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Reiseapotheke

In der Hektik nichts vergessen

22.06.2012  16:53 Uhr

Von Susanne Poth / Vor der Abreise ist fast jedem Urlauber klar: Im Gepäck darf auf keinen Fall eine Reiseapotheke fehlen. Die meisten Kunden sind dankbar, wenn PTA oder Apotheker sie bei der Zusammenstellung der individuell benötigten Medikamente unterstützen. Mit einem pauschalen Handzettel ist jedoch nur wenigen geholfen.

Die erhoffte Erholung rückt in weite Ferne, wenn Fieber, Verletzungen oder Durchfall den Reisenden in den schönsten Wochen des Jahres quälen. Wer trotz guter Prophylaxe dennoch ans Bett gefesselt ist, möchte wenigstens möglichst umgehend das Medikament zur Hand haben, auf das er auch zu Hause vertraut. Eine Apotheke suchen zu müssen, um dort in einer fremden Sprache seine Beschwerden zu erklären, würde wohl jeder in einer solchen Situation gerne vermeiden. Am besten hat der Erkrankte das benötigte Arzneimittel gleich im Hotelzimmer – in seiner Reiseapotheke. Möglicherweise erinnert sich der Urlauber dann in Dankbarkeit an das Apothekenteam und seine umfassende Beratung.

Jede Reiseapotheke muss ganz individuell auf die Reisenden und die Reise abgestimmt werden: Familien mit Kindern benötigen andere Medikamente als Senioren oder Patienten mit chronischen Erkrankungen. Eine Reise in den Bayerischen Wald muss anders vorbereitet werden als der Badeurlaub in Griechenland. Noch weitreichender sind die Bedürfnisse der Besucher exotischer Ziele. Hier gilt es zu unterscheiden, ob sie als Pauschalreisende unterwegs sind oder auf Backpacker-Tour. Generell gilt ohnehin, dass jeder seine persönlichen Empfindlichkeiten oder Schwachstellen kennen sollte: Während sich der eine in klimatisierten Räumen schnell erkältet, weiß der andere um seine Darmträgheit auf Reisen. So wird schnell deutlich, dass jeder Reisende eine persönliche Beratung benötigt.

Gewappnet für den Notfall

Wer in den Ferien häufiger Tagestouren unternimmt, sollte immer ein separates Täschchen mit einer Grundausstattung an Verbandmaterial mitnehmen. Dazu gehört ein Wunddesinfektionsmittel, Wundschnellverband, sterile Kompressen plus Verbandmull, Mullbinden zum Fixieren und Heftpflaster zum Festkleben. Im Badeurlaub eignet sich ein Sprühverband bei kleinen Wunden oder Hautabschürfungen meist besser. Für kleine Platzwunden kann ein Klammerpflaster sinnvoll sein. Auch an eine elastische Binde zum Stabilisieren von verstauchten Gelenken sollten Urlauber denken. Das Verbandstäschchen sollte außerdem auf jeden Fall eine kleine Schere enthalten, eine Pinzette, gegebenenfalls eine Zeckenzange und ein Paar Einmalhandschuhe, falls man anderen helfen muss.

Wenns sticht und beißt

Jeder hofft in den Ferien auf sonnige Tage, ein Sonnenbrand verdirbt jedoch die Urlaubsfreuden. Deshalb gehören Sonnenschutzpräparate immer ins Gepäck und eine halbe Stunde vor dem Sonnenbad auf die Haut. Das gilt besonders bei Kindern, denn die Anzahl der Sonnenbrände im Kindesalter erhöht das Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken, in erschreckendem Maße: Zwei Sonnenbrände verdoppeln das Risiko bereits. Fragt der Kunde, wie viele Flaschen Sonnenmilch er mitnehmen soll, gilt folgende grobe Hochrechnung: Ein Erwachsener benötigt für das einmalige Eincremen des ganzen Körpers etwa 30 Milliliter Lotion. Auch eine feuchtigkeitsspendende Après-Lotion darf im Gepäck nicht fehlen, um die von der Sonne strapazierte Haut abends zu beruhigen. Und falls die Haut gerötet ist und brennt, kühlt ein juckreizstillendes Gel aus der Reiseapotheke, das auch bei Insektenstichen zum Einsatz kommt.

Insektenschutz ist ein wichtiger Punkt auf der Vorbereitungsliste. Er muss je nach Reiseziel ausgewählt werden. Einen besonderen Schutz benötigen Urlauber in Gebieten, deren Insekten Krankheiten übertragen. Dazu zählen in weiten Teilen Europas insbesondere die Zecken. In Deutschland sind die mit FSME-Viren infizierten Spinnentiere hauptsächlich in Bayern und Baden-Württemberg zu finden, die Risikogebiete weiten sich jedoch aus und haben den »Weißwurstäquator« (Main) bereits nach Norden hin überschritten. Weiterhin können die Zecken in allen osteuropäischen Gebieten FSME übertragen. Wer hier Urlaub macht, sollte sich rechtzeitig gegen FSME impfen lassen. Zusätzlich schützen entsprechende Repellentien sowie lange Ärmel und Hosenbeine zum Beispiel beim Wandern und Spielen in hohem Gras. In jedem Fall sollten sich Reisende in Zeckengebiete abends gründlich auf Zeckenbefall absuchen.

Gerüstet für die Tropen

Bei vielen Fernreisen ist eine Malaria­prophylaxe vonnöten. PTA oder Apotheker sollten mit dem Kunden ausführlich darüber sprechen und auch auf die möglichen Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen der eingesetzten Arzneimittel hinweisen. So ist Mefloquin bei Patienten mit Krampfanfällen und psychischen Störungen kontraindiziert. Auch bei Menschen mit Herzrhythmusstörungen und Lebererkrankungen können Pro­bleme auftauchen. Bekannt sind außerdem Wechselwirkungen mit Betablockern, Calcium-Antagonisten und antiretroviralen Wirkstoffen.

Die Prophylaxe mit Medikamenten ersetzt jedoch nicht den Mückenschutz. Denn neben der Malaria werden auch Dengue-, West-Nil- und Gelbfieber, Chikungunya, Leishmaniose und Japanische Enzephalitis von Insekten übertragen. Nur Moskitonetze, helle körperbedeckende Kleidung und ein geeignetes Repellent können davor schützen. Bei der Auswahl der Wirkstoffe kursieren unter Reisenden viele Geheimtipps. Wissenschaftlich belegt ist die Wirkung von DEET und Icaridin, die beide als tropentauglich gelten. Da die Überträgermücke des Dengue-Fiebers nicht nur in der Dämmerung angriffslustig ist, besteht auch tagsüber Infektionsgefahr. In den entsprechenden Regionen sollten die Urlauber zuerst den Sonnenschutz und etwa eine halbe Stunde später das Repellent auftragen.

Probe für Magen und Darm

Im Urlaub gerät bei vielen Menschen die regelmäßige Verdauung aus dem Rhythmus. Die Betroffenen kennen ihr Problem häufig schon recht gut und wissen, dass sie ein Abführmittel auf die Reise mitnehmen müssen. Auch langes Sitzen im Flugzeug, Auto oder Bus und zu wenig Flüssigkeit fördert Verstopfung. Bewegung, ausreichend Wasser und im Notfall ein Abführmittel regeln die Darmträgheit am Urlaubsort meist schnell wieder. Bei manchen Menschen bewirken schlechte hygienische Verhältnisse die Darmblockade. Dann helfen oft einzeln abgepackte Desinfektionstücher, mit denen der Toilettensitz gereinigt werden kann.

Eher plötzlich trifft »Montezumas Rache« die Reisenden. Erwachsenen verdirbt der Durchfall die herrlichen Urlaubstage, bei kleineren Kindern führt er möglicherweise sogar zu lebensbedrohlichen Situationen. In den meisten Fällen sind Toxin-bildende enterotoxische Escherichia-coli-Bakterien (ETEC) Auslöser der Reisekrankheit Nummer eins. Die Toxine ermöglichen das Austreten von Flüssigkeit in den Darm. Wer den Travellertipp »Cook it, boil it, peel it or forget it« (meide alles, was nicht gekocht, gebraten oder geschält ist) beherzigt, kann nahezu vermeiden, dass die Keime mit der Nahrung oder Getränken in den Gastrointestinaltrakt gelangen. Generell sollte man unterwegs häufiger die Hände waschen oder mit Desinfektionsgelen vor den Mahlzeiten einreiben.

Ein durch Kolibakterien verursachter Durchfall normalisiert sich meist innerhalb von drei Tagen wieder. Die Ärzte vom Centrum für Reisemedizin (CRM) empfehlen derzeit, orale Rehydratationslösungen (Glucose-Elektrolyt-Lösung) und Gerbstoff-haltige Präparate wie Tanninalbuminat auf Reisen mitzunehmen. Uzarawurzelpräparate, die im Darm sowohl antisekretolytisch, motilitätshemmend und spasmolytisch wirken, sind für Erwachsene und auch für Kinder ab zwei Jahren geeignet. Reine Motilitätshemmer wie Loperamid gelten als effektive Notbremse, wenn der Darm zum Beispiel für die Heimreise ruhiggestellt werden soll. Verursachen Salmonellen, Shigellen oder ähnliche Erreger die Diarrhö, ist die Einnahme eines Antibiotikums erforderlich. Je nach Art der Unterbringung und der medizinischen Gegebenheiten vor Ort sollten Fernreisende prophylaktisch ein entsprechendes Medikament (zum Beispiel mit Azithromycin) mitführen, das ihnen vorab ein Arzt verordnet hat. Probiotika wie Lactobacillen oder medizinische Hefe können nach einer Antibiotikabehandlung die Darmflora schneller stabilisieren.

»Mir ist so schlecht …!«

… klagen Kinder häufig bei langen und kurvenreichen Autofahrten. Reiseta­bletten oder Kaugummis sorgen – prophylaktisch eingenommen – für Ruhe auf der Rückbank, weil sie obendrein müde machen. Meist bleiben die Betroffenen von Übelkeit verschont, wenn sie auf dem Beifahrersitz reisen und durch die Frontscheibe die Umgebung beobachten können. Erfahrungsgemäß fördert Lesen das Problem. Auf Schiffsreisen wird es häufig auch Menschen schlecht, die dies von anderen Verkehrsmitteln bislang nicht kannten. Schade, wenn die Kreuzfahrt, die Fährreise oder der Segeltörn dann zum Albtraum werden. Ein Antiemetikum in der Reiseapotheke kann dann die ersehnte Erholung retten.

Koffer oder Handgepäck?

Flugreisende sollten Medikamente, die sie unbedingt brauchen, im Handgepäck mitnehmen. Falls der Koffer verloren geht oder ein paar Tage später ankommt, entstehen keine Probleme. Außerdem leiden manche Wirkstoffe unter den ex­trem kalten Temperaturen im Gepäckraum. Aber Vorsicht: Aus Sicherheitsgründen darf kein Passagier Scheren im Handgepäck mit ins Flugzeug nehmen! Das separate Täschchen mit dem Verbandmaterial gehört deshalb in den Koffer. Für Insulin und die benötigten Hilfsmittel im Handgepäck gibt es für Flugreisen besondere Kennzeichnungspflichten.

Damit rechnen die wenigsten: Husten, Schnupfen, Hals- oder Ohrenschmerzen ausgerechnet in der heißesten Zeit. Klimaanlagen oder Durchzug, zum Beispiel im Auto, können die Beschwerden auslösen. Auf Fernreisen trocknet die Luft im Flugzeug die Schleimhäute aus und macht sie anfällig für Bakterien. Auch den häufigen Wechsel von der Hitze draußen in kalte, klimatisierte Räume vertragen viele Urlauber nicht gut. Eine Basisausstattung zum Thema »Erkältung« gehört deshalb immer in die Reiseapotheke. Sie umfasst schleimhautabschwellende Nasentropfen, Halsschmerztabletten, entzündungshemmende Augentropfen, insbesondere bei Kindern auch einen Hustenlöser und Hustenstiller. Bei erkälteten Babys und Kleinkindern wirken sich Erkältungen häufig auf die Ohren aus. Abschwellende Nasentropfen sind hier sehr hilfreich, indem sie einen Druckausgleich zwischen dem Mittelohr und dem Nasen-Rachen-Raum ermöglichen und damit die Ursache der Schmerzen beheben. Tipp für die Eltern: Bei Flugreisen das Nasenspray dem erkälteten Kind eine halbe Stunde vor dem Start und der Landung geben.

Die 10 Klassiker der homöopathischen Reiseapotheke

  • Aconitum bei akuten Entzündungen, Fieber, Grippe und schmerzhaften Nervenentzündungen sowie Angstzuständen und Schlafstörungen mit Angst, Schrecken und Panik
  • Apis bei allergischen Reaktionen und Entzündungen sowie Schwellungen der Haut durch Insektenstiche oder Nesselsucht
  • Arnica das Erste-Hilfe-Mittel bei Verletzungen jeglicher Art mit Blutungen, Prellungen und Zerrungen
  • Belladonna bei fieberhaften Infekten mit Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, geröteter Rachenschleimhaut, entzündeten und geschwollenen Mandeln, plötzlich auftretenden starken Ohrenschmerzen sowie Kopfschmerzen (roter heißer Kopf), Sonnenbrand
  • Cantharis bei Verbrennungen, Verbrühungen, Sonnenbrand, akute Blasenentzündung
  • Cocculus gegen Reiseübelkeit, Übelkeit mit Brechreiz, Schlafstörungen oder Erschöpfung und Müdigkeit durch Zeitverschiebung
  • Ledum bei Insektenstichen, Gelenkschmerzen, Bisswunden
  • Nux vomica gegen Magen-Darm-Beschwerden, z. B. Übelkeit und Erbrechen nach zu fettem Essen, Blähungen, Durchfall, Kater
  • Okoubaka bei Durchfall, Übelkeit, akutem Erbrechen, auf Fernreisen und zur Vorbeugung, begleitend zur Antibiotikatherapie
  • Pulsatilla gegen Schnupfen, Husten, Mittelohrentzündung, tränende Augen

Rückenschmerzen wegen schlechter Matratzen, Kopfschmerzen und Fieber, aber auch die Beschwerden durch ein verstauchtes Gelenk, Analgetika auf Reisen sollen gegen vielerlei Schmerzen helfen. Welches diese Anforderungen am besten erfüllt, darüber streiten die Wissenschaftler. Mit ihrem breiten Wirkspektrum erfüllen Ibuprofen und Diclofenac diese Aufgabe schnell, vielseitig und effektiv. Gegen Fieber bei Kindern eignen sich Ibuprofen-Saft oder Paracetamol. Bei einem grippalen Infekt nehmen viele Menschen Acetylsalicylsäure ein. Doch Vorsicht: Bei Tropenerkrankungen geht Fieber oftmals mit inneren Blutungen einher, die ASS verstärken kann.

Dauermedikation

Ob Blutdruckmittel, Blutverdünner, Kontrazeptivum oder Insulin – PTA oder Apotheker sollten die Patienten lieber noch einmal daran erinnern, einen ausreichend großen Vorrat mit auf die Reise zu nehmen. Auch der Hinweis, dass sich bei Fernreisen der Einnahmerhythmus von Insulin, Antidiabetika, hormonellen Kontrazeptiva und Antikoagulanzien ändern kann, sollte bei der Beratung nicht fehlen. Generell sollten Allergiker, Diabetiker oder Marcumar-Patienten einen Gesundheitspass in den Reiseunterlagen mitführen. Bei Reisen im In- und Ausland ist es ratsam, die Telefonnummer des behandelnden Arztes in Deutschland zu notieren. Auch der Impfausweis gehört auf allen Reisen zu den Unterlagen.

Impfung last minute

Schnäppchen-Jäger freuen sich, wenn sie in letzter Minute noch eine Traumreise in die Tropen buchen und dabei viel Geld sparen konnten. Damit die Reise nicht zum russischen Roulette wird, läuft der Countdown: Welche Reiseprophylaxe lässt sich vor dem Abflug noch erledigen? Auffrischimpfungen beispielsweise gegen Diphtherie, Tetanus, Pertussis und Masern sind umgehend wirksam und können bis zur letzten Minute erfolgen, auch eine Hepatitisimpfung ist dann noch sinnvoll.

Gegen Gelbfieber, Typhus und Cholera können sich Reisende noch 10 bis 14 Tage vor dem Urlaub impfen lassen. Impfungen gegen Hepatis B, FSME und Japanische Enzephalitis bieten hingegen so kurz vor der Reise keinen ausreichenden Schutz mehr. Der Beginn der Malariaprophylaxe kann ebenfalls noch in der letzten Woche erfolgen, mit der Kombination aus Atovaquon und Proguanil sogar noch bis zu einem Tag vor der Abreise.

Homöopathische Hilfe

Wer zu Hause viele Beschwerden mit homöopathischen Mitteln behandelt, möchte das auch auf Reisen beibehalten. Ein handliches Etui mit mindestens 12 Mitteln, abgefüllt in kleine Glasröhrchen, bietet die Grundausstattung für unterwegs. Die Wirkstoffe – meist in ihrer D6-Potenz – unterstützen den Heilungsprozess und wirken teilweise auch prophylaktisch. Der Kasten enthält die 10 Klassiker der homöopathischen Reiseapotheke. /

Das Wichtigste

  • Reiseprophylaxe (Impfungen, Malariaprophylaxe)
  • Wunden (Desinfektionsmittel, Verbandmaterial)
  • Verstauchung und Verletzungen
  • Insektenschutz
  • Sonnenschutz, Sonnenbrand, allergische Hautreaktionen
  • Verstopfung
  • Durchfall und Magenbeschwerden
  • Reiseübelkeit
  • Fieber, Schmerzen
  • Erkältung
  • Dauermedikation (Pille, etc. )
  • Fieberthermometer, Pinzette, kleine Schere, ggf. Einmalspritzen und -handschuhe

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