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Die Milz

Außenseiterin unter den Organen

22.06.2012
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Von Gudrun Heyn / Erwachsene könnten relativ problemlos ohne die Milz leben. Trotz dieser eindeutigen Aussage erfüllt die Milz im menschlichen Organismus wichtige Aufgaben als Filterorgan für das Blut und als Sitz spezifischer und unspezifischer Immunabwehrzellen.

Obwohl die Milz genauso groß ist wie eine Niere, gehört sie zu den wenig bekannten und kaum beachteten Organen. Selbst Autoren der Standardwerke zur Krankheitslehre und zur Arzneimittelkunde widmen der Milz nur selten ein Kapitel. Sie liegt im rechten Oberbauch unter dem Zwerchfell, wiegt 150 bis 200 Gramm und ist etwa 11 Zentimeter lang. Die unteren Rippen schützen sie vor Stößen und Verletzungen, denn das bohnenförmige Organ gehört zu den am besten durchbluteten Teilen des menschlichen Körpers.

Ihr geringer Bekanntheitsgrad hat wahrscheinlich mehrere Gründe: Nur selten ist die Milz von einer Erkrankung betroffen und auch durch Schmerzen macht sie sich kaum bemerkbar. Außerdem ist die Milz zumindest für Erwachsene kein lebenswichtiges Organ. Wird sie im Notfall entfernt, müssen die Betroffenen keine schwerwiegenden Folgen befürchten. Dies macht sie zu Unrecht zu einem Außenseiter unter den Organen, denn für den funktionsfähigen Zustand des Blutes und die bedarfsgerechte Versorgung des Körpers mit Zellen und Substanzen der spezifischen Immunabwehr (Antikörper) kommt der Milz durchaus eine große Bedeutung zu.

Zwei wichtige Aufgaben

Wie die Lymphknoten und die Mandeln (Tonsillen) in Rachen und Gaumen zählt die Milz zu den lymphatischen Organen. Im Rahmen der menschlichen Immunabwehr spielen diese Organe eine bedeutende Rolle, da in ihnen Krankheitserreger und andere für den Organismus schädliche Substanzen auf immunkompetente Zellen treffen. Indem diese Zellen die Fremdsubstanzen und Mikroorganismen zerlegen, setzen sie die Mechanismen der spezifischen Immunabwehr in Gang. Unter den immunkompetenten Organen nimmt die Milz eine Sonderstellung ein, weil sie als einziges Immunorgan an den Blutstrom angeschlossen ist. So gelangen in der Milz gebildete spezifische Abwehrzellen und Antikörper sehr schnell dorthin, wo der Körper sie braucht.

Doch außer ihrer Aufgabe als Immunorgan ist die Milz – neben der Leber – das wichtigste Filterorgan für das Blut. Während die Leber Toxine und andere schädliche Substanzen aus dem Blut filtert, ist die Milz auf das Abfangen und den Abbau von überalterten und geschädigten Blutzellen, Fremdpartikeln und Mikroorganismen spezialisiert.

Weiße und rote Pulpa

Die äußere Hülle der Milz besteht aus einer dünnen Bindegewebskapsel, die ihrerseits von einer schützenden Epithelschicht umgeben ist. Von dieser Kapsel ziehen zahlreiche Balken (Trabekel) aus Bindegewebe in das Innere der Milz. Die Trabekel bilden ein dreidimensionales Balkenwerk, sodass ein stützendes Gerüst entsteht. In den Innenräumen des Balkenwerkes befindet sich das eigentliche Milzgewebe, die sogenannte Pulpa. Hier lassen sich deutlich weiße und rote Areale unterscheiden. Während die weiße Pulpa als lymphatisches Organ dient, ist die rote Pulpa die Filterstation für das Blut. Im Normalfall nimmt die rote Pulpa etwa 75 Prozent des Milzvolumens ein. Bei einer starken Immunreaktion steigt der Anteil der weißen Pulpa jedoch auf bis zu 50 Prozent.

Die weiße Pulpa besteht aus einem feinen, schwammartigen Gewebe (retikuläres Bindegewebe), in dem sich vor allem mobile spezifische Abwehrzellen befinden. Da dieser Aufbau auch für Lymphknoten charakteristisch ist, bezeichnen Mediziner es als lymphatisches Gewebe. Dieses lymphatische Gewebe umgibt in Form von Scheiden (Periarterielle Lymphscheiden, PALS) die kleinen Arterien, die in die Milz einmünden. Zudem bildet die weiße Pulpa am Ende und seitlich der Scheiden kleine weiße Knötchen. Diese sogenannten Milzknötchen enthalten vor allem B-Lymphozyten, während sich in den Lymphscheiden überwiegend T-Lymphozyten frei bewegen. Als Zellen der spezifischen Immunabwehr warten sie dort auf fremde Substanzen (Antigene), die das Blut in die Milz transportiert.

Damit die Milz ihre Aufgabe als biologischer Filter erfüllen kann, führt ihr eine große aus dem Bauchraum kommende Arterie (Milzarterie) täglich erhebliche Mengen Blut zu. Mehrere Abzweigungen verteilen das Blut innerhalb des Organs. Zunächst verlaufen die Gefäße gut geschützt in den Trabekeln und teilen sich erst dann weiter. Durch die Lymphscheiden und anschließend durch die Milzknötchen hindurch führen kleine Arterien zur Randzone der weißen Pulpa, wo sie sich in feine Kapillaren aufspalten. Diese Kapillaren heißen Hülsenkapillaren und versorgen die rote Pulpa mit Blut.

Lockerer Verband

Das Gewebe der roten Pulpa umgibt die weiße Pulpa und nimmt somit den weitaus größten Teil der Milz ein. Auch die rote Pulpa besteht aus retikulärem Bindegewebe, dessen Zellen einen weitmaschigen, lockeren Verband bilden. Da die Maschenräume ständig mit Blut gefüllt sind, vergleichen manche Autoren die rote Pulpa mit einem blutigen, roten Schwamm. Aber auch Abwehrzellen befinden sich in den Maschenräumen. Während die Retikulumzellen das filternde Gewebe der Milz bilden, sorgen die Abwehrzellen für die Zerlegung (Phagozytose) des abgefilterten Materials.

Die zur Phagozytose fähigen Zellen werden als Fresszellen bezeichnet. Die Phagozyten stülpen sich über alles Fremde und nehmen es in ihr Zellinneres auf. Dort zerlegen sie die fremden Partikel mithilfe von Enzymen und oxidativen Prozessen in funktionsuntüchtige Einzelbestand­teile.

Als Abwehrzellen des unspezifischen Immunsystems müssen Fresszellen ihre Immunkompetenz nicht erst erwerben, sondern sind bereits direkt nach der Geburt aktiv. Manche Fresszellen patrouillieren mobil im Blut, andere sind ortsständig und bleiben daher in ihrem Gewebe. In den Scheiden der Hülsenkapillaren und im Maschenwerk der roten Pulpa bauen vor allem Riesen-Fresszellen (Makrophagen) funktionsuntüchtige oder entartete Zellen sowie Mikroorganismen ab.

Mustererkennung

Wie alle Zellen der unspezifischen Immunabwehr erkennen Makrophagen schädliche Zellen und Krankheitserreger anhand fremder Substanzen (Antigene). Dies können Proteine, Zuckerverbindungen oder Nukleinsäuren sein. Zum Erkennen von Antigenen nutzen Makrophagen Rezeptoren, die auf bestimmte Muster reagieren. Aktiviert beispielsweise fremde DNA einen solchen Rezeptor, setzt das Gewebe Immunbotenstoffe (= Interleukine) frei. So wird der Körper in erhöhte Alarm- und Abwehrbereitschaft versetzt.

Nachdem die Makrophagen das fremde Material aufgenommen und zerlegt haben, transportieren sie die entstandenen Peptidbruchstücke mithilfe von Histokompatibilitäts-Molekülen (MHC, engl.: major histocompatibility antigens) auf ihre Zelloberfläche. Dort dient die Bindung von Peptidbruchstück und MHC-Molekül als Signal für andere Immunzellen: Aus dem Makrophagen ist eine Antigen-präsentierende Zelle geworden. Zellen der spezifischen Immun­abwehr wie die B- und T-Lymphozyten reagieren auf dieses Signal und lösen eine Kette von weiteren Immunabwehrmaßnahmen aus.

Spezifische Abwehrzellen

Durch ihre große Dichte bewirken die hoch spezialisierten Zellen der B- und T-Lymphozyten die Färbung der weißen Pulpa, aber auch in den weiten Maschen der roten Pulpa sind sie zu finden. Die Rezeptoren auf ihrer Zelloberfläche können nur jeweils ein spezifisches Antigen erkennen beziehungsweise binden. Aufgrund ihrer Spezialisierung bekämpfen die Lymphozyten daher nur ihnen bekannte Pathogene, dies aber sehr effektiv und sehr ziel- genau.

B-Lymphozyten erwerben ihre Immunkompetenz im Knochenmark (bei Vögeln in der Bursa Fabricii, daher das B), T-Lymphozyten im Thymus (daher das T). Nach ihrer Reifung wandern die noch naiven, also Antigen-unerfahrenen Lymphozyten in lymphatische Organe wie die Milz. Ihre Aktivierung erfolgt erst durch eine Antigen präsentierende Zelle. Passt das präsentierte Antigen zum Rezeptor des Lymphozyten wie ein Schlüssel zu seinem Schloss, vermehren sich die Lymphozyten und differenzieren zu Abwehrzellen des spezifischen Immunsystems.

Nach einer Erstinfektion mit pathogenen Erregern kann es daher zwischen einer und drei Wochen dauern, bis genügend Zellen und Abwehrsubstanzen der spezifischen Immunabwehr bereitstehen. Ab dann ist die Schlagkraft des Immunsystems jedoch deutlich erhöht, was Immunologen als erworbene Immunität bezeichnen.

Aktivierte T- Lymphozyten wirken nicht über speziell gebildete chemische Substanzen (Antikörper), sondern direkt als Zellen und werden daher als Träger der zellulären Abwehr bezeichnet. Nach Antigen-Kontakt entstehen aus einem naiven T-Lymphozyten zytotoxische T-Zellen sowie T-Gedächtnis- und T-Helferzellen. Zytotoxische T-Zellen erkennen vor allem virusinfizierte Zellen aber auch Krebszellen, die sie enzymatisch zerstören können. T-Gedächtniszellen ermöglichen dagegen bei einem erneutem Kontakt mit demselben Antigen eine schnelle Sekundärreaktion, während T-Helferzellen unter anderem dafür sorgen, dass B-Lymphozyten mit dem passenden Rezeptor sich vermehren und ausdifferenzieren.

Aus naiven B-Lymphozyten entwickeln sich Plasmazellen oder B-Gedächtniszellen. Plasmazellen entfalten ihre Wirkung über Immunglobuline, also lösliche Abwehrstoffe. Dabei handelt es sich um Glykoproteine, die vor allem bei der Abwehr von Bakterien und freigesetzten Toxinen eine große Rolle spielen. Immunglobuline werden auch als Antikörper, die Reaktion als humorale (Körperflüssigkeit betreffende) Immunantwort bezeichnet. Rund zehn Tage kann es dauern, bis nach der Stimulation eines B-Lymphozyten große Mengen an Antikörpern zur Verfügung stehen. Diese gelangen dann mit dem Blut aus der Milz in alle Teile des Körpers.

Wichtiges Schutzorgan

Mit ihrer großen Dichte an Abwehrzellen entfernt die Milz alle im Blut befindlichen unerwünschten »Eindringlinge«. So sind allein 10 Prozent aller Lymphozyten des menschlichen Körpers in der Milz zu finden. Beim Eintritt in die Milz tasten die zahlreichen Abwehrzellen in der weißen Pulpa und anschließend noch einmal in der roten Pulpa das Blut auf Schadstoffe, Zellen und Krankheiterreger ab. In der weißen Pulpa nehmen zum großen Teil aktivierte (ausdifferenzierte) Zellen der spezifischen Immunabwehr diese Schutzfunktion wahr. Bei einem bisher unbekannten Antigen setzen naive B- und T-Lymphozyten eine weitere zelluläre und humorale Immunantwort in Gang.

Zusätzlich wirkt die rote Pulpa als Filter für das Blut, indem Fresszellen vor allem überalterte und geschädigte Blutzellen und Gerinnungsprodukte abbauen. Dazu gelangt das Blut von den Hülsenkapillaren in die Maschenräume des retikulären Bindegewebes. Teilweise sind die Maschen so eng, dass manche Zellen einfach hängenbleiben, wenn sie aufgrund ihres Alters oder krankhafter Veränderungen zu starr geworden sind. So können gesunde Erythrozyten (rote Blutkörperchen) trotz eines Durchmessers von 7 bis 8 µm noch Engpässe von 3 µm passieren. Mit dem Alter verändern sich jedoch ihre Mem­branproteine und die Elastizität geht verloren. Dadurch verlängert sich ihre Verweildauer im engen Maschenwerk der roten Pulpa und ihre Struktur ändert sich noch weiter. Die Makrophagen der Milz können diese überalterten Blutzellen erkennen und phagozytieren.

Nach diesem Prozess wird das gereinigte Blut in weiten Kapillaren (Sinusoiden) gesammelt und über größere Venen in den Trabekeln nach außen geleitet. In einem zweiten Kreislauf kann das Blut auch von den Hülsenkapillaren über die Sinusoiden direkt in die Venen abfließen. Über eine große Vene verlässt das Blut die Milz, fließt in die Pfortader und gelangt in die Leber. Die Filter- und Immunprozesse in der Milz können somit auch als eine bedeutende Vorreinigungsstufe angesehen werden, bevor in der Leber weitere Abbau- und Stoffwechselprozesse stattfinden.

Weit mehr noch als beim Menschen kann die Milz bei Tieren Blut speichern, beispielsweise bei Hetzjägern wie Hunden bis zu 16 Prozent des gesamten Blutvolumens, beim Menschen sollen es rund 3 Prozent sein. Nach einer starken körperlichen Anstrengung oder einem großen Blutverlust steht das gespeicherte Blut sofort zur Verfü- gung. Auch Eisen soll die Milz speichern können. Das Metall entsteht als Abbauprodukt der Erythrozyten, die Eisen als Zentralatom des Hämoglobins enthalten.

Warnsignal: tastbare Milz

Aufgrund ihrer Lage unter den Rippen lässt sich eine gesunde Milz nicht ertasten. Dies ändert sich, wenn das gut durchblutete Organ infolge einer Erkrankung auf mehr als das Doppelte seiner normalen Größe anschwillt. Menschen mit einer tastbaren Milz sollten daher immer einen Arzt aufsuchen.

Vor allem durch die deutlich erhöhte Bildung von Lymphozyten bei einer systemischen Infektion kann sich die Milz vergrößern (Splenomegalie). Häufig zu beobachten ist dies zum Beispiel bei Erkrankungen wie Malaria, akuter Virushepatitis oder bei einer Sepsis. Aber auch ein Blutstau in der Pfortader als Folge einer Leberzirrhose oder einer Herzschwäche kann zu einer vergrößerten Milz führen. Zu den weiteren begünstigenden Faktoren einer Splenomegalie zählen Erkrankungen wie die Leukämie oder der Lupus erythematodes. Sehr selten ist ein Milztumor die Ursache.

Eine Splenomegalie kann zu einem deutlichen Mangel an Blutzellen wie Erythrozyten, Granulozyten und Thrombozyten führen und wiederholte Bluttransfusionen erforderlich machen. Wenn die Folgen nicht mehr beherrschbar sind, ist die Entfernung der Milz die einzige Therapieoption.

Ein Mangel an Blutzellen kann jedoch auch andere Ursachen haben. Eine davon ist die Sichelzellenanämie. Bei dieser erblichen Erkrankung gleicht die Form der Erythrozyten einer Sichel mit der Folge, dass die Milz die eigentlich frischen und zur Sauerstoffversorgung notwendigen Erythrozyten verstärkt abbaut, weil die veränderten Blutkörperchen selbst kleinere Gefäße nicht mehr passieren können. Außerdem droht in der roten Pulpa eine hochgradige Blutstauung und Verkalkung. Den Patienten kann die Transfusion von Erythrozytenkonzentrat oder letztendlich die Entfernung der Milz helfen.

Operative Entfernung

Entsteht durch eine Verletzung etwa infolge eines Verkehrsunfalls ein Milzriss (Milzruptur), kommt es aufgrund der starken Durchblutung der Milz zu schweren inneren Blutungen. Typische Zeichen der Ruptur sind ein Kreislaufkollaps und Bauchschmerzen. Oft jedoch entdecken Mediziner die Verletzung erst durch eine Ultraschalluntersuchung. Ist die schnelle Blutstillung durch eine Gewebeklebung oder eine Naht nicht möglich, wird das Organ sofort operativ entfernt. Nach einem Funktionsausfall oder nach Entfernung der Milz (Splenektomie) übernehmen vor allem die Leber und andere lymphatische Organe deren Aufgaben.

Im Gegensatz zu Erwachsenen ist die Splenektomie bei unter 15-Jährigen ein riskanter Eingriff, denn ihre erworbene Immunität ist bei Weitem noch nicht so ausdifferenziert und schlagkräftig genug. Bei Kindern und Jugendlichen sorgen hauptsächlich die Makrophagen in der Milz dafür, dass sich Krankheitserreger im Blut nicht weiter ausbreiten. Zytotoxische T-Zellen und Antikörper sind noch nicht (ausreichend) vorhanden. Daher ist hier die Gefahr einer Bakteriämie oder Sepsis nach einer Milzentfernung besonders groß. Gefürchtet sind vor allem Kapseltragende Bakterien wie die Pneumokokken. Gegen diese Erreger helfen jedoch Impfungen – selbst nach dem Eingriff. Mit den im Impfstoff enthaltenen Antigenen aktivieren sie die naiven Lymphozyten in den anderen lymphatischen Organen und sorgen so dafür, dass der Körper eine spezifische Immunität ausbilden kann. Um das Risiko der Kinder vor einer Bakteriämie oder Sepsis zu verringern, verordnen Ärzte ­prophylaktisch Antibiotika und bei Infektionsverdacht eine Antibiotikatherapie. /

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