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Magen-Darm-Infekt

Bei Kindern rasch handeln

13.05.2013  14:02 Uhr

Von Susanne Poth / Kinder können durch Durchfall oder Erbrechen so viel Wasser und Elektrolyte verlieren, dass ihr gesamter Körper austrocknet. Dadurch wird die Situation für sie schnell lebens- bedrohlich. Erstes Therapieziel ist daher der Ersatz von Flüssigkeit und Elektrolyten.

Akute Darmentzündungen gehören im Kindesalter zu den häufigsten Erkrankungen. In Deutschland muss jedes sechste Kind einmal jährlich aus diesem Grund in ärztliche Behandlung. In der Regel enden die »Durchmärsche« meist von selbst, bei Kindern sind sie allerdings keine Lappalie. Je jünger das Kind ist, umso größer ist das Risiko, dass es durch eine akute Darmentzündung zu viel Flüssigkeit verliert. Dabei kann der Verlust das Dreifache des Blutvolumens betragen, denn der Körper versucht, das Blutvolumen konstant zu halten und entzieht deshalb dem zwischenzellulären Raum permanent Flüssigkeit.

Während Kinder in Entwicklungsländern häufig an einer akuten Enteritis sterben, verläuft diese in Europa meist nur leicht bis mittelschwer. Aber selbst in Deutschland müssen Ärzte junge Patienten häufig in die Klinik einweisen. Für PTA und Apotheker ist es deshalb wichtig, entscheiden zu können, ob eine Selbstmedikation möglich ist oder nicht.

Vorsicht vor Viren

Rotaviren verursachen am häufigsten Durchfälle. In den ersten drei Lebensjahren machen mehr als 90 Prozent der Kinder eine Infektion mit den radförmigen Krankheitserregern durch. Die meldepflichtige Krankheit wird durch Schmierinfektion, also von der Hand in den Mund, übertragen. Sie ist hochansteckend, aber hierzulande in der Regel nicht lebensbedrohlich. Um weitere Familienmitglieder vor der Infektion zu schützen, ist gründliches Händewaschen mit warmem Wasser und Seife oberstes Gebot. Eine je nach Präparat zwei- oder dreiteilige Schluckimpfung ist die beste Prophylaxe und für Kinder in Entwicklungsländern überlebenswichtig. Babys können die Impfung ab der sechsten Lebenswoche erhalten.

Einige Bundesländer haben die Impfung in den Impfkalender aufgenommen. Sie kann beispielsweise sinnvoll sein, wenn das Baby in einer Kindertagesstätte versorgt wird oder am Babyschwimmen teilnimmt. Da die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut die Schutz- impfung aber nicht empfiehlt, müssen Eltern die Kosten für die Impfung zurzeit selbst tragen.

Neben dem Rotavirus führen Noro- und Adenoviren bei Kindern vereinzelt zu lebensbedrohlichen Infektionen, ebenso die bakteriellen Krankheitserreger wie Salmonellen und auf Reisen typischerweise enterotoxische Escherichia-coli-Bakterien (ETEC).

Nebenwirkung Durchfall

Durchfall tritt auch als unerwünschte Wirkung bei einer Antibiotikatherapie auf. Dass die Medikamente die Darmflora attackieren, lässt sich nicht verhindern, die Effekte lassen sich aber mindern: Günstig ist, wenn der kleine Patient das Antibiotikum – möglichst aufrecht sitzend oder stehend – circa eine Stunde vor dem Essen mit viel Wasser erhält. So nimmt der Körper den Wirkstoff am schnellsten auf und es besteht nur eine kurze Kontaktzeit mit dem Darm und seiner natürlichen Flora.

Bei ständig wiederkehrenden Durchfällen müssen die Eltern die Ursache von einem Kinderarzt abklären lassen. Sowohl das Reizdarmsyndrom, als auch eine Lactose-Unverträglichkeit äußern sich mit Durchfällen und Oberbauchbeschwerden. Selten, aber immer häufiger leiden Kinder an der Autoimmun-erkrankung Zöliakie. Sie vertragen dann das Klebereiweiß Gluten nicht, genauer gesagt den Proteinabschnitt Gliadin, der in den meisten Getreidesorten wie Weizen, Gerste, Roggen und Dinkel vorkommt. Gliadin löst bei den Betroffenen eine komplexe Reaktion der Darmschleimhaut und des Immunsystems aus, die dazu führt, dass sich die Darmzotten zurückbilden. Dadurch kann der Darm die Nährstoffe nicht mehr in ausreichendem Maße aufnehmen. Das führt meist schon im Säuglingsalter zu auffälligen Gedeihstörungen wie dünne Arme und Beine sowie späteren Wachstumsstörungen. Als klassisches Symptom treten übel riechende chronische Durchfälle auf.

Verluste ausgleichen

Eltern sollten bei infektiösen Durchfall-erkrankungen ihrer Kinder generell sicherheitshalber einen Arzt aufsuchen. Um eine lebensbedrohliche Dehydratation und Entkräftung zu verhindern und um die Epithelzellen der Darmschleimhaut (Enterozyten) zu regenerieren, ist der Ausgleich von Flüssigkeit und Elektrolyten leitliniengemäß Grundlage der Therapie. Hierzu eignen sich fertige Pulver zur Herstellung oraler Rehydratationslösungen. Die Lösung sollte gemäß der aktuellen Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO hypoton sein. In den Industrieländern soll der Natriumgehalt der Lösung 45 bis 60 mmol/l betragen.

Die fertigen Lösungen enthalten ein bestimmtes Mischungsverhältnis aus Natrium und Glucose sowie Galactose, das nach wissenschaftlichen Erkenntnissen zu einer optimalen Natrium-Aufnahme in den Enterozyten führt und einen entsprechenden Wassereinstrom nach sich zieht. Daher sollte das Apothekenteam die Eltern darauf aufmerksam machen, dass sie dieses Mischungsverhältnis nicht verändern und dem Kind zunächst keine anderen Getränke geben. Auf keinen Fall ersetzen Cola-Getränke eine solche Lösung. Sie enthalten zu viel Zucker, hingegen wenig Natrium und Kalium. Außerdem regt das enthaltene Coffein die Darmbewegungen an.

Spätestens vier bis sechs Stunden nach dem Ausgleich des Flüssigkeitsverlustes sollte das Kind wieder gewohnte Nahrung essen und trinken, denn Schonkost verzögert die Rekonvaleszenz unnötig. Allerdings verzichten die Eltern besser zunächst darauf, zu fettiges und scharfes Essen anzubieten. Manche Kinder vertragen auch Milch kurz nach dem Durchfall schlecht.

Elektrolytlösung

Die von der WHO empfohlene Zusammensetzung der oralen Rehydratationslösung für 1 Liter Wasser:

  • 13,5 g Glucose
  • 2,9 g Natriumcitrat
  • 2,6 g Natriumchlorid
  • 1,5 g Kaliumchlorid

Die Lösung wird Säuglingen und Kleinkindern bei drohender Dehy-drierung verabreicht, wenn diese in den vergangenen 24 Stunden mehr als acht wässrige Durchfälle hatten oder sich mehr als viermal erbrochen haben.

Welches Präparat in der Selbstmedikation außerdem sinnvoll ist, hängt vom Alter des kleinen Patienten ab. Letztlich sind Arzneimittel gegen Durchfall bei Kindern nur als Ergänzung zu betrachten. Auch Heilnahrung in den ersten zwei Lebensjahren die Gabe der oralen Rehydratationslösung unterstützen. Kleinkinder ab zwei Jahren können Pektin, Tannin-Eiweiß oder medizinische Kohle bekommen. Die Stoffe werden von der Darmschleimhaut nicht resorbiert, sondern adsorbieren Wasser und Toxine an ihrer Oberfläche.

Winzige Helfer

Bei Kindern sind Probiotika sowohl begleitend zur Therapie als auch zur Prophylaxe von Reisedurchfall gut geeignet. Sie besiedeln den Darm und sollen so mögliche Krankheitserreger verdrängen. Der französische Mykologe Henri Boulard entdeckte und isolierte die Wildhefe Saccharomyces boulardii vor 90 Jahren an den Schalen tropischer Früchte. Indonesier nutzten die Schalen bereits als Mittel gegen Durchfall. Die Hefe produziert Substanzen, die das Wachstum der wesentlichen bakteriellen Durchfallerreger hemmen. Außerdem bindet Saccharomyces boulardii die Bakterien sowie ihre Toxine und verhindert so, dass sie an der Darmschleimhaut haften.

Saccharomyces boulardii steigert die Rückresorption von Chloridionen aus dem Darmlumen, sodass gleichzeitig weniger Wasser resorbiert wird. So reguliert die Hefe die Störung der Elektrolytbilanz und reduziert den Flüssigkeitsverlust. Gut belegt ist die Wirkung der Hefepilzpräparate gegen Durchfälle als Folge einer Antibiotikaeinnahme.

Heilpflanzen haben eine lange Tradition bei der Therapie von Diarrhö und sind auch zur Behandlung von Kindern geeignet. So können bereits Kleinkinder Auszüge aus Gerbstoffdrogen trinken, zum Beispiel aus getrockneten Heidelbeerfrüchten. Dazu sollten Mutter oder Vater drei gehäufte Eßlöffel Myrtilli fructus mit 400 Millilitern Wasser etwa zehn Minuten aufkochen. Die Tagesdosis beträgt 30 Gramm getrocknete Früchte. Außerdem beurteilte die Kommission E die Indikation unspezifische, akute Diarrhö bei Brombeerblättern, Eichenrinde und Frauenmantelkraut als positiv – auch für Kinder.

Wurzel gegen Durchfall

Alkoholfreie Uzara-Säfte sind bereits für Kinder ab zwei Jahren geeignet, Dragees für Kinder ab sechs Jahren. Auch sie erhielten eine positive Beurteilung der Kommission E. Die in Südafrika heimische Wurzel von Xysmalobium undulatum liefert die Ausgangssubstanz für diese »Darmbremse«. Die Droge enthält adstringierende Gerbstoffe, hauptverantwortlich für die Wirkung sind jedoch die Glykoside mit Cardenolidgrundgerüst wie Uzarin und Xysmalorin. Diese Substanzen sind chemisch mit den Digitalis-Glykosiden verwandt. Da sie sich jedoch von diesen in der Zucker-Verknüpfung sowie der räumlichen Anordnung unterscheiden, beeinflussen sie den Herzmuskel nicht. Die Glykoside von Xysmalobium undulatum hemmen die glatte Muskulatur des Magen-Darm-Traktes, aber lähmen sie nicht. Sie regulieren die erhöhte Darmbewegung, die Ausscheidung der Toxine bleibt jedoch unbeeinträchtigt.

Der Uzara-Extrakt bessert auch eine möglicherweise den Durchfall begleitende Übelkeit. In einer Anwendungsbeobachtung mit rund 600 Kindern zwischen zwei und neun Jahren erwies sich der Saft als effektiv: Die Wirkung trat rasch ein und die kleinen Patienten, die Eltern und Ärzte bewerteten die Wirksamkeit und Verträglichkeit zu rund 95 Prozent mit gut oder sehr gut.

Ärzte dürfen Loperamid bereits ab dem zweiten Lebensjahr verordnen, für die Selbstmedikation ist der Wirkstoff allerdings erst ab zwölf Jahren zugelassen. Der synthetische Opioidrezeptoragonist hemmt die Darmperistaltik und begünstigt dadurch die Wasser- und Elektrolytaufnahme. Zudem erhöht Loperamid den Tonus des Schließmuskels, steigert die Stuhlkonsistenz und senkt die Stuhlfrequenz.

Homöopathische Tipps

Auf Reisen leiden Kinder durch veränderte Ernährungsgewohnheiten und Klimaumstellung häufig unter Durchfällen. Okoubaka Globuli oder Tabletten in der D3-Potenz können diese möglicherweise abfangen. Zur Prophylaxe erhält das Kind oder der Jugendliche die seinem Alter entsprechende Dosierung dreimal täglich, im akuten Fall stündlich:

  • Kleinkinder: 3 Globuli oder 1/2 Tablette
  • Kinder: 5 Globuli oder 1 Tablette
  • Jugendliche: 5 Globuli oder 2 Tabletten

Einem weinerlichen, reizbaren Kind, das während der Zahnungszeit grünen, schleimigen Durchfall bekommt, kann Chamomilla D4 helfen. Bei unkompliziertem Durchfall ist Bolus alba compositum Pulver eine Alternative. Es enthält neben Bittermitteln des Gelben Enzians und der Eberraute sowie des scharfen Kalmus ätherische Öle von Anis, Kümmel und Kamille, die den Darm beruhigen und Krämpfe und Blähungen lindern. Entzündliche Prozesse abmildern soll die außerdem enthaltene Kohle der Weißbirke. Die Gerbstoffe der Nelkenwurz wirken adstringierend und hemmen den Verlust an Flüssigkeit und Mineralstoffen. Nach homöopathischem Prinzip wirkt potenziertes Arsen stärkeren Durchfällen entgegen. Als Trägersubstanz fungiert weißer Ton, der Bakterientoxine adsorbieren soll. /

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