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Diabetes mellitus und Parodontitis

Eine gefährliche Allianz

23.07.2010  14:46 Uhr

Diabetes mellitus und

Eine gefährliche Allianz

von Gudrun Heyn, Hamburg

Zwischen Diabetes mellitus und Parodontitis, der entzündlichen Erkrankung des Zahnhalteapparates, besteht ein unheilvolles Wechselspiel. Die Initiative »Gesund im Mund bei Diabetes« macht auf diesen Zusammenhang aufmerksam.

Mehr als acht Millionen Menschen leiden in Deutschland an Diabetes mellitus. Im Mittelpunkt der Beratungsgespräche in Apotheken und Arztpraxen stehen häufig die gefürchteten Folgeerkrankungen. Dazu gehören das diabetische Fußsyndrom und die Niereninsuffizienz. Außerdem kommt es bei rund drei Viertel der Betroffenen in Folge der Stoffwechselstörung zu kardiovaskulären Problemen, die das Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt erhöhen. Bei der Beratung geben PTA oder Apotheker den Diabetikern daher in der Regel Ernährungstipps oder empfehlen ihnen Salben zur Pflege der Haut.

»Über entzündliche Erkrankungen im Mundbereich und ihre Prophylaxe wird dagegen eher selten gesprochen«, sagte Michael Warncke von der Colgate-Palmolive GmbH auf einer gemeinsamen Fachpressekonferenz mit der Bundeszahnärztekammer (BZÄK) in Hamburg. Doch zwischen Diabetes und Parodontitis besteht ein nicht zu unterschätzender Zusammenhang. Beide Erkrankungen können sich gegenseitig ankurbeln, zu deutlich schwereren Verläufen führen und die Therapie der jeweils anderen Erkrankung zu einem schwierigen Unterfangen machen.

Die Initiative Gesund im Mund bei Diabetes stellt daher Diabetes mellitus und Parodontitis in den Fokus ihrer diesjährigen Aufklärungskampagne. Ihr Anliegen ist es, zunächst ein Problembewusstsein zu schaffen. Darüber hinaus will die Initiative evidenzbasierte Informationen für breite Fachkreise erarbeiten. Die Initiative wurde zu Beginn 2010 von der Bundeszahnärztekammer in Zusammenarbeit mit der Colgate-Palmolive GmbH gegründet. Bereits seit 2001 gestalten die BZÄK und Colgate-Palmolive in Kooperation die bundesweite Aktion »Monat der Mundgesundheit« mit jährlich wechselnden Themenschwerpunkten. Seitdem setzen sie sich gemeinsam für eine verbesserte Mund­gesundheit der Bevölkerung ein.

Auf den ersten Blick haben Diabetes mellitus und Parodontitis nicht viel gemeinsam. Diabetes ist durch einen hohen Blutzuckerspiegel gekennzeichnet, der beim Typ-1-Dia­betes durch Insulinmangel hervorgerufen wird, beim Typ-2-Diabetes auf einer Insulinresistenz der Gewebe beruht. Parodontitis ist eine entzündliche Erkrankung des Zahnhalteapparates, die durch schädliche Bakterien in der Mundhöhle verursacht wird. Dennoch beeinflussen sich beide Erkrankungen erheblich: Das Risiko für Parodontitis ist bei Diabetespatienten gegenüber Nicht-Diabetikern dreifach erhöht. Dabei scheint die Länge der Diabeteserkrankung allerdings eine wesentliche Rolle zu spielen.

»Bei Untersuchungen zeigte sich zudem, dass Diabetiker unter deutlich schwereren Erkrankungen des Zahnhalteapparates leiden als Nicht-Diabetiker«, sagte der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer Dr. Dietmar Oesterreich. So wurden Zahnfleischtaschen von mehr als 6 mm Tiefe bei rund 44 Prozent der Diabetiker, aber nur bei 39 Prozent der Nicht-Diabetiker beobachtet. In der Folge wird bei Diabetikern der Knochen abgebaut, in denen die Zähne verankert sind. Sie verlieren dadurch 15-fach häufiger einen Zahn. Daten aus der vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie, die das Institut der Deutschen Zahnärzte im Auftrag der BZÄK und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung durchführt, zeigen, dass Senioren mit Diabetes durchschnittlich 17 Zähne fehlen, stoffwechselgesunden Senioren nur 13.

Erhöhte Insulinresistenz

»Wir sehen außerdem, dass Diabetiker im Vergleich zu Nicht-Diabetikern deutlich seltener mit Implantaten versorgt sind«, sagte Oesterreich. Dies könne unter anderem daran liegen, dass Wunden bei Menschen mit Diabetes wesentlich schlechter heilen, also auch im Mund.
Doch Parodontitis wirkt sich nicht nur auf die Mundgesundheit aus, sondern erhöht unbehandelt auch das Risiko für den Diabetes. »Die Zusammenhänge sind dramatisch«, sagte Professor Dr. Dr. Diethelm Tschöpe vom Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen. Die chronische Entzündung des Zahnhalteapparates kann die Insulinresistenz der Gewebe deutlich verstärken. Bei Typ-2-Diabetikern erschwert die Insulinresistenz die Therapie des Diabetes. Außerdem schreitet die Stoffwechselerkrankung schneller voran.
Besonders schwerwiegend sind die Auswirkungen auf die Folgeerkrankungen des Diabetes. So ist das Risiko, an einer Nierenerkrankung zu sterben, für Diabetiker mit einer fortgeschrittenen Parodontitis 8,5-fach höher als bei Diabetikern, die unter keiner oder nur einer milden parodontalen Erkrankung leiden. Auch das Risiko an einer ischämischen Herzerkrankung zu sterben, ist bei Diabetikern mit fortgeschrittener Parodontitis 2,3-fach erhöht.

Gemeinsame Mediatoren

»Parodontitis ist daher keine banale Entzündung, mit der man leben kann«, sagte Tschöpe. Meist beginnt sie mit scheinbar harmlosem Zahnfleischbluten. Doch die im Mund natürlich vorkommenden Bakterien profitieren bereits davon: Neben den menschlichen Speiseresten zwischen den Zähnen nutzen sie auch die im Blut vorhandenen Proteine als Nahrung. So kommt es, dass sich die Keime bei einer falschen Mundhygiene besonders gut vermehren. Zu ihrem eigenen Schutz bauen sie dann zwischen Zähnen und Zahnfleischrand feste Biofilme, die in einem fortgeschrittenen Stadium gegen die Abwehrmechanismen des Immunsystems, gegen Antiseptika und auch gegen Antibiotika resistent sein können. Wer diese Plaque nicht von vorne herein regelmäßig entfernt, fördert damit Entzündungsreaktionen im Zahnfleisch und Abbauprozesse im Kieferknochen, also Parodontitis. Dabei werden entzündungsfördernde Signalsubstanzen wie TNF-alpha und Interleukin 1 freigesetzt.

»Es sind die gleichen Signalsubstanzen, die auch bei Diabetes mellitus im Körper der Patienten verstärkt vorkommen«, sagte Tschöpe. Denn bei einem hohen Glukosespiegel im Blut entstehen Glykierungsprodukte, die auch als AGE (advanced glycation endproducts) bezeichnet werden. Diese Moleküle zirkulieren in der Blutbahn oder binden an das Kollagen von Geweben oder Gefäßen. Auch mit spezifischen Rezeptoren auf Endothelzellen und auf Makrophagen können sie reagieren. In den Gewebe- und den Abwehrzellen löst dies die Produktion von weiteren entzündungsfördernden Signalsubstanzen und proteolytischen Enzymen aus. Der dadurch entstehende Gewebeschaden ist dafür verantwortlich, dass Insulin nicht mehr wirken kann.

Da ebenfalls in den Bindegeweben des Zahnhalteapparates die Entzündung angekurbelt wird, werden auch hier verstärkt Proteine und Peptide abgebaut. Im Mund von Diabetikern haben Bakterien daher ein leichteres Spiel. Mit diesen Entzündungsherden sorgen sie dann wieder erneut für die Freisetzung proinflammatorischer Signalsubstanzen. Ein Teufelskreis entsteht.

Dieses durch Bakterien getriggerte Wechselspiel aus Entzündung, Insulinresistenz, höheren Blutzuckerwerten und Entzündung kann durch eine Behandlung der ­Parodontitis durchbrochen werden. Wichtig ist, dass die Patienten als erste Maßnahme einen Zahnarzt aufsuchen. Mit professionellen, mechanischen Mitteln zerstört dieser den bakteriellen Biofilm und reinigt zusätzlich die Zahnfleischtaschen. Um die Bakterienlast für den Körper zu verringern, verordnen manche Zahnärzte nach dieser Prozedur den Patienten Antiseptika oder Antibiotika.

Das Ausheilen der Parodontitis wirkt sich deutlich positiv auf die Gesundheit der Patienten aus. »Eine neue Metaanalyse belegt, dass die proinflammatorischen ­Signalsubstanzen zurückgehen und nach einer Parodontitis-Therapie sogar der Hb-A1c-Wert und damit die Glukosekonzentration im Blut abnimmt«, sagte Professor Dr. Jörg Meyle, Direktor der Poliklinik für Parodontologie der Universität Gießen. Die Therapie der Parodontitis könne daher das Risiko für Diabetes-Folgeerkrankungen auf ein normales Maß reduzieren.

Wechselspiel durchbrechen

Damit es jedoch nicht erneut zu einer Parodontitis kommt, müssen die Patienten mitwirken. Mindestens zweimal am Tag sollten sie die Zähne gründlich reinigen. Dazu gehört auch mindestens einmal am Tag die Zahnzwischenräume mit Hilfe von Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten zu reinigen. Zur Plaquekontrolle sind vor allem fluoridhaltige Zahnpasten empfehlenswert. Sie wirken keimhemmend und eignen sich im Gegensatz zu Chlorhexidin zum Dauergebrauch. Die Bakterien lassen sich noch zusätzlich durch die Anwendung einer antimikrobiellen Triclosan/Copolymer-haltigen Zahnpasta (Colgate Total® Zahncreme) kontrollieren, wie eine In-vivo-Studie mit 15 freiwilligen Probanden ergab. Der antientzündliche Effekt hielt dabei bis zu 12 Stunden an.