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Seltene Krankheiten

Chronische myeloproliferative Erkrankungen

23.07.2010
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Seltene Krankheiten

Chronische myeloproliferative Erkrankungen

von Iris Priebe

Unter dem Begriff  chronische myeloproliferative Erkrankungen werden drei Krankheitsformen zusammengefasst: die essentielle Thrombozythämie, die Polycythaemia vera und die primäre Myelofibrose. Allen gemeinsam ist, dass die Produktion verschiedener Blutzellen im Knochenmark stark gesteigert ist.

Zurückzuführen sind diese Erkrankungen auf eine Störung der Blut bildenden Stammzellen im Knochenmark.  Einen ersten Hinweis auf die Erkrankungen gibt dem Arzt in vielen Fällen das Blut des Patienten; um die Diagnose allerdings abzusichern, ist oft eine Genuntersuchung oder eine Knochenmarkpunktion unumgänglich. Wenn jemand an essentieller Thrombozythämie (ET) leidet,  ist die Konzentration der Thrombozyten (Blutplättchen) im Blut häufig erhöht. Patienten mit Polycythaemia vera (PV) weisen besonders hohe Konzentrationen von Erythrozyten (roten Blutkörperchen) im Blut auf, aber auch die Konzentrationen der Leukozyten (weißen Blutkörperchen) und Thrombozyten sind recht hoch. Bei primärer Myelofibrose (PMF), vormals als Osteomyelofibrose (OMF) bezeichnet, finden die Mediziner  im Knochenmark viele faserreiche Bindegewebszellen. In einigen Fällen ist die exakte Diagnose erst möglich, wenn die Krankheit voranschreitet. Dann erst lässt sich der genaue Typ der Erkrankung ermitteln.

Klinisch verlaufen die drei myeloproliferativen Erkrankungen durchaus unterschiedlich. Bei der ET und PV stehen vaskuläre (die Blutgefäße betreffende) Komplikationen im Vordergrund, während sich bei der fortgeschrittenen PMF die Anzahl der Blutzellen vermindert, da das Knochenmark die Blutbildung nach und nach einstellt. Darüber hinaus besteht bei allen drei Erkrankungen das Risiko, dass sich langfristig eine akute Leukämie entwickelt. Während die Lebenserwartung bei einer frühzeitig erkannten und behandelten ET oder PV nahezu normal ist,  hat die PMF im fortgeschrittenen Stadium die ungünstigste Prognose. Hier rückt zunehmend die Knochenmark- beziehungsweise Stammzelltransplantation als Behandlungsoption mit Risiken, aber auch der Chance auf Heilung ins Blickfeld von Ärzten und Betroffenen.

Als mögliche Ursachen für die MPD-Erkrankungen (CMPE) werden chemische Belastungen sowie Genveränderungen diskutiert. Seit Entdeckung der Mutation des JAK2-Gens im Jahr 2005 hat sich die Diagnostik der chronisch myeloproliferativen Erkrankungen deutlich vereinfacht. Dazu muss der Arzt eine Blutprobe im Labor untersuchen lassen. Ist das JAK2-Gen verändert, gilt eine CMPE als erwiesen. Dennoch lässt sich nicht bei allen Erkrankten eine Genmutation nachweisen.

Primäre Myelofibrose

In Deutschland erkranken jährlich etwa 200  Menschen an primärer Myelofibrose, kurz PMF. Die meisten Patienten sind älter als 50 Jahre. Charakteristisch für dieses Krankheitsbild ist die Vermehrung des faserreichen Bindegewebes im Knochenmark. Dieser Prozess führt, ausgehend von veränderten Stammzellen, langfristig zu einer Zerstörung des Blut bildenden Knochenmarkgewebes. Während  im Anfangsstadium die Thrombozytenzahl meist deutlich ansteigt und somit das Risiko für Thrombosen erhöht, sinkt die Zahl der Thrombozyten mit fortschreitender Erkrankung, was zu einer erhöhten Blutungsneigung führt.

Das tun die Thrombozyten

Die Hauptaufgabe der Thrombozyten ist, die Blutgerinnung aufrechtzuhalten. Nach einer Verletzung bilden diese speziellen Blutzellen im Zusammenspiel mit Kollagen und Thrombin einen Thrombus, der die Blutung stillt. Das heißt, wenn die Zahl der Thrombozyten im Blut ansteigt, besteht zunächst die Gefahr von Thrombosen – je nach Lokalisation entstehen Komplikationen wie Beinvenenthrombosen, Herzinfarkt, Hirnschlag oder Lungenembolie. Paradoxerweise kann aber eine extrem übermäßig hohe Thrombozytenzahl von 1 bis 1,5 Million pro µl die Blutgerinnung auch herabsetzen, weil Thrombozyten Gerinnungsfaktoren an sich binden, die den Gerinnungsprozess stören. Oft führt dies zu einer erhöhten Blutungsneigung, die sich als häufiges Nasen- oder Zahnfleischbluten äußern kann.

Die Erkrankung verläuft zu Anfang häufig symptomlos und wird daher in dieser Phase vielfach nur durch Zufall, anhand von ungewöhnlichen Blutwerten, festgestellt. Eine erhebliche Vergrößerung der Milz und auch der Leber machen sich erst im weiteren Krankheitsverlauf bemerkbar, da diese Organe  zunehmend die Blutbildung übernehmen. Nach einiger Zeit klagen die Betroffenen häufig über Oberbauchbeschwerden. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung führt die Blutarmut  zu Appetitlosigkeit, Abgeschlagenheit und Leistungsminderung sowie Gewichtsverlust.

Deuten die Symptome auf eine PMF hin, bestimmt der Arzt das Blutbild. Besteht die Erkrankung bereits länger, sind die Thrombozyten-, Erythrozyten- und Leukozyten-Werte erniedrigt. Darüber hinaus sind Vorstufen der Blutzellen im Blut nachweisbar, die sonst nur im Blut bildenden Gewebe vorkommen. Mit einer Knochenmarkuntersuchung kann der Arzt feststellen, ob sich die Bindegewebsfasern vermehrt haben. Ist darüber hinaus die Milz deutlich vergrößert, kann die  PMF-Diagnose als gesichert betrachtet werden.

An essentieller Thrombozythämie (ET) erkranken hierzulande jährlich rund 700 bis 800 Menschen. Diagnostiziert wird die Krankheit meist zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Zufällig entdeckt wird die Erkrankung aber zunehmend auch bei ­unter 40-Jährigen.

Essentielle Thrombozythämie

Charakteristisch für ET ist die überproportionale Vermehrung der Thrombozyten, die nicht auf einen Eisenmangel, eine Entzündung oder einen Infekt zurückzuführen ist. Ausgelöst ist der Anstieg wiederum durch eine Funktionsstörung der Blut bildenden Zellen im Knochenmark. Sie steigern die Produktion, wodurch die Zahl der Thrombozyten im Blut in die Höhe schnellt. Bei Gesunden liegen die Werte zwischen 150.000 und 450.000 Thrombozyten pro µl, bei Patienten mit ET steigen diese nicht selten auf Werte deutlich über 1 Million.

Nach heutigem Kenntnisstand spielt die JAK2-Mutation für diese Funktionsstörung eine wichtige Rolle: Bei rund der Hälfte aller Patienten ist die Veränderung dieses Gens nachweisbar. Doch welche Faktoren bei den verbleibenden Patienten die Erkrankung verursachen, muss weitere Forschung ergeben.

Zu den Symptomen, die durch eine ET ausgelöst werden, zählen Durchblutungsstörungen in kleinsten Gefäßen, sogenannte Mikrozirkulationsstörungen. An Händen und Füßen äußern sich diese zum Beispiel als Kribbeln, Brennen, Schmerzen oder Taubheitsgefühl und können Schwindel, Kopfschmerzen und Sehstörungen verursachen. Die größte Gefahr ist allerdings der vollständige Verschluss eines Blutgefäßes am Herzen, im Gehirn oder in der Lunge mit den Folgen eines Herzinfarkts, eines Schlaganfalls oder einer
Lungenembolie.

Meist fällt dem Arzt zuerst die zu hohe Thrombozytenzahl im Blutbild auf. Da erhöhte Werte aber auch auf eine Infektion hindeuten, wird er in einem zweiten Schritt das Blut auf das JAK2-Gen untersuchen lassen. Sollte keine Mutation vorliegen, sichert nur die Untersuchung des Knochenmarks die Diagnose.

Polycythaemia vera

Polycythaemia vera (PV) wird jährlich bei etwa 1600 Patienten diagnostiziert; besonders häufig betroffen sind Menschen über 60 Jahren, in wenigen Fällen jedoch auch deutlich jüngere. Bei Patienten mit PV bilden die Zellen im Knochenmark zu viele Leukozyten und Thrombozyten, hauptsächlich jedoch zu viele Erythrozyten. Proportional dazu steigt der Hämatokrit-Wert. Dieser gibt den prozentualen Anteil des Zellvolumens am Gesamtblutvolumen an und ist Gradmesser für die Viskosität des Blutes. Ein Wert von 45 besagt zum Beispiel, dass das Blut zu 45 Prozent aus roten Blutkörperchen besteht. Je höher dieser Wert steigt, desto »zähflüssiger« wird das Blut mit den damit verbundenen Risiken für den Betroffenen. Bei gesunden Frauen liegt der Wert zwischen 37 und 45 Prozent, bei Männern zwischen 42 bis 50 Prozent. Bei Diagnose der PV liegt der Wert nicht selten um 60 Prozent und ­höher. Die wichtigste und effektivste Maßnahme zur Behandlung der PV ist der Aderlass. Nach Abnahme einer Blutmenge von circa 500 Milliliter, was etwa einer Blutspende entspricht, sinkt der Hämatokrit-Wert, und das Blut wird wieder fließfähiger.

Im Unterschied zur ET lässt sich bei rund 90 Prozent der an PV-Erkrankten eine Mutation des JAK2-Gens nachweisen. Der Auslöser dieser Mutation ist bis heute nicht bekannt.

Bleibt die PV unbehandelt, reduziert die erhöhte Viskosität des Blutes und die damit verbundenen Risiken für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Lungenembolie die Lebenserwartung der Betroffenen deutlich. Kommen weitere Faktoren wie Übergewicht, Diabetes, Hypertonie und Hypercholesterolämie sowie Rauchen hinzu, steigt die Gefahr für Thrombosen und Embolien noch zusätzlich.

Da auch bei der PV ähnlich wie bei der ET die Mikrozirkulation gestört ist, äußern die Patienten dieselben Symptome. Darüber hinaus tritt typischerweise Juckreiz auf, vor allem nach Wasserkontakt beim Duschen oder Baden. Mediziner sprechen vom »aquagenen Pruritus«. Bei rund 50 Prozent der Patienten ist zudem der Harnsäurespiegel erhöht, sodass Gichtanfälle und Gelenkschmerzen auftreten können.

Vermutet der Arzt, dass ein Patient an PV erkrankt ist, lässt er das Blutbild bestimmen, insbesondere Erythrozytenzahl, Hämatokrit sowie Thrombozyten- und Leukozytenwerte. Lässt sich darüber ­hinaus die JAK2-Mutation nachweisen, gilt die Diagnose als bestätigt. Ein zusätzliches Indiz ist die Vergrößerung der Milz. Die Unter­suchung des Knochenmarks ist ­heute nur noch in den seltenen Fällen ­notwendig, in denen die JAK2-Mutation nicht nachweisbar ist.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
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