigenschaften waren auch dem griechischen Militärarzt Dioskurides (um 70 n. Chr.) bekannt. Er gilt als ausgezeichneter Kenner der damals gebräuchlichen Heilpflanzen. In seinem Werk »De materia medica« geht er auch auf die Alraune ein. In Wein gelöst, nutzte er ihren schmerzstillenden und betäubenden Effekt zur Linderung der Qualen verwundeter Legionäre. Gleichzeitig erleichterte Alraunwein chirurgische Eingriffe und Amputationen. »Davon«, empfahl Dioskurides, »muss man drei Becher denen reichen, welche geschnitten oder gebrannt werden sollen, denn sie empfinden wegen des Verfallens in tiefen Schlaf keine Schmerzen.« Dioskurides muss große Erfahrungen mit der Dosierung des Alraunweins gehabt haben, denn eine zu hohe Dosis hätte seine Patienten in Lebensgefahr gebracht. 

Gefährliches Narkosemittel

Im Mittelalter verordneten die Ärzte die Alraune neben anderen Nachtschattengewächsen wie Tollkirsche und Bilsenkraut sowie Schlafmohn in Schmerz- und Schlafmitteln. Apotheker hielten sie in vielen Arzneiformen vorrätig: als Schlafschwämme, Umschläge, Öle, Salben, Pflaster, Zäpfchen, Pillen, Pulver, Tränke, Wässer, Räucherungen und Riechmittel. Medizinisch und historisch interessant sind die Schlafschwämme (Spongiae somniferae), für deren Herstellung zahlreiche Rezepturen überliefert sind. Ihre Verwendung lässt sich bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen. Der süditalienische Codex Montecassino beschrieb die Herstellung der ersten Schlafschwämme im Kloster des Heiligen Benedikt. Dessen Mönche bereiteten aus den oben erwähnten Pflanzen einen Flüssigextrakt, tränkten damit einen Meeresschwamm und ließen ihn anschließend in der Sonne trocknen. Die gut lagerfähigen Schlafschwämme wirkten nicht nur beruhigend und schlaffördernd, sondern dienten in stärkerer Dosierung auch als Narkosemittel. Vor der Operation musste der Patient die Flüssigkeit aus dem Schwamm heraussaugen oder der Arzt steckte ein warm angefeuchtetes Schwammstück in die Nase des Patienten. Über die Nasen- oder Mundschleimhaut entwickelten dann die Pflanzeninhaltsstoffe ihren narkotisierenden Effekt. Leider war eine genaue Dosierung unmöglich, so dass relativ häufig Narkosezwischenfälle vorkamen. Massive Warnungen der Straßburger Wundärzte um 1500 beendeten diese Methode der Operationsnarkose.

Stark wirksame Inhaltsstoffe 

Die biologische Wirkung der Alraune basiert auf den in der Wurzel enthaltenen Tropanalkaloiden (0,3 bis 0,4 Prozent) Hyoscyamin, Atropin und dem Hauptalkaloid Scopolamin. Scopolamin und Hyos-cyamin besitzen ähnliche pharmakologische Eigenschaften. Scopolamin wirkt jedoch stärker zentral dämpfend und geringer zentral stimulierend im Vergleich zu Hyoscyamin. Außerdem überwiegen seine peripheren Effekte, die mydriatischen, das heißt pupillenerweiternden, und sekretionshemmenden Eigenschaften, seine spasmolytischen sind schwächer ausgeprägt. 

Therapeutisch wird Scopolamin heute als Mydriatikum (Boro-Scopol N® Augentropfen) und als Antiemetikum (Scopoderm TTS® Transdermales Pflaster) zur Vorbeugung der Reisekrankheit eingesetzt. Das bekannte Spasmolytikum Buscopan® enthält partialsynthetisches Butylscopolaminiumbromid. Die letale Dosis von Scopolamin liegt für Erwachsenen bei etwa 100 mg, wobei der Tod durch Atemlähmung eintritt.

Heute wird die Alraunwurzel in der Schulmedizin nicht mehr verwendet, jedoch in homöopathischen Zubereitungen. Die Homöopathie empfiehlt Mandragora e radice D6 vor allem bei rechtsseitigen Oberbauchschmerzen mit Ausstrahlung in die Schulter und hellem durchfallartigem Stuhl.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
MedWiss-Meyer(at)t-online.de