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Altersdiabetes

Eine globale Epidemie

24.06.2011
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Von Claudia Borchard-Tuch, München / Immer mehr Menschen erkranken an Diabetes mellitus. Die WHO geht davon aus, dass die derzeitige Zahl der Diabetiker von mehr als 194 Millionen Menschen bis zum Jahr 2030 weltweit auf 366 Millionen wächst. In Industrienationen wie Deutschland ist jeder zweite Mensch mit Diabetes älter als 65 Jahre.

Diese Entwicklung hat schwerwiegende Folgen. Immerhin befinden sich mindestens 19,4 Prozent der Patienten in ambulanter und 16,3 Prozent in stationärer ­Pflege. Damit vor allem ältere Diabetiker optimal versorgt werden, haben zwei Fachgesellschaften, die Deutsche Diabetes-Gesellschaft und die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie, die Leitlinie »Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter« erarbeitet.

»Diabetes mellitus wurde lange Zeit als Krankheit mit geringer Bedeutung für die Weltgesundheit angesehen«, schrieben Diabetesforscher bereits im Jahr 2002 in der Fachzeitschrift »Nature« und weiter: »Heute nimmt Diabetes eine der vorderen Plätze in der Rangliste der größten Gesundheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts ein.« Wie wichtig die optimale Zusammenarbeit aller an der Versorgung der Diabetiker Beteiligten ist, machte auch Dr. Andrej Zeyfang, Bethesda Krankenhaus Stuttgart, auf einem Kongress in München deutlich. »Ältere Diabetiker benötigen eine andere medizinische Versorgung als junge – bedingt durch ihre höhere Anfälligkeit für Unterzuckerung und die im Alter auftretenden Folgeerkrankungen«, erklärte der Diabetologe.

Beginn oft schleichend

Die Kooperation aller Beteiligten erleichtere es, die komplexen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen, denn Wechselwirkungen zwischen Diabetes und »geriatrischen Syndromen« wie Demenz, Gebrechlichkeit oder Stürzen sind häufig.

90 Prozent der älteren Diabetiker sind an Typ-2-Diabetes erkrankt. Falls Beschwerden auftreten, sind diese meist unspezifisch, sodass die Erkrankung lange Zeit unbemerkt bleibt. Die für Diabetes typischen Symptome wie ständiger Durst und hohe Trinkmengen (Polydipsie) oder vermehrtes Wasserlassen (Polyurie) treten bei Älteren deutlich seltener auf, da ihr Durst oft sowieso gering ist.

Auch allgemeine Schwäche, häufige Infektionen, schlecht heilende Wunden und trockene oder juckende Haut können Zeichen erhöhter Blutzuckerwerte sein, werden aber oft einfach auf das Alter geschoben und daher nicht wahrgenommen. Bemerkt ein Angehöriger eines oder mehrere dieser Symptome bei einem älteren Menschen, sollte er veranlassen, dass dessen Blutzucker unbedingt überprüft wird. Auch ältere Menschen, die noch keinen Diabetes haben, allerdings eine Reihe zusätzlicher Risikofaktoren aufweisen, beispielsweise Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen, oder mit Diabetikern im ersten Grad verwandt sind, sollten einmal jährlich ihre Blutzuckerwerte beim Arzt oder auch in der Apotheke kontrollieren lassen.

Individuelle Zielwerte bei Älteren

Die diagnostischen Kriterien für ältere Menschen mit Diabetes mellitus unterscheiden sich nicht von den normalen Richtwerten: Diabetes mellitus liegt vor, wenn der Blutzuckerspiegel im venösen Plasma gemessen nüchtern (nach mindestens 8 Stunden Fasten) 126 mg/dl (7,0 mol/l) oder höher liegt. Im kapillären Vollblut zeigt ein Nüchternwert von 110 mg/dl (6,1 mmol/l) und höher Diabetes an.

Zielwerte für einen optimalen Blutzucker

  • nüchtern < 100 mg/dl
  • postprandial < 135 mg/dl
  • HbA1c-Wert < 6,5 %

Grundsätzlich gilt: Um die Folgeschäden gering zu halten, sollte Diabetes mellitus so früh wie möglich erkannt und behandelt werden. Für den Blutzucker gibt die Internationale Diabetikervereinigung (IDF) strenge Zielwerte vor (siehe Kasten). Von besonderer Bedeutung ist der HbA1c-Wert, der die Blutzuckerwerte der letzten acht Wochen widerspiegelt.

»Die Behandlung des älteren Diabetes-­Patienten ist jedoch immer individuell«, betonte Zeyfang. Ihr oberstes Ziel bestehe darin, das Befinden des Patienten zu verbessern und seine Lebensqualität zu erhöhen, damit er möglichst lange ein behinderungsfreies Leben führen kann. In Zusammenarbeit mit dem Patienten sollte der Arzt die optimalen Werte für den Blutglukose und den HbA1c-Wert finden, für HbA1c wird in der Regel ein Wert unter 8 Prozent angestrebt. Ist der Diabetiker akut schwer krank oder schränken ihn andere Beschwerden ein, werden die Blutglukosewerte strenger eingestellt.

Ängste erkennen und ernst nehmen

Während Typ-1-Diabetiker ihr Leben lang Insulin spritzen müssen, gelingt es bei Typ-2-Diabetikern meist zunächst, den Diabetes durch richtige Ernährung, Bewegung und orale Antidiabetika in den Griff zu bekommen. Über kurz oder lang benötigt aber auch nahezu jeder Typ-2-Diabetiker Insulin.

Dass ihnen Tabletten nicht mehr helfen, sondern sie Insulin spritzen müssen, belastet Typ-2-Diabetiker seelisch oft schwer. Viele Patienten deuten die notwendig gewordene Insulintherapie als Hinweis auf eine Verschlechterung der Erkrankung. Ein Großteil befürchtet, die Kontrolle über die Krankheit zu verlieren und durch die Spritzen häufiger eine Unterzuckerung zu erleben. Manche haben Angst davor, den Insulinpen alleine nicht bedienen und die Dosis nicht einstellen zu können. Sie möchten nicht von irgendwelchen Hilfsmitteln abhängig werden, die sie »immer mitschleppen müssen«.

Diesen Patienten hilft, wenn sie sich langsam in die neue Therapie einarbeiten können. Eine Behandlung, bei der die einmal tägliche Insulingabe ausreicht, erleichtert ihnen sicher sehr den Einstieg in die ­Insulintherapie.

Der behandelnde Arzt hingegen sieht die Entwicklung zumeist aus einer ganz anderen Perspektive: Er ist besorgt über den Anstieg des Blutzuckers und befürchtet seinerseits gefährliche Komplikationen wie Schlaganfall, Amputation oder Erblindung. Daher wollen die meisten Diabetologen ihre Patienten dazu bewegen, die Behandlung schnellstens auf Insulin umzustellen. Viele Erkrankte stehen erfahrungsgemäß Veränderungen äußerst kritisch gegenüber. Im schlimmsten Fall lehnt der Patient die Insulintherapie gänzlich ab. Um einen Teufelskreis zu vermeiden, müssen die Ärzte in dieser Situation unbedingt ruhig und geduldig bleiben, den Patienten nicht bedrängen, sondern ihm Zeit lassen.

Bezüglich der Unterzuckerung sind die Sorgen mancher älterer Diabetiker durchaus berechtigt, denn mit dem Alter steigt auch drastisch das Risiko einer schweren Hypoglykämie. Diese ist sehr gefährlich – sie kann zu einem Schock führen und letztlich zum Tod. Als frühe Symptome bemerken die Patienten Schwitzen oder Herzjagen. Oft verspüren sie Heißhunger, können sich nicht konzentrieren oder leiden unter Kopfschmerzen. Bei sehr niedrigen Blutzuckerwerten werden sie bewusstlos und bekommen einen Krampfanfall.

Bemerkt der Patient erste Anzeichen einer Unterzuckerung, sollte er sofort ein bis zwei Broteinheiten (BE) schnell ins Blut gehende Kohlenhydrate zu sich nehmen, beispielsweise zwei bis vier Täfelchen ­Traubenzucker.

Spätschäden verhindern

Bei älteren Diabetikern machen sich die Folgen der Erkrankung meist deutlich bemerkbar. Hohe Glukosewerte fördern Arteriosklerose – die »Verkalkung« der Arterien. Sind die Herzkranzgefäße betroffen, die das Herz mit Blut versorgen, entwickelt sich mit den Jahren eine »koronare Herzerkrankung«. Als Folge der Nervenschäden fehlen bei Diabetikern häufig die ersten Warnzeichen, das heißt Brustschmerzen und Engegefühl in der Brust. Verschließt sich ein Herzkranzgefäß, wird der von ihm versorgte Teil des Herzmuskels nicht mehr durchblutet und stirbt ab. Herzinfarkt zählt auch bei Diabetikern zu den häufigsten Todesursachen.

Außerdem ist das Schlaganfallrisiko dadurch erhöht. Da niedriger Blutdruck das Risiko verringert, empfehlen die Fachgesellschaften, den Blutdruck auf maximal 130/80 mmHg einzustellen.

Erhöhte Blutzuckerwerte schädigen auch die Gefäße der Netzhaut, die sich dann weiten, später Fett einlagern oder sich verschließen mit der Gefahr von Blutungen. Außerdem bilden sich neue Adern, die jedoch leicht reißen und eine Netzhautablösung verursachen können. Die diabetische Retinopathie führt häufig zur Erblindung. Heilung ist nicht möglich. Die Behandlung mit einem Laser kann jedoch das Fortschreiten aufhalten, ebenfalls sinnvoll ist das Ausschalten der weiteren Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Über- oder Unterzuckerung.

Die »diabetische Nephropathie« ist eine der häufigsten Ursachen für Nierenschwäche und Nierenversagen. Schäden der Blutgefäße in den Nieren setzen letztlich die Filterfunktion der Niere herab. Ein frühes Zeichen dafür ist der Nachweis von Eiweiß im Urin (Mikroalbuminurie). Die rechtzeitige Therapie, Blutdruck senken und Diabetes einstellen, hilft, eine weitere Schädigung der Niere aufzuhalten.

Schmerzen und gestörtes Empfinden

Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühl in den Füßen sind oft erste Zeichen einer diabetischen Neuropathie, die alle Nerven treffen kann und oft mit starken Schmerzen einhergeht. Besonders gefährdet sind die sensiblen Nerven, die Empfindungen wie Schmerz, Wärme und Kälte weiterleiten. Doch auch autonome Nerven, die innere Organe versorgen, werden geschädigt. Als Folgen der Neuropathie kann der betroffene Diabetiker unter anderem seine Blase nicht mehr vollständig entleeren, manche bekommen Durchfall oder Potenzprobleme. Einmal im Jahr sollte der Arzt ältere Diabetes-Patienten auf eine Neuropathie untersuchen.

Druckstellen beseitigen

Der diabetische Fuß, auch »diabetisches Fuß-Syndrom« genannt, ist eine häufige Folgekomplikation des langfristig überhöhten Blutzuckerspiegels. Ursache sind Schädigungen und Ausfälle der für Bein und Fuß zuständigen Nerven (diabetische Neuropathie) sowie Störungen der Blutzirkulation. Druckstellen infizieren sich leicht und führen unbehandelt aufgrund der Durchblutungsstörung rasch zu einem Absterben des Gewebes. Bei Diabetikern bilden sich häufig so tiefe Geschwüre, dass die Knochen mitbetroffen sind. Im Frühstadium hilft die lokale Behandlung, die mit einer Druckentlastung durch orthopädische Schuhe kombiniert werden sollte. Im Spätstadium bleibt oft nur noch die Operation oder sogar die Amputation als einzige Maßnahme.

Viele Typ-2-Diabetiker sind seelisch belastet, beispielsweise erkranken sie dreimal so häufig an Depressionen wie die Allgemeinbevölkerung. Bei älteren Diabetikern ist auch die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns, vor allem das Kurzzeitgedächtnis, eingeschränkt. Außerdem leiden Diabetiker weitaus häufiger als Nichtdiabetiker unter chronischen Schmerzen, die länger als drei Monate andauern. Dies gilt besonders für Schmerzen in den Unterschenkeln und den Füßen. Haben die Patienten ständig Schmerzen, sollten sie sich von ihrem Arzt umfangreich untersuchen lassen, damit dieser der Ursache auf den Grund gehen kann.

Bewegung hält fit

Menschen mit Diabetes mellitus können sich im Wesentlichen genauso ernähren wie Gesunde. Experten raten zu einer Vollwertkost und empfehlen Obst, Gemüse, Fisch und Ballaststoffe. Ballaststoffe führen dazu, dass der Zucker langsamer ins Blut übertritt, und wirken so Schwankungen des Blutzuckerspiegels entgegen. Ältere Typ-2-Diabetiker sind nicht immer übergewichtig – im Gegenteil: Der Anteil der Untergewichtigen ist relativ groß, da sie trotz Abnahme von Fett und Muskelmasse die wegen ihres ursprünglichen Übergewichts verordnete kalorien- und kohlenhydratarme Diät noch immer einhalten.

Wichtig ist allerdings für jeden Diabetiker, auch im höheren Alter, dass er sich ausreichend bewegt. Viele Ältere können jedoch aufgrund ihrer Begleiterkrankungen nicht mehr intensiv trainieren. In diesen Fällen reicht maßvolles Bewegungstraining völlig aus.

Gemeinsame Schulung

Viele ältere Menschen mit Diabetes mellitus wissen zu wenig über ihre Erkrankung, insbesondere über die Symptome der Hypoglykämie. Auch fehlen ihnen oft fundamentale, für die Therapie relevante Fertigkeiten. Daher wurden für geriatrische Diabetiker besondere Gruppenschulungen entwickelt. In solche Lernprogramme sollten auch geistig leicht eingeschränkte Diabetiker einbezogen werden.

Die »strukturierte geriatrische Dia­betiker-Schulung« (SGS) wurde von der Arbeitsgemeinschaft für Diabetes und Geriatrie der Deutschen Diabetes-Ge­sellschaft (DDG) mit Unterstützung der Berlin-Chemie AG entwickelt. Diese ­Schulung wurde in den beiden Jahren 2005 und 2006 an mehr als 200 geriatrischen Diabetes-Patienten erprobt und ­erwies sich als wirksam. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

claudia.borchardtuch(at)googlemail.com