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Phytotherapie

Rhizome mit großem Potenzial

08.05.2013  14:17 Uhr

Von Birgit Deitelhoff und Tankred Wegener / Ingwer und Curcuma haben in Asien eine Jahrtausende alte Tradition. Die beiden Ingwergewächse kommen nicht nur in der asiatischen Küche zum Einsatz, sondern sind auch wichtige Bestandteile der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) und des indischen Ayurveda. Für die moderne Phytotherapie sind Extrakte aus dem Rhizom der Pflanzen von Interesse.

Die Bedeutung der beiden Pflanzen für die westliche Medizin zeigt die Aufnahme in Arzneibücher sowie die positive Beurteilung durch maßgebliche europäische Kommissionen. So ist Curcuma longa L. bereits seit 1930, Zingiber officinale Rosc. seit 1997 Bestandteil der jeweiligen Ausgaben des Deutschen Arzneibuchs (DAB). Für beide Pflanzen existieren seit 2003 außerdem positive Monographien der European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP), des Herbal Medicinal Product Committee (HMPC) und der Weltgesundheitsorganisation WHO. Der HMPC ist der Ausschuss der EMA (European Medicines Agency), der mit der Beurteilung der Zulassung pflanzlicher Arzneimittel beauftragt ist.

Traditioneller Einsatz

Sowohl Ingwer als auch Curcuma werden traditionell eingesetzt bei dyspeptischen Beschwerden. Für Ingwer ist darüber hinaus die Anwendung »Verhütung der Symptome von Reisekrankheit« traditionell, und der HMPC hat die pflanzliche Droge in die Kategorie »well-established medicinal use« (= anerkannte medizinische Wirkung und akzeptierte Unbedenklichkeit) eingeordnet.

Ingwergewächse (Zingiberaceae) gehören zu den einkeimblättrigen Pflanzen und umfassen etwa 1300 Arten. Bekannt sind deren Vertreter auch oft als Zierpflanzen. Einige Arten der Gattung Zingiber oder Curcuma sind außerdem als Arznei- und Gewürzpflanzen von Bedeutung. Verwendung findet der fleischige Wurzelstock, das Rhizom, das reich an Scharfstoffen beziehungsweise scharfstoffverwandten Substanzen und ätherischen Ölen ist.

Die Rhizome von Ingwer und Curcuma ähneln einander sehr. Horizontal im Boden verlaufend sind Ingwerrhizome von weißlich-brauner, Curcumarhizome von intensiv gelb-oranger Farbe. Charakteristisch für beide Pflanzen ist der aus schuppenartig angeordneten, beim Ingwer schmal-, bei Curcuma eiförmig-lanzettlichen Blättern zusammengesetzte Scheinstängel, der mehr als ­1  Meter lang werden kann. Die Blütenkrone des Ingwers ist grünlich-gelb, die des Curcuma gelblich-weiß. Umhüllt werden Blüten und Blütenstand durch zahlreiche Trag- und Deckblätter. Ingwer blüht im Gegensatz zu Curcuma nur selten und bildet nur wenige Samen.

Die Heimat von Zingiber officinale Rosc. ist Südostasien. Am häufigsten angebaut wird Ingwer in Gebieten des Tropengürtels: Indien, China, West-Malaysia und Nigeria. Curcuma longa L. stammt ursprünglich vermutlich aus Indien, aus dem Gebiet des Bundesstaats Bihar, der 1200 bis 1800 Meter hoch liegt. Hauptanbaugebiet ist Indien; Kulturen finden sich aber auch in anderen Ländern Südostasiens mit niederschlagsreichem, feucht-heißem Klima.

Vegetative Vermehrung

Ingwer und Curcuma werden ausschließlich vegetativ über Stecklinge vermehrt, die aus dem Rhizom gewonnen werden. Geerntet wird etwa acht bis neun Monate nach dem Anpflanzen. Die Wurzelstöcke werden gesäubert, das Ingwerrhizom noch von der äußersten Korkschicht befreit, in der Sonne getrocknet und weiter verarbeitet. Da im Gegensatz zum Ingwer die Rhizome von Curcuma longa im geernteten Zustand zum Austreiben neigen, werden diese nach dem Waschen zunächst mit heißem Wasser überbrüht. Ein Großteil der knolligen Curcuma-Hauptrhizome wird für die vegetative Vermehrung verwendet, während die fingerförmigen Nebenrhizome weiterverarbeitet werden. Beim Ingwer kommt dagegen das ganze Rhizom in den Handel.

Aus den Rhizomen wird durch Extraktion etwa 5 bis 8 Prozent Oleoresin gewonnen, ein Extrakt, der zum einen aus ätherischen Ölen, zum anderen aus verschiedenen sekundären Pflanzenstoffen besteht, beim Ingwer aus charakteristischen nicht-wasserdampfflüchtigen Scharfstoffen, bei Curcuma aus wasserunlöslichen Scharf- und Bitterstoffen.

Ingwer und Curcuma sind zwei der am häufigsten verwendeten Heilpflanzen in ayurvedischen und TCM-Rezepturen. Die Gabe von Bitter- und Scharfstoffdrogen hat sich bei funktionellen dyspeptischen Beschwerden bewährt (siehe Kasten). Diese Bewertung von Ingwer und Curcuma teilt die asiatische Medizin mit der westlichen Phytotherapie. Von den über 50 bekannten Ingwer-Arten hat lediglich Zingiber officinale Rosc. Eingang in die Arzneibücher gefunden. Die Gattung Curcuma umfasst etwa 80 Arten, von denen die Phytotherapie neben der indischen Gelbwurz (Curcuma longa L.) noch die javanische (Curcuma xanthorrhiza Roxb.) anerkennt.

Das Wirkungsspektrum beider Pflanzen ist in gewisser Weise ähnlich. Da der Anteil an Bitterstoffen bei Curcuma wesentlich größer ist, eignet die Pflanze sich vor allem zur Behandlung dyspeptischer Beschwerdebilder, insbesondere als Therapeutikum bei Leber- und Gallebeschwerden. Beim Ingwer steht eher die antiemetische Wirkung und die Anregung der Speichel- und Magensaftproduktion im Vordergrund.

Antiemetische Effekte

Die Wirkung des Ingwers soll auf folgenden Mechanismen beruhen: Oral aufgenommene Gingerole und Shogaole erregen reflektorisch die Wärmerezeptoren der Mundschleimhaut und fördern so die Speichel- und Magensaftsekretion. Die antiemetische Wirkung erklärt sich durch den Einfluss auf das zentrale Nervensystem. Inhaltsstoffe des Ingwers sind in der Lage, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Angriffspunkte des Gingerols sind die Serotonin-Rezeptor-Ionenkanäle, welche am Erbrechen beteiligt sind. Indem Gingerol die entsprechenden 5-HT3-Rezeptoren blockiert, verhindert es die Übelkeit-auslösende Rezeptorbindung des Serotonins. Die Wirksamkeit von Ingwer ist laut einer Studie vergleichbar mit der von Dimenhydrinat.

Funktionelle dyspeptische ­Beschwerden:

Definiton: Störungen im Gastro­intestinaltrakt unter Einschluss von Leber, Galle und Pankreas

Auslöser: krankhafte Veränderung des Magensaftes oder verstärkte Magenperistaltik; auch psychische Ursachen möglich

Typische Symptome: Völlegefühl, Blähungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen im Oberbauch, Unverträglichkeit von fettreichen Speisen, Durchfall

Statistik: Fast jeder Dritte in Deutschland, häufig Frauen

Für die choleretische beziehungsweise cholekinetische Wirkung des Extrakts aus Curcuma longa sind vermutlich nicht die Curcuminoide selbst verantwortlich, sondern die aus ihnen im Gastrointestinaltrakt freigesetzten Zimtsäurederivate, die zudem ein hohes antioxidatives Potenzial besitzen. Auch das enthaltene ätherische Öl wirkt choleretisch, jedoch schwächer.

Ingwerextrakt hat sich darüber hinaus in der Therapie der Gastritis bewährt, da seine Scharfstoffe die Schleimhäute nicht reizen, sondern schützen. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa kommen Ingwer und Curcuma seit einigen Jahren als unterstützende Begleittherapie zum Einsatz. Hier dienen sie vor allem dem Schutz der Schleimhaut, der Unterstützung der Darmflora und der Entzündungshemmung. Ingwer wird nicht nur in Asien, sondern auch in Großbritannien traditionell zur Behandlung muskulärer oder rheumatischer Schmerzen, des Migräne-Kopfschmerz und bei Erkältungen angewendet.

Schmerzlindernde Stoffe

Pharmakologischen Untersuchungen zufolge ist das Wirkspektrum von Ingwer und Curcuma vielfältig, entsprechend hoch ist der Forschungsaufwand. Die entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung der Ingwer-Scharfstoffe lässt sich beispielsweise durch ihre der Acetylsalicylsäure (ASS) verwandte Struktur erklären: Ginger­ole hemmen ebenso wie ASS die Aktivität des für das Entzündungs­geschehen verantwortlichen Enzyms Cyclooxygenase 2 (COX-2) und beeinflussen so die Prostaglandinsynthese. Die antiinflammatorische Wirkung von Curcuma ähnelt der des Ingwers: Auch diese beruht unter anderem auf der Beeinflussung der COX-2 und der Lipoxygenase.

Nach aktuellem Stand ist als Indikationsgebiet für Ingwer laut Report des HMPC der EMA im »well-established-use« die Prophylaxe von Reiseübelkeit (1 bis 2 Gramm Droge circa eine Stunde vor Reiseantritt) anerkannt. Als verantwortlicher Ausschuss der EMA spricht der HMPC auch eine Empfehlung für die Anwendung von Ingwer bei Schwangerschaftsübelkeit aus (dreimal täglich 500 Milligramm über drei bis fünf Tage). Traditionell wird Ingwer nicht nur bei Reiseübelkeit (750 Milligramm 30 Minuten vor Reisebeginn; 0,5 bis 2 Gramm laut ESCOP), sondern auch bei dyspeptischen Beschwerden (dreimal täglich 180 Milligramm) empfohlen. Die WHO rät zur täglichen Gabe von 2 bis 4 Gramm pulverisiertem Rhizom.

Vielseitige Anwendung

Curcuma wird in der ayurvedischen Lehre traditionell bei Hauterkrankungen und Wunden, Leberleiden, Ikterus sowie zur Unterstützung der Darmflora angewandt. Basierend auf diesen Erfahrungen führten Wissenschaftler pharmakologische und klinische Untersuchungen durch mit Curcuma-Extrakt und dem darin enthaltenen Einzelstoff Curcumin. Obwohl noch viel Forschungsbedarf besteht, konnten zahlreiche Untersuchungen bereits für die Gesamtextrakte von Ingwer und Curcuma beziehungsweise für einzelne Inhaltsstoffe Wirkungen nachweisen.

In der Monographie von Curcuma longa nennt der HMPC die traditionelle Verwendung als Antidyspeptikum in einer Tagesdosis von 1,5 bis 3 Gramm Droge. Diese Dosis ist über die Verwendung als Gewürz in der europäischen Küche im Gegensatz zur asiatischen nicht zu erreichen. Der Curcuma-Anteil in Curry beträgt gerade einmal 5 Prozent.

Ingwer- und Curcuma-Präparate sind in einer Vielzahl galenischer Zubereitungen im Handel: Teezubereitungen (Ingwer), Frischpflanzenpresssäfte, als Tinkturen, auch in Kombination mit anderen Drogenextrakten, wässrige beziehungsweise ethanolische Lösungen und Trockenextrakte in Form von Tabletten, Dragees und Gelatinekapseln. Qualitativ hochwertige Ingwerzubereitungen sind ausschließlich das Ergebnis standardisierter Herstellungsverfahren. /

E-Mail-Adresse für die Verfasser
t.wegener(at)consulting-hmp.de

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