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Reizdarmsyndrom

Ernährung hilft der Darmflora

13.05.2013  13:52 Uhr

Von Ulrike Becker / Chronische Magen-Darm-Beschwerden ohne organische Ursache bezeichnen Ärzte als Reizdarmsyndrom. Betroffene klagen dabei über unterschiedliche Beschwerden, die ihre Lebensqualität oft erheblich einschränken. Allgemeingültige Ernährungsempfehlungen gibt es zwar nicht. Doch es lohnt sich, bei der Lebensmittelauswahl ein paar Tipps zu berücksichtigen.

Früher galten vor allem psychische Probleme als Auslöser. Heute ist bekannt, dass zahlreiche Faktoren ein Reizdarmsyndrom (RDS oder IBS = Irritable Bowel Syndrom) auslösen können, beispielsweise ein Darminfekt. Als weitere Ursachen diskutieren Wissenschaftler eine erhöhte Empfindlichkeit der Eingeweide, eine lokale Entzündung im Darm sowie einen Mangel an Serotonin. Nicht zuletzt können auch Lebens- und Ernährungsweise die Entstehung eines RDS beeinflussen.

Am Reizdarmsyndrom leiden in den Industrienationen schätzungsweise 7 bis 10 Prozent der Bevölkerung, überwiegend Frauen. Die Beschwerden reichen von unregelmäßigem Stuhlgang, schmerzhaften Krämpfen und Blähungen bis hin zu Verstopfung und Durchfall. Um andere Erkrankungen wie die Glutenunverträglichkeit Zöliakie oder weitere Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten auszuschließen, ist eine umfassende Diagnostik mit Blut-, Stuhl- und Gewebeuntersuchungen unerlässlich.

Aufgrund der individuell unterschiedlichen Ausprägung der Symptome gibt es keine Standardtherapie zur Behandlung eines RDS. Noch immer sind sich Mediziner nicht einig, ob die Ernährung bei der Entstehung eine Rolle spielt und ob Ernährungsmaßnahmen das Therapiekonzept sinnvoll ergänzen können. Dennoch gibt es Ansätze, mit bestimmten Empfehlungen ein Reizdarmsyndrom zu lindern. Vor allem probiotische Milchprodukte und lösliche Ballaststoffe scheinen sich günstig auszuwirken.

Darmflora stärken

Ein gesunder Darm spielt für die Abwehr von Krankheitserregern und die Stimulation des Immunsystems eine wichtige Rolle. Störungen der Flora können daher weitreichende Folgen haben. Bei Reizdarmpatienten ist die Darmflora sowohl in der Zusammensetzung der verschiedenen Bakterienstämme als auch in deren Anzahl verändert. Die regelmäßige Zufuhr von Probiotika kann die Darmflora stärken. Probiotika heißen die entsprechenden Nahrungsergänzungs- oder Lebensmittel, die lebensfähige Milchsäurebakterien enthalten. Vor allem bei einem Reizdarmsyndrom als Folge eines Darminfektes scheinen Probiotika positiv zu wirken. Einzelne Bakterienstämme, zum Beispiel Bifidobacterium infantis, erwiesen sich als besonders effektiv. Andere Milchsäurebakterien zeigten in Studien ebenfalls positive Effekte, unterscheiden sich aber in ihrer Wirkung.

Um ein möglichst breites Spektrum verschiedener Milchsäurebakterien aufzunehmen, ist es für Reizdarmpatienten ratsam, regelmäßig Sauermilchprodukte in ihren Speiseplan einzubauen. Insbesondere Joghurt liefert die hilfreichen Bakterien, aber auch Dickmilch, Kefir, Quark und Buttermilch. Diese Produkte sind aus erhitzter Milch hergestellt, der zur Säuerung und Dicklegung (Fermentation) Milchsäurebakte­rien zugesetzt wurden. Damit die Organismen aktiv bleiben, dürfen diese Lebensmittel anschließend nicht erhitzt werden.

Deshalb lohnt sich ein Blick auf das Etikett: Wurde das Produkt »wärmebehandelt«, ist es ungeeignet. Produkte mit Fruchtanteil werden wegen der besseren Haltbarkeit meist nochmals erhitzt – sie enthalten also keine lebenden Bakterien mehr. Um die Vielfalt der verschiedenen Bakterienstämme zu nutzen, ist es ratsam, die breite Palette an Milchprodukten auszuprobieren und immer einmal einen anderen Anbieter zu wählen. Letztlich müssen Betroffene selbst austesten, welche Produkte ihnen am besten bekommen. Da sich die aufgenommenen Milchsäurebakterien nicht dauerhaft im Darm ansiedeln, kommt es auf die regelmäßige, möglichst tägliche Aufnahme an. 

Ballaststoffe gut dosieren

Oft geht der Reizdarm mit unangenehmem Völlegefühl und Verstopfung einher, typisch ist ein Wechsel mit Durchfall. Hier kann eine ballaststoffreiche Ernährung Abhilfe schaffen – es kommt allerdings auf die Art der Ballaststoffe an. Unlösliche Ballaststoffe sind pflanzliche Gerüstsubstanzen und finden sich vor allem in Vollkornprodukten oder Weizenkleie. Sie erhöhen die Stuhlmenge und können die Darmentleerung bei Verstopfung effektiv unterstützen, da sie unverdaut wieder ausgeschieden werden. Reizdarmpatienten, die unter Blähungen und weichen Stühlen leiden, sollten Lebensmittel mit löslichen Ballaststoffen bevorzugen. Diese binden Wasser, quellen auf und machen den Stuhl gleitfähiger. Außerdem dienen sie den Darmbakterien als Nahrung und unterstützen so die Ausbildung einer gesunden Darmflora. Besonders reich an löslichen Ballaststoffen sind die Schalen von Floh- und Leinsamen sowie verschiedene Gemüse- und Obst­arten. Bei Menschen, die sich bisher ballaststoffarm ernährt haben, führt die Aufnahme einer größeren Ballaststoffmenge anfangs häufig zu unangenehmen Blähungen. PTA und Apotheker können ihren Kunden daher empfehlen, die Menge langsam zu steigern. Viele Reizdarmpatienten profitieren besonders von Flohsamen, die einen hohen Gehalt an Schleimstoffen aufweisen. Wichtiger Tipp: Bei einer ballaststoffreichen Ernährung immer auf eine ausreichende Trinkmenge achten.

Zu den löslichen Ballaststoffen zählen auch Inulin und Oligofructose, also mittelkettige unverdauliche Kohlenhydrate, die die Darmbakterien verstoffwechseln können. Sie werden als sogenannte Prä- oder Prebiotika vermarktet und Milchprodukten, Backwaren, Fruchtsäften oder Müsliriegeln zugesetzt. Die isolierte Zufuhr über spezielle Produkte ist aber nicht notwendig, da sie Bestandteile von Gemüse und Obst sind. Wer beispielsweise häufig Artischocken, Chicoree, Porree, Spargel oder Schwarzwurzeln isst, nimmt sie in ausreichender Menge auf. Eine weitere Ballaststoffsorte, die sich positiv auf den Darm auswirkt, ist resistente Stärke. Sie findet sich beispielsweise in erhitzten und wieder abgekühlten stärkereichen Lebensmitteln wie Kartoffeln oder Nudeln; gute Lieferanten sind auch Bananen.

Ursachen erforschen

Bei einem Teil der Reizdarmpatienten ist die Kohlenhydrataufnahme aus dem Darm eingeschränkt. Das kann sowohl Milchzucker (Lactose) als auch Fruchtzucker (Fructose) betreffen. Eine zuckerarme Ernährung bessert die Symptome bei den meisten Patienten. Im Falle einer Lactoseunverträglichkeit reicht es häufig aus, keine größeren Mengen Milch zu trinken. Bei einer Fructose-Unverträglichkeit sollten die Betroffenen vor allem auf Fruchtsäfte und größere Mengen Obst verzichten. Beide Unverträglichkeiten können auch nur vorübergehend auftreten.

Die Beschwerden einiger Reizdarmpatienten lassen sich möglicherweise auf eine erhöhte Sensibilität gegenüber Weizenprodukten zurückführen. Tatsächlich vermuten einige Wissenschaftler, dass es neben dem Krankheitsbild der Zöliakie auch eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber dem Klebereiweiß Gluten gibt. Diese glutensensitiven Menschen profitieren offenbar auch von einer glutenarmen Ernährung. Während ein Arzt die Zöliakie eindeutig diagnostizieren kann, fehlen bei einer Glutensensitivität nachweisbare Marker oder auffällige Blutwerte. Bevor der Reizdarmpatient Weizen oder Gluten aus dem Speiseplan verbannt, sollte der Arzt unbedingt eine Zöliakie sowie eine Nahrungsmittelallergie ausschließen. Nur bei begründetem Verdacht auf eine Glutensensitivität lohnt es sich, unter ärztlicher Beobachtung für zwei bis vier Wochen eine glutenfreie Diät auszuprobieren. Bessern sich die Beschwerden oder verschwinden sie ganz, sollten die Patienten eine langfristige Reduktion von Weizenprodukten beziehungsweise Gluten erwägen. Eine Ernährungsfachkraft kann dabei helfen, den Speiseplan trotz Einschränkungen abwechslungsreich und ausgewogen zu gestalten. /

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