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Kopfschmerzen

Den Teufelskreis durchbrechen

01.07.2010
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Kopfschmerzen

Den Teufelskreis durchbrechen

von Brigitte M. Gensthaler, Meran

Wer regelmäßig Arzneimittel gegen seine Kopfschmerzen einnimmt, erhöht damit das Risiko, an einem Dauerkopfschmerz zu erkranken. Damit es nicht soweit kommt, sollte das Apothekenteam Kunden, die regelmäßig Analgetika kaufen, einfühlsam und sorgfältig beraten, in welcher Dosis und wie lange sie das Mittel anwenden dürfen.

Viele Menschen, die häufig an Migräne oder Spannungskopfschmerzen leiden, nehmen regelmäßig Schmerzmittel ein. Manche greifen schon vorbeugend zur ­Tablette, wenn sie eine Attacke befürchten. Das endet oft fatal, denn der Übergebrauch könne selbst Kopfschmerzen auslösen, warnte Professorin Dr. Katrin Janhsen von der Universität Osnabrück bei einem Seminar auf dem Fortbildungskongress der Bundesapothekerkammer in Meran. Aus exzessivem Arzneimittelkonsum und ständigen Schmerzen könne sich ein Teufelskreis entwickeln.

Kopfschmerzen durch zu häufige Einnahme von Arzneimitteln können bei verschreibungspflichtigen Substanzen ebenso auftreten wie bei Präparaten aus der Selbstmedikation. Beispiele sind Analge­tika, Triptane, Mutterkornalkaloide und Opioide. Die internationale Kopfschmerz-Gesellschaft (International Headache ­Society, IHS) listet noch viele weitere Wirkstoffe auf wie nicht-steroidale Antirheumatika und auch einige, die nicht zu den Analgetika gehören, zum Beispiel Nitrate und Phosphodiestease(PDE)-5-Hemmer wie Sildenafil, Herz-Kreislauf-Mittel wie Nifedipin, Magen-Darm-Mittel wie On­dansetron und Ranitidin, Beta-Interferone sowie ­Estrogene und Gestagene.

Auch eine korrekte Dauermedikation mit Schilddrüsenhormonen, oralen Kon­trazeptiva, dem Antiarrhythmikum Amiodaron oder Tetracyclinen kann zu Kopfschmerzen führen. Gleiches gilt für das ­abrupte Absetzen, zum Beispiel von Coffein, Opioiden und Estrogenen.

Klagt ein Patient in der Apotheke über Kopfschmerzen, sollten PTA oder Apotheker sich danach erkundigen, ob er ein Arzneimittel neu eingenommen oder abgesetzt hat und ob er Arzneimittel dauerhaft nimmt.

Übergebrauch macht krank

Kopfschmerzen vom Spannungstyp gehen nur selten auf einen Medikamentenübergebrauch zurück. Aus Erfahrungen mit Patienten in spezialisierten Zentren ist jedoch bekannt, dass die zu häufige Einnahme von Analgetika aus einem Spannungskopfschmerz sehr oft chronische Schmerzen entstehen lässt. So ist erwiesen, dass Pa­tienten, die im Monat an 15 oder mehr Tagen von Migräneattacken oder einer Mischung aus Migräne und Spannungskopfschmerz geplagt werden, meistens spezifische Mi­gränetherapeutika und/oder Analgetika zu häufig oder in zu hohen Dosierungen einnehmen. Entscheidend für diese Entwicklung sei die häufige und regelmäßige Einnahme, betonte Janhsen. Wer über mehr als drei Monate und mehrmals pro Woche zu den Medikamenten greift, erhöht damit sein Risiko für einen Dauerkopfschmerz.

Entzug mit Antidepressiva

»Patienten mit Kopfschmerzen durch Arzneimittelübergebrauch hilft nur der Entzug«, sagte die Apothekerin und Ärztin. In der Regel verschwinden die Schmerzen dann innerhalb von zwei Monaten oder gehen erheblich zurück. In dieser Zeit erhält der Patient gegen die Schmerzen nur ein Antidepressivum, meist Amitriptylin, aber keine oder kaum Analgetika.

Der Entzug sei oft ambulant möglich, informierte Janhsen, in jedem Fall jedoch mit Begleitung eines Arztes. Ein stationärer Aufenthalt kann dann nötig sein, wenn der Patient zum Beispiel weitere Arzneimittel wie Benzodiazepine einnimmt.

In der Beratung ist es ganz wichtig, verunsicherten Patienten zu erklären, dass das Antidepressivum zur Schmerztherapie gehört. Viele befürchten, sie würden in die »Psycho-Ecke« abgeschoben oder von dem Arzneimittel abhängig.

Im Apothekenalltag verlangen manche Kunden Analgetika regelmäßig in größeren Mengen und reagieren verärgert, wenn PTA oder Apotheker ihre Besorgnis äußern. Janhsen riet zur Ausdauer: »In diesem Fall muss man einen langen Atem haben.« Irgendwann öffne der Patient ein »Fensterchen« und werde dann letztlich doch nachdenklich.

Einnahme genau erklären

Umso wichtiger ist es, den Teufelskreis gar nicht erst entstehen zu lassen. »Erklären Sie dem Patienten, wie sich eine Migräneattacke von einem Spannungskopfschmerz unterscheidet und welche Medikamente jeweils angebracht sind«, ermunterte ­Janhsen die Seminarteilnehmer. Etwa die Hälfte der Migränepatienten leidet abwechselnd unter beiden Schmerzformen. Häufig wissen die Patienten aber nicht, dass Triptane nur bei Migräne helfen.

Typisch für eine Migräne ist, dass sich die Schmerzen bei Bewegung verschlimmern und Erbrechen auftritt (Tabelle). Faustregel: Wenn der Patient sagt, dass ihm ein Spaziergang an frischer Luft gut tut, hat er keine Migräne. Übelkeit kann zwar auch bei Spannungskopfschmerzen auftreten, ist aber selten und mündet nicht in Erbrechen.
Vor der Empfehlung oder Abgabe eines Triptans oder eines rezeptfreien Analgetikums sollten PTA oder Apotheker immer nach der Art der Kopfschmerzen und eventuellen Begleitsymptomen fragen.

Typische Unterscheidungsmerkmale

Charakteristik Migräne Spannungs-Kopfschmerz
Stärke stark mittelstark
Dauer 4 bis 72 Stunden (unbehandelt) 30 Minuten bis 7 Tage
Charakter pochend-pulsierend dumpf-drückend
Lokalisation häufig einseitig, aber nicht immer häufig beidseitig
körperliche Aktivität verstärkt den Schmerz (fast immer) keine Schmerzverstärkung
Übelkeit, Erbrechen ja selten Übelkeit, kein Erbrechen, Appetitlosigkeit

Bei einer Migräne sollten die Patienten das Analgetikum möglichst zu Beginn der Attacke und dann in ausreichender Dosierung einnehmen. Gegen leichte bis mittelschwere Attacken helfen 1000 mg Paracetamol oder Acetylsalicylsäure oder 600 mg Ibuprofen. Wenn der Patient eine Viertelstunde vorher Metoclopramid (rezeptpflichtig) nimmt, werde das Analgetikum vom Körper besser aufgenommen, erklärte die Ärztin. Bei mittelschweren und schweren Attacken ist ein Triptan angezeigt.

Nur 70 Prozent der Patienten sprechen direkt auf das erste Triptan gut an. Bei Nichterfolg sollten sie bei der nächsten Attacke einen anderen Wirkstoff aus dieser Substanzklasse wählen. Patienten, die vom Arzt Mutterkornalkaloide verordnet bekommen, dürfen während einer Attacke auf gar keinen Fall zusätzlich zu dem Ergotalkaloid noch ein Triptan einnehmen. Aufgrund der gefäßverengenden Wirkungen droht ein Herzinfarkt.

Wenn Patienten häufiger als dreimal pro Monat an Migräne leiden, sollten PTA oder  Apotheker sie unbedingt an den Arzt verweisen. Dann ist eine Prophylaxe indiziert.

Frische Luft und reichlich trinken

Beschreiben die Patienten in der Apotheke die typischen Symptome eines Spannungskopfschmerzes sollten sie darüber informiert werden, dass sie Schmerzmittel mit ASS, Paracetamol oder Ibuprofen nicht häufiger als an zehn Tagen im Monat und nicht länger als drei Tage hintereinander einnehmen dürfen. Außerdem dürfen die empfohlenen Tageshöchstmengen der Wirkstoffe nicht überschritten werden, sagte Janhsen. Auf jeden Fall können PTA oder Apotheker diesen Patienten nicht-medikamentöse Maßnahmen wie Bewegung an frischer Luft und Entspannungsübungen empfehlen. Auch reichliches Trinken hilft vielen, da zu geringer Flüssigkeitskonsum die Pein im Kopf auslösen oder fördern kann.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
bm.gensthaler(at)t-online.de