PTA-Forum online
K.-o.-Mittel

Frauennotrufe helfen weiter

22.06.2012  17:13 Uhr

Von Ursula Sellerberg / Aufgrund einiger Nachfragen zum Beitrag über die sogenannten K.-o.-Mittel in der letzten Ausgabe hat sich PTA-Forum an Katja Grieger, Sprecherin des Bundes­verbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, gewandt. Die Expertin beantwortete einige Fragen, die verunsicherte ­Frauen sich stellen.

Sellerberg: Wie kann man sich vor K.-o.-Mitteln schützen?

Grieger: Zunächst einmal ist es gut, über die Wirkung Bescheid zu wissen. Dann hat man im Fall der Fälle schneller Gewissheit, was einem zugestoßen ist, und kann Maßnahmen ergreifen. Es ist ratsam, keine offenen Getränke von Menschen anzunehmen, die man nicht kennt oder denen man nicht vertraut. Ich finde jedoch auch wichtig zu betonen, dass die Verantwortung nicht allein bei den potenziellen Opfern liegen sollte. Auch Veranstalter von Großveranstaltungen sind zum Beispiel aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Getränke nur mit Deckel ausgeschenkt werden, oder Barkeeper sollten einen Blick da­rauf haben, ob sich am Tresen jemand unbemerkt an Getränken zu schaffen macht. Es ist ganz allgemein eine breite Aufklärung über die Gefahr nötig, da sind wir alle gefragt.

Sellerberg: Gibt es Orte, etwa Clubs mit bestimmten Musikrichtungen, an denen das Risiko besonders hoch ist?

Grieger: Das ist uns leider nicht bekannt. Wir wissen von Verabreichungen an öffentlichen Orten wie in Clubs, Diskotheken oder auf Volksfesten. Aber wir wissen auch von Fällen, in denen die Mittel bei privaten Partys und Festen verabreicht wurden oder bei einer Weihnachtsfeier mit den Arbeitskollegen. Und leider hatten wir auch schon mit Frauen zu tun, deren Partner ihnen das Mittel verabreichte, um sie willenlos zu machen und zu vergewaltigen. Das bedeutet: Es macht keinen Sinn, bestimmte Orte zu meiden.

Sellerberg: Was sollte man tun, was sollte man lassen, wenn man den Verdacht hat, akut vergiftet worden zu sein?

Grieger: Unbedingt sollte man sich sofort an eine Vertrauensperson wenden und diese um Hilfe bitten, zum Beispiel, dass man gemeinsam nach Hause oder ins Krankenhaus geht. Wir wissen von Fällen, in denen junge Frauen solche Mittel zwar verabreicht bekamen, aber mit der Unterstützung von Freundinnen gut nach Hause gekommen sind, bevor ein sexueller Übergriff begangen werden konnte. Zumindest solche weiteren Straftaten können also verhindert werden, wenn Menschen, die zusammen ausgehen, gut auf­einander achten.

Wir wissen aber auch, dass an öffentlichen Orten nicht selten die Täter den Opfern anbieten, sie nach Hause zu bringen. In einer solchen Situation sollte keine Frau mit jemandem mitgehen, den sie nicht kennt oder dem sie nicht vertraut. Bei einem konkreten Verdacht auf Verabreichung von K.-o.-Mitteln sollte sie sich möglichst schnell an die Polizei oder einen Frauennotruf wenden.

Sellerberg: Die Dunkelziffer ist bei K.-o.-Mitteln sehr hoch, Schätzungen zur Größe des Problems deshalb schwierig. Wie viele Frauen melden sich im Jahr allein bei Ihnen?

Grieger: Dass es keine Zahlen gibt, ist ein großes Problem. Wir haben im Jahr 2007 die Fachstellen des Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frau­ennotrufe befragt und es wurden insgesamt 240 Fälle identifiziert. Das ist natürlich nicht repräsentativ und mit Sicherheit nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Dunkelfeld. Das interessanteste Ergebnis der Befragung war aber: Überall dort, wo Fachberatungsstellen Kampagnen oder öffentliche Aktionen zum Thema durchgeführt haben, meldeten sich sofort viele Betroffene.

Sellerberg: Wie helfen Frauennotrufe den Betroffenen? Können sich auch Männer an Sie wenden?

Grieger: Jeder erhält dort Unterstützung und Informationen, zum Beispiel zu Fragen wie »Wo kann ich hingehen, wenn ich mein Blut untersuchen lassen möchte?«. Die Beraterinnen unterstützen Betroffene dabei herauszufinden, was als Nächstes getan werden kann. Macht es Sinn, zur Polizei zu gehen? Wie kann ich mich wieder sicher im öffentlichen Raum bewegen? Habe ich Mitschuld daran, was mir passiert ist? Hätte ich es verhindern können?

Solche Fragen beschäftigen die ­Betroffenen, und es ist gut, wenn sie ­damit nicht alleine sind, sondern eine Beraterin an der Seite haben. An Frauennotrufe können sich Betroffene auch dann noch wenden, wenn die Tat schon länger zurückliegt. Oft haben die Frauen lange mit den Folgen zu kämpfen, vor allem wenn ein sexueller Übergriff stattgefunden hat.

Frauennotrufe und -beratungsstellen richten sich hauptsächlich an weibliche Betroffene. Dafür wurden sie eingerichtet. Aber auch Männer, die sich Sorgen um eine Frau machen, können sich dort beraten lassen, wie sie am besten helfen können. Und männliche Opfer können zumindest in den Fachstellen anrufen und erfahren dann die Telefonnummer einer Beratungsstelle in der Region, an die sie sich wenden können. Unter www.frauen-gegen-­gewalt.de finden Interessierte Beratungsstellen in allen Regionen Deutschlands. /